Gespräch mit Pfarrer Alois Dürlinger PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Pfarrer Alois Dürlinger

Sprecher der Erzdiözese Salzburg in Asyl- und Flüchtlingsangelegenheiten

„Es gibt keinen Zaun und keine Mauer, um jene Menschen abzuhalten, die sich in wirklicher Not befinden, denen der Hungertod oder der Tod durch Krieg droht. Das wissen alle, trotzdem verspricht man das Heil durch Zäune und Ausgrenzung. Doch eines steht fest: Wer aussperrt, sperrt auch ein!“


TT: Sie sind Sprecher für Flüchtlingsfragen in der katholischen Kirche Salzburg. Welche Botschaft möchten Sie in dieser Funktion vermitteln?

Alois Dürlinger: Meistens sind meine Botschaften anlassbezogen, aber die Grundbotschaft ist: Wir haben Jahre hinter uns – das Jahr 2015 und das Jahr 2016 – die als die großen Jahre der Flucht beschrieben werden. Das waren sie auch wohl, doch man muss dazu sagen, dass das Land Salzburg gemessen an seiner Bevölkerung nie mehr als ein Prozent Flüchtlinge beherbergt hat, meistens lagen die Zahlen eher darunter. Es waren objektiv gesehen also nie unbewältigbare Größen. Das Problem wurde aber aufgeblasen und übertrieben dargestellt, und das wird es bis heute. Meine Botschaft lautet daher, es beim Maß der Dinge zu belassen und im Blick auf das, was ist, das Mögliche zu tun. Ein Leitgedanke von mir ist: „Sehen, was sich tun lässt, und tun, was sich sehen lässt.“

TT: Sie haben in Ihrer Pfarre auch selbst Asylwerber aufgenommen. Was waren Ihre Beweggründe und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Alois Dürlinger: Die Beweggründe sind einfach. Wenn Menschen in Not sind, ist es für mich aus Humanität und auch aus christlicher Nächstenliebe eine Pflicht, zu helfen, und zwar in Wort und Tat. Das waren die Beweggründe für mich und auch für die Mitglieder des Pfarrgemeinderates. Die Erfahrungen mit den schutzsuchenden Menschen sind über die dreieinhalb Jahre hinweg durchwegs positiv. Es gab keinen einzigen nennenswert groben Zwischenfall von Gewalt oder dergleichen.

Wir haben ein schönes Quartier mit guter Betreuung, und ich glaube, das ist schon das Geheimrezept dafür, Probleme zu vermeiden. Probleme gibt es ja meistens dort, wo schlechte Quartiere voll gepfercht sind. Bei einer normalen Unterbringung wie bei uns in St. Veit und Goldegg ist es im Wesentlichen unproblematisch, noch dazu wenn man bedenkt, dass in den beiden Pfarren in der Höchstzeit bis zu 50 Personen untergebracht waren, und zwar – mit Ausnahme zweier Familien – lauter junge Männer. Dass die in dieser Situation so harmonisch zusammenleben, ist bewundernswert.

Das waren die Erfahrungen mit den Flüchtlingen selbst, die Probleme waren jedoch anderer Natur. Die Reaktionen in der Bevölkerung reichten von großer Hilfsbereitschaft bis zu großer Ablehnung. Ein Teil hat es nicht gerne gesehen, dass wir überhaupt Flüchtlinge im Ort haben. Die Anfeindungen waren nicht nur persönlich, sondern es wurden auch Gerüchte gestreut – wir kennen die ganze Palette. Vom Gerücht mit den teuren Handys, die den Flüchtlingen angeblich geschenkt werden, war nicht nur die Caritas betroffen, auch uns wurde vorgeworfen, dass wir sie mit Geschenken überschütten.

Dem ist nicht so. Die ganze Grundversorgung mit 21,50 Euro pro Tag für eine Person ist ein überschaubares Projekt. Das ist alles sehr transparent, doch man hat es von Seiten derer, die prinzipiell gegen eine Aufnahme von Asylsuchenden sind, mit Geheimnissen und Gerüchten garniert, um damit Stimmung gegen die Flüchtlinge zu erzeugen. Diese Gerüchte gehen meistens von denjenigen aus, die kaum Kontakte mit diesen Menschen haben. Ich sage gern: Fünf Prozent der Bevölkerung engagieren sich tatkräftig, dafür gibt es 95 Prozent Experten.


Pfarrer Alois Dürlinger mit einigen seiner Schützlinge (ORF Salzburg)

TT: Wie kann man diese Gerüchte widerlegen?

Alois Dürlinger: Am besten durch Erfahrung. Wenn man sich den Menschen, die einem so unheimlich sind, nähert und in Kontakt zu ihnen tritt, zerstreuen sich diese Gerüchte bald. Sie sind im Wesentlichen substanzlos, was nicht heißt, dass es nicht auch Problemfelder gibt. Ein Beispiel ist das Drogengeschäft, das jedoch schon viel länger existiert als die großen Fluchtbewegungen. Dass es dort und da neu entfacht wurde und es auch unter Asylwerbern Menschen gibt, die Drogen konsumieren und damit handeln, ist eine Tatsache. Doch wenn man die Fakten Fakten sein lässt, erscheint das alles in einem ganz anderen Licht.

TT: Bei den Wahlen haben gerade die Parteien mit der schärfsten Rhetorik gegen Flüchtlinge viel Zustimmung von der Bevölkerung bekommen. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?

Alois Dürlinger: Populistische Politik braucht Feindbilder. Wo mit Feindbildern gearbeitet wird, ist Angst die treibende Kraft. Ich habe es schon in einem Fernsehinterview gesagt: Momentan werden die Ängste bewirtschaftet und nicht gelindert. Eine Politik der Angst braucht Vokabeln wie: Flut, Welle – Worte der Bedrohung. Man braucht aber auch Begriffe wie Festung Europa, Stacheldraht, Mauern, wohl wissend, dass es keinen Zaun und keine Mauer gibt, um jene Menschen abzuhalten, die sich in wirklicher Not befinden, denen der Hungertod oder der Tod durch Krieg droht. Das wissen alle, trotzdem verspricht man das Heil durch Zäune und Ausgrenzung. Doch eines steht fest: Wer aussperrt, sperrt auch ein. Auf diesem Hintergrund arbeitet populistische Politik quer durch ganz Europa mit Ängsten. Diese Politik braucht Feindbilder, und die Flüchtlinge sind momentan das gängigste und brauchbarste Feindbild. Doch man denke nur weiter: Wenn die Flüchtlinge alle weg sind – was nie so sein wird –, wer wird dann das nächste Feindbild sein, damit diese Art von Politik, die mit Ängsten arbeitet, funktioniert?

TT: Viele Flüchtlinge und ihre Unterstützer*innen fühlen sich angesichts der aktuell herrschenden erbarmungslosen Abschiebepolitik verzweifelt und hilflos …

Alois Dürlinger: Die Hilflosigkeit teile ich, die spüre ich auch momentan ganz massiv. Dass man Menschen aus Europa, aus Österreich, in der jetzigen Situation nach Afghanistan abschiebt, ist eine Schande! Wie glaubhaft berichtet wird, hält sich dort hartnäckig das Gerücht, dass nur Flüchtlinge aus Europa abgeschoben werden, die sich hier Verbrechen zu Schulden kommen haben lassen – was natürlich nicht stimmt. Es gibt den Verdacht, dass nur die schlechtesten und die Versager zurückgeschickt werden. Dementsprechend werden diese Menschen dort in Empfang genommen: Es droht ihnen Haft, es drohen ihnen Repressalien. Es werden Menschen nach Afghanistan abgeschoben, die dieses Land noch nie betreten haben, weil ihre Eltern in den Iran geflüchtet waren und sie dort geboren sind. Dari und Farsi sind zwei Sprachen, die einander ähneln aber nicht gleich sind. Die Sprache verrät, wo ein Mensch aufgewachsen ist. So ist der Afghane im Iran rechtlos, nicht willkommen und wird zurückgeschoben nach Afghanistan, wo er erst recht wieder als im Iran Geborener diskriminiert wird. Dann gibt es noch das Problem der Volksgruppe der Hazara, die sowohl in Afghanistan als auch im Iran irrationale Ablehnung erfährt. Das ist aber nur das afghanische Beispiel.

Dergleichen gibt es in Afrika Dutzende Beispiele, wo Menschen in dem Land, in dem sie leben müssen, bedroht und als Flüchtlinge nicht gern gesehen sind. Man muss dazu sagen – mit großem Rufzeichen!!! – den Riesenanteil der Flüchtlinge nehmen arme und ärmste Länder auf, und nur einen kleinen Bruchteil der Flüchtlinge beherbergt der Westen und der Norden. Groteskerweise stöhnen die reichen Länder am meisten unter der angeblichen Last der Flüchtlinge.

Wenn wir nach Österreich zurückkommen: Die Zahl der Flüchtlinge ist momentan ja sehr überschaubar. Wer es wissen will, der weiß, dass wir die Migranten und Migrantinnen, die derzeit im Land sind – überwiegend junge Menschen – wirklich brauchen. Der Arbeitsmarkt sucht dringen Lehrlinge und Fachkräfte. Aber das momentan zuzugeben und in politische Maßnahmen umzusetzen ist eben zurzeit nicht salonfähig und hat unter einer populistischen Politik der Angst keinen Platz.

TT: Inwieweit ist Europa für die Flüchtlingsbewegungen verantwortlich?

Alois Dürlinger: Ich war vor zwei Jahren in Marokko. Dort wurde offen kommuniziert, dass die ganze Nord- und Westküste Afrikas auch durch europäische Fangflotten leer gefischt wird. Wenn die einheimischen Fischer ihre Lebensgrundlage verlieren und nach Europa kommen, wird dann gesagt, das sind Wirtschaftsflüchtlinge. Wenn man ihnen kurz zuvor das Meer vor der eigenen Haustüre leer gefischt hat, darf man sich aber nicht wundern, wenn die Menschen nach Europa kommen! Das ist ein offenkundiger Zusammenhang.

Die Waffenlieferungen sind eine weltweite Katastrophe. Salopp ausgedrückt: In Afrika gibt es keine Waffenfabriken, dafür aber Massen von Waffen. Wenn es diese nicht vom Himmel regnet, müssen sei von irgendwoher kommen. Jede Waffe hat eine identifizierbare Punze, und wenn man will, kann man es leicht erforschen, woher die ganzen Waffen kommen: Amerika, Russland, Deutschland, Frankreich, England und andere sind die riesigen Waffenproduzenten, aber selbst das kleine Land Österreich hat eine Waffenindustrie.

Die bei mir wohnenden syrischen Flüchtlinge haben auf die Frage, wann denn hoffentlich der Krieg zu Ende sein wird, ganz präzise geantwortet: Dieser Krieg ist noch lange nicht zu Ende, denn viel zu viele Leute wollen nicht, dass dieser Krieg zu Ende geht. Es gibt Schätzungen, wie viel der Krieg in Syrien pro Tag kostet. Wenn der Krieg diese Summe pro Tag kostet, muss dieses Geld, das da trauriger Weise hinein investiert wird, auch irgendwer in Empfang nehmen. Krieg war immer ein Geschäft für eine gewisse Gruppe, und ein großes Elend für die anderen. Den Krieg haben noch nie diejenigen Menschen geführt, die ihn losgetreten haben. Es gibt immer Auslöser, die Interesse am Krieg haben, und solche, die ihn führen und erleiden müssen, das sind die Opfer. Der Krieg und der Waffenhandel sind schmutzige aber gute Geschäfte. Und solange es eine Waffenproduktion gibt, wird es auch Kriege geben.

TT. Wie kann man auf folgendes Argument reagieren: Wir können ja nicht alle aufnehmen?

Alois Dürlinger: Diese Gefahr besteht ja ohnehin nicht, weil Europa sich immer mehr abschottet. Mir wurde auch oft dieser Vorwurf gemacht, und man sagt „deine Flüchtlinge“. Darauf erwidere ich: „Was heißt, meine Flüchtlinge? Ich war nicht mit Autobussen in Syrien, um sie abzuholen, sie waren da.“ Und das ist die Stunde der Bewährung: Es geht darum, hier das Mögliche und Notwendige zu tun, alles andere ist nur ein Mechanismus der Ablenkung.

TT: Man hört oft: Bei uns gibt es auch arme Menschen, man sollte zuerst ihnen helfen. Was sagen Sie dazu?

Alois Dürlinger: Armut hat kein Etikett. Ich bin auch der Meinung, dass armen Österreicher*innen geholfen werden muss. Doch denen wird auch geholfen. In Österreich gibt es Gott sei Dank ein soziales Netz, das Menschen auffängt. Hier muss niemand hungern, niemand muss im Winter erfrieren. Es gibt zwar Obdachlose, die nicht bereit sind, die Hilfe einer Einrichtung anzunehmen. Es ist eher die menschliche, psychische Not, die dahinter steckt. In Österreich ist für das Notwendigste für jeden Menschen gesorgt, und dafür gehört auch gesorgt. Aber das gleiche Recht hat auch jeder Fremde – Mensch ist Mensch!

TT: Wie Sie schon erwähnt haben, gibt es auch Flüchtlinge, die kriminell sind und die Probleme verursachen …

Alois Dürlinger: Es dürfte gesichert sein, dass es einen gewissen Prozentsatz in jeder Bevölkerung gibt, der schwer sozial zu integrieren ist. Das ist in Europa, auf dem afrikanischen Kontinent und wohl auf der ganzen Welt so. Deshalb darf man annehmen, dass unter den Flüchtenden auch ein gewisser Prozentsatz schwer integrierbarer Menschen ist. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen, die gelten für Einheimische wie für Flüchtende. Ein Generalverdacht ist aber immer ablenkend. Zum Beispiel die Sylvesternacht in Köln. Übergriffe auf Frauen oder Jugendliche, die sich nicht wehren können, sind zu verurteilen. Das betrifft aber denjenigen, der so etwas tut, und nicht pauschal eine ganze Gruppe. Daraus abzuleiten, jeder Flüchtling sei ein potenzieller Gewalttäter, stimmt einfach nicht. Ich denke, dass die Europäer am Oktoberfest – je nach Bierkonsum – auch nicht so zimperlich sind. Davon hört man aber nur wenig.

TT: Ein weiteres Argument lautet, sie wollen immer mehr, sie stellen immer nur Forderungen...

Alois Dürlinger: Es liegt wohl in der Natur des Menschen, zu versuchen, das Mögliche aus einer Situation herauszuholen. Und man darf nicht vergessen, dass sich unter den Flüchtenden auch Menschen befinden, die in ihrem Leben noch nie Bargeld zur Verfügung hatten, zum Beispiel wenn sie im Hinterland von Afghanistan unter einfachsten Umständen aufgewachsen sind. So jemand muss erst lernen, mit unserem Lebensstil umzugehen. Und nach Erlangung des Bleiberechts ein paar Hundert Euro Mindestsicherung zu bekommen – auch das muss gelernt sein. Leider können ja auch nicht alle Österreicher mit dem Geld umgehen. Dass von Anfang an nicht immer alles problemlos und wie am Schnürchen funktioniert, ist einleuchtend. Aber wenn jemand zum Beispiel eine Wohnung ablehnt, muss man ihm genau erklären, wo die Grenze zwischen zumutbarer und unzumutbarer Wohnsituation ist. In den großen Städten werden dreckige und feuchte Löcher zu Wucherpreisen an viele vermietet, das ist verwerflich. Aber ein Wohnen, das einem Österreicher zumutbar ist, ist auch einem Asylberechtigten zumutbar, das gehört ganz klar kommuniziert.

Aber manche wollen ihnen ja nicht einmal das gönnen. Wir hatten die Diskussionen wegen der Handys. Das erste Handy bringen sie ja schon von der Flucht mit. Smartphones, die bei uns sehr teuer sind, sind im Iran oder in Afghanistan zu überschaubaren Preisen erhältlich. Die nächsten Handys haben sie hier bekommen. Nicht von der Caritas, aber wir haben Spenden bekommen, und wenn ihr altes Handy kaputt war und sie selbst ein wenig gespart hatten, habe ich ihnen sehr wohl einen Zuschuss gegeben, damit sie wieder ein Handy haben – das Handy ist für sie die einzige Kontaktbrücke zu ihren Familien und somit nach dem Essen das Allerwichtigste! Aber ein Handy ist sichtbar und wird damit wieder zum Objekt der Neiddebatte.

TT: Diese Frage wurde Ihnen schon öfter gestellt, wir stellen sie trotzdem. Tut die Kirche ihrer Meinung nach genug oder könnte sie mehr tun?

Alois Dürlinger: Genug ist es nie. Die Kirche und ihre Vertreter in den Pfarren haben sicher nicht alles ihnen Mögliche getan, das ist ein Faktum. Je nach Einsicht und Bereitschaft wurde da und dort großherzig geholfen, da und dort mittelmäßig und da und dort gar nicht. Ich glaube, es gibt innerhalb der Kirche das ganze Spektrum von Einstellungen zu diesem Thema wie beim Rest der Bevölkerung, leider Gottes!

Manche, die die Heilige Schrift gut kennen, sagen, sie hätten Angst. Wovor? Vor den flüchtenden Menschen? Manche Priester sind selbst ängstlich, manche haben Angst vor den Menschen in der Pfarrgemeinde, weil sie fürchten, sie könnten dieses Engagement ablehnen, und halten sich deshalb bedeckt – man hat eben die Menschen, die man hat, und nicht die, die man gerne hätte. Auch in der Kirche ist das so.

Man darf aber nicht vergessen: Die Caritas ist zwar eine Organisation der katholischen Kirche, aber sie muss das ganze große Projekt der Flüchtlingsbetreuung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten abwickeln, weil da auch staatliches Geld im Spiel ist. Deshalb wirft man der Caritas oft vor, sie seien Mitspieler, die an den Flüchtlingen verdienen wollen. Eine Großorganisation muss aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten handeln, aber was die Caritas getan hat und tut, tut sie als Teil der Kirche. Darüber hinaus haben die Pfarren zur Hilfe aufgerufen. Bei den ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen gibt es ein breites Spektrum unterschiedlichster Leute. Es gab Helfergruppen, da waren kaum kirchliche Leute dabei, auch andere Glaubensgruppen – etwa die Evangelische Kirche oder die Muslimische Jugend – waren sehr aktiv und tätig. Jede helfende Hand und jeder tolerante Geist war und ist kostbar. Wer hilft, hilft, aus welchem religiösen oder nicht religiösen Hintergrund auch immer. Und wer nicht hilft und Schutzsuchende ablehnt, dem hilft auch der größte religiöse Hintergrund nicht, weil er dort offenbar nicht auf den nötigen fruchtbaren Boden gefallen ist.

Zusammenfassend: Gott zu lieben und die Menschen nicht zu lieben und ihnen nicht zu helfen, das funktioniert nicht. Die Heilige Schrift und der Christliche Glaube leben nämlich durch das Wort und die Tat. Wo dies ineinander greift, geschieht viel Gutes, wo dies auseinanderdriftet – hier Bekenntnis und dort mangelnde Konsequenzen –, da ist eine Weiche falsch gestellt worden.

TT: Was kann man der Angst- und Neiddebatte entgegensetzen?

Alois Dürlinger: Vor kurzem war im Fernsehen ein Interview mit einem Strategie- und Motivforscher, das sehr erhellend war. Es gilt als gesichert, dass man Positionen, die im öffentlichen Diskurs vorhanden sind, mit Fakten nicht ändern kann. Das ist eine bittere Erkenntnis. Wir meinen ja, die Fakten seien das kräftigste, das wir in Händen haben. Fehlanzeige! Der Forscher sagt, man muss auf Umwegen Emotionen erzeugen – in diesem Fall positive Emotionen.

Er hat das Beispiel der Raucherdebatte genommen. Wenn man die Fakten, die von Ärzten vorgelegt werden, zur Kenntnis nimmt, müsste morgen das Rauchen in Lokalen verboten werden. Mit diesen Fakten gewinnt man jedoch nichts. Oder das Beispiel der Schnellfahrerdebatte. Jedes Kind begreift, dass das Unfallrisiko steigt, wenn man rast. Dennoch ändert diese Erkenntnis nichts am Fahrverhalten.

Übertragen auf das Asylthema: Ich bin überzeugt, dass die Aufnahme von Asylwerbern der Wirtschaft eines Landes nicht schadet – die Menschen, die zu uns kommen, leisten Arbeit, sie stiften Arbeit und sie bringen, auch wenn sie ohne Geld kommen, die Volkswirtschaft in Schwung. Wir zum Beispiel haben ein Stockwerk renoviert. Damit ist Geld in Umlauf gekommen und es wurden eineinhalb Arbeitsplätze geschaffen. Dann heißt es: Aber es ist ja das Geld von uns Österreichern! Ja sicher, aber es macht einen Unterschied, ob das Geld auf dem Konto der Pfarre liegt oder in Bewegung gebracht wird.

Wenn unsere Regierenden und Gestaltenden mehr Einsicht hätten, gäbe man denen, die da sind, für die Dauer ihres Asylverfahrens die Möglichkeit zu arbeiten. Vielleicht würden nur 30 Prozent diese Möglichkeit nützen, aber diese 30 Prozent brauchen keine Grundversorgung und bezahlen – selbst wenn sie nur Lehrlinge sind – ins Sozialsystem ein. Aber das passt nicht zur Strategie der momentan vorherrschenden populistischen Angstpolitik. Weil man dann sagen könnte: Hier ist ein Asylwerber, der schneidet mir die Haare, das ist doch gar nicht so schlecht, wie man sagt. Aber man will die Ressentiments aufrecht halten und behaupten, das sei alles gefährlich. Doch damit schaden wir uns selbst.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 64/2018