USA: Einfluss des irokesischen Völkerbundes auf die Verfassung PDF Drucken E-Mail

Das große Gesetz des Friedens

Der Einfluss des irokesischen Völkerbundes auf die Verfassung der Vereinigten Staaten

Die Ideen der Aufklärung sowie die griechische und die römische Antike werden üblicherweise als Wurzeln der Demokratie dargestellt. Doch ist dies eine einseitige Sichtweise, denn die Wiege der Demokratie lag keineswegs nur in Europa. Als die europäischen Siedler Nordamerika erreichten, fanden sie beispielsweise eine Kultur vor, die bereits Jahrhunderte lang eine lebendige Demokratie praktizierte. Und es war die ungeschriebene Verfassung der Irokesen – das „große Gesetz des Friedens“ – das nach Meinung vieler Gelehrter zum Vorbild für die Verfassung der Vereinigten Staaten wurde.


„Wenn die Amerikaner den Jahrestag ihrer Verfassung feiern, sollten sie wissen, woher die Ideen stammen“, sagte Häuptling Oren Lyons, der als Professor für Amerikanische Studien an der Universität in Buffalo lehrt, anlässlich des 200. Jahrestages der US-amerikanischen Verfassung im September 1987. Lyons ist Angehöriger der Onondaga, einer der sechs Nationen der Konföderation, die als Bund der Irokesen bekannt ist. Bevor die Europäer sich um 1600 im Nordosten des amerikanischen Kon-tinents ansiedelten, lebten diese Nationen schon seit Jahrhunderten unter einer Verfassung, die den Grundprinzipien Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit folgte, und die all ihren Mitgliedern das Recht auf Mitbestimmung gewährte.

Viele meinen, dass die Männer, die die Verfassung der USA geschrieben hatten, keine Ahnung von der Lebensweise der Urbevölkerung hatten. In Wirklichkeit waren es aber gerade die Erfahrungen mit den Indianern, welche die Kolonialisten an-spornten, für die Unabhängigkeit vom britischen Königreich zu kämpfen. Als im Juni 1744 britische Kolonialherren mit Abgesandten der Irokesen im kleinen Ort Lancaster in Pennsylvania über Landnutzungsrechte verhandelten, soll Canassatego, Häuptling der Onondaga, den Europäern die Verfassung seines Volkes als Vorbild für eine Union empfohlen haben.

Ein weiteres Forum für den Ideenaustausch war der Albany Kongress 1754, eine Versammlung von Vertretern der britischen Kolonien und des Irokesenbundes zur Widerherstellung und Festigung eines Bündnisses gegen die Franzosen. Die Teilnehmer, die sich zwischen 19. Juni und 11. Juli täglich trafen, hörten dort die Rede von Benjamin Franklin, der für eine Union nach irokesischem Vorbild warb: „Wenn sechs Nationen unwis-sender Wilder offenbar dazu fähig sind, die richtige Staatsform zu finden und sie zudem in einer solchen Weise zu praktizieren, dass sie Jahrhunderte überdauert und absolut unzerstörbar erscheint, wäre es doch seltsam, wenn eine solche Union nicht auf zehn oder zwölf englische Kolonien anwendbar wäre“. Trotz dieser verächtlich klingenden Aussage ist nachgewiesen, dass Benjamin Franklin großen Respekt vor den Irokesen hatte. In einem Artikel schrieb er: „Wilde nennen wir sie, weil ihre Gewohnheiten anders sind als die unseren, die wir für die Perfektion der Zivilisation halten. Sie aber denken dasselbe über ihre.“

Das Gesellschaftssystem der Haudenosaunee

„Alle ihre Mitglieder sind freie Leute, verpflichtet, einer des anderen Freiheit zu schützen; gleich in persönlichen Rechten – weder Sachems noch Kriegsführer beanspruchten irgendeinen Vorrang; sie bildeten eine Brüderschaft verknüpft durch Blutsbande. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, obwohl nie formu-liert, waren die Grundprinzipien der Gens, und diese war wiederum die Einheit eines ganzen gesellschaftlichen Systems, die Grundlage der organisierten indianischen Gesellschaft. Das erklärt den unbeugsamen Unabhängigkeitssinn und die persönliche Würde des Auftretens, die jedermann bei den Indianern anerkennt.“ Friedrich Engels

Die Nationen der Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga und Seneka haben sich Schätzungen zufolge zwischen 1000 und 1400 zu einem Bündnis zusammengeschlossen, dem sich im frühen 18. Jahrhundert die Tuscaroras als sechste Nation an-schlossen. Der Bund war nach dem irokesischen Gründungsmy-thos das Ergebnis eines schwierigen Verhandlungsprozesses. Der Legende nach gelang es dem Friedensstifter Deganawida zusammen mit dem Häuptling Hiawatha und der Clanmutter Jigonhsasee durch mühsame Überzeugungsarbeit, die sich be-kriegenden Stämme zu vereinen und ihnen Regeln für ein fried-liches Zusammenleben zu geben. Deganawida pflanzte darauf-hin eine Kiefer, unter deren Wurzeln die Kriegswaffen begraben wurden. „Über diesem Baum wird der Adler schweben und über das Wohl der Konföderation achten“, soll er gesagt haben. Den Adler haben die Gründerväter der USA in ihr Staatswappen übernommen, genauso wie das Bündel Pfeile, das irokesische Symbol für Stärke durch Zusammenhalt.

Das Territorium der sechs Nationen reichte einst von North Carolina im Süden bis nach Quebec im Norden und im Westen bis Ohio. Selbst nannten sie sich Haudenosaunee – Menschen, die lange Häuser bauen. Das mit Rinden bedeckte Langhaus war die traditionelle Wohnstätte, in der mehrere Familien eines Clans zusammenlebten. Die Clan waren nach mütterlicher Linie organisiert und wurden von einer älteren Frau angeführt; das Totemtier des Clans war über dem Eingang eingeritzt. Die Sied-lungen bestanden aus rund 50 Clanhäusern, jedes Dorf war von Palisaden eingezäunt. Dahinter lagen die Felder, auf denen Mais, Bohnen, Kürbisse und Tabak angebaut wurden. Der Bo-den war Stammesbesitz und nur die Gärten waren den Haushal-ten vorläufig zugewiesen. Neben der Landwirtschaft gehörten die Jagd, der Fischfang und das Sammeln von Waldfrüchten zu den ökonomischen Grundlagen. Die Haudenosaunee waren zudem bekannt für ihre Töpferwaren und ihre Flechtarbeiten aus Maisstroh. Als Währung beim Warentausch benutzten sie Perlen aus Meeresschnecken, die Wampun genannt und in einem Gürtel aufbewahrt wurden. Wenn ein Mitglied eines Clans starb, wurde sein Besitz unter den Mitglieder aufgeteilt, um soziale Gegensätze auszugleichen.

Das politische System basierte auf dem Prinzip der Machtteilung, oft wurden zwei Ämter zur gegenseitigen Kontrolle gegenübergestellt. Die Politik der Siedlungen wurde durch lokale Frauen- und Männerräte der Clans und von Dorfversammlun-gen bestimmt. In den Ratsversammlungen der Nationen konnten neben Clan-Vorstehern und gewählten Kriegshäupt-lingen auch einfache Männer und Frauen ihre Anliegen und Vorschläge vortragen, wobei sie nicht unterbrochen werden durften; Beschlüsse wurden oft erst nach langen Beratungen und in der Regel im Konsens gefasst. Der große Rat des Bundes traf zusammen, um allgemeine Fragen wie Krieg und Frieden oder Verträge zu diskutieren. Er bestand aus 50 Volksvertretern, gewählt von den Clanmüttern, die darauf achteten, dass sie ihr Amt nicht missbrauchten, und die sie gegebenenfalls wieder absetzen konnten. Dieser Rat war in zwei „Häuser“ unterteilt, dem Rat der „jüngeren Brüder“ und dem der „älteren Brüder“, die ein gegenseitiges Veto-Recht hatten und mit dem Repräsen-tantenhaus und dem Senat von heute vergleichbar sind. Die Konföderation hatte jedoch kein Oberhaupt.

Es war ein System ohne König oder Präsidenten, ohne Zwangsmaßnahmen wie Polizei und Gefängnisse, in dem die Gesamtheit der Beteiligten über ihre Angelegenheiten entschied. Eine Gesellschaft, in der Armut keinen Platz hatte, in der die Rechte der Individuen geachtet wurden und die ihre Verpflichtung gegenüber Alten, Kranken und Behinderten kannte, so beschrieb Friedrich Engels die Gesellschaft der nord-amerikanischen Urbevölkerung voller Bewunderung.

Kolonialisierung, der Verlust des Landes, Vertreibung und Missionierung haben jedoch dazu geführt, dass die Dörfer mit den Langhäusern heute nur mehr als Museen existieren, und die Haudenosaunee ihre Kultur nur mehr in Reservaten praktizieren können. Die Erinnerung an ihre Traditionen und ihre Geschichte wird von ihnen jedoch bis heute lebendig gehalten. Die Verfassung der Vereinigten Staaten können wir als Vermächtnis dieses Volkes mit seiner faszinierenden Kultur betrachten, das anerkannt und in Ehren gehalten werden sollte.

Heute müssen sich die Nachfahren der indigenen Völker gegen den Raub ihres Landes, die Verschmutzung ihrer Umwelt, die Verunreinigung des Trinkwassers und die Zerstörung ihrer heiligen Stätten zur Wehr setzen. Der aktuelle Protest der Sioux Nation in North Dakota gegen ein Pipeline Projekt, an dem sich Indigene aus über hundert Nationen in ganz Nordamerika betei-ligen, hat sich zu einer der größten Protestaktionen für die Rechte der Ureinwohner*innen entwickelt. Sie zeigen damit auf eindrucksvolle Weise, dass sie nicht bereit sind, Enteignung und die Missachtung ihrer Rechte hinzunehmen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 58/2016