100 Jahre Oktoberrevolution: Was ist davon geblieben? PDF Drucken E-Mail

Das Einfache, das schwer zu machen ist

100 Jahre Oktoberrevolution: Was ist davon geblieben?

Februartage. Maler I. A. Wladimirow, Museum fĂĽr politische Geschichte in St.Petersburg

Als das Einfache, das schwer zu machen ist, hat Bert Brecht den Kommunismus bezeichnet, und damit auf den Widerspruch zwischen Anspruch und politischer Realität hingewiesen. Die Oktoberrevolution 1917 war das einflussreichste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Es hat den Arbeiter_innen in den Industrieländern und den kolonialisierten Völkern Mut und Selbstvertrauen gegeben. Sollte ausgerechnet das kapitalistisch noch kaum entwickelte Russland das Modell für den Aufbau des Sozialismus werden? Doch leider hat sich die Sowjetunion nicht zum ersehnten Hort der Freiheit für die Arbeiterklasse entwickelt, sondern zu einem repressiven Staat, der jede Kritik mit Gewalt unterdrückte. Was ist schief gegangen?

Wie kam es dazu, dass eine kommunistische Partei faschistische Züge annahm, und sich die Diktatur des Proletariats in eine Diktatur über das Proletariat entwickelte? Bücher, die uns erklären wollen, dass die Oktoberrevolution von Anfang an ein Verbrechen gewesen sei, gibt es zur Genüge. Dieses Ziel verfolgte der französische Soziologe Charles Bettelheim nicht, als er in den 1970er Jahren das vierbändige Werk „Die Klassenkämpfe in der UdSSR“ verfasste, in dem er die Entwicklungen in der Sowjetunion analysierte und kritisierte.

Unmittelbarer Anlass, das Buch zu schreiben, war für ihn der Einmarsch sowjetischer Truppen in die ČSSR im August 1968. Es genüge nicht, historische Ereignisse zu bedauern und zu verurteilen, schreibt er im Vorwort des ersten Bandes, sie müssen erklärt werden. Der 1913 in Paris geborene und 2006 ebendort verstorbene Intellektuelle hat die Entwicklungen in der Sowjetunion ausführlich studiert. Dank der Beherrschung der russischen Sprache war es ihm gelungen, während seines Arbeits- und Studienaufenthaltes in der UdSSR in Kontakt zu verschiedenen Teilen der Bevölkerung zu treten.

Bettelheim hielt sich 1936 zur Zeit der großen Schauprozesse in Moskau auf, wo er die Verwirrung und Angst der Menschen hautnah miterlebte. Diese Erfahrungen trieben ihn dazu, in kritische Distanz zur Sowjetunion zu gehen, ohne auf seine kommunistische Überzeugung zu verzichten. Scheinerklärungen, welche die Verantwortung auf das Fehlverhalten einer Persönlichkeit (der Stalins) zurückführen, hat er aber stets zurückgewiesen, weil sie jede kritische Auseinandersetzung verhindern. Laut Bettelheim waren die verschiedenen Formen der Repression keine Zufälle oder Fehler der Herrschaftsausübung, sondern die Folge von Widersprüchen in den ökonomischen und sozialen Verhältnissen.

Klassenkämpfe in der UdSSR

Die Entmachtung der Arbeiter_innen war ein Prozess, der keineswegs reibungslos vor sich ging. Als die Parteiführung eine zentrale Kontrolle über Produktion und Verteilung einführte, um gegen Chaos und Lebensmittelknappheit vorzugehen und den Zerfall der Wirtschaft zu verhindern, empfanden das die Arbeitern_innen naturgemäß als Einschränkung ihrer Macht und Bevormundung. Lenin hat in zahlreichen Schriften die verschiedenen Kämpfe und Auseinandersetzungen kommentiert und theoretische Analysen dazu verfasst, die sich häufig nicht mit der Meinung der Partei deckten.

Lenin wusste, dass der „Kampf zwischen dem besiegten, aber noch nicht vernichteten Kapitalismus, und dem geborenen, aber noch ganz schwachen Kommunismus“ noch nicht entschieden war. Ohne die Opferbereitschaft und den Heroismus der kämpfenden Massen hätten Bürgerkrieg, Sabotage, Hunger und Chaos der Anfangsjahre nicht überstanden werden können. Lenin war bewusst, dass es ohne die Unterstützung der Volksmassen auch nicht möglich sein würde, Jahrhunderte lang gewachsene Strukturen zu zerschlagen und etwas Neues, nie Dagewesenes zu erschaffen, weil ja kapitalistische Elemente wie Lohn, Preis, Profit nicht einfach durch Dekrete abgeschafft werden können. In spontanen Initiativen der Arbeiter_innen wie der freiwilligen Arbeit an den sog. „Kommunistischen Samstagen“ (Subbotnik) erkannte er das Neue und Revolutionäre, das unterstützt und gefördert werden müsse. Später wurden solche Initiativen jedoch vereinnahmt, reglementiert und zur Pflicht gemacht.

Bettelheim kritisiert nicht, dass die Parteiführung Fehlentscheidungen getroffen hat, die er teilweise sogar als historisch unvermeidbar ansieht. Fehler müssen aber eingestanden werden, um korrigiert werden zu können. Mit seiner Bereitschaft zur Selbstkritik und zur Analyse der Misserfolge habe Lenin Führungsqualität bewiesen. Doch während Lenin Widersprüche erkannte und benannte, haben seine Nachfolger diese zunächst ausgeblendet und später blutig unterdrückt, so dass die heftigen Auseinandersetzungen einer ideologischen Erstarrung wichen. Die Entscheidungen ihrer Führer brachten die Partei so immer mehr in Widerspruch zu den Arbeitern und Bauern, bis sie diesen nur mehr durch die Verstärkung ihrer eigenen Autorität „lösen“ konnten. Die Niederlage des Sozialismus fand demnach nicht an der militärischen Front statt, sondern in der Beziehung zu den Volksmassen.

Der Oktoberaufstand war ein revolutionärer Prozess, der im Februar 1917 mit dem Sturz des Zaren eingeleitet wurde. Eine wichtige Komponente bildete dabei eine revolutionäre Bauernbewegung, die zur Aufteilung der Ländereien der Großgrundbesitzer geführt hatte. Da sich das sowjetische Modell jedoch zum Ziel gesetzt hat, vorkapitalistische Produktionsweisen und vor allem die Kleinproduktion auszumerzen, hielt man Kollektivierungen für notwendig, um die Landwirtschaft zu modernisieren. Weil der Großteil der Bauern und Bäuerinnen mit dem Ergebnis der Landaufteilung zufrieden war, konnten diese aber nur mit Zwang durchgeführt werden. Diese Zwangskollektivierungen hatten zur Folge, dass die Bauernschaft enteignet und in ein Lohnsystem gepresst wurde, das die Ungleichheit in der Bevölkerung festigte. Die Produzent_innen wurden von ihren Produktionsmitteln getrennt und große Teile der Landbevölkerung zur Migration in die Städte getrieben, ein Prozess, der an die ursprüngliche Akkumulation im Kapitalismus erinnert.

Die Verleugnung der KlassenwidersprĂĽche

Bettelheim gelang in seiner Studie der Nachweis, dass der Kapitalismus trotz Staatseigentum weiterlebte. Das sowjetische Modell bezeichnete er als einen Staatskapitalismus, der weiterhin auf der Ausbeutung von Arbeitskraft basierte. Eines der grundlegenden Missverständnisse lag seiner Meinung nach in der Illusion, der Stalin und andere Parteiführer unterlagen, dass der Kapitalismus mit der juristischen Abschaffung des Privateigentums verschwinde und es keine Ausbeutungsverhältnisse und Klassenwidersprüche mehr gebe. Wenn aber keine Klassen mehr in Unterdrückung gehalten werden mussten, wozu war dann eine Staatsmacht nötig?

In den kommunistischen Bewegungen in der Sowjetunion und in anderen osteuropäischen Ländern hatte sich die Anschauung durchgesetzt, dass sich die Widersprüche auflösen würden, sobald die Produktivkräfte ausreichend entwickelt seien. Aus dieser Überzeugung heraus konzentrierte man sich einseitig auf wirtschaftliches Wachstum und die Steigerung der Produktion, während man die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf später verschob. So wurde die wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderung in der Sowjetunion in kapitalistische Bahnen gelenkt – mit Folgen wie der Abhängigkeit von Technologien aus dem Ausland, Verschuldung und zyklisch wiederkehrenden Wirtschaftskrisen.

Auch die kapitalistische Arbeitsteilung – also die Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit sowie zwischen Leitungs- und Ausführungsfunktionen – wurde beibehalten, was zur Folge hatte, dass sich die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen einer Minderheit konzentrierte. Weil die Erfordernisse der Kapitalverwertung und die kapitalistische Akkumulation nicht beseitigt worden waren, war das Ziel der Produktion auch nicht die Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung, sondern die Erzeugung von Mehrwert. Wie aber, wenn nicht durch Repression, können Lohnabhängige zur Mehrwertproduktion genötigt werden, wenn marktwirtschaftliche Zwänge wie Konkurrenzdruck nicht mehr wirksam sind?

Die Leugnung der Existenz eines Klassenkampfes privilegiert diejenigen, die über die Staatsmacht und die Produktionsmittel verfügen, und erlaubte ihnen, all jene als Konterrevolutionäre zu diffamieren, die sich dieser Macht widersetzten. Die Opposition wurde ausgeschaltet, und basisdemokratische Institutionen wie die Sowjets (Arbeiter- und Soldatenräte) wurden entmachtet und zu Ausführern der Staatsmacht umfunktioniert, welche die Herausbildung einer hierarchischen Klassengesellschaft neuen Typs nicht behinderten. So konnte sich eine Staatsbourgeoisie etablieren, die als Verwalterin des Staatskapitalismus an die Stelle der Privatbourgeoisie trat.

Abschreckendes Beispiel oder wertvolle Erfahrungen?

Durch eine Revolution gewinnt das Proletariat die Möglichkeit – aber eben auch nur die Möglichkeit – neue Produktionsverhältnisse zu schaffen. Die geschichtliche Erfahrung lehrt uns, dass es nicht das Schwierigste ist, die alten Klassen zu stürzen, sondern die Verhältnisse zu zerstören, auf deren Grundlage sich wieder ein Ausbeutersystem errichten kann. Mit seiner profunden Kenntnis der ökonomischen Verhältnisse in der Sowjetunion und einer präzisen Argumentationsweise gelingt es Bettelheim überzeugend nachzuweisen, dass es falsch ist, Kapitalismus mit Markt und Sozialismus mit Planwirtschaft und Verstaatlichung gleichzusetzen. Eine Gleichsetzung der UdSSR mit „Revolution“ unterstelle nämlich, dass jeder Versuch einer radikalen sozialen Emanzipation unweigerlich in die Diktatur einer Einheitspartei führen müsse.

Alle, die sich nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen und sich mit den herrschenden Zuständen nicht abfinden wollen, können sich mit solchen Erklärungen nicht zufriedengeben. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Krise des Kapitalismus verschärft und die Widersprüche dieser Wirtschaftsweise immer offener zutage treten. So bitter die Niederlage der Arbeiterklasse auch gewesen ist, so kann uns die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen des ersten Versuches, die Idee vom Sozialismus in die Praxis umzusetzen, als wertvolles Lern- und Anschauungsmaterial dienen, um möglichst frei von überholten Kategorien und ideologischen Scheuklappen neue Visionen, Strategien und Modelle für die Zukunft zu entwerfen.

Dazu eignet sich Bettelheims Werk „Die Klassenkämpfe in der UdSSR“, das darüber hinaus Aufschlüsse über menschliche Verhaltensweisen bietet. Eine deutsche Fassung des ersten Bandes (1917–1923) ist nur mehr über Antiquariate erhältlich, die deutsche Erstübersetzung des dritten und vierten Bandes (1930-1941) ist 2016 im Verlag „Die Buchmacherei“ erschienen. Nach Meinung der Autorin ist jedoch der erste Band spannender zu lesen, was wohl auch daran liegt, dass in den Anfangsjahren der Revolution, die er behandelt, noch um die Richtung gerungen wurde, während sie in den späteren Jahren bereits vorgezeichnet war.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 61/2017