Hunger in Afrika - Gespräch mit Warsame PDF Drucken E-Mail

Hunger in Afrika

Interview mit Warsame aus Somalia

TT: In regelmäßigen Abständen hören wir in den Nachrichten Katastrophenmeldungen über Hungersnöte in Afrika. Du stammst aus Somalia, einem Land, das auch zu den von Hunger betroffenen Ländern gehört. Kann sich Afrika nicht selbst ernähren?

Warsame: Ich würde sagen: Jein. Wir wissen alle, wie reich an Ressourcen Afrika ist. Wir wissen auch, dass man auf diesem Kontinent alles anbauen kann, was die Menschen für ihre Ernährung brauchen. Trotzdem hören wir alle paar Jahre von Hungerkatastrophen. Da erinnere ich mich an ein somalisches Sprichwort, das sagt: Es ist besser, nichts zu haben, als mit dem, was man hat, nicht umgehen zu können. Das Problem ist, dass Planung, Management und Kooperation oft nicht funktionieren. Dazu kommt die Ausbeutung durch die Industrieländer. Diese Ausbeutung funktioniert auf unterschiedliche Weise. Auf der einen Seite werden die Ressourcen Afrikas geplündert. Die Rohstoffe werden billig gekauft, nach Europa transportiert, dort verarbeitet, und die fertigen Produkte werden wieder nach Afrika geschickt und dort teuer verkauft. Auf der anderen Seite gibt es Hilfe durch die westlichen Staaten, die man in Afrika nicht braucht und die sogar schädlich ist, zum Beispiel Überschüsse aus der europäischen Landwirtschaft, die in Afrika billig auf den Markt geworfen werden und einheimische Produzenten in den Ruin treiben. Damit wird systematisch verhindert, dass die Menschen lernen, wie sie sich selbst ernähren können. Die Leute haben sich daran gewöhnt, auf die Schiffe zu warten, die das Getreide nach Afrika bringen, das in Afrika selbst angebaut werden könnte.

Thomas Sankara hat einmal gesagt: „Manche fragen: Wo ist er denn, der Imperialismus? Der Imperialismus – schaut in eure Teller! Wenn ihr importierte Reis-, Mais-, Hirsekörner esst – das ist der Imperialismus.“ Sankara meinte weiter, dass jene, die den Afrikaner_innen Essen geben, ihnen auch ihren Willen aufzwingen und dass die internationale „Hilfe“ in Form von Nahrungsmitteln die eigenen Kräfte blockiere und die Menschen zu Bettlern degradiere. Selbst Länder mit knappen Ressourcen und wenig Regen können ihre Bevölkerung ernähren, wenn sie dem Klima und den Böden angepasstes Saatgut verwenden. Das Problem ist jedoch, dass die Leute verlernt haben, an ihre eigenen Fähigkeiten und an ihr Land zu glauben. Das ist für mich ein wichtiger Punkt, über den wir diskutieren sollten.

TT: Die zurzeit am schlimmsten betroffenen Länder – Jemen, Somalia, Südsudan und Nordnigeria – sind auch von Krieg oder/und Terror betroffen. Wie siehst du die Kriege in diesen Ländern?

Warsame: Die Probleme in diesen Ländern sind nicht nur „made in Somalia“ oder „made in Sudan“, sondern es handelt sich um importierte Probleme, die ganz andere Hintergründe haben. Es hat auch früher Kriege in Somalia gegeben, die konnten jedoch von den beteiligten Parteien auch wieder beendet werden. Irgendwann haben die Konfliktparteien gesagt, wir wollen keinen Krieg mehr. Oder ihnen ist das Geld ausgegangen. Heute werden die Kriege jedoch von Leuten gesteuert und in Schwung gehalten, die gar nicht selbst in diesen Ländern leben. Solange es Leute gibt, die irgendwo in den arabischen Ländern sitzen und meinen, den Menschen in Somalia müsse der Islam beigebracht werden, und die ständig Nachschub an Geld und Waffen schicken, aber auch solange es in Somalia so viele junge Männer gibt, die arbeitslos sind und keine Perspektive haben, wird die Gewalt kein Ende finden. Für viele von ihnen ist der Krieg die einzige Einkommensmöglichkeit. Doch derjenige, der ihnen Geld verspricht, weiß, dass die meisten mit hoher Wahrscheinlichkeit im Kampf oder durch eine Bombe sterben und nicht wiederkommen werden.

TT: Ist nicht ein Teil der Probleme auch hausgemacht? Geht es nicht auch um die Macht und die Kontrolle über Ressourcen?

Warsame: Natürlich sind die Probleme auch selbst verursacht. Ein Problem sind auch die Machtkämpfe innerhalb der afrikanischen Länder. Eine Gruppe versucht an der Macht zu bleiben und die anderen zu unterwerfen. Somit wird die „Teile und herrsche“-Politik der Kolonialherren von den afrikanischen Machthabern fortgesetzt. Aber Gott hat den Menschen Verstand gegeben, so dass sie wissen, dass sie mit der Gewalt nichts erreichen. Doch stell dir vor, du machst ein Feuer. Wenn das Holz abgebrannt ist, geht das Feuer aus, aber wenn du immer wieder nachlegst, brennt es weiter. Wenn immer wieder Nachschub an Geld und Waffen geschickt wird, wie soll das Feuer gelöscht werden?

TT: Was kann man dagegen tun, um eine solche Katastrophe, wie wir sie jetzt sehen, zu verhindern? Kann man sie überhaupt verhindern?

Warsame: Man muss hier zwei Dinge trennen. Die eine Seite sind die importierten Kriege, die Trockenheit ist die andere Seite. In Somalia hat es jedoch schon immer Dürren gegeben, und es wird sie auch immer geben. Wenn der Regen ausbleibt, wird die Nahrung knapp. Ich kann mich erinnern, wie wir uns als Kinder gefreut haben, wenn es geregnet hat, und wie wir im Regen gespielt haben. Wenn es keinen Regen gegeben hat, war es staubig und heiß, und auf dem Markt war alles teuer. Bei den Nomaden gibt es keine Konflikte, solange genug Wasser und Gras für die Tiere da sind. Eine nomadische Gesellschaft plant nicht voraus. Wenn es keinen Regen gibt, treiben sie ihre Tiere zusammen und wandern in ein anderes Gebiet. Aber was ist, wenn es dort auch keinen Regen gibt?

Die Leute müssen aber lernen, wie sie Wasser speichern und wie sie für trockene Zeiten vorsorgen können. Was sie selbst tun können, müssen sie auch selbst schaffen. Ich habe in Somalia Wasserbrunnen gesehen, die tief genug sind und immer Wasser haben. Davon gibt es aber nicht genug, so dass es bei Trockenheit zu Konflikten kommt. Die Hilfsorganisationen aus den Industrieländern, die immer erst dann mit Getreidelieferungen aushelfen, wenn der Hunger schon da ist, sollten den Menschen lieber dabei helfen, selbst Wasserbrunnen und Wasserspeicher zu bauen. Sie sollten sie bei der Gewinnung von Solarenergie unterstützen, damit die Abholzung gestoppt wird, und auch bei der Wiederaufforstung. Die Leute wissen oft nicht, wie wichtig die Bäume für die Speicherung des Wassers und das Zusammenhalten des Erdreichs sind. Diese Frage stellen sie sich nicht. Es gibt aber Menschen, die sich diese Frage stellen und die eine Antwort darauf finden können. Diese sollten mit ihnen zusammenarbeiten.

TT: Sind Spenden und Lebensmittellieferungen hilfreich? Oder zementieren sie die Abhängigkeit, so dass die nächste Hungersnot vorprogrammiert ist?

Warsame: Es hilft den Menschen nicht, wenn man wartet, bis die Leute vor Hunger sterben, und dann Spenden sammelt. Warum sollten die Leute überhaupt spenden, damit die Menschen in Afrika in Abhängigkeit gehalten werden? Im Christentum und im Islam ist es eine Verpflichtung, den Armen zu spenden. Bedeutet das, dass die Reichen die armen Leute um sich herum brauchen, um in den Himmel zu kommen? Werden die Leute deshalb in Abhängigkeit gehalten? Wartet man, bis sie vor Hunger sterben, um dann als Retter aufzutreten? So eine Art von Hilfe braucht niemand.

TT: Auf der einen Seite wird in Afrika fruchtbares Ackerland an Konzerne und Investoren verscherbelt – ein gutes Beispiel ist Äthiopien. Alle paar Jahre gibt es dann eine Hungersnot. Ist das nicht ein Widerspruch?

Warsame: Natürlich ist das ein Widerspruch. Aber während Unternehmen und Investmentfonds aus Europa oder aus den arabischen Ländern sich fruchtbares Ackerland unter den Nagel reißen, will man gleichzeitig verhindern, dass die Menschen, die dadurch ihre Lebensgrundlage verlieren, in diese Länder kommen, um Arbeit zu suchen. Migrant_innen in den Golfstaaten werden geschlagen, vergewaltigt und abgeschoben. Doch die Afrikaner und Afrikanerinnen würden weder dorthin gehen, um dort als Sklaven zu arbeiten, noch sich in ein Schlauchboot setzen, um nach Europa zu gelangen, wenn sie Arbeit in ihren eigenen Ländern finden könnten.

TT: Sind nur diejenigen schuld, die das Land kaufen, oder auch die Verkäufer, die ihnen das Land zu einem Spottpreis überlassen und damit den Ausverkauf vorantreiben?

Warsame: Keine afrikanische Regierung überlebt ohne die Unterstützung des Westens, somit sind sie selbst Almosenempfänger. Wenn Regierungen aber Unterstützung aus den reichen Ländern bekommen, muss man sich fragen, wohin das Geld fließt. Diejenigen, die das fruchtbare Land und die Ressourcen billig verkaufen, werden von Saudi-Arabien, den USA oder von europäischen Staaten geschützt, damit sie weiter an der Macht bleiben. Man hat Angst davor, was passieren würde, wenn sie weg sind. Doch was würde wirklich passieren?

TT: Was muss getan werden, damit sich nicht mehr so viele Menschen für eine Flucht nach Europa entscheiden?

Warsame: Es ist kein Wunder, dass die Menschen versuchen, nach Europa zu kommen, selbst wenn viele von ihnen dabei im Meer sterben. Die Menschen in Afrika werden ausgeraubt, seitdem die Europäer mehr Waffen haben, seitdem die Menschen versklavt und ihre Länder kolonialisiert wurden. Früher wurden die Menschen gejagt und nach Amerika oder in die arabischen Länder verschleppt und dort auf dem Markt verkauft. Heute werden nur mehr die Ressourcen geplündert, weil die Arbeitskräfte nicht mehr gebraucht werden. Man vergisst jedoch: Wenn du deinem Nachbarn alles wegnimmst, wird er vor deiner Türe stehen, entweder als Räuber oder als Bettler. Statt die Fluchtursachen zu bekämpfen, baut man in Nordafrika Lager, um die Leute einzusperren und davon abzuhalten, nach Europa zu kommen. Es stimmt nachdenklich, wenn in Ländern, in denen Rassismus und Ausbeutung an der Tagesordnung sind, Lager und Zäune errichtet werden. Man sollte nicht vergessen, dass die ersten Konzentrationslager in Afrika – in Namibia – gebaut worden sind. Wenn ich die Wahl hätte, in einem Lager in Libyen eingesperrt zu sein oder im Mittelmeer zu ertrinken, würde ich den Tod im Mittelmeer bevorzugen.

TT: Es ist nicht davon auszugehen, dass die Konzerne freiwillig auf die billigen Ressourcen aus Afrika verzichten. Wie kann erreicht werden, dass die Menschen in Afrika von ihrem Reichtum leben können?

Warsame: Leider können die Afrikaner nicht viel tun, weil sie in einer sehr schlechten Verhandlungsposition sind. Der Bauer, der Kaffee oder Kakao anbaut, ist zu schwach, um seine Forderungen durchsetzen zu können. Ich bin nicht dagegen, dass die Menschen in Europa afrikanische Produkte kaufen und genießen können, aber es geht um Fairness. Es ist unakzeptabel, wenn Europa sagt, wir nehmen den Kakao, wir nehmen das Gold, aber die Menschen müssen dortbleiben. Die Ressourcen müssen in Afrika verarbeitet werden, damit auch die Menschen in Afrika an der Wertschöpfung teilhaben können. Wenn es Arbeitsplätze und Einkommensmöglichkeiten gibt, werden sie nicht nach Europa kommen. Wenn die Europäer die Flüchtlinge nicht haben wollen, müssen sie bereit sein, einen fairen Preis für die Produkte zu bezahlen.

TT: Du meinst, die afrikanischen Staaten sind in einer zu schwachen Position, um verhandeln zu können. Würden sie nicht durch einen Zusammenschluss an Stärke gewinnen?

Warsame: Richtig. Diese Idee wurde unter der Bezeichnung Panafrikanismus im Unabhängigkeitskampf propagiert. Doch welche Erfahrungen hat Afrika damit gemacht? Man erinnere sich nur an Patrice Lumumba. Oder an Thomas Sankara. Man hat diese Männer umbringen lassen. Thomas Sankara hat gesagt, wir schulden euch nichts! Welcher Präsident Afrikas traut sich das heute? Er muss fürchten, am nächsten Tag umgebracht zu werden, vielleicht von seinem eigenen Sohn, seiner Frau, seinem Cousin oder seinem Freund. In Somalia hat Siad Barre versucht, das Land von oben zu entwickeln. Er ist durch einen Putsch an die Macht gekommen und wollte dem Volk den Sozialismus diktieren. Das ist ein paar Jahre lang gut gegangen und es hat Fortschritte gegeben, er ist aber am Ende gescheitert. Meiner Ansicht nach kann Entwicklung nur nachhaltig sein, wenn sie von unten kommt und vom Volk getragen wird, wenn die Menschen selbst erkennen, was sie damit gewinnen können.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 60/2017