Gespräch mit Barbara Pichler und Andrea Mayrhofer, Dialog St. Georgen PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Barbara Pichler
und Andrea Mayrhofer

Dialog St. Georgen



TT: Worum geht es in eurem Projekt? Was sind eure Ziele?

Barbara: Als Ziel würde ich bezeichnen, dass es möglichst wenige Spannungen zwischen den Bewohnern und Bewohnerinnen der Erstaufnahmestelle Thalham und der Bevölkerung des Ortes St. Georgen gibt. Die Einrichtung gibt es bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zuerst war sie eine Lungenheilanstalt für Flüchtlinge und dann ein Flüchtlingslager. So haben die Menschen dort alle Flüchtlingsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg hautnah miterlebt. Erst als sie dann in eine Erstaufnahmestelle umgewandelt worden ist, hat es plötzlich einen Schranken gegeben und auch eine Polizeistation wurde eröffnet. Die Menschen haben nicht mehr gewusst, was drinnen passiert, und dachten, wenn die Polizei dort sein muss, muss es auch gefährlich sein.

TT: Wie war es vor der Umwandlung in eine Erstaufnahmestelle?

Barbara: Die Nachbarn erzählen uns immer, dass sie damals zum Kinderspielplatz ins Lager gegangen sind. Doch dann wurden die Menschen getrennt, und diese Trennung hat Unsicherheit erzeugt. Damit hat auch der Widerstand gegen das Lager begonnen. Plötzlich hat es Demos gegeben, eine Autobahnsperre wurde angekündigt. Deshalb sah sich das Innenministerium gezwungen, etwas tun, und so ist unser Projekt 2006 entstanden. Seitdem versuchen wir mit ganz unterschiedlichen Mitteln, zuerst einmal aufzuklären und Konflikten vorzubeugen, und, falls es doch zu Konflikten kommt, hinzugehen und zu vermitteln – als Brücke zwischen der Einrichtung und dem Ort.

Andrea: Auf der einen Seite sind wir eine Anlaufstelle für die St. Georgener Bevölkerung sowie für die Gemeindefunktionäre, Kaufleute, Lehrer, Schuldirektoren oder die Pfarre.

Auf der anderen Seite gehen wir zu den Leuten hin. Oft ist es ja so, dass sich jemand über etwas ärgert, aber keinen Schritt unternimmt, um an der Situation etwas zu ändern, und mit seinem Frust daheim sitzen bleibt. Da schreiten wir in Form von aufsuchender Sozialarbeit ein. Wir gehen zu den Leuten und fragen immer wieder nach, wie es ihnen geht, ob es irgendwelche Vorfälle gibt oder ob sie Fragen haben. Am Anfang war die Skepsis recht groß. Es hat Jahre gedauert, bis wir das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen konnten und die Leute erkannt haben: Die interessieren sich wirklich ernsthaft für uns. Inzwischen konnten wir ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufbauen und sie trauen sich, Fragen zu stellen. Sie fragen zum Beispiel, warum jetzt so viele afrikanische Flüchtlinge da sind. Den Krieg in Syrien hat man ja durch die Medien mitbekommen, bei den Menschen aus Afrika ist halt schnell das Bild vom Wirtschaftsflüchtling da. Da wenden sie sich dann an uns und wollen mehr über die Hintergründe erfahren. Und dann sind wir schon mittendrin in der Thematik.

TT: Mit welchen Problemen kommen die Leute zu euch?

Andrea: Auf der einen Seite sind es oft Ängste. Letztes Jahr waren zum Beispiel viele Flüchtlinge aus Nigeria da. Das hat die Menschen verunsichert, weil die Afrikaner durch ihr Aussehen mehr auffallen. Man darf nicht vergessen, wir sind eine Landgemeinde, wo man das nicht gewohnt ist. Da fällt uns die Aufgabe zu, die Leute zu beruhigen.

Barbara: Oft ist es auch so, dass sich die Menschen nicht verständigen können, manche können nicht so gut Englisch. Da bietet dann die Kommunikation jede Menge Interpretationsspielraum, so dass die Emotionen schnell hochgehen können und es zu einem Konflikt kommt.

Andrea: Es sind oft nur Kleinigkeiten, zum Beispiel auf dem Postamt oder im Geschäft. Ein Asylwerber kauft eine SIM-Card und fragt um Hilfe bei der Aktivierung des Tarifs. Der Verkäufer hat aber Stress und keine Zeit, es ihm zu zeigen, und will ihn deshalb loswerden. Der Asylwerber denkt, der Verkäufer ist ihm feindlich gesinnt und diskriminiert ihn. In solchen Alltagssituationen, die für beide Seiten unbefriedigend sind und ungelöst bleiben, versuchen wir zu vermitteln.

Barbara: Oder wenn ein Fahrrad oder etwas aus einem nicht abgesperrten Auto gestohlen wird – das kommt halt ab und zu vor. Dann wird recht schnell angenommen, dass es Asylwerber waren. Und wenn dies wirklich der Fall ist, schauen wir, dass die Kommunikation zwischen der Polizei, der Erstaufnahmestelle und den Betroffenen funktioniert und keiner frustriert zurückbleibt. Man hat in der Emotion oft überzogene Erwartungen hinsichtlich der Konsequenzen, die so ein Diebstahl nach sich zieht, und denkt: „Den will ich nicht mehr sehen, der muss sofort eingesperrt und abgeschoben werden.“ Diese Einstellung hat sich durch die mediale Berichterstattung in den letzten Jahren entwickelt. Wir versuchen dann, die Erwartungen in realistische Bahnen zu lenken und ihnen zu erklären, was ein Rechtsstaat ist, was dazu gehört und was für einen Sinn es hat, dass es ein Verfahren gibt.

TT: Wie sind die Reaktionen der Bevölkerung?

Barbara: Durch unsere Beziehungsarbeit hat sich etwas in der Gemeinde entwickelt. Das Misstrauen, dass uns am Anfang entgegengebracht worden ist, ist langsam abgebaut worden. Oft ist es so, dass man auf Widerstand stößt und jemand sagt: „Was wollt ihr überhaupt? Wir können uns unser Problem selbst lösen!“ Wir merken aber, diese Person kocht. Dann lassen wir sie erst einmal in Ruhe, gehen aber immer wieder hin und versuchen, allmählich eine Beziehung aufzubauen. Wir reden dabei aber nicht immer über das eine Thema, sondern fragen sie ganz allgemein, wie es ihnen so geht. Oft kommen die Leute erst nach Jahren zu uns mit Fragen wie: „Gestern habe ich etwas in den Nachrichten gehört, stimmt das?“

Andrea: Das sind Reaktionen auf einen direkten Anlass. Heute waren wir unterwegs, um Werbung für unsere nächste Veranstaltung zu machen. Da haben wir das positive Feedback bekommen, dass wir mit unseren Veranstaltungen immer am Ball bleiben. Durch unsere Gespräche bekommen wir ja mit, mit welchen Themen sich die Leute im Ort beschäftigen, und dann laden wir einmal jemanden ein, um darüber einen Vortrag zu halten. Im Wahlkampf konnte man gut beobachten, wie sich die Ausdrucksweise verändert hat. Damit möchten wir uns am 15. Februar beim Gesprächsabend „Stolperstein Sprache“ mit der Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak auseinandersetzen.

Barbara: Ich habe den Eindruck, dass die Leute bis oben hin mit politischen Informationen gesättigt sind. Oft hört man: „Das kann ich nicht mehr hören, lasst mich damit in Ruhe!“ Wenn man jedoch inhaltlich in die Tiefe geht, stellt man häufig fest, dass das Wissen fehlt. Die Informationen kommen nicht an, was übrig bleibt, sind Emotionen.

Andrea: Mittlerweile haben wir ein Stammpublikum, das es sehr zu schätzen weiß, dass wir qualitativ hochwertige Veranstaltungen auf die Beine stellen. Es ist für eine Landgemeinde ja nicht selbstverständlich, dass solche Gäste kommen. Natürlich erreichen wir damit nur eine gewisse Zielgruppe, aber die schätzt unser Angebot und nutzt es gerne. Die anderen versuchen wir auf andere Art und Weise zu erreichen, deshalb haben wir ein sehr breites Spektrum an Aktivitäten. Zum einen machen wir Streetwork, dann gibt es den Nachbarschaftsgarten neben der Pfarre, wo wir einmal in der Woche mit den Asylwerbern arbeiten. Da kommen auch immer wieder Passanten vorbei, die wir ansprechen können. So versuchen wir möglichst breitflächig unsere Fühler auszustrecken und mit den Menschen in Kontakt zu kommen.

TT: Welchen Eindruck habt ihr von der Stimmung im Ort?

Barbara: Jede mediale Auseinandersetzung, jeder Wahlkampf, jeder sonstige Skandal ist in den Gesprächen spürbar. Am Anfang unserer Arbeit haben wir nach jedem negativen Zeitungsartikel mit der Vermittlungsarbeit wieder bei Null anfangen müssen. Das ist jetzt nicht mehr so. Wirklich. Ich habe das Gefühl, die Leute können ihre Nachbarschaft mit der Erstaufnahmestelle jetzt einfach realistischer einschätzen und ein Zeitungsartikel ruft nicht mehr so große Aufregung hervor. Dasselbe gilt auch bei Wahlkämpfen oder wenn etwas im Ort passiert – ein Diebstahl oder was auch immer.

TT: Wie geht ihr damit um, wenn ihr mit Vorurteilen konfrontiert werdet?

Barbara: Wir fragen mehr nach, als Antworten zu geben. Ich frage: Hast du selbst diese Erfahrung gemacht? Hast du das gehört? Um wie viele Ecken hast du das gehört? Wie sicher bist du, dass es sich wirklich so zugetragen hat? So zerstreuen sich die Vorwürfe oft sehr schnell. Wer so lange in diesem Bereich arbeitet wie wir, kann auch gut aus eigener Erfahrung berichten, und das tun wir auch, denn es ist am glaubwürdigsten, wenn ich erzählen kann, was ich selbst erlebt habe.

Andrea: Wir hören immer wieder mal, dass sich 2015 auch Attentäter unter die Flüchtlinge gemischt haben. Ja, das stimmt, es sind schlimme Sachen passiert, aber mein Eindruck ist, dass so etwas nicht an der Tagesordnung ist und es sich um Einzelfälle handelt. Ich betone auch immer, dass die Polizei diese Menschen ausforscht und wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert sind. Wir versuchen, einen Gegenpol zu schaffen mit unseren Veranstaltungen, wo die Leute mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen können. Jedes Jahr haben wir zum Beispiel ein Gartenfest im Nachbarschaftsgarten. Wenn ich mit einem Menschen, den ich vielleicht schon öfter im Ort gesehen habe, gesprochen habe, ändert sich meine Wahrnehmung. Es sind viele kleine Schritte.

TT: Was haltet ihr von der Idee, die Flüchtlinge abzuschotten und in „konzentrierten“ Lagern unterzubringen?

Barbara: Dazu kann ich nur sagen: Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine Unterbringung in kleineren Einheiten besser funktioniert. Über die Formulierung dieser Ankündigung werden wir wahrscheinlich in unserer nächsten Veranstaltung reden. Ich denke jedoch, dass es nicht hilfreich ist, die Tagespolitik zu kommentieren, weil unser Ziel ein langfristiges ist. Wenn man langfristig denkt, braucht man einen langen Atem. Wenn ich auf jede Ankündigung sofort reagiere, geht mir der Atem aus. Bei unserer Arbeit haben wir keine Perspektive von einem Jahr, oder zwei oder drei Jahren, sondern eine langfristige. Unsere Arbeit wirkt langsam, aber sie wirkt. Dadurch sind wir relativ unabhängig vom politischen Tagesgeschehen.

Andrea: Man muss abwarten, ob es so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Die Politik will ja oft zeigen: „Wir tun etwas, wir verändern etwas.“ Viele Ankündigungen können jedoch gar nicht umgesetzt werden, entweder weil die Maßnahme nicht machbar ist, oder weil die politische Einigkeit fehlt oder Bund und Länder sich nicht einigen können.

TT: Aber wenn man nicht darüber redet, erweckt man da nicht den Eindruck, dass man damit einverstanden ist?

Barbara: Nicht auf den Alarmismus zu reagieren und nicht darüber zu sprechen, sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich muss nicht immer tagespolitisch reagieren, aber aufklären und sprechen, das tun wir immer. Permanent.

TT: Gibt es etwas, worauf ihr besonders stolz seid?

Andrea: Ein Asylwerber, der lange in St. Georgen gelebt und uns bei den Veranstaltungen geholfen hat, hat subsidiären Schutz bekommen und ist wie viele andere nach Wien gezogen, weil es auf dem Land ohne Auto sehr schwierig ist, Wohnung und Arbeit zu finden. Vor Weihnachten hat mich dann ein St. Georgener angerufen, dass eine Familie einen Hausmeister sucht. Da ist mir dieser Mann eingefallen. Ich habe ihn angerufen, und er war tatsächlich interessiert. Er hat sich mit den Arbeitgebern getroffen und sie waren sich sympathisch. Vor einer Woche hat er mit der Arbeit angefangen und der erste Eindruck war sehr positiv. Umgekehrt hat mir die Anrainerin eines Parks, wo die Asylwerber im Sommer gerne sitzen und es manchmal Probleme wegen Lärmbelästigung gibt, erzählt, dass ihr klar geworden ist, dass es nicht viel bringt, immer nur zu schimpfen. So hat sie angefangen, „Hallo“ zu sagen und sich bemerkbar zu machen, sobald sie nach Hause kommt. Das hat dazu geführt, dass die Asylwerber sich bemühten, sie nicht zu stören, und so wurde ein Umgang mit der Situation gefunden.

Barbara: Leute, die früher nichts mit uns zu tun haben wollten, tauschen inzwischen mit den Flüchtlingen Kochrezepte aus, stellen Fragen und zeigen Interesse. Es ist wie ein Puzzle aus ganz vielen kleinen Teilen.


Kurz vor Redaktionsschluss haben wir erfahren, dass dieses interessante und wichtige Projekt nicht mehr weiterfinanziert wird und es dieses Angebot deshalb in St. Georgen bald nicht mehr geben wird.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 63/2018