Die Widerstandkämpferin Irma Trksak PDF Drucken E-Mail

Erinnerung an Irma Trksak (1917-2017)

Wieder ist eine der letzten Zeitzeugjnnen von uns gegangen. Irma Trksak, Widerstandskämpferin, KZ-Überlebende und Mitbegründerin sowie langjährige Sekretärin der Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück verstarb am 11. Juli 2017 in ihrem 100. Lebensjahr. 1941 wurde sie von der Gestapo verhaftet, danach verbrachte sie ein Jahr im berüchtigten Wiener Polizeigefängnis Rossauer Lände und wurde im September 1942 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. In einem der so genannten Todesmärsche gelang ihr die Flucht.

Irma Trksak wurde am 2. Oktober 1917 in Wien als Kind einer Arbeiterfamilie geboren und wuchs in einem sozialdemokratisch geprägten Umfeld auf. Die Familie gehörte der großen und gut vernetzten tschechoslowakischen Volksgruppe an. Ihr Vater war Sozialdemokrat und Funktionär der Gewerkschaft der Metallarbeiter. Irma besuchte das tschechische Realgymnasium. Sie war sechzehn Jahre alt, als der „schwarze Faschismus“, wie sie die Vaterländische Front und ihren Ständestaat nannte, an die Macht kam.

Irma war im tschechischen Arbeiterturnverein und in verschiedenen kulturellen Vereinen aktiv, die nach dem Februar 1934 illegal geworden waren. Als Ausweg wurde ein neuer Verein gegründet, der „Tschechoslowakische Turnverein“ – das Wort „Arbeiter“ hat man weggelassen, damit er von den Behörden bewilligt wurde. Damals lernte sie, sich im Untergrund politisch zu betätigen. Sie half dem Vater bei der Verbreitung der verbotenen Arbeiterzeitung, die von Otto Bauer im Exil in Brünn herausgebracht wurde.

Nach dem Einmarsch Hitlers wurden alle tschechischen Schulen geschlossen. Obwohl die Widerstandstätigkeit immer gefährlicher wurde, arbeitete Irma in ihrer Gruppe weiter, die sich aus kleinen Zellen zusammensetzte, damit nicht alle hochgingen, falls jemand aufflog. Die Gruppe schrieb Kettenbriefe an Soldaten, um sie zur Desertation zu bewegen, weil es nicht ihr Krieg sei und die Nazis nur die Völker unterjochen und ausbeuten wollten. Später hat sie erfahren, dass diese Flugschriften tatsächlich weitergegeben worden sind.

Außerdem versuchte die Gruppe, Sand ins Getriebe zu streuen, wo immer es möglich war. So zündeten Irma und ihre Freunde Depots der Nazis an, wo sie zum Beispiel konfiszierte Räder und Schier lagerten, weil sie die Inhaber ohnehin nie zurückbekommen hätten. Bei diesen Brandanschlägen passten sie immer auf, dass keine Menschen verletzt wurden. Ob die Aktionen wagemutig oder unsinnig waren, hat sie sich später gefragt. Doch damals wollte sie ein Zeichen setzen und nicht tatenlos zusehen, wie ständig Leute einfach verschwanden.

Wer erwischt wurde, wurde ohne Prozess ins Konzentrationslager geschickt. Viele Mitglieder der Gruppe wurden in Mauthausen hingerichtet, darunter auch Irmas Bruder. Am 29. September 1941 wurde auch Irma verhaftet. Während der zwölfmonatigen Haft wurde sie immer wieder verhört und zum Verrat ihrer Mitkämpfer_innen aufgefordert. Trotz monatelanger zermürbender Einzelhaft und zahlreicher Demütigungen blieb sie standhaft. So wurde sie zusammen mit 13 weiteren Frauen nach Ravensbrück geschickt. 132.000 Frauen aus über 40 Nationen wurden zwischen Mai 1939 und April 1945 ins KZ Ravensbrück und seine Nebenlager deportiert. Manche waren wie Irma im Widerstand aktiv gewesen, andere wurden wegen ihrer Abstammung, ihrer Religion oder nur deshalb verschleppt, weil sie sich nicht angepasst haben.

Auch im Lager setzte Irma ihre Widerstandstätigkeit fort. „Nur von dem Stück Brot und von dem Schöpfer Rüben hätten wir nicht überlebt, wenn wir nicht die Hoffnung gehabt hätten, dass es einmal aus sein wird und wir raus kommen“, erzählte sie.[1] Sie meldete sich für die Arbeit in der Siemens-Produktions-stätte, wo sie als Schreiberin arbeitete. Hier fälschte sie die Statistiken, um jene Zwangsarbeiterinnen, die die erforderlichen Arbeitsleistungen nicht erbringen konnten, vor der Selektion und dem Tod in der Gaskammer zu schützen.

Als die Nazis aus Angst vor den herannahenden russischen Truppen das Lager auflösten, verabredeten die Frauen, dass im Durcheinander jede die Flucht auf eigene Faust versuchen sollte. Wer überlebte, so schworen sie, sollte der Menschheit über die Vorgänge in den Konzentrationslagern erzählen. Es herrschte unvorstellbares Chaos: Häftlinge, Flüchtlinge, Kriegsgefangene, alle waren auf der Straße. Zu Fuß gelang es Irma, nach Wien zu gelangen, wo sie ihre Eltern wieder fand. Nur ihre Schwester hatte in England überlebt, ihre Brüder und ihr Freund waren im Konzentrationslager oder an der Front gestorben.

„Weil wir sie vermisst haben, verstehen wir diese Worte“

Irma war Zeugin in den Hamburger Ravensbrück-Prozessen, engagierte sich viele Jahrzehnte lang als Zeitzeugin in Schulen, hielt Vorträge und stellte sich für Dokumentationen und Reportagen zur Verfügung. Es hat sie immer bedrückt, dass junge Menschen an Orten, die an Schreckliches erinnern, vorbeigehen und nicht darüber Bescheid wissen. Und dass sich niemand bemüht, es ihnen zu erklären. In den Schulen werde über alles Mögliche gesprochen, nur nicht über den Widerstand, so Irma. Aber nicht nur über den Widerstand, auch über das Alltagsleben der Menschen damals müsse erzählt werden, um die Entwicklung verstehen zu können. Da gerade heute, wo nur das Geld regiert und überall wieder faschistische Organisationen groß werden, Aufklärungsarbeit so wichtig wäre, verstand sie nicht, warum man Überlebenden wie sie nie eingeladen und nach ihren Anregungen dazu gefragt hat. Ob sich jemand vorstellen kann, was Freiheit bedeutet, fragte sie, ob Begriffe wie „Freiheit“, „Demokratie“ und „Menschlichkeit“ heute verstanden werden? Irma kannte die Bedeutung nur zu gut: „Weil wir sie vermisst haben, verstehen wir diese Worte“.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 61/2017