Gespräch mit Omar Khalifa PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Omar Khalifa

TT: Islam und Gewalt ist eines der dominierenden Themen in jetziger Zeit. Wie fühlen sich Muslime dabei?

Omar: Auf diese Frage kann ich nur persönlich antworten. Ich fühle mich wohl, ich arbeite und komme heil am Abend zu Hause an. Ich sehe aber nicht ein, warum ich mich dafür rechtfertigen soll, wenn einer, der wie ich Omar heißt, in London, Paris oder Berlin unschuldige Menschen umbringt. Ich mache auch nicht die österreichische Bevölkerung dafür verantwortlich, dass ein Verbrecher, der in Braunau auf der Welt gekommen ist, Millionen Menschen wegen ihrer Religion oder Überzeugung ermordet hat. Ich werde den Europäer_innen auch keinen Vorwurf für die Kreuzzüge machen, oder dafür, dass spanische, portugiesische oder holländische Sklavenhändler afrikanische Menschen gejagt und verkauften haben. Auch nicht für die russischen und amerikanischen Bomben in Syrien. Schon gar nicht würde ich auf die Idee kommen, diese grausamen Taten mit Jesus in Verbindung zu bringen.

Ich würde den globalen Konkurrenzkampf nicht auf Religionen oder Kulturen reduzieren, sondern als einen Kampf um Macht und Einfluss verstehen. Ich bin sicher, dass die Religionen und Kulturen miteinander auskommen können, wenn die Religion als private Sache angesehen würde. Politische und religiöse Ideologien dienen jedoch dazu, labile und orientierungslose Menschen zu manipulieren. Die Aufgabe der Religion wäre es, Verbrechen zu vermeiden und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Es gibt immer einen dritten Weg – außer Gewalt und Gegengewalt - haben die Propheten gesagt. Als ich in die Koranschule ging, hat uns unser Lehrer erzählt, dass das Leben das wertvollste Geschenk Gottes an die Menschen ist, und es keine größere Schuld gibt, als es zu vernichten. Das sagen alle Religionen sowie jede Ethik und Moral. Nun erlebe ich, dass Menschen glauben, ins Paradies zu kommen, wenn sie unschuldige Menschen töten.

Menschen dürfen aber nicht kollektiv aufgrund ihres Glaubens verurteilt werden. Das Problem ist, dass die Religionen instrumentalisiert und als Mobilisierung für politische Ziele eingesetzt werden. Es geht nicht darum, durch die Religion Orientierung für ein zufriedenes und friedliches Leben zu finden, sondern man identifiziert sich mit einer Gruppe und will sich von den anderen abgrenzen. Noch dazu wird die eigene Gruppe als bedroht, benachteiligt und als Opfer dargestellt. Man sagt: Die Angehörigen der anderen Gruppe wollen uns vernichten oder unsere Religion und Kultur zerstören. Diese Denkweise finden wir auf beiden Seiten. Auf dieser Ebene ist aber eine friedliche Auseinandersetzung nicht möglich. Die dominante Gruppe will die Anderen zwingen, sich unterzuordnen, die unterlegene Gruppe reagiert rebellisch und will zeigen, dass auch sie die Mächtigen verletzen kann.

TT: Politiker und Parteien werben mit dem Kampf gegen den Islamismus. Ist die Angst der Menschen berechtigt?

Omar: Wenn Attentäter wehrlose Menschen auf der Straße abschlachten und dabei nach Gott rufen, ist es nachvollziehbar, dass die Menschen Angst bekommen, wenn sie „Allahu Akbar“ hören. Dann heißt es, der Täter war Muslim, und es spielt keine Rolle, ob er jemals den Koran gelesen hat oder ob er ein Drogendealer war. Dieser genügt, um Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Solche Taten hinterlassen Leid und Hass und können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Aussage, dass er kein „guter Muslim“ war und vom rechten Weg abgekommen ist, schützt aber weder die Muslime vor dem Hass, noch hilft sie den Angehörigen der Opfer.

Die globalen Konkurrenzkämpfe haben sich verschärft, neue Spieler sind auf der Bühne erschienen, die Machtverhältnisse in der Welt werden neu geregelt, und das bringt Gewalt mit sich. Es ist verständlich, dass viele Menschen verunsichert sind und Zukunftsängste haben. Doch diese Ängste noch zu schüren bringt keine Lösungen. Es ist zudem eine Illusion, dass Europa nur die Vorteile der Globalisierung genießen und die Probleme draußen halten könnte.

Sehr viele der Menschen, die heute in Europa Schutz suchen, waren in ihren Ländern selbst täglich mit Terror konfrontiert und sind davor geflohen. Ich habe erlebt, wie ein afghanischer Flüchtling vor Schreck zusammenzuckte, als er einen Handyton mit dem Ruf „Allahu Akbar“ hörte. Doch statt den erhofften Schutz und Frieden erleben diese Menschen hier Vorurteile und kollektive Schuldzuweisungen. Sie sind doppelt vom Terror betroffen. Es ist nicht zu verleugnen, dass sich auch Verbrecher unter die Schutzsuchenden mischen, die uns allen das Leben schwer machen. Die einzigen, die mit dieser Angst eine Freude haben, sind diejenigen, die Hass und Rachegefühle schüren und die Menschen spalten wollen, nämlich Nazis und Anhänger des IS und ähnlicher Gruppen.

Die USA haben über Hiroshima und Nagasaki Atombomben abgeworfen und sind durch ihre Waffen zur mächtigsten Nation der Welt geworden. Wer hätte vor dem 11. September 2001 gedacht, dass so ein Verbrechen mitten in den USA passieren könnte? Wer hätte gedacht, dass ein Angehöriger eines ehemals kolonialisierten Volkes den Menschen in Großbritannien so viel Angst einjagen würde? Wer hat gedacht, dass sich die Gewalt im Namen Gottes in Afrika wiederholen wird? Arabische Sklavenhändler haben in früheren Jahrhunderten im Namen der Religion afrikanische Menschen versklavt, vergewaltigt und verkauft. Während heute afrikanische Intellektuelle die Gewalt der Araber an den Afrikaner_innen erforschen, begehen manipulierte Terrorgruppen wie Alshabab in Somalia oder Boko Haram in Nigeria dieselben Verbrechen wie damals, wobei sowohl Täter wie auch Opfer Afrikaner_innen sind. Wer dahinter steckt, ist eine andere Frage.

TT: Kürzlich hat die Studie über islamische Kindergärten für Diskussion gesorgt. Sind die Vorwürfe übertrieben oder sind die Sorgen berechtigt?

Omar: In Österreich gibt es öffentliche und private Kindergärten, darunter katholische, evangelische, jüdische und muslimische. Natürlich ist es wichtig, Kindergärten zu kontrollieren, und wenn dort fragwürdige Inhalte vermittelt werden, sollten sie geschlossen werden. Doch es ist verantwortungslos, solche Themen zu benützen, um Schlagzeilen zu machen. Damit werden radikale Kräfte auf beiden Seiten bestärkt, die sagen, wir haben schon immer gewusst, dass sie gegen uns sind. Ich kann mich auch nicht mit aus islamischen Ländern stammenden Politikern anfreunden, die Öl ins Feuer gießen, um Karriere zu machen. Auch wenn nicht zu verleugnen ist, dass es Probleme gibt, trägt eine Polarisierung nicht zu ihrer Lösung bei.

TT: Wie kann man der Entstehung von Parallelgesellschaften entgegenwirken?

Omar: Wie kann ein Flüchtling in die Politik vertrauen, wenn er ständig mit Abschiebung bedroht wird? Du lernst die Sprache, machst eine Berufsausbildung und zum Schluss kannst du sagen, ich arbeite, verdiene mein Geld und zahle meine Steuern. Wenn aber Menschen trotz Staatsbürgerschaft aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder Religionen als „Ausländer“ angesehen werden, wie können sie sich da als Teil der Gesellschaft fühlen? Es ist nachvollziehbar, dass sie sich in die eigene Community zurückziehen.

Wenn Politiker mit Slogans wie „USA zuerst“, „Großbritannien zuerst“ oder „Österreich zuerst“ in den Wahlkampf ziehen, wird diese Trennung noch verstärkt. Hier in Europa bekommen rechte Kräfte immer mehr Zulauf, und die Terroristen unterstützen diese Entwicklung. Wie kann sich jemand in eine Gesellschaft integrieren, vor der er Angst hat und die vor ihm Angst hat? Vor allem Menschen, die hier aufgewachsen sind, fühlen sich oft verloren und nirgends richtig zugehörig. Menschen, die sich benachteiligt und ausgegrenzt fühlen, sind jedoch für eine Propaganda empfänglich, die ihnen Identität und Anerkennung verspricht. Darum ist nichts wichtiger, als den Menschen die Möglichkeit zu bieten, ihre Begabungen und Fähigkeiten zu entfalten und dafür Anerkennung zu finden.

TT: Inwieweit ist Toleranz angesagt und wo endet sie? Was sagst du dazu, wenn schon kleine Mädchen Kopftücher tragen oder nicht schwimmen gehen dürfen?

Omar: Viele Migrant_innen können selbst nicht schwimmen, deshalb hat für sie das Schwimmen keine große Bedeutung. Deshalb sollte man sie nicht als integrationsunwillig abstempeln, sondern sie aufklären, warum der Schwimmunterricht für ihre Kinder wichtig ist. Das Kopftuch sollte kein Thema für eine öffentliche Debatte sein, weil  es in Österreich Religionsfreiheit gibt. Eine Frau muss selbst entscheiden dürfen,  wie sie sich kleidet. Es ist jedoch nicht zu tolerieren, wenn eine Frau oder ein Mädchen unter Druck gesetzt wird, es zu tragen. Wer das tut, sollte damit rechnen, vor Gericht gebracht zu werden. Jeder Mensch hat das Recht, einen Glauben zu haben und ihn zu praktizieren, solange er Anderen damit nicht schadet oder auf sie Zwang ausübt. Aber wenn sich eine Frau total verhüllt und keiner weiß, wer hinter dem Schleier steckt, wirkt das auf viele bedrohlich. Ich bin damit einverstanden, wenn man sagt, das akzeptieren wir nicht. An höchster Stelle steht die Verfassung, der sich die Religion unterordnen muss, eine religiöse Überzeugung dagegen ist eine private Angelegenheit.

TT: Ist Toleranz überhaupt der richtige Ansatz für Integration und ein respektvolles Zusammenleben?

Omar: Das ist eine Gratwanderung: Zuerst muss man fragen, Was bedeutet Toleranz? Wenn es darum geht, andere Menschen zu akzeptieren und ihre Entscheidungen zu respektieren, dann ja. Aber wenn Toleranz Gleichgültigkeit und Wegschauen bedeutet, dann ist sie meines  Erachtens falsch. Auch Integration ist ein Begriff, den man zuerst hinterfragen sollte. Als integriert wird in der Regel jemand angesehen, der sein Brot verdient und nicht mit den Gesetzen in Konflikt kommt. Auch viele gebürtige Österreicher und Österreichern schaffen das nicht, warum sollte man es von den anderen verlangen?

Es gibt auch keine einheitliche österreichische Gesellschaft und Kultur, in die man sich integrieren könnte. Ein österreichischer Universitätsprofessor findet wahrscheinlich mit einem afrikanischen Kollegen mehr gemeinsamen Gesprächsstoff als mit einem österreichischen Bauern oder Fabrikarbeiter. Österreicher und Österreicherinnen haben auch sehr unterschiedliche Einstellungen in Hinsicht auf Weltanschauung und Lebensweise. Es gibt Menschen, die sich vegan ernähren und sich für Tierrechte einsetzen, andere können auf Schnitzel und Leberkäse nicht verzichten. Manche lieben klassische Musik, andere bevorzugen Heavy Metal oder Schlagermusik. Ich habe drei Arbeitskolleg_innen, die gebürtige Österreicher und Österreicherinnen sind. Was die Arbeit angeht, verstehe ich mich mit dem einen Kollegen am besten, was die politische Überzeugung betrifft mit der anderen Kollegin, was Interessen angeht mit dem dritten. Trotz unterschiedlicher Eigenschaften und Überzeugungen kommen wir miteinander aus und arbeiten gut zusammen.

TT: Wir leben in einer Zeit, wo die Unterschiede betont werden Wie finden wir zu mehr Gemeinsamkeiten?

Omar: Wenn irgendein Depp Mist baut, wird die gesamte Volksgruppe beschuldigt. Damit wird verhindert, dass die Menschen lernen, sich zu verstehen und miteinander umzugehen. Diejenigen, die polarisieren und die Menschen auseinander bringen wollen, schreien leider lauter als die, die vernünftig und lösungsorientiert denken. Sie werden von den Medien mehr wahrgenommen und bestimmen den politischen Diskurs. Jene aber, die sich bemühen, Gemeinsamkeiten zu suchen und zu stärken, sollten unterstützt werden. Hetzern, die die Menschen wegen ihrer Religion oder Herkunft spalten wollen, sollten wir kein Forum bieten. Was kann ein Mensch dafür, dass der Tempelberg auf der linken Seite für Juden und auf der rechten für die Muslime reserviert ist? Solche Konflikte sind vorprogrammiert. Als Jude, Christ oder Muslim in Jerusalem würde ich mir einen anderen Platz zum Beten suchen, auch wenn man mich deshalb für einen Feigling hält. Damit will ich sagen, dass man sich von den Hetzern nicht irritieren lassen sollte.

TT: Asyl ist ein weiteres Wahlkampfthema. Keiner der politischen Parteien hat realistische Lösungsansätze. Wie sollten wir mit diesem Thema umgehen?

Omar: Ein Wahlkampf ohne die Themen Asyl und Migration scheint heutzutage nicht möglich zu sein. Man kann damit auch Erfolg haben. Allerdings haben sich Trumps Wähler_innen nicht gefragt, wie er die Mexikaner davon überzeugen will, die von ihm geforderte Mauer zu bezahlen. Auch früher haben Parteien und Politiker versucht, alle Probleme in der Gesellschaft den Migrant_innen zuzuschieben. Vor 24 Jahren sind in Österreich 300.000 Menschen gegen das so genannte „Ausländervolksbegehren“ auf die Straße gegangen. Heute sind dessen Forderungen alle erfüllt und es scheint, dass man umso bessere Chancen hat, gewählt zu werden, je lauter und schlechter man über Flüchtlinge und Immigranten spricht.

Ich bin sicher, dass der größte Teil der Wahlberechtigten nicht unbedingt feindselig gegen Flüchtlinge und Einwanderer ist. Aber viele Menschen haben Angst. Statt Lösungen für tatsächlich bestehende Probleme zu suchen und so die Angst von der Bevölkerung zu nehmen, machen sich manche Politiker die Angst zunutze und verstärken sie mit ihrer Hetze. Während die Rechtsparteien laut schreien, schweigen unser Bundeskanzler und seine Partei, und das stimmt mich nachdenklich. Ich hoffe, nicht aus Angst, sondern aus strategischen Gründen. Früher wurde ich manchmal wegen meiner Hautfarbe beschimpft, heute wegen meines Namens. Damals gab es Menschen, die mich verteidigten und fragten: Was wollen Sie von ihm? Heute scheinen sich weniger Menschen trauen, öffentlich ihre Meinung kundzutun. Das stimmt nachdenklich.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 61/2017