Andreas Peglau über die psychosozialen Wurzeln des Rechtsrucks PDF Drucken E-Mail


Zum 9. November - Internationaler Tag gegen Faschismus und Antisemitismus

Die psychosozialen Wurzeln des Rechtsrucks

Gespräch mit Andreas Peglau

Versucht man die Struktur des Menschen allein zu verändern, widerstrebt die Gesellschaft.
Versucht man die Gesellschaft allein zu verändern, widerstreben die Menschen. Das
zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann
.“ Wilhelm Reich


Warum suchen Menschen nach einfachen, aber durchschaubar falschen Lösungen? Warum hat sich die Arbeiterklasse nicht genügend gewehrt und unterlässt das bis heute? Warum erzeugt Emigration chauvinistische Ausgrenzung statt Solidarisierung – zum Beispiel im Kampf gegen die tatsächlichen Verursacher jener Kriege und jener Verelendung, die diese Emigration auslösen? Politische und ökonomische Erklärungen allein liefern laut Andreas Peglau keine zufriedenstellenden Antworten auf diese Fragen. In seinem 2017 erschienenen Buch „Rechtsruck im 21. Jahrhundert“ versucht der Berliner Psychologe und Psychotherapeut zu erklären, was in den Individuen vorgeht, dass sie diese Widersprüche nicht erkennen können und wollen. Dabei baut er auf den Erkenntnissen von Wilhelm Reich auf, die dieser in seinem Werk „Massenpsychologie des Faschismus“ 1933 veröffentlichte, und die Peglau auf unsere Gegenwart anzuwenden und weiterzuentwickeln versucht.

In einer Gesellschaft, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, sollte man meinen, dass es für linke Bewegungen nicht schwer sein sollte, die Menschen anzusprechen und für sich zu gewinnen. Doch dem ist nicht so. Konzentrieren sich linke Bewegungen zu sehr auf ökonomische Aspekte und ignorieren den subjektiven Faktor?

Andreas Peglau: Ja, aber ich würde sagen, sie ignorieren den Faktor „Neurose“. Sie glauben – platt gesagt – an das Gute im Menschen, während die Rechten an den neurotischen Charakterstrukturen der Menschen ansetzen – meiner Meinung nach unbewusst, denn sie betreiben ja keine Grundlagenforschung. Die Menschen kommen psychisch gesund auf die Welt und sind von ihrem Wesen her in der Lage, eine psychisch gesunde Gesellschaft aufzubauen. Durch die Sozialisation, die sie erleiden, werden jedoch ihre natürlichen und lebensbejahenden Bedürfnisse unterdrückt, verdreht und pervertiert. Es fängt schon in der Schwangerschaft an, wenn die Mütter aufgrund von Existenzsorgen nicht so entspannt sein können, wie sie sollten, gefolgt von einer medizinalisierten Geburt und einer autoritären, gefühlsunterdrückenden Erziehung und Sozialisation, die dafür sorgen, dass wir Wut in uns aufbauen. Weil wir diese Wut aber nicht gegen diejenigen richten können, die sie verursachen – zuerst sind es meist die Eltern, später kommen andere Autoritätspersonen dazu – staut sie sich an und wird destruktiv. So werden wir zu psychosozialen Zeitbomben, wenn wir erwachsen sind. Genau da holt die Rechte uns ab, indem sie sagt: „Ihr seid doch eh unzufrieden mit eurem Leben.“

Und dafür werden Schuldige benannt, und das sind bei den Rechten vor allem diejenigen, die sich nicht wehren können, weil sie in der sozialen Hierarchie weiter unten stehen, ausgegrenzt sind, nicht integriert wurden oder sich nicht integrieren sollten. 1933 waren es die Juden, heute sind es die Menschen, die versuchen, zu uns zu flüchten. Die Rechten bedienen diese aufgestaute Destruktivität und die anerzogene Autoritätshörigkeit und sagen: Wir brauchen einen starken Führer, der uns gegen die Massen von Flüchtlingen in Schutz nimmt, an denen unser Elend liegt, die uns die Frauen wegnehmen, weil sie sexuell potenter oder übergriffiger sind. Damit sprechen sie die Masse der Bevölkerung an und sind an den psychischen Verhältnissen von uns Erwachsenen viel näher dran als die Linken, die sagen, der Kapitalismus ist schuld.

Rechte Bewegungen sind erfolgreich, weil sie Ängste und destruktive Charakterstrukturen der Menschen ansprechen. Was können wir tun, damit die Menschen für rechte Propaganda nicht mehr so anfällig sind?

Andreas Peglau: So lange wir so tun, als ob die Rechten, die den Hitlergruß zeigen, oder Parteien wie die AfD das einzige Problem seien, so lange wir so tun, als ob die große Masse friedliebend, ausländerfreundlich und psychisch gesund sei, können wir nichts ändern. Die Leipziger „Mitte“-Studien, eine Langzeituntersuchung zur rechtsextremen und antidemokratischen Einstellung in der Mitte der Gesellschaft, haben jedoch 2016 bei mehr als 80 Prozent der Deutschen zumindest teilweise fremdenfeindliche Einstellungen festgestellt. Da kann man doch nicht von einer Minderheit reden. Rechte und fremdenfeindliche Einstellungen ziehen sich zudem durch die Wählerschaft aller Parteien bis hin zur Linken, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen.

Zuerst einmal muss also anerkannt werden, dass es sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, dann können wir uns darüber austauschen. Dann stellt sich natürlich die Frage: Wie kommen wir davon weg? Natürlich auch durch notwendige politische und wirtschaftliche Umwälzungen, aber eben auch durch psychische. Dafür hat Hans-Joachim Maaz in den späten 1980er Jahren in der DDR das Konzept der „therapeutischen Kultur“ entwickelt: eine Mischung aus Psychotherapie für Erwachsene und diversen sinnvollen Maßnahmen, die dafür sorgen, dass die nächste Generation nicht mehr so autoritär gestört und aggressionsgestaut sein muss.

Autoritäre gefühlsunterdrückende Sozialisation ist zwar keine hinreichende Bedingung für faschistoide Entartungen, aber eine notwendige Voraussetzung dafür. Wenn wir dafür sorgen könnten, dass diese Art von Sozialisation nicht mehr stattfindet, gäbe es auch diese Systeme nicht mehr, weil psychisch gesunde Menschen Unterdrückung weder ertragen noch ausüben wollen.

Natürlich lässt sich das im Kapitalismus, erst recht in dessen neoliberaler Ausprägung, nicht umfassend verwirklichen. Schon Reich hat darauf hingewiesen, dass sich gesunde psychosoziale Verhältnisse in Klassengesellschaften nicht herstellen lassen, dass entfremdende Arbeit, Ausbeutung, ungerechte Verteilung von Geld, Besitz und Lebensgestaltungsmöglichkeiten, permanente Unterordnung und Abhängigkeit in der Arbeitssphäre hier unweigerlich zur Vertiefung in der Kindheit angelegter seelischer Deformationen führen. Das heißt, wir brauchen eine sozialistische oder zumindest eine antikapitalistische Revolution. Die muss ja nicht unbedingt mit Blutvergießen einher gehen, manchmal sind Systeme auch relativ gewaltarm zu verändern – siehe DDR 1989. Wir brauchen politische, wirtschaftliche und kulturelle Veränderungen, aber zusätzlich dazu auch eine psychosoziale Revolution.

Revolutionen haben in der Vergangenheit nicht zur Freiheit geführt, wie der von dir zitierte Otto Gross 1913 – schon vor der russischen Revolution – festgestellt hat. Warum?

Andreas Peglau: Mein Lieblingszitat von Wilhelm Reich ist: „Versucht man die Struktur des Menschen allein zu verändern, widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu verändern, widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann.“ Es reicht eben nicht aus, die politischen und ökonomischen Verhältnisse zu verändern. Wer glaubt, dass durch das Verschwinden der kapitalistischen Ausbeutung die Menschen automatisch freiheitsfähig, freiheitswillig und freiheitsliebend oder meinetwegen auch demokratiefähig werden, sollte doch wenigstens nach dem gescheiterten sozialistischen Experiment DDR oder dem Zusammenbruch des gesamten Ostblocks eines Besseren belehrt worden sein. Revolutionen scheitern, weil sie zwar notwendige äußerliche Veränderungen vornehmen, aber die innere Charakterstruktur der einzelnen Menschen damit noch nicht verändern.

Man muss diese gesellschaftliche Realität anerkennen und sich auch selber in seiner autoritären Abhängigkeit und seinem Aggressionsstau wahrnehmen, um die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, die ja nur heißen können: So will ich nicht bleiben. Wer das tut, empfindet Unterdrückendes und Ungerechtes viel deutlicher und wird mutiger, um sich dagegen zu wehren. Wenn man aber in der anerzogenen autoritären Charakterorientierung stecken bleibt, stellt sich diese Frage – muss ich mich ändern? – überhaupt nicht. Man ist man zwar nicht glücklich, weiß ja aber nicht, woran es liegt. Man trinkt ein paar Schlucke Alkohol mehr, arbeitet die doppelte Zeit oder kauft ein neues Auto, wenn man das Geld dafür hat, damit man sich 14 Tage lang besser fühlt.

Reich hat die Unterdrückung der Sexualität für die Deformation des menschlichen Charakters verantwortlich gemacht. Ist diese Unterdrückung heute nicht wesentlich geringer als vor 100 Jahren? Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit die Menschen ein auch sexuell erfülltes Leben führen können?

Andreas Peglau: Die Sexualunterdrückung ist in Mitteleuropa sicher heute weniger brutal als damals, auch die Macht der ja Sexualität oftmals verteufelnden Kirchen ist hier deutlich geringer geworden. Im Kapitalismus von sexueller Freiheit oder gesunder Sexualität zu sprechen, ist trotzdem albern. Wo Sexualität kommerzialisiert wird, wo Menschen Pornographie konsumieren müssen, um zum Orgasmus zu kommen, wenn sie es überhaupt schaffen, kann man nicht von gesunder Sexualität sprechen. Wir kommen als sexuelle Wesen auf die Welt – Sexualität verstanden nicht nur als Geschlechtsverkehr, sondern als Lustgewinn durch erogene Zonen. Man kann ja beobachten, wie schon Babys sich lustvoll berühren, wenn man sie nicht daran hindert. Diese Sexualität entwickelt sich und richtet sich irgendwann auf einen Partner. Die Fähigkeit zu einem tief gefühlten, intensive Entspannung bringenden Orgasmus ist uns angeboren. Insofern bringen wir alle individuellen Voraussetzungen für ein sexuell erfülltes Leben mit. Es geht darum, dieses vorhandene Potenzial nicht auszubeuten, zu unterdrücken und zu pervertieren, sondern zu fördern und zu schützen – in Familie wie Gesellschaft.


Wien, März 1938: Eine Menge lachender Menschen sieht zu, wie Juden kniend das Pflaster reinigen... Foto: © The Missing Image

Dieses Jahr jährt sich der Novemberpogrom der Nazis zum 80. Mal. Was würdest du dir wünschen, wie dieses Tages gedacht werden sollte?

Andreas Peglau: Da Menschen eher bereit sind, sich anhand von Jahrestagen mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen, kann ich nur hoffen, dass an diesem Tag auch über die psychosozialen Ursachen für den Rechtsruck, den wir heute erleben, reflektiert und diskutiert wird, und dass dabei nicht vergessen wird, dass es nicht nur einzelne böse Nazis waren, die diese Verbrechen begangen haben, sondern dass die Bevölkerung zu einem erheblichen Teil mit großer Begeisterung mitgemacht hat, wenn es darum ging, Juden zu unterdrücken. Da gibt es ja von Berlin wie auch von Wien ziemlich bedrückende Bilder und Filmaufnahmen. Den Jahrestag könnte man dazu nützen, sich damit auseinanderzusetzen, um das erneute Aufwallen faschistoider Tendenzen in Europa besser zu verstehen und damit auch besser bekämpfen zu können. Regelrecht übel wird mir, wenn ich daran denke, dass an diesem Tag ganz sicher wieder diverse politische Würdenträger, die maßgeblich mitverantwortlich sind für den gegenwärtigen Rechtsruck, ihre angeblich tiefe Ergriffenheit über den damaligen Rechtsruck bekunden werden.

mehr dazu: https://www.youtube.com/watch?v=0bsTp1NFZus&feature=youtu.be


veröffentlicht in Talktogether Nr. 66/2018