Arbeit in Knechtschaft oder in Freiheit? PDF Drucken E-Mail

Arbeit in Knechtschaft oder in Freiheit?

Die Bedeutung der Arbeit im Wandel der Zeit

Sie kann Zufriedenheit schaffen, aber auch unerträglich und mühselig sein. Man versucht sie zu vermeiden und sieht sie als lästige Plage an, doch wenn man sie nicht hat, läuft man ihr nach, muss sogar mit anderen um sie kämpfen. Sie gibt dem Leben Sinn, verschafft dem Individuum Identität und Bedeutung. Sie fördert die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und die Entfaltung der Persönlichkeit. Doch Arbeit findet nicht unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen statt. Es gibt Sklavenarbeit, die Arbeit von Leibeigenen, Zwangsarbeit, Lohnarbeit …

Marx beschrieb die Arbeit als einen „Prozess zwischen Mensch und Natur, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“. Indem er einen Baum fällt, das Holz zersägt und daraus einen Tisch herstellt, wandelt er den natürlichen Rohstoff in ein für ihn nützliches Produkt um. Die Arbeit ist Ausdruck seiner individuellen physischen und geistigen Kräfte. Indem der Mensch etwas Nützliches für sich und andere produziert oder leistet, fühlt er sich gebraucht, erfährt Anerkennung und entwickelt Selbstbewusstsein. So wird Arbeit zum Ausdruck von menschlicher Begegnung und gegenseitiger Empathie, trägt zur Selbstverwirklichung und zur sozialen Integration des Individuums bei. Somit ist die Arbeit eine Grundlage für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und Kultur. Entfremdet wird der Mensch jedoch, wenn die eigene Tat zur fremden Macht wird, die er nicht kontrollieren kann und die ihn unterjocht.

Arbeit und Moral

In der griechischen und römischen Antike hat man die Arbeit als eine Qual angesehen, die man lieber den Sklaven überließ. In der buddhistischen Ethik ist die Arbeit ein Mittel zur umfassenden Erhaltung des Lebens, das nicht dem Vorteil des Einzelnen, sondern dem Nutzen aller dienen sollte. Das Christentum sieht sie einerseits als Strafe an, die Gott den Menschen bei der Vertreibung aus dem Paradies auferlegt hatte, aber auch als Pflicht. Die Arbeit komme der Gemeinschaft zugute, der zu dienen des Menschen Pflicht sei, zudem lasse sie den Menschen zum Mitarbeiter Gottes werden und zur Schöpfung beitragen. Mohammad, der Prophet Allahs, sagte: „Es ist eine Pflicht, für den Unterhalt zu arbeiten und auf erlaubten Wegen zu verdienen.“ Und: „Niemand verdient reiner, als durch eigene Mühen.“

In der Philosophie der Aufklärung galt die Arbeit als allgemeine Bürgertugend und wurde als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums hervorgehoben. Vorher hatte Armut wie auch Reichtum als ein Umstand göttlicher Fügung gegolten. Der Ökonom und Moralphilosoph Adam Smith unterschied zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit, wobei er zu den „unproduktiven“ Arbeiten jene Tätigkeiten zählte, die seit Aristoteles großes Ansehen genossen, nämlich Politik, Militär, Religion und Kunst. Die Französische Revolution entmachtete die unproduktiven Klassen Adel und Klerus, die man als Schmarotzer ansah, die auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung lebten. Paul Lafargue dagegen entlarvte die protestantische Arbeitsethik als moralisches Werkzeug der Unternehmer, um die Bedürfnisse der arbeitenden Klasse auf ein Minimum zu drücken und möglichst viel Arbeit aus ihnen herauszupressen.

Arbeit und technologischer Fortschritt

Durch die Entwicklung der Technik ist die Produktivität der Arbeit im Vergleich zu früher um ein Vielfaches gestiegen. Im 19. Jahrhundert war in Europa noch die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Obwohl es heute nur noch höchstens fünf Prozent sind, werden weitaus mehr Nahrungsmittel produziert als damals. In Fabrikhallen, wo einst Hunderte Arbeiter tätig waren, sitzen heute nur mehr wenige um die Maschinen zu überwachen. Wir müssten also nicht mehr so viel arbeiten, um zu produzieren, was wir zum Leben brauchen. Den Menschen könnten beschwerliche und eintönige Arbeiten abgenommen werden, so dass sie die gewonnene freie Zeit genießen und sich selbstbestimmten und erfreulichen Tätigkeiten widmen könnten.

Doch haben die Fortschritte der Technologie die Menschheit weder von Arbeit und Schinderei befreit, noch haben sie uns mehr Zeit für befriedigende und erfüllende Tätigkeiten verschafft. Statt Arbeitszeitverkürzung und Selbstbestimmung haben wir Leasingfirmen und prekäre Arbeitsverhältnisse bekommen! Unsere Arbeit wird digital überwacht, wir werden zur Effizienz getrieben und müssen unsere Arbeitsweise dem Diktat von Computerprogrammen unterordnen. Außerdem müssen wir täglich zittern, dass unser Arbeitsplatz wegrationalisiert wird. Warum hat uns der technische Fortschritt nicht befreit, sondern verursacht systematisch neue Probleme?

Im kapitalistischen Wirtschaftssystem geht es aber nicht darum, die Menschen mit den notwendigen Konsumgütern zu versorgen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Der Zweck der Produktion ist einzig und allein die Schaffung von Mehrwert zur Erzielung von Profiten. Mehrwert kann aber nur erzeugt werden, wenn der Kapitalist eine besondere Ware vorfindet, nämlich eine, die in der Lage ist, mehr Wert zu schaffen als sie selbst kostet. Diese Ware ist die Arbeitskraft. Durch die Arbeit – etwa die Umwandlung von Baumwolle in Garn – erfährt die Ware einen Wertzuwachs. Jedoch wird nur ein Teil dieses Wertzuwachses in Form von Lohn an den Arbeiter ausbezahlt. Der darüber hinausgehende Teil der Wertschöpfung wird von Marx als Mehrwert bezeichnet.

Die Ausbeutung der Arbeitskraft beruht somit auf Differenz: Der Differenz zwischen dem Arbeitslohn und dem Wert, der durch die Arbeit geschaffen wird, aber auch der Machtdifferenz zwischen den Besitzern der Produktionsmittel und denen, die nichts anderes zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft auf den Markt bringt, unterliegt auch diese den Gesetzen von Angebot und Nachfrage. Somit stehen sich die Lohnarbeiter_innen auf dem Arbeitsmarkt als Konkurrent_innen gegenüber. So kommt es dazu, dass europäische Arbeiter_innen mit Kolleg_innen aus Rumänien. Bangladesch oder China konkurrieren müssen, wohin das Kapital seine Produktionen auslagert, um Lohnkosten zu sparen.

Um der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein, brauchen moderne Unternehmen heute nicht nur willige Arbeiter_innen, sondern auch kreative, motivierte und gut ausgebildete Angestellte, deshalb gewähren ihnen kluge Unternehmer so manche Privilegien. Doch dieser Zugewinn an Flexibilität, Autonomie und Eigenverantwortlichkeit erzeugt nicht nur Stress, sondern verlangt auch die unbedingte Identifikation mit den Unternehmenszielen. Haben die Lohnabhängigen damit ihre Haut nur möglichst vorteilhaft verkauft, oder die Peitsche des Sklaventreibers mit freiwilliger Unterwerfung eingetauscht?

Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück?

Um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Arbeitsplätze zu schaffen, brauchen wir Wachstum, tönt es einstimmig von Unternehmer_innen, Gewerkschaften und Politiker_innen aller Couleur. Doch Wachstum aus Sicht der Kapitalisten bedeutet nicht höhere Löhne und Pensionen, mehr Arbeitsplätze oder eine Verbesserung des Sozial- und Bildungssystems. Wachstum in ihrem Sinne bedeutet einzig und allein Wachstum der Kapitalverwertung und des Profits. Die Ursache dafür ist nicht – wie oft behauptet – die Gier. Der Trieb nach grenzenloser Vermehrung des Reichtums ist ein vom Willen des einzelnen Kapitalisten unabhängiges Gesetz, das ihm von der Konkurrenz – bei Strafe des Untergangs – aufgezwungen wird. Und um weiter Profite machen zu können, braucht es Wachstum.

Wie sollte aber ein rein quantitatives Wachstum Probleme lösen, die durch Überproduktion entstanden sind? Und wem nützt es, immer mehr zu produzieren, wenn große Teile der Weltbevölkerung zu verarmt sind, um sich die Produkte leisten zu können? Die Überproduktion führt zu maßloser Verschwendung, zur Zerstörung der Umwelt und zur Vernichtung der Lebensgrundlagen kommender Generationen. Aber auch die Menschen werden überflüssig, die das Kapital nicht benötigt um Profite zu erzeugen. Sie treiben als Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer oder schlafen unter den Brücken.

Wir leben in einer Welt, in der sich eine Wirtschaftsweise durchgesetzt hat, die nur die Macht des Stärkeren kennt und gleichzeitig Überfluss wie Mangel erzeugt. Wirkliche Freiheit und Demokratie werden wir erst dann erleben, wenn die Menschen die Kontrolle über die Arbeit wieder gewonnen haben und in der Lage sind, die Produktion auf demokratische Weise zu steuern. Obwohl vielen Menschen klar ist, dass eine Lösung der Widersprüche innerhalb der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht möglich ist, scheint eine Alternative heute in weite Ferne gerückt: Die sozialdemokratische Bewegung ist zum Systemerhalter verkommen, die Versuche der Kommunisten, eine gerechte und freie Gesellschaft zu schaffen, sind gescheitert, auch die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonialstaaten ist in neuen Abhängigkeiten gemündet. Wie die Geschichte beweist, verläuft der gesellschaftliche Fortschritt jedoch nicht geradlinig, sondern auf Umwegen und mit Rückschlägen, letztlich ist er aber nicht aufzuhalten.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 60/2017