Notreisende als Professoren an der Fachhochschule PDF Drucken E-Mail

Begegnung beim Korbflechten

Notreisende als „Professoren“ an der Fachhochschule Kuchl

Ihre handwerklichen Fertigkeiten als Korbflechter werden in ihren Herkunftsländern nicht mehr gebraucht, weil ihre Erzeugnisse keinen Absatzmarkt mehr finden. Aus Rumänien stammende Korbflechter, die auf Salzburgs Straßen betteln, wurden von Michael Leube und Michael Ebner zusammen mit Raim Schobesberger vom Verein Phurdo zu einem Workshop in die Fachhochschule Kuchl eingeladen, um dort Studierenden aus zehn Ländern die alte Handwerkstechnik näher zu bringen. Während der einwöchigen Zusammenarbeit entwarfen Korbflechter und Studierende Modelle, die zu Möbeln und Alltagsgegenständen weiterentwickelt und vermarktet werden könnten. Nach Abschluss des einwöchigen Workshops erhielten die Korbflechter Diplome als „Professoren für Weidenflechttechnik“ sowie Gastprofessoren-Honorare. Einige der Ergebnisse sind im kürzlich eröffneten Phurdo-Vereinslokal in der Schallmooser Hauptstraße zu bewundern.

 

Notreisende, die tagsüber auf den Straßen betteln und in der Nacht unter Brücken schlafen, als Lehrende in der Fachhochschule? „Ein soziales Experiment, von dem ich nicht wusste, ob es aufgeht“, sagt Michael Leube, der am Institut für Design & Produktmanagement an der Fachhochschule forscht und lehrt. „Ich hatte Angst. Ich habe auch meine Vorurteile. Ich dachte: Vielleicht findet Raim die Leute nicht. Vielleicht sind sie unpünktlich. Vielleicht lassen sie etwas aus der Schule mitgehen. Nichts davon ist passiert. Es war genial.“

Die Idee, Korbflechteworkshops zu organisieren, hatte Phurdo-Obmann Raim Schobesberger schon, als er die Notreisenden am Park & Ride Salzburg Süd betreute, wo ihnen 2014 ein Container als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stand. Dort hat er sie jeden Abend mit selbst gekochtem Essen versorgt und sich danach auch Zeit genommen, mit ihnen zu sprechen und ihre Geschichten anzuhören. Dabei hat er viel über ihre Situation in Rumänien erfahren, aber auch, dass einige von ihnen die Korbflechtekunst beherrschen.

Beim Korbflechten handelt es sich um ein traditionelles Handwerk der Roma, mit dem sich viele Generationen Jahrhunderte lang ein Einkommen sichern konnten. Durch die Industrialisierung und das Aufkommen von Plastikbehältern haben sie diese Einkommensmöglichkeit verloren. Durch den gesellschaftlichen Umbruch in Südosteuropa, weil sie in abgelegenen Gebieten leben, wo es keine Arbeitsmöglichkeiten gibt, aber auch weil sie keinen anderen Beruf gelernt und nur eine geringe Schulbildung haben, bleibt vielen von ihnen keine andere Wahl, als in die wohlhabenden Regionen Europas zu reisen und dort Gelegenheitsjobs zu suchen oder zu betteln, um das Überleben für sich und ihre Familien zu sichern.

Initiiert wurde die Zusammenarbeit mit dem FH-Studiengang Design & Produktmanagement von der Phurdo-Mitarbeiterin Nadja Lobner, die Leube nach einem Vortrag in St. Virgil ansprach und ein gemeinsames Treffen mit Raim Schobesberger vorschlug. Leube ließ sich sofort von der radikalen Idee begeistern, Notreisende in die Rolle von Lehrenden schlüpfen zu lassen. So wurde im Dezember 2015 erstmals ein Workshop am Campus Kuchl organisiert, in dem rumänische Korbflechter die Studierenden – darunter ERASMUS-Studierende und Gaststudent_innen der Bahçeşehir Universität Istanbul – in die Korbflechtetechnik einführten.

Für den Workshop hat Raim die Leute buchstäblich von ihren Schlafplätzen und Bettelstellen abgeholt und in die Fachhochschule gebracht. Der erste Tag war ein bisschen konfus, erzählt Leube, es dominierten noch Unsicherheit, Sprachbarrieren und bei den Roma die Angst, ausgestellt zu werden. „Aber bald sind wir in den Rhythmus hineingekommen. Und sobald alle verstanden haben, worum es geht, haben wir keine Übersetzungen mehr gebraucht.“

Für den Workshop gab es folgende Vorgaben: Es darf kein anderes Material als Weidenzweige verwendet werden, es dürfen keine Hierarchien entstehen und keine Pläne gezeichnet werden. Die ersten zwei Tage wurden traditionelle Körbe geflochten, um die Technik zu erlernen. Absichtlich wurde eine langwierige Methode gewählt, sozusagen als Antithese zum Druck zu immer mehr Effizienz, erklärt Leube. „Die Finger schmerzen, es ist teilweise langweilig, und so fällt man in eine Art Meditation. Wenn Menschen fünf Stunden lang gemeinsam flechten, verliert der soziale Hintergrund an Bedeutung. Man begegnet sich auf einer menschlichen Ebene, überwindet Barrieren, baut Vorurteile ab. Das ist das Interessante“.


Der Mensch steht im Zentrum

Der Mensch gestaltet seine Umwelt. Deshalb ist Design für Michael Leube ein Ausdruck der menschlichen Existenz. „Alles, was um uns herum ist, wurde designt“, erklärt er, was ihn als Anthropologen mit Design verbindet. „Der Mensch steht im Zentrum. Deshalb sollten wir die Spezies Mensch kennen“. Design bedeutet für ihn nicht, ästhetische Luxusprodukte für Menschen zu entwerfen, die schon alles haben, sondern Gebrauchsgegenstände, die den Bedürfnissen ihrer Benutzer Rechnung tragen. In der Fachhochschule ist er als Quereinsteiger gelandet. Er ist dort verantwortlich für das wissenschaftliche Arbeiten. Die Studierenden müssen die Nutzer beobachten, sie interviewen, herausfinden, welche Bedürfnisse sie haben – üblicherweise nennt man das Marketing. Leube leitet sie dabei an, Interviewfragen zu gestalten und die Ergebnisse zu analysieren. Ihn interessiert das Konzept der Co-Creation, was bedeutet, dass Unternehmen und Kund_innen bei der Entwicklung eines Produktes zusammenarbeiten. Designer oder Architekten, die nur Trophäen für sich selbst erzeugen und dabei vergessen, auf die Bedürfnisse der Menschen in ihrem Alltag zu achten, kritisiert er dagegen scharf.

Vor allem aber spricht ihn „design for social innovation“ an – ein Schnittpunkt zwischen Gestalterischem und Entwicklungszusammenarbeit. „Die meisten denken bei Design an schicke Brillen oder Möbel für Leute, die schon alles haben und nichts mehr brauchen. Designer haben jedoch das Problem, dass ihnen nichts mehr einfällt, weil es alles schon gibt und niemand etwas braucht. Deshalb arbeite ich lieber mit Menschen, die etwas brauchen, sie können uns Inspiration geben.“ Er ist überzeugt davon, dass Design als Mittel zur Selbstermächtigung für benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen dienen kann, wobei die Herausforderung darin bestehe, Produkte zu erzeugen, die nicht aus Mitleid gekauft werden, sondern weil sie ein Bedürfnis des Konsumenten befriedigen. Wie man die Produkte vermarktet, könne man in der Fachhochschule lernen.

Alte Technik – neues Design

Als die Studierenden die Technik beherrschten, wurden gemeinsam bootsähnliche Gebilde, Zaunelemente und skalierte Modelle konstruiert. „Für mich sind die Produkte, die dabei herausgekommen sind, zweitrangig. Mir ging es darum, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten“, so Leube. Betteln sei schon allein aufgrund der körperlichen Perspektive nicht auf Augenhöhe, so Leube, und seiner Ansicht nach unwürdig. Er spricht sich jedoch gegen jegliche Verbote aus, stattdessen sollten Alternativen angeboten werden. Auch wenn für Leube die Ästhetik der entstandenen Strukturen nicht im Vordergrund. steht, können sich die Ergebnisse sehen lassen. Ein in Korbflechtetechnik hergestellter Hocker wurde in weiterer Folge sogar mit dem bayerischen Staatspreis ausgezeichnet.

Es war ein emotionaler Moment, als nach Beendigung des Workshops den Korbflechte-Professoren ihre Diplome überreicht wurden. Die Menschen, die sonst unterwürfig um Almosen betteln, erfuhren Anerkennung für ihr Können und konnten stolz sagen: Wow, ich kann etwas. Und ich kann nicht nur Körbe flechten! Leube ist überzeugt: „Mit dieser Technik kann viel mehr gemacht werden, es gibt unendliche Möglichkeiten“. Er hofft, dass sich aus diesem Pilotprojekt etwas entwickeln kann, das den Leuten auch ein Einkommen bietet. „Vielleicht gelingt es Phurdo, eine Werkstatt einzurichten, oder man organisiert Workshops, wo die Teilnehmer_innen dann ihr selbst angefertigtes Stück mit nach Hause nehmen dürfen.“

Eine Herausforderung, die nur mit kreativer Buchhaltung gelöst werden konnte, sei es jedoch gewesen, den Leuten Honorare für die geleistete Arbeit auszubezahlen, ärgert sich Leube über den Staat, der dies zu verhindern versucht, obwohl die Leute viele Stunden lang mit den Studenten gearbeitet und ihnen sehr viel beigebracht haben. Das Problem stellte sich auch, als Leube das Projekt mit Flüchtlingen wiederholt hat. „Ich durfte keinem einzigen etwas bezahlen. Dabei es gibt nichts Gefährlicheres als junge Männer, die keine sinnvolle Beschäftigung haben.“ Zudem fördere es Vorteile und Fremdenangst, wenn man Menschen nur durchfüttert und sie daran hindert, zu arbeiten und aus eigener Kraft zu leben, ist er überzeugt und fordert: „Die Menschen sollten sofort an der Grenze eine Arbeitsbewilligung ausgestellt bekommen!“

Stolz ist er darauf, zusammen mit seinem Kollegen, dem Designer Michael Ebner, und einem Projektteam an der Weltausstellung zum Reformationsjubiläum in Wittenberg teilnehmen zu können. In vier internationalen Workshops in Barcelona, Basel, Paris und Salzburg hat Leube zusammen mit Asylsuchenden aus verschiedenen Ländern (u.a. aus Ghana, Marokko, Kosovo, Syrien ...) – auch auf Anregung von Phurdo – 40 boot-ähnliche Strukturen gebaut. Diese Strukturen werden in den „Schwanenteich“ in Wittenberg gelegt. Außerdem soll ein tatsächliches Flüchtlingsboot aus Sizilien organisiert werden, auf dem 240 Eritreer das Mittelmeer überquert haben. Die Flüchtlinge haben die Überfahrt zwar überlebt, wurden jedoch wieder zurückgeschickt.

Der Verein Phurdo – Zentrum Roma Sinti

„Ich habe beobachtet, wie die Leute im Workshop miteinander gearbeitet haben“, erzählt Raim, der die Veränderung in den Gesichtern seiner Schützlinge bemerkte. „Den anderen ist der Unterschied nicht so aufgefallen wie mir, weil sie nicht wussten, wie die Leute aussehen und sich verhalten, wenn sie ihre Rolle als Bettler einnehmen.“ Ihm aber sei der Ausdruck von Stolz und Zufriedenheit sofort aufgefallen, als die Leute das präsentieren konnten, was sie am besten können.

Raim Schobesberger ist Obman des Vereins Phurdo, der sich im Rahmen des ESF-Projekt „Dumo Ikeriba“ um die Verbesserung der sozialen Situation von Roma und Sinti bemüht, insbesondere am Arbeitsmarkt. Im März 2017 wurde eine Informations- und Beratungsstelle in der Schallmooser Hauptstraße 31 eröffnet, in der muttersprachliche Beratung und Begleitung bei der Arbeits- und Wohnungssuche sowie bei rechtlichen Fragen angeboten werden. Zudem hat sich Phurdo zum Ziel gesetzt, durch Bildungs-, Aufklärungs- und Gedenkarbeit die Diskriminierung von Roma und Sinti zu bekämpfen sowie das Image von Notreisenden zu verbessern.

Korbflechte-Workshops wurden bereits zwei Mal an der FH und einmal im Jugendzentrum YoCo abgehalten, wo Schüler des Privatgymnasiums der Herz Jesu Missionare unter der Anleitung der rumänischen Korbflechter Weidenkörbe angefertigt und am Salzburger Grünmarkt verkauft haben. „Dass es die Schüler und die Notreisenden ohne gemeinsame Sprache geschafft haben, so gut zusammenzuarbeiten, hat mich wirklich erstaunt”, berichtet Raim. „Ich habe eine Frau und einen Mann mitgenommen. Es war auch interessant zu beobachten, welcher der Schüler lieber zum Mann und wer lieber zur Frau gegangen ist.“ Auch von einer Privatperson sind die Flecht-Expert_innen eingeladen worden, um im Garten einen Workshop abzuhalten, freut sich Raim. „Wer Interesse hat, selbst dieses Handwerk zu erlernen, kann sich einfach bei uns im Phurdo-Büro melden. Wir vereinbaren einen Termin und bringen das Material mit!“


veröffentlicht in Talktogether Nr. 60/2017