Achille Mbembe: Die gewalttätige Seite der Demokratie PDF Drucken E-Mail

Die gewalttätige Seite der Demokratie

„Die Zukunft unseres Planeten findet zu einem großen Teil in Afrika statt. Der Kontinent ist zum Labor vieler verschiedener Prozesse geworden, die nicht nur lokal, regional und national, sondern global Widerhall finden. Die systemischen Risiken und Gefahren, denen einst ausschließlich die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, werden künftig, wenn nicht die Norm, so doch das Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen sein, und zwar unabhängig von Lebensraum, Hautfarbe oder Regierungssystem.“ [1]

Die Bewegungsfreiheit spielt für Achille Mbembe in der globalisierten Welt eine Schlüsselrolle. Wenn immer mehr Menschen ihre einzige Überlebensmöglichkeit im Weggehen sehen, offenbart sich die Ungleichheit am deutlichsten, wenn ihnen diese Möglichkeit durch Mauern und Grenzzäune verwehrt wird. „Ich wünschte, dass nicht ein einziger Mensch mehr sterben muss beim Versuch, die Wüste oder das Mittelmeer zu durchqueren, um in Länder zu kommen, in denen sie gar nicht erwünscht sind,“ sagte Mbembe in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung, als er sich anlässlich seiner Gastdozentur an der Universität in Augsburg aufhielt.

Demokratie und Kolonialismus

In seinem neuen Buch „Politik der Feindschaft“ zeichnet der in Kamerun geborene Politologe und Philosoph ein düsteres Bild der heutigen Welt. Der Gleichheitsgrundsatz sei längst „sturmreif geschossen“, Werte wie Freiheit, Wahrheit und Fürsorge scheinen vergessen, es geht nur noch um Machtausübung. Damit habe sich der Krieg nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kultur als Zweck und Notwendigkeit etabliert. Ausgehend von den politischen und psychiatrischen Erkenntnissen Frantz Fanons zeigt Mbembe auf, wie der Krieg als Folge der Kämpfe um die Entkolonialisierung im 20. Jahrhundert – Eroberung und Besatzung, Terror und Revolte – zum Kennzeichen unserer Zeit geworden ist und als andauernder Ausnahmezustand zu einer Erosion der Demokratie führt.

Die liberale Demokratie, die sich zur selben Zeit entwickelt, als Europa den Rest der Welt unterworfen hat, trug also von Anfang an Sklavenhandel und Kolonialismus in sich. Neben der Gemeinschaft der Gleichen gab es immer auch die Nichtgleichen, die von den Rechten ausgeschlossen sind – früher die Sklaven, heute die Fremden, Flüchtlinge, Heimatlosen. Die Vorstellung, wonach das Leben in Demokratien friedlich, geordnet und frei von Gewalt sei, so Mbembe, vermag einer Überprüfung kaum standzuhalten, die Brutalität werde bestenfalls gedämpft. An die Stelle der körperlichen Gewalt sei die Macht der Formen getreten, die Unterwerfung unter eine personifizierte Gewalt wurde durch die Unterwerfung unter allseits akzeptierte Rituale abgelöst. Vor allem aber gewinne die Demokratie ihre Stabilität durch die Auslagerung der Gewalt: „Der innere Frieden im Westen basierte also zu einem großen Teil auf Gewalt in der Ferne.“

Heute, argumentiert Mbembe, gibt es angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und weltweiter Migrationsbewegungen jedoch keine Ferne mehr, weil jeder Mensch in weltumspannende ökonomische und ökologische Zwänge verstrickt ist. Die westlichen Demokratien sind zunehmend von der Angst getrieben, dass die von ihr ausgelagerte Gewalt an die Oberfläche tritt, und begegnen dieser Angst mit verstärkter Überwachung. Der Sicherheits- oder Überwachungsstaat wird somit an der Unsicherheit gespeist, an deren Schaffung er selbst beteiligt ist. Zum Schutz des Rechtsstaats wird zunehmend das Recht selbst angegriffen. So verlagert sich die Gewalt ins Innere der Gesellschaften und manifestiert sich in Mauern und Transitlagern, in Abschiebezentren, Gefängnissen und Isolationshaft.

„Tatsächlich empfinden viele Menschen heute Angst. Sie befürchten, Opfer einer Invasion zu werden und bald zu verschwinden. Ganze Völker haben das Gefühl, nicht mehr die Mittel zur Aufrechterhaltung ihrer Identität zu besitzen. Sie glauben, es gebe kein Außen mehr und man müsse zum Schutz vor den Bedrohungen immer mehr Mauern errichten. Sie wollen sich an nichts mehr erinnern, vor allem nicht an eigene Verbrechen und Untaten, und fabrizieren bösartige Objekte, die ihnen am Ende tatsächlich nachgehen und die sie dann mit Gewalt zu bekämpfen versuchen. Von den bösen Geistern verfolgt, die sie unablässig erfinden, und von denen sie nun ein einer spektakulären Verkehrung umzingelt sind, stellen sie sich ganz ähnliche Fragen wie jene, mit denen sich vor gar nicht langer Zeit zahlreiche außerwestliche Gesellschaften auseinandersetzen mussten, die im Netz weitaus zerstörerischer Mächte gefangen waren – der Kolonialisierung und des Imperialismus.“ (Politik der Feindschaft, 2017)

Politik der Feindschaft

Die seit Jahrhunderten herrschende Überzeugung, dass sich die menschliche Natur vom Tier unterscheide, wird von der modernen Biologie und Gentechnik negiert. Durch die Digitalisierung finden Begegnungen immer mehr auf dem Bildschirm als im wirklichen Leben statt. Entscheidungen werden an Maschinen abgegeben, weil diese sie objektiver, effizienter und schneller treffen können. Die Zeit sei regelrecht von einem animistischen Glauben an die Technik beseelt, so Mbembe. Diese Probleme können nicht durch Abschottung und Nationalismus gelöst werden. Da wir alle davon betroffen sind, stellt sich vielmehr die Frage, was uns miteinander verbindet. Im Zeitalter des Individualismus steckt die Idee der Gemeinschaft jedoch in einer tiefen Krise. Wir sind Individuen, die allein verantwortlich für uns sind, auch wenn wir scheitern. Das Ergebnis ist ein Mensch ohne Verbundenheit mit der Gemeinschaft, ohne die Möglichkeit einer echten Begegnung mit anderem.

Einst war Identitätspolitik ein Mittel der Emanzipation unterdrückter Gruppen, sagt Mbembe, heute wird sie jedoch zur Ausgrenzung instrumentalisiert. Die möglichen Verlierer in einer Gesellschaft werden gegen die äußeren mobilisiert, wobei die üblichen Muster wie Religion und Rasse benutzt werden. Deshalb ist Identitätspolitik nicht nur Zeitverschwendung, sie ist zur Bedrohung für die Demokratie geworden.[2]

Erfunden wurde der Rassismus in der Zeit der Kolonialkriege, da diese ausnahmslos Ausbeutungs- und Raubkriege waren, in denen keinerlei Gerechtigkeit lag, die als Vorwand oder Rechtfertigung dafür dienen hätte können. Am Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts investieren die Hassbewegungen wiederum in eine Ökonomie der Feindseligkeit und erzeugen damit tiefgreifende Veränderungen im Regime der kollektiven Wünsche und Gefühle. Das führt dazu, dass ein Tabu nach dem anderen gebrochen wird und Gewalt gegen Schwächere gesellschaftlich immer akzeptabler wird.

Das Ergebnis ist ein schmutziger Rassismus, den Mbembe als „Nanorassismus“ bezeichnet. Dieser habe die Funktion, jedes Verantwortungsgefühl und jede Empathie in uns zu betäuben und uns in „brutale Söldner mit feinem Schuhwerk“ zu verwandeln. Es handelt sich um einen schamlosen Rassismus, der sich an der eigenen Ignoranz ergötzt, aber auch um einen bürokratischen Rassismus, der danach trachtet, alle jene, die als unerwünscht und überflüssig eingestuft werden, unerträglichen Lebensbedingungen auszusetzen, ihnen zahllose rassistische Verletzungen zuzufügen uns sie aller Rechte zu berauben.

Der afrikanische Blick

Afrika spielt laut Mbembe eine Schlüsselrolle für die Zukunft unseres Planeten. Der Kontinent sei zum Labor vieler verschiedener Prozesse geworden, die nicht nur lokal, regional und national, sondern global Widerhall finden. Es drohe eine „Afrikanisierung“ der Welt mit kleinen, streng bewachten Inseln des Wohlstands und immer größeren Elendsgebieten voller entrechteter Tagelöhner. „Die Risiken und Gefahren, denen einst ausschließlich die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, werden künftig, wenn nicht die Norm, so doch Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen sein, unabhängig von Lebensraum, Hautfarbe oder Regierungssystem.“

Heute befinden wir uns in einer Phase der Menschheitsgeschichte, in der wir dem Antrieb des Kapitals kaum noch Einhalt gebieten können. Der globale Kapitalismus zersetzt jedoch jede Gemeinschaft und zerstört alles, was die Menschen zusammenbringt. Die Demokratien werden schwächer, unvorhersehbar und paranoid, ohne Bedeutung und ohne Ziel. Der Mensch als Ware – dieses Prinzip der Sklaverei ist aktueller denn je. Doch statt sich gegen die Ausbeutung zu wehren, geben sich die Rechten ihren Ausrottungsphantasien hin. „Nichts ist mehr unverletzlich oder unantastbar, außer vielleicht – und immer noch – das Privateigentum.“

Mbembe befürchtet, dass der Umsturz bereits stattgefunden hat, und dass der Traum von einer anständigen Gesellschaft nur ein Trugbild ist. Wenn wir im Kampf gegen den Niedergang des Menschen dennoch bestehen wollen, schlägt er Koalitionen von Menschen guten Willens vor, damit wir Solidarität aufbauen können in einer Zeit, in der uns nahegelegt wird, dass menschliche Solidarität nutz- und bedeutungslos sei. Wir sollten uns auch die Frage stellen, wie wir „Beziehungen zu den Anderen begründen können, die auf wechselseitiger Anerkennung unserer gemeinsamen Verwundbarkeit und Endlichkeit basieren.“ Schließlich müssen wir erkennen, dass Europa, das der Welt so viel gegeben aber auch so viel genommen hat, nicht länger das Gravitationszentrum der Welt ist.

Im Schlusskapitel seines Buches „Politik der Feindschaft“ entwirft Mbembe eine „Ethik des Passanten“, der die Zerstückelung seines Lebens bewusst annimmt und lebt wie ein Vorübergehender, der „darauf verzichtet, irgendetwas zu besitzen“, und deswegen auf jedes Gegenüber mit der Offenheit desjenigen zugeht, der nichts zu verlieren hat. Mbembe spricht über eine Welt ohne Grenzen, obwohl ihm bewusst ist, dass es sich bei dieser Vorstellung um eine Utopie handelt, die es vermutlich niemals geben wird. Trotzdem hält er es für wichtig, diese Ideen in Umlauf zu bringen – als Gegenpol zu Nationalismus, Trennung, Ausgrenzung und Hass.

Mbembes Blick „von Afrika aus“, der „unsere Gegenwart gegen den Strich liest“, hilft uns dabei, uns ein realistisches Bild der Welt heute zu verschaffen und mit einem Zeitgeist zu brechen, der auf „Abschließung und Abgrenzungen jeglicher Art“ bedacht ist, „auf Grenzen hier und dort, nah und fern, innen und außen“. Antworten oder gar Lösungsrezepte suchen wir bei ihm jedoch vergeblich, stattdessen schlägt er uns Denkansätze vor, die uns vielleicht dabei helfen können, Gegenstrategien zu entwickeln. Jedenfalls sollte das Buch gelesen und intensiv diskutiert werden, weil es die zentralen Fragen und Konflikte unserer Gegenwart behandelt.

Achille Mbembe, geb. 1957 in Kamerun, studierte an der Sorbonne in Paris Geschichte, unterrichtete u.a. an der Columbia University, New York und an der University of California, Berkeley. Heute lehrt und forscht er an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg, Südafrika.

Werke: Kritik der schwarzen Vernunft (2014), Ausgang aus der langen Nacht (2016), Politik der Feindschaft (2018)



[1] 2014: Kritik der schwarzen Vernunft.

[2] Interview: Augsburger Allgemeine, 10. Mai 2018

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 65/2018