Gespräch mit Astrid Stockinger, fairmatching Salzburg PDF Drucken E-Mail

 

fairMATCHING: Integration durch Arbeit

Gespräch mit Astrid Stockiner und Fuad aus Syrien

„FairMatching hat mir wirklich sehr geholfen. Hier wurde mir erklärt, wie das System in Österreich funktioniert. Das habe ich vorher nicht gewusst, weil das System bei uns in Syrien ganz anders ist. Ich wusste nur, ich will arbeiten.“


TT: Seit wann gibt es FairMatching? Wie ist der Verein entstanden?

Astrid: Unser Verein wurde im Mai 2016 gegründet. Mit der großen Fluchtbewegung sind viele Menschen nach Österreich gekommen, die Arbeit suchen. Da im CoWorking-Space viele Branchen vertreten sind und wir gute Kontakte haben, stand die Frage im Raum, wie wir diese Menschen bei der Arbeitssuche unterstützen können. Bis Ende 2017 haben wir diese Arbeit hauptsächlich ehrenamtlich gemacht und zwar Förderungen beantragt, aber nicht genügend Mittel für Anstellungen gehabt. Erst seit 2018 können Arbeitsstellen finanziert werden und nun ist Katrin Gerschpacher, die seit Beginn dabei ist, eingestellt und es konnten zusätzlich zwei weitere Teilzeitstellen geschaffen werden. Ich selbst bin jetzt mit 20 Stunden angestellt. Seit Februar 2018 bekommen wir vom AMS Arbeitssuchende zugewiesen, da wir mehr Möglichkeiten haben, die Arbeitsuchenden individueller zu betreuen, als die AMS-Betreuer*innen.

TT: Wer ist eure Zielgruppe?

Astrid: Unsere Zielgruppe sind anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte. Wir brauchen einfach eine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis, weil alles sonst zu kompliziert wird für eine klassische Arbeitsvermittlung. Und mindestens ein gutes A2-Sprachniveau sollte da sein, weil sonst nur Hilfsarbeiten wie Putzen oder Küchenhilfe möglich sind.

TT: Ihr unterstützt die Leute dabei, ihren Qualifikationen und Fähigkeiten entsprechende Jobs zu finden?

Astrid: Ja, das ist unser großer Wunsch, ab und zu dauert es halt ein bisschen.

TT: Fuad, wie hast du von Fairmatching erfahren?

Fuad: Weil ich schon mehrmals Präsentationen Kirchen und Schulen gemacht habe, habe ich beim ÖIF gefragt, ob sie eine Stelle für mich hätten. Die Mitarbeiterin vom ÖIF hat mir dann den Kontakt zu Astrid von fairMATCHING vermittelt. So bin ich Anfang Februar das erste Mal hierher gekommen.

TT: Hat Ihnen fairMATCHING geholfen?

Fuad: Ja, so sehr. Vorher wusste ich nicht, wie ich mich bei einer Firma bewerben kann. Das Sozialamt hat immer Druck gemacht, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich den ersten Schritt tun kann. Hier wurde mir erklärt, wie das System in Österreich funktioniert. Das habe ich vorher nicht gewusst, weil das System bei uns in Syrien ganz anders ist. Ich wusste nur, ich will arbeiten. Frau Astrid hat mir Schritt für Schritt erklärt, wie ich eine Bewerbung schreibe und was der nächste Schritt ist.

TT: Welchen Beruf haben Sie in Syrien ausgeübt?

Fuad: Ich habe Politikwissenschaft studiert, aber nach meinem Studium einen Friseurbedarfsvertrieb gegründet. Ich habe Produkte aus Frankreich und Deutschland nach Syrien importiert und Friseursalons in Damaskus beliefert. haben Produkte aus Frankreich und Deutschland nach Syrien importiert und die Friseursalons in Damaskus beliefert. Ich denke aber, dass ich hier wenige Chancen in dieser Branche haben würde, mich gegen die großen Unternehmen durchzusetzen.

TT: Welche Arbeit wünschen Sie sich?

Fuad: Darüber habe ich viel mit Astrid darüber geredet. Erst einmal ist es mir wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen und nicht mehr von Sozialleistungen abhängig zu sein. Deshalb suche ich als ersten Schritt Arbeit in einer Fabrik. Danach würde ich gerne eine Ausbildung als Dolmetscher für Arabisch, Englisch und Deutsch machen. Durch einen Freund bei der Polizei habe ich erfahren, dass es in Salzburg nur wenige geprüfte Dolmetscher gibt. Deshalb denke ich, dass ich mit einer Ausbildung gute Möglichkeiten in diesem Beruf hätte. Jetzt bin ich dabei, meine Deutschkenntnisse zu verbessern.

Astrid: In der Volkshochschule wird ein Kurs für Dolmetscher im Asylwesen angeboten, der dauert mehrere Semester und kostet ca.1600 Euro. Als andere Möglichkeit gäbe es nur noch ein Studium, das aber sehr lange dauert. Die Ausbildung in der VHS wäre die kleinere Variante. Da Fuad den Kurs selbst bezahlen muss, ist es für ihn zuerst wichtig, Arbeit zu finden.

TT: Wie vermittelt fairMATCHING die Arbeitssuchenden? Ihr arbeitet nicht ja wie eine Leihfirma, oder?

Astrid: Nein, natürlich nicht, wir bekommen ja kein Geld von den Firmen, sondern wir vermitteln die Kontakte, unterstützen die Leute bei der Arbeitssuche und sind glücklich, wenn ein Unternehmen und ein Arbeitnehmer zusammenfinden.

TT: Welche Unterstützung benötigen neu in Österreich Angekommene, um im Berufsleben Fuß zu fassen?

Astrid: Ich finde, das wichtigste ist, zu schauen: Was hast du mitgebracht? Was kannst du, wo sind deine Interessen? Die Leute sind oft extrem frustriert, wenn man zu ihnen sagt, du sollst jetzt Koch werden, obwohl sie überhaupt keine Erfahrung und keinen Bezug zu diesem Beruf haben. Wir schauen, was möglich ist, und versuchen schrittweise dem gewünschten Berufsziel näher zu kommen. Und natürlich die Unabhängigkeit von AMS und Sozialamt, das ist für die meisten das Wichtigste, damit das Bitten um Unterstützung endlich ein Ende hat.

TT: Wie stellt ihr die Kontakte zu den Firmen her?

Astrid: Wir haben einerseits einen großen Pool an Kontakten. Außerdem konnten wir durch das Speed-Dating einige Unternehmen gewinnen, die sich an uns wenden, wenn sie eine freie Stelle haben. Dazu kommen Anfragen von Firmen, an die wir schon einmal erfolgreich vermittelt haben, zum Beispiel die Salzburg AG oder Wüstenrot. Wenn wir zum Beispiel einen Platz für ein Arbeitstraining suchen, fragen wir in unserem Netzwerk nach. Das Projekt ist im CoWorking Space gut angesiedelt, weil wir einfach unsere Tischnachbarn fragen können. Zusätzlich arbeiten wir nach der klassischen Methode, indem wir Anzeigen durchschauen und zum Telefon greifen.

Letztes Jahr haben wir Arbeitssuchende und Unternehmen zu einem „Speed Dating“ im Volksgarten eingeladen. Da sind zum Beispiel die boulderbar, die Salzburg AG und andere Unternehmen gekommen, die Arbeitskräfte gesucht haben. Dieses Event war die Initialzündung: Das Fernsehen ist gekommen und die Zeitungen darüber berichtet. Dadurch wurde FairMatching bekannter, was uns sehr geholfen hat.

TT: Was genau bedeutet CoWorking?

Astrid: CoWorking ist ein gemeinschaftlicher Arbeitsplatz für Einzelunternehmen. Man kann hier einen Schreibtisch mieten oder auch mehrere, manche Firmen haben sogar ein eigenes Büro, Küche und Drucker werden gemeinsam genutzt, auch das KnowHow wird ausgetauscht. Wenn man in einem Bereich nicht so gut Bescheid weiß, gibt es immer jemanden, den man fragen kann. Durch die Kontakte hier und den gemeinsamen Wunsch, etwas zu tun, ist FairMatching ja entstanden.

TT: Wie viele Personen habt ihr bis jetzt erfolgreich vermitteln können?

Astrid: Es ist gibt immer wieder auch welche, die nach einiger Zeit wieder kommen, aber ungefähr dreißig sind – so können wir sagen – gut versorgt und gehen eigenständig ihren Weg.

TT: Was ist die beste Erfahrung, die ihr gemacht habt?

Astrid: Der tollste Erfolg war, als die Architektin Manal Afarah aus Syrien am Speed Dating im Volksgarten teilgenommen hat. Sie war schon total verzweifelt, weil man ihr immer gesagt hat, dass sie nie eine Stelle als Architektin bekommen würde. Sie wurde vom ORF für die Sendung „Salzburg heute“ interviewt und hat sich dabei so gut präsentiert, dass zwei Personen, die diese Sendung gesehen haben, bei uns angerufen und gesagt haben, dass sie es mit Manal probieren wollen. Sie hat jetzt eine fixe 40-Stunden-Stelle. Ihr Mann kümmert sich jetzt mehr um die Kinder, sie kann in ihrem Beruf arbeiten und verdient gut. Sie ist unser Star!

TT: Habt ihr auch schlechte Erfahrungen gemacht?

Astrid: Schlechte Erfahrungen kann man nicht sagen. Wir haben aber gemerkt, dass wir ein gewisses Deutsch-Niveau einfordern müssen. Es bringt einfach nichts, wenn jemand wo arbeitet und nicht versteht, wenn ihm schnell etwas zugerufen ist. Die Sprache muss einfach sitzen, sonst sind Arbeitnehmer und Arbeitgeber frustriert. Deshalb sagen wir auch manchmal, bitte mach noch einen Deutschkurs und komme danach wieder.

TT: Sind durch euch vermittelte Menschen am Arbeitsplatz schon einmal mit Ablehnung konfrontiert worden?

Astrid: Nein, davon habe ich bis jetzt nichts gehört. Wir arbeiten ja vor allem mit Firmen, die sozial eingestellt und bereit sind, mit geflüchteten Menschen zu arbeiten. Wenn wir bei einer Firma anrufen, klären wir auch immer alles im Vorhinein ab. Wir sagen ganz klar, woher der Bewerber kommt und wie sein Sprachniveau ist, damit es dann keine Enttäuschungen gibt.

TT: Mit welchen Herausforderungen seid ihr konfrontiert?

Astrid: Die jetzige Bundesregierung möchte ja vor allem bei der Integration einsparen. Das trifft viele AMS-Sprachkurse und auch Initiativen wie uns. Wir werden sehen, wie es weiter geht. Bei den Bewerbern merke ich, dass vor allem Menschen, die sie zu Hause selbständig waren oder in leiteten Positionen gearbeitet haben, oft massiv frustriert sind, weil sie ganz unten anfangen müssen. Es ist sehr schwierig, jemanden erklären zu müssen: Dein Studienabschluss ist hier nichts wert. Das ist extrem brutal. Es heißt ja immer: Bildung, Bildung, Bildung ist das allerwichtigste, aber wenn du aus einem andern Land kommst, zählt die Bildung plötzlich nichts mehr.

TT: Manche behaupten, dass die Flüchtlinge unser Sozialsystem auszunutzen wollen. Was sagst du dazu?

Astrid: Das kann ich nicht bestätigen. Zu uns kommen nur Leute, die Arbeit suchen, und die sagen durchgängig: Wir wollen nicht mehr abhängig sein, wir wollen Österreich etwas zurückgeben, wir wollen unser eigenes Geld verdienen. Das ist die zentrale Frage, die uns tagtäglich beschäftigt.

Fuad: Ich habe viel Kontakt mit Leuten aus Syrien, aus dem Irak und aus anderen Ländern. Nach meiner Erfahrung gibt es schon einzelne Leute, die damit zufrieden sind von Sozialleistungen zu leben. Aber der Großteil will, wie ich, einfach so rasch wie möglich arbeiten.

TT: Habt ihr spezielle Projekte geplant?

Astrid: Wir haben das Format „Frauen Mut machen“ entwickelt, mit dem wir auch in Hallein und Bischofshofen gezielt Frauen ansprechen wollen, indem wir zu einem gemütlichen Brunch einladen, bei dem wir in ungezwungener Atmosphäre über Arbeits-, Kinderbetreuungs- und Ausbildungsmöglichkeiten informieren. Ich denke, dass es für die Frauen schlicht und einfach notwendig ist, zu arbeiten, weil die Kosten für den Lebensunterhalt in Österreich so hoch sind. Doch wenn die Kinder noch klein sind, sind die Hürden oft sehr hoch. In der Folge wollen wir im Herbst ein Speed-Dating nur für Frauen organisieren. Dazu suchen wir dann gezielt Unternehmen, die geeignete Stellen anbieten.

Am 25.4. organisieren wir in der Academy-Bar eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Heimat 2.0.“ bei der Politiker*innen, Kulturschaffende und Betroffenen darüber diskutieren, welche kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen es braucht, damit geflüchtete Menschen Österreich als neue Heimat ansehen können. Und natürlich müssen wir es schaffen, in Zukunft möglichst unabhängig von staatlichen Förderungen zu sein. Um uns in der Öffentlichkeit zu präsentieren, machen wir Events, wie die oben genannte Podiumsdiskussion, schreiben Artikel in unserem Blog und laden Journalisten zu unseren Veranstaltungen ein und hoffen, dass in den Zeitungen über uns berichtet wird.


Kontakt: https://www.fairmatching.com

veröffentlicht in Talktogether Nr. 64/2018