Somalia: Warum ist Alshabaab so mächtig? PDF Drucken E-Mail

Warum ist Alshabaab in Somalia so mächtig?

TT: Wie ist es dazu gekommen, dass Alshabaab heute in Somalia so mächtig ist?

Diiriye: Ich möchte ein bisschen zurückblicken. Man könnte sagen, dass der Konflikt in Somalia schon 1979 begonnen hat. Damals hat Siad Barre, seine Generäle in den Krieg gegen Äthiopien geschickt, um potenzielle Widersacher loszuwerden und sich selbst an der Macht zu halten. Doch das Problem kam wie ein Boomerang zu ihm zurück. Als Äthiopien mithilfe des Warschauer Pakts den Krieg gewonnen hatte, kehrten die Generäle zurück und unternahmen einen Putschversuch. Siad Barre nahm einige der Generäle fest und ließ sie hinrichten. Die anderen flüchteten nach Äthiopien und gründeten dort die SSDF. Sie bekamen Unterstützung vom äthiopischen Staatschef Mengistu Haile Mariam, um Siad Barre zu entmachten. Umgekehrt flüchteten äthiopische Oppositionsführer nach Somalia, und Siad Barre half ihnen, gegen Mengistu zu kämpfen. Dieser Krieg war Mutter alle Probleme in Somalia.

Alle paar Jahre bekam der Krieg ein neues Gesicht. Anfang der 1990er Jahre wurden der USC, SNM und andere so genannte politische Parteien aktiv, mit dem Ziel, Siad Barre zu stürzen. Hinter jeder Partei stand jedoch meiner Meinung nach Claninteressen. Als Siad Barre weg war, haben sie sich diese Clans dann gegenseitig bekriegt – bis sie sich schließlich in Untergruppen aufsplitterten. Nun tauchten die Warlords auf, und ehemalige Mitglieder der gleichen Gruppe kämpften gegeneinander. Das war der so genannte Bürgerkrieg.

Die Warlords wurden durch die Union Islamischer Gerichtshöfe abgelöst, welche 2006 Mogadischu und große Teile von Süd- und Zentralsomalia kontrollierten. Sie vertraten eine sehr konservative und fundamentalistische Ausrichtung des Islam, verübten aber keine Terroranschläge. Diese wurden mithilfe der USA und äthiopischen Gruppen entmachtet. So ist Alshabaab entstanden. Alle Kriege haben irgendwann ein Ende gefunden. Die Leute wurden müde und erkannten die Dummheit und Sinnlosigkeit des Krieges, ihnen ist das Geld ausgegangen oder sie haben keinen Waffennachschub mehr bekommen. Doch Alshabaab ging das Geld nie aus, sondern die Gruppe wurde immer mächtiger und einflussreicher. Die Frage lautet: Woher wird diese Gruppe finanziert?

Aktuell spielt Alshabaab eine wichtige Rolle in der Politik Somalias, man könnte sagen, sogar eine wichtigere als die Regierung. Es ist ihnen gelungen, ein Parallelsystem aufzubauen, Steuern einzusammeln und den Menschen Sicherheit zu garantieren, solange sie loyal sind und Steuern – oder besser gesagt Schutzgeld – bezahlen. Die Regierung kassiert auch Steuern, doch Alshabab hat besser organisierte Strukturen und wird von vielen – im Vergleich zur Regierung – sogar als gerechter angesehen.

TT: Warum wird Alshabaab als gerechter angesehen?

Diiriye: Sie haben eine eigene Polizei und Gerichte. Wenn zwei Personen Streit haben und vor ein Alshabab-Gerichte kommen, gibt es keine Korruption oder Bestechung, auch die Clanzugehörigkeit spielt eine geringere Rolle. Deshalb werden ihre Urteile als gerechter angesehen als die der Regierungsbehörden. Bei denen kommt es vor allem darauf an, wie viel Geld jemand in der Tasche hat oder welchem Stamm er angehört. Wenn ein Geschäftsinhaber die von Alshabab geforderte Steuer abliefert, kann er sicher sein, nicht angegriffen zu werden – eine Garantie, die ihm die Regierung nicht geben kann. Das Schlimmste ist, dass Alshabaab, nur um der Regierung zu schaden, unschuldige Menschen tötet. Sie bringen alle um, die ihre Meinung nicht teilen oder nicht in die Moschee gehen, wann sie es vorschreiben. Es gibt auch zahlreiche Beweise dafür, dass sie Menschen zum Tode verurteilen, die ihnen kein Geld geben oder ihnen widersprechen. Auch im Ausland verüben sie Bombenanschläge – wie kürzlich in Nairobi. Gemeinsam mit ISIS und anderen Terrorgruppen haben sie, dass es für ihre Kämpfer keine Rolle spielt, ob sie selbst sterben.

Es gibt auch in anderen afrikanischen Ländern – z.B. Nigeria und Mali –Terrororganisationen, doch diese haben es nicht geschafft, so mächtig zu werden, wie in Somalia, weil die dortigen Regierungen nicht so schwach sind und es eine klare Linie zwischen Regierung und Terrororganisation gibt, die es in Somalia nicht gibt. Alshabab hat alles unterwandert, es gibt Polizeioffiziere und Minister, die gleichzeitig für Alshabab arbeiten, sonst könnte ihr System nicht so gut funktionieren. Sie sind ähnlich organisiert wie die Mafia in Italien. Du kannst nicht unterscheiden, wer ist wer. Man kann nicht einmal den eigenen Familienmitgliedern trauen, denn man weiß nicht, ob der Vater, die Mutter, der Sohn oder die Tochter Kontakt zu ihnen hat.

Ein Beispiel: Ein Mann sagt zu seiner Frau und den Kindern „Die Alshabab-Leute sind keine richtige Muslime, denn ein wahrer Muslim, tötet keine unschuldigen Menschen und ruft dabei
Allahu Akbar“. Der Mann hat am nächsten Morgen das Haus verlassen und ist nicht mehr zurückgekommen. So etwas tut die Regierung nicht, aber sie ist schwach, weil sie keine Basis im Volk hat und ihre Mitglieder abhängig von ihren Clans sind. Da der Präsidenten und der Premierminister gebildete Menschen sind, und der eine einen US-amerikanischen und der andere einen norwegischen Pass besitzt, frage ich mich, wozu sie überhaupt nach Somalia zurückgekommen sind.

TT: Wie hat es Siad Barre geschafft, das Land 22 Jahre lang zu regieren?

Diiriye: Damals hatte der Staat das Machtmonopol und die Waffen waren nur in den Händen der Armee. Siad Barre regierte Somalia zehn Jahre mit Klugheit und zwölf Jahre mit Gewalt, die jetzige Regierung schafft weder das eine noch das andere.

TT: Wer profitiert dieser Situation in Somalia?

Diiriye: Ich gehe davon aus, dass die arabischen Staaten einen Vorteil davon haben, wenn die Situation in Somalia instabil bleibt. Somalia ist für sie wie ein unkontrollierter Schwarzmarkt. Sie können ungehindert somalische Küstengewässer befahren und somalisches Vieh importieren, ohne verhandeln zu müssen. Als Siad Barre an der Macht war, mussten sie mit dem Staat verhandeln, es gab Steuern und Zölle. Das alles gibt es heute nicht mehr, und der arabische Käufer kann den Preis diktieren. Somalia ist für sie ein Selbstbedienungsladen, aber auch eine Müllablage. Arabische Männer, die in ihren Ländern verfolgt werden, kommen sie nach Somalia und führen dort Krieg, Terroristen, die aus anderen Ländern fliehen, tauchen in Somalia unter. Somalia ist zudem wie der Jemen ein Schauplatz von Stellvertreterkriegen geworden, so ist auch hier die Konflikte zwischen den arabischen Staaten und dem Iran spürbar. Aber es gibt auch Widerstand. Die Vereinigten Arabischen Emirate wollten der nordsomalischen Regierung den Hafen von Berbera billig abkaufen und zu ihrem Eigentum machen, doch dieses Vorhaben mussten sie aufgrund des massiven Widerstands der Bevölkerung aufgeben.

TT: Warum ist Nordsomalia friedlicher als der Süden?

Diiriye: In Nordsomalia gibt es zwar verschiedene Clans, jedoch hat nur einer die Macht und die Minderheiten müssen sich unterordnen. Im Gegensatz dazu gibt es in Mogadischu mindestens fünf Clans, von denen keiner den anderen bezwingen kann, sich aber auch keiner einem anderen unterordnen will. Manche behaupten auch, dass Alshabab von einer Gruppe aus Nordsomalia unterstützt wird, weil es in Hargeysa keine Explosionen gibt, sondern nur in Mogadischu und Umgebung. Nordsomalia strebt die Unabhängigkeit an. Je mehr Gewalt es in Südsomalia gibt, und desto größer wird die Chance, als unabhängiger Staat international anerkannt zu werden.

TT: Südsomalia war italienische, Nordsomalia britische Kolonie. Welche Spuren haben die Kolonialmächte hinterlassen?

Diiriye: Konflikte. Ethnisch, sprachlich und kulturell gibt es kaum Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden, außer unterschiedlichen Dialekten. Die Einflüsse der Engländer und Italiener sind eher oberflächlich, zum Beispiel beim Essen. Die Kolonialmächte haben es in Somalia nicht geschafft, einen so großen Einfluss auszuüben wie in anderen afrikanischen Ländern. Was sie aber geschafft haben ist, Grenzen zu ziehen, Menschen zu spalten und Konflikte zu schüren, wie jetzt den Krieg zwischen Nordsomalia und Puntland.

TT: Spielt auch die Türkei in Somalia politisch eine Rolle?

Diiriye: Die Türkei und China ersetzen die Rolle der Europäer von früher. Diese beiden Mächte präsentieren sich gern als Unterstützer Afrikas, sind aber genauso von Profitgier angetrieben wie alle anderen. Zum Beispiel zeigen sich die Türken als großzügige Spender, weil sie Krankenhäuser und Schulen bauen. Allerdings müssen die Patienten für jeden Arztbesuch und jede Untersuchung bezahlen. Trotzdem sind die Leute dankbar, denn was ist besser, eine Krankenbetreuung, für die man bezahlen muss, oder gar keine? Man muss auch dazu sagen, dass die Leute trotz aller Probleme solidarisch sind und die ganze Familie zusammenlegt, wenn jemand krank ist. Die Chinesen sind in Somalia wegen der Gewalt eher zurückhaltend.

TT: Kann Alshabab besiegt werden?

Diiriye: Das somalische Volk hat die englischen und italienischen Kolonialherren vertrieben, diese haben das Land ja nicht freiwillig verlassen. Schließlich ist es ihm sogar gelungen, den Diktator Siad Barre zu vertreiben, der über 23 Jahre so mächtig war, wie kein anderer. Warum sollten sie nicht auch eine verhasste Terrorgruppe wie Alshabaab loswerden können? Man könnte innerhalb kurzer Zeit all ihre Kämpfer festnehmen, die Leute kennen sich und jeder Clan weiß, wo seine Mitglieder wohnen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn das Volk einig ist und sich organisiert. Vielleicht fragen sich viele, wen sie zuerst loswerden sollten, die Regierung oder Alshabaab? Es sind die Unfähigkeit, die Korruption und die Schwäche der Regierung, von denen Alshabaab profitiert.

TT: Ist die Demokratie nach westlichem Vorbild überhaupt für ein afrikanisches Land wie Somalia die geeignete Regierungsform, oder können damit auch Rivalitäten zwischen verschiedenen Gruppen verstärkt werden?

Diiriye: Ich bin nicht sicher, ob es sinnvoll ist, sich immer nach dem Westen zu orientieren. Diese Art von Demokratie hilft vor allem den Mächtigen und nicht den Schwachen, das sieht man ja sogar innerhalb der EU.

Die somalische Gesellschaft hat vor der Kolonialzeit und schon vor dem Islam ein funktionierendes Rechtssystem und Instrumente zur Lösung von Konflikten gehabt. Für die Nomadengesellschaft sind „Nabad iyo Caano“ – Frieden und Milch – das Wichtigste, und eine ungerechte Entscheidung das Schlimmste, sogar schlimmer, als jemanden zu töten. Wenn man Frieden und genügend Nahrung hat, ist alles in Ordnung. Der Frieden kann aber nur gesichert werden, wenn es Gerechtigkeit gibt. Dafür sorgte der Xeerbeeg. Diese Institution stand über den Clans und hatte die Aufgabe, Lösungen bei Streitigkeiten zu finden und Konflikten vorzubeugen und damit einen stabilen und nachhaltigen Frieden zu sichern. Jeder Clan wählte jene Mitglieder als Abgesandte zu diesem Rat, die als geeignet angesehen wurden, faire und gerechte Entscheidungen zu treffen. Jedem Mitglied des Rats war bewusst, dass die Probleme zu ihm zurückkehren würden, sollte er eine unfaire Entscheidung treffen. Konnte in einem Fall keine Einigung erzielt werden, wurden Vermittler aus einer anderen Region herangezogen.

Diese Institution war eine wichtige Säule für den Zusammenhalt der somalischen Gesellschaft. Die Araber und die Europäer haben diese Systeme jedoch zerstört, um eigenen importierten Regeln durchzusetzen und ihre Macht zu sichern. Auch das Clansystem war ursprünglich nichts Negatives, es sicherte den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die soziale Absicherung ihrer Mitglieder, nur funktioniert es heute leider nicht mehr.


Xeerbeeg

In der somalischen Nomadengesellschaft wird ein seit Jahrhunderten mündlich überliefertes Rechtssystem praktiziert, das Xeerbeeg genannt wird (die Bedeutung des Wortes Xeer ist vergleichbar mit Gesetz und Beeg bedeutet messen oder wiegen). Es dürfte sich im 7. Jahrhundert am Horn von Afrika entwickelt haben. Da es keine Fremd- oder Lehnworte enthält, kann man davon ausgehen, dass es sich ohne nennenswerte Einflüsse von außen entwickelt hat.

Beim Xeerbeeg handelt es sich um ein komplexes System, dass Spezialisierung erfordert. Es gibt unterschiedliche Funktionen wie odayaal (Richter), xeerbeegeyaal (Rechtsgelehrte), guurtiyaal (Detektive), garxajiyaal (Anwälte), markhaatiyal (Zeugen) und waranle (Polizisten). Haft und Gefängnisse sind unbekannt.

Ziel des Xeerbeegs ist, einen Konsens zu erzielen, dem alle zustimmen. Auch wenn es keine übergeordnete Instanz gibt, die Gesetze und deren Auslegungen festlegt, gibt es einige unveränderliche Grundsätze wie die Zahlung von diya (Blutgeld), Entschädigungszahlungen für Körperverletzung, Verleumdung, Diebstahl oder Vergewaltigung, die Mediation durch Friedensgesandte, die gerechte Behandlung von Frauen, der Schutz bestimmter Gruppen wie Kinder, Frauen, Gäste und religiöse Führer, die Versorgung von Bedürftigen mit Vieh, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, sowie das Management von Ressourcen wie Weideland und Wasser.

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Xeer


erschienen in Talktogether Nr. 67/2019