Gespräch mit Harald Schmidjell, Lebensarbeit Salzburg PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Harald Schmidjell, Lebensarbeit Salzburg

„Wenn aber dann das Ergebnis einer gelungenen Arbeit vor ihnen steht, die Kundschaft das Stück abholt und sich darüber freut, wie schön es geworden ist, dann sieht man förmlich, wie sich die Menschen wieder aufrichten und wie stolz sie über ihr Können sind.“


TT: Seit wann gibt es Lebensarbeit?

Harald: Die Lebensarbeit ist ein Projekt von Soziale Arbeit gGmbH, das es seit 2005 gibt. Es wurde damals vom Europäischen Sozialfonds (ESF) für einen Zeitraum von eineinhalb Jahren gefördert, um Menschen, die schon sehr lange arbeitslos sind, durch ein niederschwelliges Beschäftigungsangebot den Wiedereinstieg in das Berufsleben zu ermöglichen. Wir können nur Menschen aufnehmen, die keine Bezüge durch das AMS haben, also ausschließlich aus der Bedarfsorientierten Mindestsicherung – damals noch Sozialhilfe - kommen. Die meisten sind schon seit vielen Jahren arbeitslos, es gibt aber auch manche, die in ihrem Leben überhaupt noch nie gearbeitet haben. Im Laufe der Zeit hat sich das Projekt erweitert und wurde auch für Migrant_innen geöffnet.

TT: Wie funktioniert das Projekt und welche Philosophie steht dahinter?

Harald: Die Grundidee des Projekts war immer, über Gespräche, über Beobachtung – Wie tut jemand in der Werkstatt? Können Arbeitsaufträge umgesetzt werden? – sowie durch ständige Reflexion und Rückmeldungen zu versuchen, das Selbstwertgefühl der Menschen zu heben. Das gelingt sehr gut. Es gibt wenig Druck, und das ist auch gut, weil die primäre Aufgabe der Lebensarbeit ist, abzuklären, ob Arbeit überhaupt noch ein Thema ist oder ob es gar nicht mehr geht. Nach drei Monaten wird meistens abgeklärt, ob die Person arbeitsfähig ist. Es gibt ja Menschen, die aus gesundheitlichen oder aus psychischen Gründen nicht mehr arbeiten können. Dann muss das Projekt abgebrochen werden, weil es schade um den Arbeitsplatz wäre, und wir schauen, welche anderen Möglichkeiten es für diese Person gibt. Wir haben zwölf solche Arbeitsplätze für maximal ein Jahr, und darüber hinaus noch zwei Plätze für Menschen, die aus Krankheitsgründen nicht mehr arbeiten können, denen aber nur mehr einige Monate auf die Pension fehlen. Diese können länger bleiben – bis zu drei Jahre.

TT: Wer ist eure Zielgruppe und was sind die Ziele des Projekts? Kommen die Leute freiwillig zu euch?

Harald: Wir haben Erwachsene, die Volljährigkeit ist eine Bedingung – Österreicher _innen und Menschen mit Migrationshintergrund, Frauen und Männer. Wir versuchen, die Gruppe gut aufzuteilen. Wir haben ja auch immer wieder Menschen bei uns, die zum Beispiel ein Suchtproblem haben, und da haben wir die Erfahrung gemacht, dass es schwierig werden kann, wenn sich Gruppen bilden. Zugewiesen werden die Leute durch die Sozialämter. Natürlich sollten sie freiwillig kommen, manche kommen mit leichtem Druck „freiwillig“. Die Erfahrung ist aber lustiger Weise, dass selbst wenn am Anfang viel Skepsis da ist, die allermeisten dann gerne kommen und sagen: Es ist gut, dass ich da bin. Ziel ist, dass die Leute wieder in der Arbeitswelt Fuß fassen, das perfekte Ziel wäre ein Job. Arbeit suchen müssen sie selbst, aber wir unterstützen sie dabei, indem wir beim Verfassen des Lebenslaufes und bei Bewerbungen helfen und versuchen, Praktika zu vermitteln. Das kostet die Betriebe gar nichts, weil die Leute bei uns beschäftigt bleiben. Das hat sich gut bewährt, und dabei ist schon der ein oder andere Job daraus geworden.

TT: In welchen Berufen arbeiten die Leute bei euch?

Harald: Wir haben eine Holzwerkstatt, dort fahren wir zwei Schienen. Entweder bringt uns eine Kunde ein Möbelstück, das bei uns repariert und neu gestaltet wird. Solche Aufträge bekommen wir immer mehr. Oder wir holen Sachen aus dem Sperrmüll oder von der Firma Tao und versuchen, etwas Neues daraus zu machen. Außerdem gibt es einen Textilbereich. Dort werden zum Teil Möbel neu gepolstert oder tapeziert, so gut wir es eben können. Ich muss dazu sagen, dass wir kein Fachbetrieb sind, aber beispielsweise den Polster bei einem Sessel neu zu überziehen, das schaffen wir. Außerdem wird mit Stoffen gearbeitet. Es werden Taschen aus gebrauchten Textilien genäht und es wird Schmuck hergestellt, möglichst immer mit dem Hintergedanken der Wiederverwertung. Was wir auch noch machen, sind Lernmaterialien aus Holz für Schulen, die auch gerne in der Montessori-Pädagogik eingesetzt werden, diese haben wir gemeinsam mit Lehrern und Lehrerinnen entwickelt.

TT: Habt ihr einen Shop, wo man die Sachen kaufen kann?

Harald: Wir haben einen Schauraum in der Teisenberggasse und den Willhaben-Shop im Internet, auch auf der Homepage der Sozialen Arbeit kann man die Produkte sehen. Das Angebot hängt halt immer davon an, was wir gerade bekommen, denn wir kaufen keine Möbel zu. Momentan haben wir eine kleine Eckbank mit einem Tisch, die sehr schön geworden ist.

TT: Wenn euch jemand etwas schenken will, muss man es hinbringen, oder holt ihr es ab?

Harald: Abholen können wir die Sachen nur beschränkt, weil wir nur einen kleinen Lieferwagen haben. Außerdem sind die meisten, die bei uns arbeiten, nicht in der Lage, schwere Sachen zu heben, weil sie Rückenbeschwerden haben. Viele, die bei uns sind, haben früher sehr hart gearbeitet und sind aus dem Arbeitsprozess heraus gefallen, weil sie krank geworden sind.

TT: Mit welcher Einstellung kommen die Leute zu euch? Und wie wirkt sich die Arbeit auf das Selbstbewusstsein der Leute aus?

Harald: Das ist sehr verschieden. Manche sind sehr, sehr froh, endlich wieder eine Beschäftigung und eine Aufgabe bekommen haben. Die meisten sind aber am Anfang eher ängstlich. Es ist verständlich, dass man in den ersten Tagen ein bisschen nervös ist, wenn man Jahre lang nicht mehr gearbeitet hat und sich dann plötzlich mit zwölf Kollegen und Kolleginnen und dem Vorgesetzten auseinandersetzen muss. Aber das legt sich sehr schnell. Fast alle kommen mit einem sehr geringen Selbstwertgefühl zu uns und trauen sich selbst nicht viel zu. Wenn aber dann das Ergebnis einer gelungenen Arbeit vor ihnen steht und die Kundschaft sich beim Abholen des Stücks darüber freut, wie schön es geworden ist, dann sieht man förmlich, wie sich die Menschen wieder aufrichten und wie stolz sie über ihr Können sind. Wir als anleitende Personen sparen auch nicht mit Lob, weil wir den Ansporn sehen und merken, wie die Leute den Kopf heben.

TT: Du hast erzählt, dass bei euch ganz unterschiedliche Menschen, auch mit Problemen, zusammen arbeiten. Wie funktioniert das Miteinander?

Harald: Es ist natürlich schon so, wenn zwölf Personen – manche länger und manche kürzer – zusammenarbeiten, bilden sich Gruppen. Manche mögen sich mehr und manche weniger, das ist ganz normal, aber es entsteht ein kollegiales Miteinander. Es wird geschaut, wer macht zur Kaffeepause den Kaffee, diese ganzen Kleinigkeiten. Es fällt auf, dass es die Menschen verbindet und ihr Selbstwertgefühl steigert. „Ich habe Kollegen, die verlassen sich auf mich“, jeder hat seine Stärken und seine Schwächen, und da wird schon aufeinander geachtet. Das ist auch nicht viel anders, wie in anderen Firmen.

TT: Habt ihr auch Menschen, die noch keine Arbeitserfahrung haben und erst an das Arbeitssystem in Österreich herangeführt werden müssen?

Harald: Ja. Voraussetzung für eine Teilnahme am Projekt ist, dass der Aufenthaltsstatus geregelt ist und eine Beschäftigung vom Gesetz her möglich ist. Wir haben Menschen hier, die noch nie gearbeitet haben, hauptsächlich Frauen. Zum Beispiel Frauen, die in ihrer Heimat gut versorgt waren und jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben arbeiten gehen müssen. Das ist sehr spannend, gelingt aber auch recht gut, soweit ich bis jetzt beobachten konnte.

TT: Oft werden Arbeitslose als Sozialschmarotzer verurteilt. Wie sind deine Erfahrungen?

Harald: Es ist schon manchmal der oder die eine dabei, wo wir – früher oder später – darauf kommen, dass der oder diejenige nur versucht, über das eine Jahr Beschäftigung, das wir maximal anbieten können, wieder in die Arbeitslosenunterstützung hineinzukommen und den Status des sozialen Netzes zu verbessern. Das ist aber die absolute Minderheit. Meine Erfahrung ist, dass der allergrößte Teil der Menschen, die bei uns ankommen, dies als Chance sieht, um einen Schritt zurück ins Arbeitsleben zu machen. Damit das auch gelingt, muss man es natürlich selber wollen, das ist die Grundvoraussetzung.

TT: Können Projekte wie diese auch dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren?

Harald: Ich glaube schon, dass Projekte wie unseres wichtig sind, allerdings denke ich, dass es vor allem wichtig ist, in die Bildung zu investieren. Wir haben schon die Erfahrung gemacht, je besser die Bildung bzw. die Ausbildung ist, desto besser sind die Chancen am Arbeitsmarkt unterzukommen. Unser Projekt ist dazu, um Leute aufzufangen, aber am Anfang steht die Schule, und dort sollte man ansetzen und mehr Geld investieren, damit die Menschen mit ganz anderen Voraussetzungen ins Berufsleben einsteigen, wie sie es jetzt tun. Bildung ist ein wichtiger Schritt, um nicht in die Arbeitslosenfalle zu tappen und von dort nur mehr sehr schwer herauszukommen. Für Menschen, die gerade einmal den Hauptschulabschluss haben, wird es immer schwieriger, weil die Jobs fehlen und unqualifizierte Arbeiten immer mehr durch Maschinen ersetzt oder ausgelagert werden.

TT: Denkst du, dass Flüchtlinge eine Belastung darstellen, wie oft behauptet wird?

Harald: Nein, das denke ich nicht. Wir haben halt die Erfahrung gemacht, dass es für diese Zielgruppe ganz wichtig ist, die deutsche Sprache gut zu lernen. Es sind sogar Menschen mit einem A2 oder B1-Level zu uns gekommen, und es hat sich dann herausstellt, dass die Kommunikation nicht funktioniert. Deshalb bieten wir einmal in der Woche hauseigene Deutschkurse an, wo es nicht schwerpunktmäßig um Grammatik, sondern um das miteinander Sprechen geht. Für uns ist die Herausforderung, Hochdeutsch zu sprechen, da tun sich manche auch nicht so leicht. Ich muss mich selbst auch selber immer wieder bemühen, nicht in den Dialekt zu fallen, weil mich die Leute sonst nicht verstehen.

TT: Wie bist du selbst zu diesem Projekt gekommen?

Harald: Ich bin von Anfang an dabei und habe mitgeholfen, die Werkstatt aufzubauen. Ich selbst habe die Schule abgebrochen und eine Bürokaufmannlehre absolviert. Später habe ich noch den Tischlerberuf gelernt. In die Soziale Arbeit bin ich ursprünglich als Fachschlüsselkraft für den Transport eingestiegen und war als Fahrer eines Kleinlastwagens beim Entrümpeln und bei Abholungen tätig. Ich bin dann ins Büro gewechselt, und als sich das Projekt ergeben hat, wurde ich gefragt, ob ich mitmache. 2011 sind wir vor dem Zusperren gestanden, weil die Förderperiode aus war und keine Förderung mehr genehmigt wurde. Aber dann ist das Land Salzburg eingesprungen, das seit 2012 das Projekt finanziert. Es gibt nicht viele vergleichbare Projekte – in Salzburg kenne ich gar keines. Es würde schon mehr davon brauchen.

TT: Möchtest du noch etwas ergänzen?

Harald: Ich möchte mich bei meinem Geschäftsführer von der Sozialen Arbeit bedanken, der dieses Projekt ermöglicht hat, und beim Land Salzburg, das das Projekt finanziert, denn ohne diesen Rückhalt gäbe es uns heute nicht. Das muss einfach gesagt werden.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 60/2017