Rooble: Meine zwei Leben PDF Drucken E-Mail


Meine zwei Leben


Meine erste Lebenshälfte in Afrika

Ich bin in Afrika geboren und hatte bis zu meinem 24. Lebensjahr keinen Grund, mich über meine Lebenssituation zu beklagen. Doch dann haben sich die Grenzkonflikte zwischen Somalia und unserem Nachbarland Äthiopien in einen Bürgerkrieg verwandelt. Dieser Krieg hat seinen Ursprung in Europa, denn er ist ein Resultat der Berliner Konferenz 1884/85. Wenn man die Kriege in Afrika betrachtet, scheint es, als ob die Kolonialmächte alles langfristig geplant hätten: „Wir ziehen Grenzen quer durch ihre Siedlungsgebiete, und wenn es zum Krieg kommt, bieten wir ihnen unsere Waffen an“.

Wenn das ihr Plan war, ist er aufgegangen. Zwischen Somalia und Äthiopien hat er jedenfalls funktioniert. Ähnliches gilt auch für andere Kontinente, aber kein Kontinent ist so gehorsam und abhängig wie Afrika. Nur haben diese schlauen Männer nicht mit den Flüchtlingen gerechnet. Aber das passiert nun einmal, wenn man sich nur auf seinen Gewinn konzentriert und dabei vergisst, die Nebenwirkungen einzuberechnen. Meiner Meinung nach sind die heutigen Probleme eine Nachwirkung der kolonialen Eroberung und Ausbeutung.

Weil sich die Diktatoren von Äthiopien und Somalia gegenseitig stürzen wollten, haben sie die Gegner des jeweils anderen unterstützt. Während der äthiopische Machthaber Mengistu Haile Mariam den Mitgliedern von SSDF und SNM Waffen und Unterschlupf bot, versorgte der somalische Präsident Siyaad Barre die Oromo- und Tigre-Rebellen mit Waffen. Der ehemalige äthiopische Premierminister Zenawi bekam sogar einen somalischen Pass, um aus dem Ausland einen Putsch gegen Mengistu zu organisieren. Parallel zum Grenzkonflikt liefen deshalb sowohl in Somalia als auch in Äthiopien Bürgerkriege. Durch die Bewaffnung der oppositionellen Gruppen hat die Regierung ihr staatliches Machtmonopol verloren, und weil fast jeder Mann eine Waffe trug, erreichte der Krieg fast jeden Ort in Somalia. Im Vordergrund war es ein Krieg zwischen den Nachbarländern, tatsächlich handelte es sich um einen Stellvertreterkrieg zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Ich lebte in der Hauptstadt. Die Gewalt war zwar noch weit weg von uns, aber immer mehr spürte man den Krieg auch hier. Vor allem waren die Lebensmittel knapp, und wenn es welche gab, waren die Preise sehr hoch. Im Radio wurde nur gesendet, was die Regierung genehmigt hatte, und andere Radiosender waren verboten. Die Bevölkerung war gespalten. Als erste politische Organisation eines Clans wurde die SSDF, danach wurden SNM und USC gegründet. All diese Organisationen trugen zwar den Buchstaben „S“ für Somalia in ihrem Namen, im Kern waren es jedoch Stammesbünde, genau wie die Regierungsgruppe. Siyaad Barre versuchte alle Tricks, um an der Macht zu bleiben, aber schließlich konnte er die Rebellen nicht mehr aufhalten. Er und seine Anhänger gaben auf und flohen nach Kenia.

Die Kriegsführer hinterließen jedoch ein Waffenarsenal, das groß genug war für einen lang andauernden Krieg. Die Waffenlager der Regierung wurden geplündert, und die Rebellen töteten alle Menschen, die Siyaad Barre nahestanden. Diese wütenden jungen Männer haben zwar einen Diktator verjagt, begingen aber aus Rache die gleichen schrecklichen Fehler und Verbrechen wie einst Siyad Barre und seine treuen Soldaten, von denen die meisten Mitglieder seines Stammes waren.

Es herrschten Gewalt und Chaos

Ein Professor namens Hussein Ali Shido versuchte die Menschen zu entwaffnen, indem er jedem 100 Dollar anbot, der bereit war, seine Waffe bei ihm abzugeben. Er musste jedoch erkennen, dass das keine gute Idee gewesen war, als ein Mann zehn Kalaschnikows brachte, nachdem er neun andere Männer getötet hatte. Als er seine Fehleinschätzung der Lage erkannte, stellte Shido das Programm sofort ein.

Ein paar Monate, nachdem Siyaad Barre Somalia verlassen hatte, rief der SNM die Unabhängigkeit Nordsomalias aus. Der USC wählte in Mogadischu den Geschäftsmann Ali Mahdi zum vorübergehenden Präsidenten. Sein erbitterter General Aidid war jedoch entschlossen, ihn zu stürzen. Man sagt: Wenn zwei Elefanten kämpfen, überleben die Pflanzen nicht. Die Kriegsführer gehörten demselben Clan, aber unterschiedlichen Subclans an, die beide gleich mächtig waren. Eine neue Ära begann. Barre war geflüchtet, Nordsomalia hatte sich unabhängig erklärt, und alle warteten darauf, ob Mehdi oder Aidid das Finale für sich entscheiden konnten. Der Krieg erreichte seinen Höhepunkt.

Entweder mitkämpfen oder fliehen

Nachdem der Diktator nach einem erbitterten Krieg das Land verlassen und ich jede Hoffnung aufgegeben hatte, dass die Ordnung wieder zurückkehrt, habe ich meine Waffe unserem Revierleiter übergeben. Dieser gehörte der Gruppe von Aidid an und hat die Pistole mit Freude angenommen. Als er sie in seiner Hand gehalten hat, hat er mich ausgelacht und gesagt, wie dumm und naiv ich sein müsse, um in dieser Zeit meine Waffe zurückzugeben. Ich erwiderte, dass ich weder einen Staat noch eine staatliche Ordnung sah, die ich verteidigen könnte, und deshalb die Pistole nicht haben wollte.

Doch als ich nach Hause kam, warteten schon Männer meines „Clans“ auf mich, die sagten: „Du bist Offizier und du kannst mit Waffen umgehen, du musst unsere Rebellen im Krieg anführen!“ Als ich sie fragte, was passieren würde, wenn ich mich weigerte, antwortete der Chef der Gruppe: „Wenn dich die anderen nicht erwischen, töten wir dich. Denn alle wissen, wer du bist“. Noch einmal bekräftigte der Geschäftsmann seine Drohung: „Wenn du unseren Vorschlag ablehnest, dann bedeutet das für dich auf jeden Fall den Tod. Wer dich töten wird, wissen wir nicht, und du wirst es auch nie erfahren, weil du dann nicht mehr lebst.“

Ich hatte keine Zweifel, dass er seine Drohung wahr machen würde, denn ein paar Tage vorher war ein General, der sich nicht am Krieg beteiligen wollte, von Mitgliedern seines eigenen Clans getötet worden. Er war überzeugt, dass es in diesem Krieg keinen Gewinner, sondern nur Verlierer geben würde, und schlug vor, zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln: „General Aidid kenne ich persönlich, ich werde mit ihm sprechen, gebt mit nur etwas Zeit!“ Das waren seine letzten Worte, bevor ihn eine Kugel in den Kopf traf.

Als die Männer gegangen waren, bin ich sofort ins Krankenhaus geeilt, um meine Frau abzuholen. Dort traf ich sie völlig aufgelöst an, weil man sie gekündigt hatte. Man hatte sie auch bedroht, weil sie die Patienten nicht nach ihrer Clanzugehörigkeit sortieren wollte, wie es von ihr vom Chefarzt aufgetragen worden war. Wenn man einer Krankenschwester sagt, sie dürfe nur bestimmte Patienten behandeln und müsse die anderen sterben lassen, was sollte sie tun?

Uns war klar, dass es noch schlimmer kommen würde und wir uns schnell entscheiden mussten, entweder bei diesem sinnlosen Krieg mitzumachen und zu töten oder selbst getötet zu werden, oder das Land zu verlassen. Aus seinem Land zu fliehen, ist keine leichte Entscheidung, denn es bedeutet, deine Familie, deine Freunde und alles zurückzulassen, was dir etwas bedeutet, nur um mit dem nackten Leben zu entkommen. Wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken, wohin wir fliehen sollten, ob wir dort willkommen sein würden oder ob es uns überhaupt gelingen würde, zu entkommen. Vor dem Krieg hatte ich mein Geld als Polizeioffizier verdient und meine Frau war Krankenschwester. Wir hatten etwas Geld gespart, um ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen. Wir hätten uns niemals vorstellen können, dass wir dieses Geld einem Schlepper geben mussten, damit er uns aus dem Land bringt.

Nach einer gefährlichen und anstrengenden Autofahrt sind wir in Kenia angekommen. Nach ein paar Tagen Aufenthalt in Nairobi haben wir mithilfe eines Bekannten ein Flugticket nach Österreich bekommen. Als wir am Flughafen Schwechat angekommen waren und uns bei der Polizei als Flüchtlinge zu erkennen gegeben hatten, zeigte ein Beamter auf eine Landkarte und meinte: „Schaut her, ihr kommt aus einem Land, das doppelt so groß ist wie unseres. Warum kommt ihr ausgerechnet hier her?“ Meine Frau versuchte, ihm zu erklären, dass wir unser Land verlassen mussten, weil wir verfolgt wurden, und weil dort Krieg herrschte und hier Frieden. Seine Mimik hat uns jedoch verraten, dass ihn unsere Situation nicht beeindruckte und er nur die Gesetze befolgte. Dann zog er sich Handschuhe an. Man hat unsere Fingerabdrücke abgenommen und unsere Taschen durchsucht.

Von Schwechat mussten wir uns nach Wien durchschlagen und von Wien nach Traiskirchen. Nun waren wir in einem Flüchtlingslager. Plötzlich waren wir keine Krankschwester und kein Polizeioffizier mehr. Wir fühlten uns, wie sich die Patienten im Krankenhaus oder die Insassen der Gefängnisse gefühlt haben müssen, mit denen wir in unseren Berufen zu tun gehabt hatten. Du isst, was man dir gibt, und du tust, was man dir sagt. Außerdem mussten wir ein Zimmer mit einem anderen Ehepaar teilen, weil das Lager überfüllt war. Da wir zuvor ein selbständiges Leben geführt und unser eigenes Geld verdient hatten, haben wir diese Situation als die erste Niederlage unserer Flucht empfunden.

Wir mussten einen Asylantrag stellen und die Umstände unserer Flucht so genau beschreiben, damit die Behörde uns glauben und unsere Fluchtgründe akzeptieren könnte. Trotz unseres schlechten psychischen und physischen Zustandes haben wir uns bemüht, so gut wir konnten, unsere Flucht, zu schildern. Ob sie uns geglaubt haben, sollten wir jedoch erst drei Monate später erfahren. Bis dahin sollten wir warten und wurden in eine Asylunterkunft in der Steiermark überstellt.

Das Warten wurde zur Qual

Dort haben wir angefangen, die deutsche Sprache zu lernen. Um nicht untätig zu bleiben, wollten wir Arbeit suchen. Als ich jedoch einen Mitbewohner gefragt habe, wo wir Arbeit finden könnten, hat dieser statt einer Antwort nur seine Bierdose gehoben und einen noch größeren Schluck genommen. Er fragte mich: „Wie lang bist du schon hier?“ Seit drei Tagen, lautete meine Antwort. Worauf er meinte: „Wenn du 18 Monate hier lebst wie ich, dann darfst du solche Fragen stellen.“ Ich erwiderte: „Warum kann ich dich jetzt nicht fragen? Warum gibst du mir keine Antwort?“ Der Mann mit der Bierdose stand auf, und da bemerkte ich, dass dieses Gösser nicht sein erstes Bier gewesen war. Schwankend sagte zu mir: „Weil du keine Ahnung hast, wie die Realität hier ist. Nach 18 Monaten weißt du es, aber dann hast du keine Kraft mehr, um solche Fragen zu stellen. Vielleicht sitzt du dann mit mir auf dieser Bank mit einem Bier in der Hand, und es ist dir egal, was auf der Welt passiert, Hauptsache, du hast ein Dach über dem Kopf, du bekommst etwas zum Essen und alle paar Monate ein bisschen Taschengeld.“

Durch seine Aussage wurde mir klar, dass es auch nach der Flucht Probleme gibt. Zum Beispiel, wenn du den ganzen Tag nichts zu tun hast und all die schrecklichen Erinnerungen wiederkommen. Du hast viel Zeit, viel zu viel Zeit, um über deine Probleme nachzudenken. Auch wenn du gerne lernen würdest, kannst du dich nicht richtig konzentrieren und hast kaum Kraft, denn deine ganze Zukunft und dein ganzes Leben hängen von einem einzigen Bescheid ab, den ein Beamter erlässt. Seine Unterschrift kann dir erlauben, zu arbeiten, oder dich zwingen, noch länger zu warten.

Nach drei Monaten erhielten wir den Bescheid, dass unser Asylantrag abgelehnt worden war. Nachdem wir erfahren hatten, dass wir wieder von vorne anfangen mussten und noch immer nicht arbeiten durften, waren wir sehr unglĂĽcklich und es fehlte uns jeder Antrieb. Wir mussten immerzu an unsere Eltern und Verwandten denken und fragten uns, wie es ihnen wohl ging. Die schlechten Nachrichten, die uns aus unserem Land erreichten, haben uns dann trotzdem dazu gebracht, glĂĽcklich zu sein, ĂĽberlebt zu haben und zumindest in Sicherheit zu sein.

Zum GlĂĽck lernten wir nette Menschen kennen

In unserer Asylunterkunft waren viele Menschen krank und litten an Depressionen. Manche versuchten, sich den Tag mit Alkohol zu vertreiben. Deshalb entschlossen wir uns, so wenig wie möglich im Zimmer zu sitzen und oft spazieren zu gehen. Dass wir beide gut Englisch sprachen, hat es uns leichter gemacht, Kontakte zu knüpfen und Freunde zu finden. Beim Spazierengehen haben wir ein Ehepaar kennen gelernt, die beiden waren bereits in Pension. Der Mann hatte beim österreichischen Bundesheer als Sanitäter gearbeitet und war einmal zu einem UNO-Einsatz in den Kongo geschickt worden. Als er uns das erste Mal sah, sagte er nur: „Ich war in Afrika. Im Kongo war ich. Die Kongolesen wollten uns umbringen, weil sie uns für Belgier gehalten haben, aber die Soldaten aus Ghana haben uns gerettet.“ Von dem, was er uns erzählt hat, haben wir nur die Worte Kongo, Ghana und Belgier verstanden.

Nachdem ihm seine Frau etwas zugeflüstert hatte, sprach er Englisch mit uns.: „I am sorry, I thought you speak German.“ Dann fing er mit seiner Geschichte wieder vorne an, aber diesmal auf Englisch. Sie haben sich vorgestellt, und nachdem auch wir ihnen unsere Namen gesagt hatten, verabschiedeten wir uns: „Good bye, good bye!“ Am nächsten Tag, sahen wieder uns wieder. Nach einem kurzen Gespräch, in dem wir ihnen schilderten, wie sehr wir unter dem Nichtstun litten, meinte die Frau: „Wenn ihr wollt, kommt doch am Samstagnachmittag zu uns. Rooble, du kannst meinem Mann beim Rasenmähen helfen, und wir Frauen finden wir bestimmt auch eine Beschäftigung.“

Meine ersten Jahre in Ă–sterreich

Diese Freundschaft mit diesem Ehepaar, die sehr lang gehalten hat, hat uns den Weg geebnet zur deutschen Sprache und zur österreichischen Gesellschaft. Sie hat uns die Energie gegeben, nach vorne zu schauen, und die Zuversicht, dass es möglich ist, uns hier eine neue Zukunft aufzubauen. „Dafür braucht ihr den Willen, Neugier und Offenheit,“ sagte unsere neue Freundin Elke. „Aber ihr braucht auch Orientierung und Freunde, die euch den Weg zeigen, weil man sonst Umwege gehen und viel Zeit verlieren kann. Wenn ihr euch bemüht, könnt ihr auf unsere Unterstützung zählen“, ergänzte Hermann.

Wir haben die Einladung des freundlichen Ehepaares gerne angenommen und standen pünktlich auf die Minute vor der Türe. Als wir läuteten und Hermann uns die Tür aufmachte, sah es fast so aus, aus, als ob wir zu früh gekommen oder ob die Herrschaften unser Kommen vergessen hätten. Sie saßen auf dem Sofa und sahen fern. Hermann empfing uns mit den Worten: „We expected you will be late, because, African people never come in time”. “That is what you thought, but I never believed that”, entgegnete seine Frau sofort. Während Elke und Herrmann sich widersprachen, fragten wir uns, wie sie nur auf die Idee gekommen sind, dass wir zu spät kommen würden, und ob sie vielleicht über Afrikaner reden, die wir nicht kennen. Also fragte meine Frau: „Have you got African friends?”

Da schauten sie sich an und es war zu bemerken, dass Elke die Bemerkung ihres Mannes peinlich war. Sie lachte und drehte sich um in Richtung der Küche und sagte: “We are so sorry, please, have a seat, I will make coffee for us. Or do you prefer tea?” Dann verschwand sie in der Küche. Hermann nahm neben mir Platz und sagte: „Nein, wir haben keine Freunde aus Afrika, ehrlich gesagt, seid ihr die ersten afrikanischen Freunde, die wir eingeladen haben. Aber bei uns herrscht die Meinung, dass die Afrikaner nie pünktlich seien. Natürlich ist das falsch, denn weder verspäten sich alle Afrikaner, noch sind alle Europäer pünktlich. So etwas nennt man Vorurteile.“ Wie heißt Vorteile auf Englisch?“ fragte er seine Frau. Diese schaute uns an und antwortete: „Prejudice“. Wir verstanden das Wort nicht, worauf sie uns ein Wörterbuch gab. „Here is an English dictionary, you will find the word there.“

„Woher kommt das Vorurteil, dass Afrikaner nicht pünktlich seien? Hat vielleicht ein Kolonieverwalter seinen Tee zu spät bekommen? Hat er sich da nicht gefragt, dass der Afrikaner vielleicht deshalb unpünktlich war, weil er gegen seinen Chef protestierte? Könnte es sein, dass es die einzige Möglichkeit für ihn war, seinen Protest zu zeigen, indem er seinen Herrn auf den Tee warten ließ?“ Meine Frau hielt einen philosophischen Vortrag, der nicht eingeplant war, doch zum Schluss sagte sie: „Aber ihr seid keine Kolonialbeamten. Ihr habt uns eingeladen, und wir haben eure Einladung angenommen.“

Elke erklärte uns in perfektem Englisch, dass es hier viele Vorurteile gebe, die man zwar leicht widerlegen, aber nur schwer aus den Gehirnen der Menschen löschen könne. „Aber wir haben heute das erste Vorurteil geklärt, wir sollten immer gleich darüber reden, sobald wieder eines auftauchen sollte!“

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken und unseren Kuchen gegessen hatten, schlug Herrmann mir vor, in den Garten zu gehen, was wir getan haben. Meine Frau und Elke blieben im Wohnzimmer sitzen und unterhielten sich.

An diesem Tag habe ich das erste Mal in meinem Leben einen Rasen gemäht. Hermann gab mir einen Ohrenschutz und schon ging es los. Herrmanns Aufgabe bestand darin, mit dem Rechen alle Äste und Steine zu entfernen, damit der Rasenmäher nicht beschädigt wurde. Durch den Geruch der Pflanzen und dass ich neben dem Geräusch des Rasenmähers nichts von der Außenwelt mitbekommen habe, half mir, zu mir zu kommen und beruhigte mich. Seitdem ist das Mähen eine Arbeit, die ich bis heute sehr gerne mache. Hermann und ich haben den ganzen im Sommer im Garten gemeinsam den Rasen gemäht, Pflanzen eingesetzt und Hecken geschnitten, im Winter haben wir Schnee geschaufelt. Durch diese Tätigkeit habe ich die Namen der Pflanzen und Werkzeuge sowie die Arbeitsbegriffe gelernt und erfahren, dass es auch „Schuhe für die Hände“ gibt.

Elke hat gemeint, dass sie meiner Frau erklären müsse, wie man „richtig“ kocht und die Haushaltsarbeit macht. Aber meine Frau hat im Krankenhaus als Krankenschwester gearbeitet, sie konnte gut kochen, bügeln, nähen und liebte die Sauberkeit. Das hat Elke und Hermann positiv überrascht. Somit war ein weiteres Vorurteil geklärt. Elke hatte eine Operation hinter sich und war froh, jemanden zu haben, der für sie gewisse Arbeiten erledigen konnte, für uns war es wichtig, eine Tagesbeschäftigung zu finden – somit war es ein Win-Win-Prinzip für alle.

Nachdem wir das Ehepaar einen Monat lang zweimal in der Woche besucht und bei ihm gearbeitet hatten, drückte Elke, als wir nach Hause gehen wollten, meiner Frau einen Briefumschlag in die Hand. Hermann tat das Gleiche bei mir. „Bitte macht ihn doch auf“, forderte uns Hermann auf. Aber Elke war anderer Meinung: „Ihr könnt die Umschläge auch zu Hause öffnen!“ Wir schauten uns gegenseitig an. Zuerst riss meine Frau ihren Briefumschlag auf, dann öffnete ich meinen langsam. In jedem Kuvert befanden sich 1.000,00 Schilling. „Wir wollen doch kein Geld von euch, wir sind zufrieden, dass wir bei euch sein dürfen und eine Beschäftigung haben und noch Deutsch lernen!“

Meine Frau sagte zu Elke: „Wir haben Essen und ein Dach über dem Kopf, daher ist für uns das Geld nicht so wichtig. Nachdem wir bei euch arbeiten, schlafen wir sehr gut und das ist für uns unbezahlbar. Zu arbeiten und bezahlt zu werden ist etwas anderes, als Freunde besuchen, bei ihnen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen und sie bei der Arbeit zu unterstützen. Bitte nehmt das Geld zurück, damit wir Freunde bleiben und immer zu euch kommen können.“ Wir versuchten, die Kuverts zurückzugeben, aber die beiden lehnten unsere Einwände ab.

„Das ist keine Bezahlung, das ist eine Anerkennung! Wenn wir euch wirklich einen Lohn zahlen sollten, müssten wir euch viel mehr geben. Das wir euch kennengelernt haben, ist für uns sehr wichtig. Dass wir miteinander sprechen, gemeinsam essen und arbeiten, ist für uns unbezahlbar. Wir wissen auch, dass ihr nicht wegen des Geldes zu uns kommt. Daher ändert sich unsere Freundschaft nicht, wenn ihr die Briefumschläge mit nach Hause nehmt.

Damit war für Elke die Diskussion beendet, aber Hermann fügte noch hinzu: “Unseren Nachbarn haben wir erzählt, dass wir gute Freunde geworden sind, und sie möchten euch auch gerne kennenlernen. Wenn ihr wollt, können wir sie euch vorstellen.“ Meine Frau erwiderte, dass wir noch ein bisschen Zeit brauchten, um unsere jetzige Situation zu verarbeiten. „Wenn wir bereit sind, andere Leute kennenzulernen, geben wir euch Bescheid! Wenn ihr einverstanden seid, kommen wir wie üblich am Montagnachmittag wieder.“ Beide waren einverstanden. Wir verabschiedeten uns und wünschten einander ein schönes Wochenende.

Auch wenn wir das Geld nicht erwartet hatten, haben wir uns doch darüber gefreut. Wir haben etwas Kleingeld gewechselt und sind zur nächsten Telefonzelle gegangen – eine Einrichtung, die heute fast ausgestorben ist – und haben zu Hause angerufen. Unsere Familienmitglieder teilten uns mit, dass der Krieg noch andauere, und viele unserer Familienmitglieder auf der Flucht und die Übrigen noch am Leben seien, und das war auch eine gute Nachricht.

Unsere Hoffnung war, einen positiven Asylbescheid zubekommen, der uns garantieren würde, in Österreich zu bleiben und endlich arbeiten zu dürfen. Private Kontakte und die Unterstützung von Freunden sind zwar schön und hilfreich, könnten dir aber keine dauerhafte Perspektive bieten. Es ist nicht leicht, als erwachsener Mensch die deutsche Sprache zu erlernen, schon gar nicht, wenn man andere Sorgen hat. Aber wir wussten, dass die Sprache zu lernen, ein Teil der Lösung für unsere Probleme sein würde. Darum wollten wir uns bemühen, so schnell wie möglich Fortschritte zu machen.

Wir vereinbarten, miteinander Deutsch zu sprechen, soweit es unser Wortschatz erlaubt. Mit der Zeit sprachen wir mit unseren Freunden immer seltener Englisch und immer öfter Deutsch. Ich muss zugeben, dass meine Frau die Sprache viel schneller gelernt hat als ich, vielleicht sind Frauen sprachlich begabter als Männer.

Die Arbeitssuche mussten wir jedoch aufgeben. Das letzte Mal, als ich mich beim AMS vorstellte, sagte der Beamte nur: „Ich weiß nicht, wie oft ich es Ihnen noch sagen soll: Sie dürfen nicht arbeiten, bleiben Sie doch zu Hause und warten Sie, bis Sie einen positiven Asylbescheid erhalten haben, ein Dach über dem Kopf, ein Bett zum schlafen und Essen haben Sie ja.“

Meine erste Arbeit in Ă–sterreich

Eines Tages erzählte Hermann, dass er eine Familie kenne, die jemanden für die Gartenarbeit suche, dass er ihr über mich erzählt habe und sie mich kennenlernen möchten. Als ich meine Frau nach ihrer Meinung fragte, meinte sie nur: „Was kann schon schief gehen? Wir nehmen jede Arbeitsmöglichkeit, die sich uns bietet, denn Erfahrungen zu sammeln, kann uns nur nützen.“ Hermann holte mich dann am nächsten Tag in der Früh ab und brachte mich zu dem Haus der Familie. Dort erwartete uns ein reicher, freundlicher Mann. Er sprach perfekt Englisch. Als er mich erblickte, sagte er: „Sie kommen bestimmt aus Ostafrika, das erkenne ich an Ihrem Gesicht“. Ich gab ihm Recht, und er zeigte mir ohne zu zögern meinen Arbeitsplatz und mein Werkzeug, ohne zu fragen, ob die ich die Arbeit überhaupt haben möchte oder ob ich sie machen dürfe. Von seiner Seite war alles fix und mir war es egal. Doch Hermann ging mit mir auf die Seite und sagte: „Wenn du die Arbeit nicht willst, sag es mir, wir können sofort nach Hause fahren.“ Ich sagte zu Hermann, dass ich die Arbeit probieren wollte, da ich ja nichts zu verlieren hätte, und er fuhr nach Hause.

Ich arbeitete den ganzen Tag und bekam Jause und Wasser. Als ich am Abend nach Hause fahren wollte, sagte der Chef, dass ich am nächsten Tag früher kommen solle, weil er eine andere Aufgabe für mich habe. Als ich am nächsten Morgen ankam, warteten zwei Bauarbeiter auf mich. Wir stiegen in einen PKW und fuhren sogleich los. Das Auto blieb bei einem alten Haus stehen, wo der Fahrer und sein Beifahrer ausstiegen, während ich im Auto wartete. Ein rauchender dünner, alter und großer Mann im Arbeitsgewand hatte die Männer schon erwartet und sprach mit ihnen in einer mir unbekannten Sprache. Dann schauten sie mich alle an. Der alte Mann begrüßte mich: „Guten Morgen, steig bitte aus!“ Sofort drückte er mir eine Schaufel in die Hand und trug mir auf, mit ihm zusammen den Zement zu mischen. Wir fingen sogleich mit der Arbeit an. Es war eine Knochenarbeit, aber ich wusste, je früher ich damit anfinge, umso leichter würde es für mich sein.

In diesen Tagen haben sich meine Sprachkenntnis nicht verbessert, vielleicht sind sie sogar schlechter geworden. Der Chef wollte mit mir nur Englisch sprechen und die Kollegen haben mit mir in einem „Gastarbeiter-Deutsch“ ohne Grammatik gesprochen. Ich habe sie sogar korrigiert, wenn sie sagten: „Du gehen! Du holen…“ Der dritte Tag war nicht anders als die ersten beiden. Der alte Mann füllte zwei Kübel mit Zement und ich trug sie mit den Händen zum Polier und zu seinem Gehilfen, als ein Polizeiauto vorbeifuhr. Als einer der Polizisten mich bemerkte, stoppten sie und kehrten um. Der alte Mann wollte schnell in der Wohnung verschwinden, doch die Polizisten hielten ihn auf. Auch der Polier und sein Helfer mussten hinunterkommen. So standen wir alle vier nebeneinander.

Als erstes fragten sie mich nach meiner Arbeitsbewilligung. Bevor ich etwas sagen konnte, sagte der Polier, dass ich heute nur zur Probe arbeite und die Polizei jederzeit den Chef anrufen könne. Mir wurde mitgeteilt, dass ich nicht ohne Arbeitserlaubnis hier arbeiten dürfe. Schlimmer war aber, dass die Polizisten darauf kamen, dass weder der alte Mann noch der Hilfsarbeiter angemeldet waren, und dass bei letzterem noch dazu das Visum abgelaufen war.

Nun waren alle wütend auf mich, denn sie waren der Meinung, dass ich das Problem mitgebracht hätte, weil ich wegen meiner Hautfarbe auffalle und die Polizei nur wegen mir gekommen sei. Seit zwei Jahren hätten sie hier gearbeitet, doch heute seien sie das erste Mal kontrolliert worden. Der alte Mann musste mit einer Strafe rechnen und der Hilfsarbeiter sein Visum verlängern. So habe ich mich unbeliebt gemacht, und das war auch schon mein letzter Arbeitstag auf der Baustelle.

Ich durfte jedoch im Garten weiterarbeiten. Da der Garten sehr groß war, habe ich einen kleinen Traktor bekommen. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, und es hat alles tadellos funktioniert. Am nächsten Tag wurde mir eine neue Aufgabe zugeteilt, und zwar mit dem Hund spazieren zu gehen, Da wurde ich unsicher. „Warum schaust du so komisch“, sagte die Haushälterin, die das Regiment in diesem Haus führte. „Der Hund tut dir nichts, du musst nur mit ihm gehen!“ Ich hatte zuvor nie einen Hund angefasst. „Wenn du nicht mit dem Hund gehen willst, kannst gleich gehen“, reagierte sie auf meinen verunsicherten Blick. Ich fragte, wohin ich gehen sollte, aber das machte sie noch wütender. Als Julia, die Tochter der Familie, ihre laute, aufgebrachte Stimme hörte, eilte sie mir zu Hilfe und schlug vor, dass sie mit mir und dem Hund zusammen gehen würde. Als ich meiner Frau erzählte, was mir widerfahren war, meinte sie nur: „Du hast wieder eine neue Erfahrung gemacht“.

Deutsch lernen, Freunde besuchen, ein bisschen Arbeit und warten, die Tage und Wochen kamen und gingen auf die gleiche Art und Weise. Wann wĂĽrde unser Asylbescheid endlich kommen, wie lang mĂĽssen wir noch auf ihn warten?

veröffentlicht in Talktogether Nr. 66/2018