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Als Europäer Flüchtlinge waren

Wenn heute darüber geredet wird, welche Probleme Flüchtlinge angeblich in Europa verursachen, wird vergessen, dass während des Zweiten Weltkrieges über 60 Millionen Europäer und Europäerinnen auf der ganzen Welt Schutz vor Krieg und Verfolgung gesucht haben. Während viel über die Vertriebenen nach dem Krieg geschrieben wurde, wissen nur wenige, dass viele europäische Flüchtlinge im Nahen Osten, in Afrika und in Indien Zuflucht gefunden haben – auch in jenen Ländern, aus denen viele der Flüchtlinge stammen, die heute in Europa Schutz suchen.

Damit wir es nicht vergessen!

„Sie haben nur wenig Sinn für persönliche Hygiene und beschweren sich über ihr Essen“, schrieb ein Mitarbeiter der Flüchtlingsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) über jene Menschen, die zu Tausenden übers Mittelmeer kamen. Statt zu arbeiten, würden sie lieber faul in der Sonne liegen und Essen aus der Kantine in ihren Zelten horten. Diese Aussage könnte die Vorurteile heutiger Flüchtlingsgegner bestätigen, nur dass es sich bei den so beschriebenen Flüchtlingen um Europäer handelt, die vor den Nazis in den Nahen Osten geflüchtet sind. In überfüllten Fischerbooten überquerten sie das Meer, nachdem die Wehrmacht in ihren Ländern einmarschiert war.

Man kennt die Geschichten prominenter Vertriebener, die vor den Nazis nach England, Schweden, in die USA oder nach Südamerika geflüchtet sind. Fast vergessen ist dagegen, dass auch im Nahen Osten, in Afrika und Indien Tausende Europäische Flüchtlinge Schutz gefunden haben. Britische Truppen errichteten in Ägypten, Palästina und Syrien Lager für Flüchtlinge aus Polen, Griechenland, Bulgarien und Jugoslawien. So wurde ein alter Transitbahnhof für Mekka-Pilger am Roten Meer zum Camp Moses Wells, in dem 2000 Europäer Schutz fanden, im heutigen Gazastreifen wurde ein britischer Militärstützpunkt zum Flüchtlingslager Nuseirat umgebaut, das bis zu 10.000 Menschen Zuflucht bot, östlich des Suezkanals nahm das Camp El-Shatt bis zu 20.000 Menschen auf.

Die Lebensbedingungen der Flüchtlinge waren einfach, aber nicht elend. Im Lager von Aleppo, das als Erstaufnahmeeinrichtung diente, wohnten die Geflüchteten sogar in gemauerten Hütten mit eigenem Ofen, und es standen ihnen Einrichtungen für Postsendungen, Telefonie und Telegrafie zur Verfügung. Sie erhielten dreimal täglich kostenlose Mahlzeiten und etwas Taschengeld, wovon sie sich Tee, Kaffee, Obst, Zigaretten und sogar Bier kaufen konnten. Außerdem konnten sie zu Fuß in die Stadt gehen, um Geschäfte oder ein Kino zu besuchen. Im ägyptischen Camp Moses Wells war das Essen zwar rationiert, doch es gab die Möglichkeit, in einheimischen Geschäften einzukaufen. Es gab Kinderspielplätze und Sportplätze, das Lagerpersonal organsierte Theaterstücke und Feste zur Unterhaltung. Die Flüchtlinge konnten auch eine Ausbildung zu machen oder kleine Geschäfte eröffnen. Stadt gab zwar es in der Nähe zwar keine, dafür hatten die Flüchtlinge die Möglichkeit, jeden Tag im Roten Meer zu baden.

Die Kinder von Isfahan

Zwischen 1939 und 1941 erreichten Zehntausende polnische Flüchtlinge, die zuerst vor den Nazis geflohen und danach in sowjetische Arbeitslager deportiert worden waren, die iranische Küste des Kaspischen Meeres. Dort müssen sich ähnliche Szenen abgespielt haben, wie wir sie heute aus den Fernsehnachrichten kennen. Die meisten Schutzsuchenden landeten in der Hafenstadt Pahlevi, wo sie mit Nahrung versorgt und unter Quarantäne gestellt wurden, da Krankheiten wie Malaria und Typhus weit verbreitet waren. Obwohl der Iran unter den wirtschaftlichen Sanktionen der Sowjetunion litt, nahm die iranische Bevölkerung die polnischen Flüchtlinge offen auf. „Die freundlichen Perser drängten sich um die Busse und riefen uns lautstark Begrüßungsworte zu“, erinnert sich die Lehrerin Krystyna Skwarko. „Durch die Fenster der Busse reichten sie uns Datteln, Nüsse, gebratene Erbsen mit Rosinen und saftige Granatäpfel.“

Die iranische Regierung erleichterte den Flüchtlingen die Einreise und versorgte sie mit Proviant. Polnische Schulen, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Läden, Bäckereien, Unternehmen und sogar Zeitungen wurden gegründet, damit sich die Flüchtlinge zuhause fühlten, sogar Regierungsgebäude wurden bereitgestellt, um die Menschen unterzubringen. Zahlreiche Schulen wurden eingerichtet, um den Kindern die polnische Sprache, Mathematik, Naturwissenschaften und andere Standardfächer beizubringen, daneben wurde auch Persisch sowie polnische und iranische Geschichte und Geographie gelehrt. Isfahan, wo viele Kinder in Waisenhäusern untergebracht wurden, galt als Stadt der polnischen Kinder, wie ein Fotoband und eine polnische Briefmarke belegen. Im dort herrschenden angenehmen Klima könnten sie sich von den Krankheiten und den Entbehrungen in den Lagern und während der Flucht erholen. Während die meisten Erwachsenen den Iran nach dem Krieg verließen, sind viele der Kinder im Iran geblieben und haben dort Familien gegründet. Die polnische Botschaft in Iran notierte stolz und dankbar über die einstige Masseneinwanderung ihrer Landsleute: „Nie zuvor und nie wieder sind mehr Menschen aus einer europäischen Nation in den Iran eingewandert.“ Doch das scheint die heutige polnische Regierung mit ihrer flüchtlingsfeindlichen Rhetorik und Politik vergessen zu haben.

Europe refugee crisis, europe migrants, europe migrant crisis, european refugees, refugees in Europe, Syrian crisis, refugees from syria, refugees from middle east, refugees in india, refugees in africa, refugees in middle eastSchiff mit polnischen Flüchtlingen im Iran (Wikimedia Commons)

Auch in Indien fanden polnische Flüchtlinge Zuflucht. Als ein Flüchtlingsschiff im Hafen von Bombay von den britischen Behörden abgewiesen wurde, ließ der Maharadscha von Nawanagar kurzerhand das Schiff in den Hafen seiner Provinz in Gujarat umleiten, wo die Flüchtlinge an Land gingen. Frustriert über das fehlende Mitgefühl der Regierung beschloss er, eine Heimstätte für 640 Flüchtlinge zu schaffen, und errichtete in der Nähe von Jamnagar das Balachadi Camp. In Anerkennung für die freundliche Aufnahme wurden eine Schule und ein Platz in Warschau nach dem „guten Mahjaradscha – Skwer Dobrego Maharadzy” benannt.

Polnische Flüchtlinge wurden auch in Kenia, Uganda, Tansania, Sambia, dem damaligen Rhodesien und Südafrika untergebracht. „Meine zwei Tanten lebten mehrere Jahre im Koja Camp und erinnerten sich immer gerne an diese Zeit“, schrieb die Schriftstellerin Elizabeth Taylor in ihrem Buch „Next Stop Siberia“ (2012) über ihre Familienmitglieder, die nach Sibirien deportiert worden waren und danach Zuflucht in Uganda fanden. Auch in den afrikanischen Flüchtlingslagern wurden polnische Schulen, Kirchen und Gemeindezentren errichtet. Viele Flüchtlinge legten Gärten an, um europäische Gemüsesorten anzubauen, damit sie Gerichte aus ihrer Heimat – wie Borschtsch, die in Polen so populäre säuerliche Rote-Rüben-Suppe – zubereiten konnten. Auch die Schweinezucht und die Wurstherstellung waren bei den europäischen Flüchtlingen in Afrika beliebte Tätigkeiten.

Nicht überall waren Flüchtlinge willkommen

Doch es wäre falsch zu glauben, dass Flüchtlinge, die vor den Nazis aus Europa flohen, überall willkommen waren. Im Gegenteil: Die meisten Zielländer der Vertriebenen hatten strenge Aufnahmequoten. Auf der Konferenz von Évian, von 6. bis 15. Juli 1938 berieten die Vertreter von 32 Nationen und 24 Hilfsorganisationen über das Problem der ansteigenden Flüchtlingszahlen. Die Konferenz endete jedoch weitgehend ergebnislos, da sich fast alle Teilnehmerstaaten weigerten, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Zwar gab es Pläne zur Ansiedlung jüdischer Siedler zum Beispiel im von der Sowjetunion eingerichteten Autonomen Gebiet Birobidschan im östlichen Sibirien oder in der portugiesischen Kolonie Angola. Tatsächlich waren diese Projekte, die vor allem darauf abzielten, die jüdischen Flüchtlinge möglichst weit aus dem Blickfeld abzuschieben, jedoch kaum durchführbar.

Als der Dampfer „St. Louis“ 1939 mit 937 zumeist deutschen Juden den Hamburger Hafen verließ, hofften die Passagiere, der Verfolgung durch die Nazis zu entkommen und Freiheit in Havanna oder Miami zu finden. Doch die Passagiere sahen diese Städte nie, weil Kuba und die USA dem Schiff nicht erlaubten, anzulegen. Nach einer wochenlagen Irrfahrt kehrte das Schiff nach Hamburg zurück. Für viele der Flüchtlinge endete die Odyssee in einem der NS-Vernichtungslager. Auch wurden die Geflüchteten damals mit ähnlichem Misstrauen betrachtet wie heute. Viele Amerikaner sahen jüdische Flüchtlinge als Verbreiter von gefährlichen Ideologien wie Kommunismus und Anarchismus oder als feindliche Spione an, während radikale Priester über Radiopredigten antisemitische Ressentiments verbreiteten. Weist die heutige Angstmache vor Muslimen nicht Ähnlichkeiten zum Antisemitismus der damaligen Zeit auf?

Einzelne Personen fanden dennoch einen Weg aus Deutschland hinaus, wenn ihnen Glück, Zufall, Familienbeziehungen oder der Beistand von Freunden zu Hilfe kamen. 130.000 Menschen emigrierten in die Vereinigten Staaten; Großbritannien nahm 50.000 und Australien, unter strengen Bedingungen, 6.500 Schutzsuchende auf. Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko, ließen weitere 85.000 Flüchtlinge ins Land, und nach Palästina schafften es 55.000 deutsche Juden, viele davon illegal. 15.000 deutsche und österreichische Juden flüchteten nach Shanghai, wo es keine Einwandererquoten gab. Dort konnten sie allerdings nur bis 1941 in Sicherheit leben, denn nach der Invasion japanischer Truppen wurden jüdische Flüchtlinge in Ghettos deportiert und ihres Besitzes beraubt.

Wenn wir die Ereignisse von damals betrachten, erkennen wir viele Parallelen mit der Situation heute – sowohl positive als auch negative. Wir sehen auch, wie sich die Rollenverteilung ändern kann: Wer einmal Aufnehmender war, kann morgen ein Flüchtling sein – und umgekehrt. Denn solange nicht alle Menschen auf der Welt den gleichen Respekt erfahren und ihren gerechten Anteil am Reichtum bekommen, wird es Krieg, Unterdrückung, Not und damit auch Flüchtlinge geben.


Bilder oben: Kinder im ägyptischen Flüchtlingslager Tolumbat schreiben „naša škola – unsere Schule“ in den Sand, Frauen beim Wäschewaschen in El Shatt, Ägypten (UNRA 1945)

 

veröffentlicht in Talktogether Nr. 65/2018