Indien: Dalits streiken und und formieren sich zum Protestmarsch PDF Drucken E-Mail

Die „Gebrochenen“ stehen auf

Dalits in Indien streiken und formieren sich zu einem Protestmarsch

In der kleinen Stadt Una im Süden des indischen Bundesstaates Gujarat fesselten im Juli militante Kuhschützer vier Männer, zogen sie aus, schlugen mit Stangen auf sie ein und jagten sie durch die Stadt, weil sie angeblich eine Kuh getötet hatten. Die Männer waren Angehörige der Dalits, einer diskriminierten und ausgegrenzten Gruppe, die ihrer Tätigkeit – dem Häuten von toten Kühen – nachgegangen sind. Der Vorfall wäre vermutlich unbeachtet geblieben, wenn er nicht mit einem Handy gefilmt und über WhatsApp und Youtube verbreitet worden wäre. Diese öffentliche Demüti-gung führte zu Massenprotesten und zu einem Streik der Tierkadaverentsorger, der zur Folge hatte, dass tote Kühe auf den Straßen verrotteten.

Die Bezeichnung Dalit bedeutet „durch Unterdrückung gebrochene Menschen“ und ist die heute gängige Bezeichnung für die Nachfahren der Urbevölkerung, die aus dem Kastensystem der kriegerischen indoarischen Eroberer ausgeschlossen worden waren, und die man früher „Unberührbare“ oder „Kastenlose“ nannte. Obwohl die indische Verfassung die Gleichberechtigung aller Bürger garantiert und die Praktik der Unberührbarkeit gesetzlich verboten ist, sind das Kastenwesen und die Ausgrenzung der Dalits in vielen ländlichen Regionen bis heute noch weit verbreitet. Dalits müssen Arbeiten verrichten, die von den höheren Kasten als unrein angesehen werden, ihnen wird der Zugang zu den Tempeln verwehrt, sie müssen oft außerhalb der Dorfgemeinschaft wohnen, und wenn sie ihre Rechte einfordern, werden sie von den Angehörigen höherer Kasten boykottiert. Die Ausgrenzung hat sich durch den Aufstieg des Hindunationalismus und die Wahlkampagne von Narendra Modi, in der er gegen Rinderschlachtungen wetterte, noch verstärkt. Militante Hindus haben sich zu Bürgermilizen formiert, die sich den Schutz der Kühe auf die Fahnen geschrieben haben. Solche Fanatiker waren es, die Mitte Juli die vier jungen Männer in Una angriffen haben.

Die indische Verfassung sieht die Trennung von Staat und Religion vor, trotzdem ist in der Mehrzahl der indischen Bundes-staaten noch heute das Töten von Kühen verboten. Auch wenn sie nicht geschlachtet werden, spielen indische Kühe eine für den Menschen nützliche Rolle, welche die Produktion von Milch und Dung, den Einsatz als Zugtiere in der Landwirtschaft sowie die Lederverarbeitung umfasst. Die Entsorgung und Verwertung der Tierkadaver ist traditionell die Aufgabe von Dalits. Viele von ihnen sind wirtschaftlich von dieser Tätigkeit abhängig. Sie essen das Fleisch der Tiere und verarbeiten ihre Haut zu Leder. Somit ist auch das Rind ein Teil des Marktkreislaufes und eine wichtige Einkommensquelle.

Das Verbot, Kühe zu schlachten und ihr Fleisch zu essen, ist laut Dr. Ambedkar, dem Gründer der Dalit-Bewegung, gar keine ursprünglich hinduistische Tradition. Es sei erst durch den Einfluss des Buddhismus entstanden und untrennbar mit der Stigmatisierung der Dalits verbunden. Der Rigveda, der älteste Teil der Sammlung religiöser Schriften im Hinduismus, enthalte nämlich zahlreiche Verweise auf die Zubereitung von Rind-fleisch und auf die rituelle Opferung von Kühen. Durch die Verbreitung des Buddhismus, so Ambedkar, sahen sich die Brahmanen in ihrer dominanten Stellung bedroht und suchten eine Gegenstrategie. Der Buddhismus verbiete zwar nicht, Tiere zu schlachten und ihr Fleisch zu essen, das Gebot der Gewaltlo-sigkeit (Ahimsa) verurteile jedoch jedes unnötige Töten von Tieren. Deshalb hätten die Brahmanen den Mythos der Heiligen Kuh erfunden, so Ambedkar, welcher von den Dalits als Symbol ihrer Unterdrückung angesehen wird.

Die Bewegung fĂĽr die Rechte der Dalits

Der Rechtsanwalt, Pädagoge und Politiker Bhimrao Ambedkar (1891-1956), der selbst aus einer „unberührbaren“ Familie stammte, gilt bis heute als der unangefochtene politische und geistige Führer der Dalit-Bewegung. Ambedkar vertrat die Meinung, dass Rechte niemals durch Bitten oder Appelle an das Gewissen der Mächtigen gewonnen werden können, sondern nur durch unnachgiebigen Kampf. In der Bildung sah er eine wesentliche Voraussetzung für die Befreiung der Unterdrückten. Aus einer zwar armen, doch gebildeten Familie stammend, war er der erste „Unberührbare“, der im Ausland studieren konnte. Er wurde als Sekretär für Verteidigung in Baroda ernannt, gab die Stelle aber wegen der schlechten Behandlung auf, die er aufgrund der Kastendiskriminierung erfuhr. Von nun an widmete er sein Leben dem Kampf für die Verbesserung der Lebenssituation der Dalits und gegen das System der „Unberührbarkeit“. Er gab verschiedene Zeitungen heraus, um das Bewusstsein der benachteiligten Klassen und Kasten zu erweitern und auf die Misshandlung und Diskriminierung aufmerksam zu machen. Im „Mahad“-Kampf erkämpften die Dalits 1927 unter seiner Führung den Zugang zum Chowder Tank, einem öffentlichen Wasserreservoir in Maharashstra, ein Recht, das ihnen zuvor verwehrt worden war.

Er war ein scharfer Kritiker Gandhis, mit dem er heftige Auseinandersetzungen führte. Während Gandhi sich für eine Reform des Kastensystems einsetzte, forderte Ambedkar dessen Abschaffung. 1932 erklärte Gandhi sogar ein „Fasten bis zum Tode“, um die von Ambedkar geforderten separaten Wahlen für Dalits – wie sie auch den Vertretern anderer Religionen zuge-standen wurden – zu verhindern, weil er darin eine Spaltung der Hindubevölkerung sah. Viele Politiker befürchteten den Tod Gandhis und drängten Ambedkar nachzugeben. So wurde im Puna-Pakt ein Kompromiss geschlossen, der Dalits und Adivasi in zentralen und regionalen gesetzgebenden Organen lediglich reservierte Sitze zubilligte. Später wurde Ambedkar von der Konstituierenden Versammlung des Unabhängigen Indien zum Vorsitzenden des Komitees zur Erarbeitung der Verfassung bestellt. Die Verfassung mit dem Artikel 17: „Die Unberührbarkeit ist abgeschafft und ihre Ausübung ist in jeder Form verboten“ wurde 1949 angenommen. Aus Enttäuschung, dass die Ergebnisse seines Kampfes nicht seinen Erwartungen entsprachen, trat er kurz vor seinem Tod gemeinsam mit einer Million seiner Anhänger zum Buddhismus über. Den Buddhismus habe er gewählt, begründete er diesen Schritt, weil sich diese Religion an den Werten Einsicht (im Gegensatz zum Glauben an Übernatürliches), Liebe und Gleichheit orientiere. Die von ihm gegründete „Gesellschaft für Volkserziehung“ mit zahlreichen Bildungseinrichtungen sowie die „Buddhistische Gesellschaft Indiens“ führen bis heute sein Werk fort.

Dalit-Aktivist Jignesh Mewani (Foto: Sam Panthaky/AFP/Getty images)

Una hat das Fass zum Ăśberlaufen gebracht

Als der Modi 2014 Premierminister von Indien wurde, hat er eine Kampagne gestartet, um Dalits, die vor Generationen zu anderen Religionen konvertiert waren, zur Rückkehr zum Hinduismus zu überreden. Doch sein gegen das Volk und gegen die Armen gerichtetes Entwicklungsmodell habe für die Dalits keine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation gebracht, meint der Rechtsanwalt Jignesh Mewani (*), ein Dalit-Aktivist und Organisator der Proteste. Deshalb haben sie rasch erkannt, dass ihnen die Slogans von einer gemeinsamen „goldenen“ Zukunft nichts bringen, und sie nichts als Ausbeutung und Gewalt zu erwarten haben. Die versprochene Zuteilung von Land existiere nur auf dem Papier, so Mewani, Maßnahmen zu ihrer Umsetzung seien nie getroffen worden. Indien ist nach Ansicht Mewanis beherrscht von einer Kombination aus den oberen Klassen und Kasten, welche über alle Produktionsmittel verfü-ge, insbesondere die Kontrolle über das Land.

Während der Zeit, als Modi Minister von Gujarat war (2003-2014), seien 14.500 Übergriffe an Dalits dokumentiert worden, die Zahl der Vergewaltigungen von Dalit-Frauen sei angestiegen und Dalit-Familien seien aus über 50 Dörfern vertrieben worden. Zur sozialen Ausgrenzung komme noch die extreme wirtschaftliche Ausbeutung, da viele Angehörige der Dalits für minimale Löhne arbeiten. Die Verurteilungsrate bei Gewalttaten gegen Dalits betrage dagegen nur drei Prozent. All dies habe dazu geführt, so Mewani, dass Dalits das Gefühl haben, dass es für sie keine Gerechtigkeit gebe.

1972 war in Bombay die mit der Black-Panther Bewegung in den USA verbündete Dalit-Panther-Bewegung gegründet worden, die eine sehr radikale und fortschrittliche Agenda verfolgte und in ihrem Manifest ankündigte, Gewerkschaften zu gründen, um die Rechte der Dalits zu erkämpfen und sich gegen Übergriffe – wenn nötig auch mit Gewalt – zu wehren. In den 1980er Jahren hatten sich auch viele Nicht-Dalits der Bewegung angeschlossen. Im Zuge der ökonomischen Globalisierung in den 1990er Jahren wurde jedoch allerorts eine Identitätspolitik pro-pagiert. Auch die Dalit-Bewegung sei in die Falle dieser Politik geraten, kritisiert Mewani in einem Interview(*), so dass öko-nomische Fragen – insbesondere der Kampf um das Land – in den Hintergrund getreten seien. Auf der anderen Seite habe die Identitätspolitik zu einer Kombination aus lokalem Faschismus und globalem Neoliberalismus geführt, während sich gleichzeitig der Gegensatz zwischen Arm und Reich verschärft habe. Im Gegensatz zu den Industriearbeiter*innen, die mehr Möglichkeiten haben, sich zu organisieren, sei vor allem die Klasse der Dalit-Landarbeiter*innen extremer Ausbeutung ausgeliefert. Der Vorfall in Una, so Mewani, habe nur das brodelnde Wasser zum Überlaufen gebracht. Mewani plädiert für die Gründung einer gemeinsamen Plattform, um die verschiedenen Ideen, Anliegen und Fragen zu vereinen, sowie für ein Bündnis mit den Muslimen, die ebenso wie die Dalits unter der Verschärfung der politischen Lage in Indien leiden.

Am 5. August 2016 versammelten sich Hunderte Männer und Frauen in Ahmedabad zum Dalit Aazadi Koon (Marsch der Freiheit), um in zehn Tagen 350 Kilometer durch Gujarat nach Una zu marschieren. Begleitet wurden sie von Student*innen, Journalist*innen, Filmmacher*innen und Aktivist*innen. Die Protestierenden fordern die Zuteilung von Land, faire Löhne, die Bestrafung der Gewalttäter sowie ein Ende der Diskriminierung und – wenn das nicht gewährleistet sei – eine Umsiedlung in Städte, wo die Kasten an Bedeutung verloren haben. Da die meisten Straßenreiniger*innen für die Stadtverwaltungen mit Zeitarbeitsverträgen arbeiten, fordern sie zudem die Umwandlung ihrer Arbeitsverhältnisse in fixe Stellen. In den Dörfern und Städten wurden die Marschierenden begeistert mit Musik, Jubel und Sprechchören empfangen. Sie wirken zuversichtlich und entschlossen, ihr Kampf hat gerade erst begonnen.


(*) vgl. www.caravanmagazine.in, 07.08.2016

 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 58/2016