Gespräch zwischen Musa und Pariser PDF Drucken E-Mail

Gespräch zwischen Musa und Pariser

Wer seine Identität und Kultur bewahren will,
sollte auch die Werte anderer Kulturen respektieren!

Musa: Ich möchte dir sagen, dass ich die Aktivitäten der Identitären auf einer Seite gut finde, weil ich sie als Weckruf für die kolonialisierten Völker ansehe. Auf der anderen Seite habe ich viel zu kritisieren, wenn ich ihre widersprüchlichen Argumentationen lese. Wenn sie keine fremden Kulturen in Paris oder Berlin haben wollen, dann sollten sie in die Vergangenheit zurückblicken! Als die Europäer in Afrika, in Asien oder Amerika waren, gab es keine Diskussionen über Integration. Die Kolonialisten lernten weder die einheimischen Sprachen noch respektierten sie die Kulturen dieser Länder. Wenn die Franzosen unter sich bleiben wollen, sollten sie ihre Flagge, die jeden Tag in ihren außereuropäischen Kolonien gehisst wird, zusammenlegen und mit nach Hause nehmen. Und die Identitären sollten zuerst die Geschichtsbücher lesen oder mit ihren Vätern und Großvätern diskutieren, bevor sie die Menschen terrorisieren, die ohne Krieg überhaupt nicht gekommen wären.

Pariser: Ich verstehe zwar, was diese Terrorgruppe meint, aber anfreunden kann ich mich damit nicht. Es ist richtig, dass manche der Fremden, die zu uns gekommen sind, hier Gewalttaten verübt haben. Und es ist auch wahr, dass noch mehr von ihnen auf dem Weg hierher sind. Trotzdem es ist keine Lösung für das Problem, eine neue Terrorgruppe zu bilden und Flüchtlinge zu terrorisieren. Statt ihnen Angst zu machen, sollten Lösungen für die Probleme gesucht werden, vor denen die Menschen flüchten. Die Ängste der europäischen Bevölkerung sind aber ernst zu nehmen. Je länger der Krieg dauert, umso mehr Leute werden hierher kommen. Je mehr Flüchtlinge Europa erreichen, desto größer werden die Ängste der Europäer.

Musa: Wenn die Ängste der Europäer ernst genommen und gemessen werden, frage ich mich, wer über die Ängste der Nichteuropäer berichtet und sie erforscht. Es ist doch zu verstehen, dass die Leute in die Länder kommen, wo die Waffen produziert werden, mit denen ihre Länder verwüstet werden, wo es aber mehr Frieden gibt als dort. Diese Menschen könnten meiner Meinung nach in ihren Ländern bleiben, wenn es Waffenembargos gäbe und diese eingehalten würden. Wenn es ehrliche und faire Handelsbeziehungen zwischen Europa und diesen Ländern gäbe, würden sie nicht als Flüchtlinge kommen müssen. Wenn es keinen Krieg gäbe, sie ihre Felder bebauen und ihre Waren zu fairen Preisen verkaufen könnten, würden sie wohl nur auf Urlaub oder als Student*innen nach Europa kommen. Meistens sind die Schiffe aus Europa, die in ihre Länder kommen, voll mit Waffen, Giftmüll, Altkleidern, Hühnerteilen oder alten Autos. Auf der Rückfahrt nach Europa sind sie mit wertvollen Rohstoffen beladen, die Europa für seine Industrie unbedingt braucht. Wenn der Kaffee- und Kakaobauer hart arbeitet und danach mit fast leeren Händen zurückbleibt, ist es kein Wunder, wenn er selbst oder sein Sohn sich auf den Weg nach Europa machen. In Somalia, in Afghanistan und in Irak gibt es Krieg seit 13 oder sogar seit über 30 Jahren. Während dieser Zeit haben die Leute verlernt, an Frieden und Gerechtigkeit zu glauben. Sie haben gelernt, Bomben zu basteln, und die Waffen, die sie selbst nicht herstellen können, werden aus dem Ausland gesponsert. Die Kriegstreiber sind hoch angesehene, dauerhafte Kunden bei der Waffenindustrie. Für die Waffenindustrie und die Waffenlobbyisten ist das Geschäft unverzichtbar. Somit sagen sie: Der Krieg muss weitergehen.

Pariser: Du musst aber zugeben, dass die Großzügigkeit und die Hilfsbereitschaft der Europäer nicht grenzenlos sein können. Wir helfen doch, wo wir können. Aber man kann uns doch nicht verantwortlich machen für alles, was auf der Welt schiefläuft! Man kann uns doch nicht nur Vorwürfe machen, denn es gibt auch andere, die noch viel größere Ausbeuter sind als wir. Ja, unsere Industrie produziert Produkte, die wir verkaufen wollen. Auf dem Markt treffen sich immer Angebot und Nachfrage: was die Käufer mit den Produkten machen, ist ihr Problem. Mein Auto ist aus Japan, wenn ich einen Unfall baue, dann kritisiere ich die Japaner nicht, denn es ist meine Verantwortung. Was die Botschaft der Identitären anbelangt: Ich bin zwar nicht damit einverstanden, was sie tun, aber ich verstehe ihre Argumente, denn jedes Volk hat das Recht, seine Kultur und seine Identität zu bewahren. Auch die Menschen, die in Europa eingewandert sind, wollen ihre Werte und ihre Kultur nicht aufgeben. Wir auch nicht, wo ist das Problem?

Musa: Ein japanisches Auto ist doch nicht mit Drohnen oder Maschinengewehren vergleichbar. Das Problem ist, dass die Identitären auf einem Auge blind sind. Sie müssen wissen, dass jedes Volk das Recht hat, seine Sprache, seine Kultur und seine Werte zu bewahren. Das gilt für alle Menschen auf dieser Erde, und zwar ausnahmslos. Gleichzeitig hat jeder Mensch das Recht, jede Sprache zu lernen und sich mit jeder Kultur zu beschäftigen, und zwar freiwillig. Das gilt für Europäer und Nicht-Europäer.

In den so genannten französischen Überseegebieten, die weder geographisch noch ethnisch etwas mit Europa zu tun haben, wird jeden Tag die Flagge der EU gehisst. EU-Bürger können dort unbegrenzt lang leben, Häuser bauen, Plantagen anlegen oder Fische fangen, ihre Muttersprache sprechen, ihre Kultur verbreiten und sich so fühlen, als ob sie in Amsterdam, Paris, Lissabon oder London wären. Und ausgerechnet sie wollen ihre Werte und ihre Kultur schützen. Wenn die Bewohner dieser Länder aber nach Frankreich oder in die Niederlande kommen wollen, brauchen sie eine Erlaubnis, um auf dem Markt Gemüse zu verkaufen, während Franzosen einfach dort hinfahren, Hotels, Geschäfte oder einfach die Ressourcen billig kaufen und damit Geschäfte machen können. Sie müssen weder die einheimische Sprache lernen noch die Kulturen der Bewohner respektieren. Von Integration ist dort keine Rede, wo ist hier die Gerechtigkeit? Was sagen die Identitären denn zu den Menschen, deren Großväter und Großmütter durch die Kolonialisierung ihre Identität, ihre Sprache und ihre Kultur verloren haben? Aber durch sie werden hoffentlich die Menschen in diesen Ländern ihre Augen aufmachen, aufstehen und Widerstand gegen die Kolonialisierung leisten. Es ist eine Chance für die kolonialisierten Völker, sie könnten sich die Identitären als Vorbild nehmen.

Pariser: Diese Länder brauchen uns, weil sie sich alleine nicht verwalten können. Die Menschen in diesen Ländern haben doch auch Vorteile, denn sie bekommen alles, genau wie wir, sogar Sozialhilfe. Es geht ihnen viel besser als den Menschen in den Nachbarländern. Bist du neidisch, weil du als Malier keine Sozialhilfe von Frankreich bekommst?

Musa: Sozialhilfe ist keine Gnade. Sie ist ein Gift, eine Droge für die Völker dort, die sie in Abhängigkeit und Passivität hält. Ich weiß auch, dass sie mit dem Geld Alkohol kaufen und dass der Alkohol teilweise sogar billiger ist als ein Mangosaft. Genauso wie in Somalia oder in Afghanistan eine Kugel billiger ist als ein Schulheft. Ich weiß auch, dass die Menschen aus den Nachbarländern in diese Länder kommen wollen, weil sie auch Sozialhilfe und Alkohol bekommen und genauso abhängig von der EU sein wollen. Du hast bestimmt gesehen, wie reich an Rohstoffen diese Länder sind, so dass es keinen Grund gibt, Sozialhilfe zu beziehen. Es braucht nur das Know-how und kleine Fabriken, dann können die Bewohner dieser Länder und auch ihre Nachbarn gut leben.

Die Frage ist, warum Frankreich ihnen Sozialhilfe gibt? Warten sie, bis gesunde Frauen und Männer kommen und sagen, wir wollen euer Almosen nicht mehr? Wir bauen uns lieber eine Fabrik oder kaufen sie in China oder sonstwo, dann können wir unsere Ressourcen selbst bearbeiten und auf den Markt bringen. Aber viele wissen, dass es dann einen Bürgerkrieg geben wird. Dass französische Truppen in diese Länder einmarschieren und ein Massaker anrichten werden, und zwar im Namen der Demokratie. Aber das wäre für diese Länder der einzige Schritt aus der Abhängigkeit. Ich hasse Krieg und Gewalt, aber solange es keine Gerechtigkeit gibt, solange Rassismus und Ungleichheit existieren, solange es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt, haben wir Krieg und Gewalt zu erwarten. Es war nie so und es wird auch nie so sein, dass ein Teil der Welt auf Dauer in Frieden und Wohlstand leben kann, während der andere Teil der Welt unter Krieg, Gewalt und Armut leidet. Ich habe nichts gegen die Europäer, wenn sie uns in Ruhe lassen, wenn sie ihre Schuld erkennen und Wiedergutmachung leisten.

Pariser: Weißt du, Musa, ich habe die Nase voll von der Jammerei und der ewigen Opferrolle der Afrikaner. Jedes Mal das Gleiche. Sie bringen nichts zusammen, aber sie klagen, man hat uns bestohlen, ausgebeutet und so weiter. Die Afrikaner sollen die Opferrolle endlich ablegen. Sie sind ja nicht die einzigen Völker, die ausgeraubt werden. Aber die anderen schauen nach vorne. Und was machen die Afrikaner? Sie jammern.

Musa: Dieses Mal hast du mich angesprochen und herausgefordert, weil du gesagt hast, wir Afrikaner bringen nichts zusammen. Dabei hast du aber etwas Wichtiges vergessen, und wenn du das nicht vergessen hättest, hätte ich dir Recht gegeben. So muss ich dich leider daran erinnern: Die Afrikaner waren keine Opfer, bevor die Araber aus der Wüste gekommen sind und Europäer sie überfielen. Diese eigneten sich jedoch ihr Eigentum an und teilten ihre Länder unter sich auf. Sie brachten ihre eigenen Religionen und Gesetze mit. Auf einmal war alles anders, als wir Afrikaner es kannten. Sie haben unsere Kulturen vernichtet, unsere Sprachen abgelehnt und unsere Werte verspottet. Hast du mal von der Kultur der Azteken oder vom Königreich der Ashanti gehört? Von Mali bis nach Ghana gab es mächtige Königreiche. Wo sind die Sprachen und Kulturen dieser Menschen heute? Wo ist ihr Reichtum geblieben? Du hast Recht, die Afrikaner bringen nichts zusammen, weil die Hindernisse und Hürden zu groß sind. Wenn das nicht der Fall wäre, wären Patrice Lumumba oder Thomas Sankara vielleicht heute noch am Leben. Wenn diese Männer die Chance zu arbeiten bekommen und versagt hätten, dann hätte ich gesagt: Ja, du hast Recht, die Afrikaner bringen nichts zusammen. Man hat sie aber überhaupt nicht arbeiten lassen. Die Kolonialisierten wurden zwangsweise adoptiert und sind desorientiert. Man hat ihnen sogar europäische Namen gegeben, man kann ja nicht zulassen, dass die Leute andere Namen haben als solche, die man kennt. Wie heißt du, fragt ein französischer Lehrer seinen Schüler? Kwambo heiße ich, antwortet er. Was für ein Name ist das, bist du gerade aus dem Dschungel gekommen, warum heißt du nicht, Jean Paul oder Michel? Der Lehrer, der die Kinder unterrichtet, kann seinen Namen weder aussprechen noch respektieren. Wie kann Kwambo diese Person als Lehrer respektieren, die nicht einmal seinen Namen ernst nehmen will?

Friedliches Zusammenleben, gegenseitiger Respekt, Gerechtigkeit und Gleichheit, danach sehnen wir uns alle. Wenn jeder und jede von uns dafür Verantwortung übernimmt, dann haben wir die Chance auf Versöhnung. Wir haben die Chance, dass wir gemeinsam in Wohlstand, Freiheit und ohne Gewalt leben! Die Europäer sollten den ersten Schritt machen. Sie sollten ihre Fehler einsehen, die Mittäter oder Nebentäter werden dann ihrem Beispiel folgen. Wie damals bei dem Verbot der Sklaverei. Die Araber wollten den Sklavenhandel nicht stoppen, aber die Engländer haben sie dazu gezwungen.

Apropos Versöhnung: Den Schulkindern in Europa hat man beigebracht, wie schön es war, als Kolumbus nach Amerika kam, wie man den Menschen dort die Zivilisation gebracht hat. Aber nicht alle glaubten diese Geschichte und forschten nach. Wie Eduard Seler zum Beispiel, der die großartigen Kulturen Mexikos erforschte, die die Spanier vernichtet haben. Und der viele der Geschichten über die angebliche Grausamkeit dieser Kulturen, die die Spanier verbreitet hatten, als Lügen entlarvte. Du solltest unbedingt über seine Arbeit nachlesen. Bei den vielen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus Europa, die wichtige Entdeckungen für die Menschheit gemacht haben, möchte ich mich entschuldigen, wenn ich die Europäer mehrere Male hintereinander kritisiert habe. Sie habe ich nicht gemeint, sondern die Verbrecher, die die Grausamkeiten von vor hundert Jahren noch heute gut finden und verteidigen. Und die diese Verbrechen auch heute wiederholen würden, wenn sie könnten. Über sie rede ich und habe dabei kein schlechtes Gewissen.

Pariser: Endlich bist du fertig, das Glas Wasser hier wartet auf dich. Ich muss zugeben, dass ich nicht erwartet habe, dass du sagen würdest, was du zum Schluss gesagt hast. Verallgemeinerungen und Rachegefühle bringen uns allen nichts. Ich habe über unsere damalige Diskussion über die französischen Soldaten in Afrika nachgedacht. Immer mehr erkenne ich, wie sehr die Dummheit und die Gier uns Menschen auseinander bringen. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen, die mir die Ähnlichkeit zwischen Menschen und Tieren gezeigt hat. Irgendwo in der Wildnis von Sambia war zu beobachten, wie die Tiere unter sich miteinander umgehen. Jedes Tier, das im Dschungel überleben will, muss irgendwie stark sein, es gibt Jäger und Gejagte. Und die Regel im Dschungel ist auch, dass es keinen Streit zwischen Löwen und Elefanten gibt, sie gehen sich gegenseitig aus dem Weg, aber jeder findet sein Opfer irgendwo.

Musa: Kompromisse unter den Mächtigen gibt es nicht nur im Dschungel, denn jeder läuft seinem Vorteil nach. Ich habe gehofft, dass wir näher zusammenkommen, wenn wir offen und ehrlich miteinander reden. Mit der Zeit bin ich darauf gekommen, dass unsere Probleme und Ängste die gleichen Ursachen haben wie die der Menschen in den westlichen Ländern. Deshalb müssen wir auch die Lösungen gemeinsam finden.

Pariser: Ich würde alle Menschen auf dieser Welt umarmen ungeachtet ihrer religiösen oder politischen Überzeugung, außer Nazis und Terroristen – denn Gewalt und Rassismus sind keine Überzeugung sondern eine Krankheit, die man heilen sollte.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 58/2016