Gespräch mit Judith Moser, BFI Salzburg PDF Drucken E-Mail


Gespräch mit Judith Moser, BFI Salzburg

Sozialpädagogische Lehrgangsleiterin des Projekts „Auf Linie 150“

TT: Worum geht es in diesem Projekt und woher kommt der Name?

Judith Moser: „Auf Linie 150“ ist ein vom Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördertes Ausbildungsprojekt für junge Flüchtlinge im Bundesland Salzburg, mit dem sie die Möglichkeit haben, ein Jahr lang praktische Erfahrungen in vier Lehrberufen zu sammeln. Der Name kommt von der Buslinie 150 von Salzburg nach Bad Ischl, die an unserem Ausbildungsgelände in St. Gilgen vorbeifährt.

Für junge Flüchtlinge ist es ein großes Thema, wie sie in Österreich Fuß fassen können. Deshalb haben sich das BFI und „Rettet das Kind“ zusammengetan, um dieses Projekt ins Leben zu rufen, das sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen zunutze macht, nämlich, dass junge Flüchtlinge in so genannten „Mangelberufen“ eine Lehrausbildung machen dürfen. Das BFI Salzburg ist eine Bildungseinrichtung der Arbeiterkammer Salzburg, deren Aufgabe die berufliche Aus- und Weiterbildung ist. Der Verein „Rettet das Kind“ hat schon früher das Ausbildungszentrum „Pier 47“ in St. Gilgen betrieben hat, wo es eine Tischler- und eine Metallwerkstätte sowie eine Lehrküche gibt. Zusätzlich bieten wir eine Ausbildung im Einzelhandel an, die beim Spar-Markt in Sam absolviert wird. Wir vermitteln dabei die Inhalte des ersten Lehrjahres in diesen vier Berufen – den praktischen Teil in den Lehrwerkstätten bzw. beim Spar, den Berufsschulunterricht einmal in der Woche am BFI.

TT: Wie geht es nach diesem Jahr weiter?

Judith Moser: Unser Hauptziel ist, die Jugendlichen in ein reguläres Lehrverhältnis zu vermitteln, weil wir überzeugt sind, dass sie so am schnellsten selbständig werden. Diejenigen, die sowohl in der Praxis als auch in der Schule sehr gut sind, haben die Möglichkeit, nach einem Jahr die Externistenprüfung an der Berufsschule machen und ins zweite Lehrjahr einzusteigen. Viele unserer Teilnehmer_innen haben schon in ihren Heimatländern in einem handwerklichen Beruf gearbeitet. Sie sind in der Praxis wirklich sehr geschickt und haben ein gutes Verständnis für Material und Werkzeuge. Einige haben jedoch in ihrer Heimat nicht oder nur sehr kurz die Möglichkeit gehabt, eine Schule zu besuchen. Außerdem haben viele noch nicht ausreichende Sprachkenntnisse, um den komplexen Berufsschulstoff zu verstehen. Diese können dann mit dem Vorteil, schon Erfahrung und Vorwissen zu haben, in die erste Klasse und in das erste Lehrjahr einsteigen. Obwohl unsere Teilnehmer_innen ausschließlich aus dem Land Salzburg kommen, dürfen wir sie nicht nur in Lehrstellen im Land Salzburg, sondern auch ins benachbarte Oberösterreich vermitteln, wobei die Jugendlichen weiter in Salzburg wohnen dürfen, auch wenn die Ausbildung in Oberösterreich stattfindet.

TT: Welche Voraussetzung gibt es für die Teilnahme?

Judith Moser: Ein externer Pflichtschulabschluss wäre optimal. Als wir unser Projekt im September 2016 gestartet haben, waren noch nicht genügend Jugendliche da, die dieses Niveau schon erreicht hatten. Doch unsere Projektgeber, der ESF und das Land Salzburg, haben uns die Möglichkeit geben, das Projekt nach den Gegebenheiten zu adaptieren. Deshalb konnten wir auch Jugendliche aufnehmen, die den Pflichtschulabschluss noch nicht absolviert hatten. Obwohl es für diese Jugendlichen sehr anstrengend ist, kämpfen sie sich tapfer durch den Schulunterricht und haben im letzten Dreivierteljahr riesige Fortschritte gemacht. Trotzdem hoffen wir, dass wir im zweiten Jahr mehr Jugendliche bekommen, die zumindest Deutschkenntnisse auf A2-Niveau haben, damit sie sich in der Theorie weniger schwer tun.

TT: Wie erfolgt die Aufnahme?

Judith Moser: Zuerst kommen die Jugendlichen, die interessiert sind, zu mir und wir führen ein Informationsgespräch. Ich erkläre ihnen, wie das Projekt funktioniert und welche Berufsausbildungen es bei uns gibt. Dann vereinbaren wir „Schnuppertermine“ in den Werkstätten. Die Jugendlichen entscheiden selber, ob sie sich nur einen Bereich oder ob sie sich alles anschauen wollen. Wenn jemand einen Pflichtschulabschluss hat, schaue ich mir nur das Zeugnis an, wenn jemand noch keine formalen Qualifikationen hat, machen wir einen Deutschtest und überprüfen die Grundkenntnisse in Mathematik, die man in allen Berufsbereichen braucht. Danach gibt es ein ausführliches Aufnahmegespräch, bei dem auch die Rückmeldungen der Kollegen in den Werkstätten besprochen werden. Dann entscheidet der Jugendliche entweder allein oder, wenn er noch unter 18 Jahren ist, gemeinsam mit seinem Betreuer oder seiner Betreuerin, ob eine Teilnahme am Projekt passend ist. Es spielen auch finanzielle Überlegungen eine Rolle, weil die Jugendlichen in unserem Projekt nichts verdienen.

TT: Wovon leben die Jugendlichen während der Ausbildung?

Judith Moser: Unsere erste Zielgruppe sind Asylwerbende, die in der Grundversorgung sind und sowie so nicht viel dazu verdienen dürfen. Wir haben aber auch zwei Jugendliche, die schon Asyl bekommen haben. Diese können nur deshalb teilnehmen, weil sie Paten haben, die sie finanziell unterstützen. Das Problem bei ihnen war nämlich, dass sie wegen ihrer Teilnahme am Projekt den Anspruch auf Mindestsicherung verloren haben, weil das AMS den Standpunkt vertreten hat, dass sie dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Es gibt für Asylberechtigte zwar andere Programme, diese bieten allerdings kein so umfassendes Ausbildungsprogramm an wie wir.

TT: Wie funktioniert das mit der Übernahme in ein reguläres Lehrverhältnis?

Judith Moser: Wir begleiten die Jugendlichen auch in Belangen, die nicht direkt mit der Ausbildung zu tun haben. Wir machen Bewerbungstraining, helfen ihnen beim Zusammenstellen der Bewerbungsunterlagen, wir motivieren sie, wenn sie eine schwierige Phase haben, und unterstützen sie bei der Kontaktaufnahme mit den Firmen. Wir tun das, was bei österreichischen Jugendlichen in der Regel die Eltern übernehmen. Wir sind dabei, ein Netzwerk von Unternehmen aufzubauen, wir organisieren auch Exkursionen in die Betriebe. Daraus ergeben sich Möglichkeiten für Praktika bzw. Berufserprobungen, bei denen die Jugendlichen fünf Tage lang in einem Betrieb mitarbeiten dürfen, während sie über uns weiter unfallversichert sind.

TT: Welche Erfahrungen habt ihr bisher gemacht?

Judith Moser: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich viele am Anfang schwer getan haben, das System der Lehrausbildung zu verstehen, weil sie das System der Berufsausbildung in Kombination mit Schule aus ihren Heimatländern nicht kennen. Das duale Ausbildungssystem gibt es – soweit ich weiß – ja nur in Österreich, in Deutschland und in der Schweiz. Viele haben von ihrer Familie den Auftrag bekommen haben, in die Schule zu gehen und zu lernen. Oft ist es aber auch ein Thema, dass die Familie im Heimatland Geld braucht, zum Beispiel wenn jemand in der Verwandtschaft krank wird. Wir merken, dass die Jugendlichen unter großen Druck stehen, weil sie ihrem Elternhaus gegenüber verpflichtet sind, aber auch wir viel verlangen: Wir erwarten, dass sie jeden Tag pünktlich kommen, dass sie mitmachen und sich engagieren. Da müssen auch wir selbst Vorbilder sein und dürfen uns keine Fehler erlauben.

TT: Von Medien und Politik werden die Flüchtlinge oft als Belastung dargestellt. Wie siehst du das?

Judith Moser: Meine persönliche Meinung ist, dass man das durchaus auch anders sehen könnte. Wir begleiten in unserem Projekt 40 Jugendliche, im Laufe des Jahres habe ich ungefähr 100 kennen gelernt. Die allermeisten, mit denen ich zu tun habe, haben den großen Wunsch, so schnell wie möglich einen Beitrag zu leisten. Sie fragen: Was kann ich tun? Ich will nicht den ganzen Tag herumsitzen. Deutschkurs ist zwar gut, reicht aber nicht. Ich denke, wenn die Jugendlichen aus unserem Projekt herauskommen und sich in der Praxis beweisen, kommen die Leute durch die persönliche Begegnung mit ihnen Schritt für Schritt zu einem anderen Bild.

Wir haben ein paar Teilnehmer, die in ganz kleinen Gemeinden wohnen, wo sie in kleinen Wohngemeinschaften untergebracht sind. Die sind merkbar gut in die Gemeinschaft im Ort integriert. Sie sagen: Ich fahre lieber eine Stunde in die Ausbildung, aber ich will nicht wegziehen, weil es mir im Ort, wo ich wohne, gut geht. Die Freundschaften, die sie dort gewonnen haben, wollen sie nicht aufgeben. Ich denke im kleinen Rahmen funktioniert es besser mit dem Kennenlernen und der persönlichen Betreuung, die gerade für Jugendliche sehr wichtig ist.

TT: Was denkst du über die Arbeitsbeschränkungen durch die Politik?

Judith Moser: Die allermeisten Menschen wollen doch von sich aus etwas tun. Wenn sie jedoch immer gebremst werden, kann mit der Zeit die Motivation verloren gehen. Man kennt das aus Studien über Langzeitarbeitslose. Je länger jemand aus dem Arbeitsprozess heraußen ist, desto größer wird die Hürde, wieder hineinzukommen. Dass jetzt zumindest eine Lehrausbildung in den Mangelberufen für Asylwerber_innen geöffnet wurde, halte ich für einen guten und sehr wichtigen Schritt. Alle anderen Arbeitsmöglichkeiten – wie Saisonarbeit oder Erntearbeit – sind ja sehr eingeschränkt.

TT: In welchen Berufen dürfen Asylwerber_innen eine Lehrausbildung machen?

Judith Moser: Es gibt eine Liste, die vom AMS ausgegeben wird. Sie richtet sich nach dem Bedarf und ist für jedes Bundesland unterschiedlich. In Bundesland Salzburg finden sich auf dieser Liste, die im letzten Jahr zwei Mal verändert worden ist, fast alle Berufe aus dem Gastronomiebereich, weil es im Tourismus immer einen Fachkräftemangel gibt. Wenn der Jugendliche eine Lehrstelle findet, muss der Betrieb beim AMS um eine Arbeitsgenehmigung für ihn ansuchen. Es gibt bei allen AMS-Stellen ein sog. „Ausländerfachzentrum“, dort kann man auf Nachfrage alle Informationen dazu bekommen.

TT: Wie könnte man verhindern, dass Menschen beim Sozialamt landen, nachdem sie ihren positiven Asylbescheid erhalten haben?

Judith Moser: Ich stelle mir vor, dass es sehr frustrierend sein muss, wenn man eine gute Ausbildung hat und über eine Jahre lange Berufserfahrung verfügt, und dann nur Hilfstätigkeiten ausüben darf. Wenn Leute Kompetenzen mitbringen, sollten sie die Möglichkeit haben, im gelernten Beruf zu arbeiten und vielleicht nach ein paar Jahren die notwendigen formalen Abschlüsse – zum Beispiel eine Lehrabschlussprüfung – nachzuholen. Bei einem Anwalt ist das sicher sehr schwierig, weil er das österreichische Rechtssystem kennen muss, aber in anderen Berufen könnten in einem Übergangstraining fehlende Kompetenzen nachgeholt werden. Die Menschen zu Hilfstätigkeiten zu zwingen und ihnen keine Möglichkeit zur Aus- und Weiterbildung zu geben, wäre meiner Meinung nach jedenfalls eine gesellschaftlich eine Katastrophe. Alle Statistiken sagen, dass Menschen ohne Bildung und Ausbildung am häufigsten von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Sinnvoller als die Abhaltung von so genannten Wertekursen wäre es meiner Meinung nach auch, die Leute zu informieren, wie das Arbeitssystem und das Alltagsleben in Österreich funktionieren. Immer von Werten zu reden führt doch nur zu Verunsicherung. Ich kann ja selbst nicht einmal so genau definieren, was „unsere Werte“ sind!

TT: Was hältst du davon, Asylsuchende zu gemeinnütziger Arbeit zu verpflichten?

Judith Moser: Meiner Meinung nach geht das am Bedarf vorbei. Das Problem ist ja nicht, dass die Menschen nicht arbeiten wollen, sondern dass ihnen zu viele Hürden in den Weg gestellt werden. Ich habe nichts gegen gemeinnützige Arbeit, aber es wäre dabei zweifellos sinnvoll, auf die Bedürfnisse der Leute zu hören und ihnen auch Perspektiven zu eröffnen. So könnten sie zum Beispiel die Möglichkeit bekommen, bereits solche Tätigkeiten auszuüben, die in die Richtung einer späteren Berufstätigkeit gehen und wobei sie sich schon Kenntnisse aneignen können, die für sie später nützlich sind.

TT: Was bedeutet die der Erste Mai?

Judith Moser: Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Berufsorientierung und habe viele Personen auf ihren Weg ins Arbeitsleben oder beim Wechsel vom einen Beruf zum anderen begleitet. Ich habe auch lange in einem Frauenprojekt gearbeitet, wo die vorherrschende Fragestellung war, wie Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen sind. Das Thema Arbeit begleitet mich also nicht nur deshalb, weil ich selbst Vollzeit berufstätig bin. Wir verbringen sehr viel Zeit auf unserem Arbeitsplatz, und deshalb bin ich der Überzeugung, dass man eine Arbeit gerne machen sollte. Arbeit sollte etwas sein, das uns nicht nur ernährt, sondern auch mit Befriedigung erfüllt. Gerade für junge Menschen, die noch ein langes Arbeitsleben vor sich haben, ist es deshalb sehr wichtig, gut orientiert zu sein.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 60/2017