Die „Zuagrasten“ in Wien zwischen Nationalismus und Integration PDF Drucken E-Mail

Die „Zuagrasten“ und ihr Erbe in Wien

Teil 2: Zwischen Nationalismus und Integration

von Franz Fiala

Der aufkeimende Nationalismus

Entlang der Sprachgrenzen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nationalistische Bewegungen, die es vorher in dieser Form nicht gab. Die Bindung an das habsburgische Kaiserhaus begann zu zerfallen mit den bekannten Folgen. Natürlich sind die Arbeiter*innen schon immer ideologisch der SDAP nahegestanden und sind bis heute überwiegend SPÖ-Wähler*innen. Es ist Victor Adler aber nicht gelungen, die Tschechen als eine eigene Fraktion in die SDAP aufzunehmen. Grund dafür waren die damals mit dem Wachstum der Stadt aufkeimenden Nationalismen: die deutsch-nationalen auf der einen und die tschechisch-nationalen auf der anderen Seite.

Und wo waren die Österreicher? Die gab es damals in unserem heutigen Verständnis noch nicht. Die Anschluss-Idee war eine Folge der verlorenen Schlacht bei Königgrätz (Hradec Králové), denn mit ihrem Ausgang wurde der Deutsche Bund, dem auch das heutige Österreich und Böhmen angehört hatten, aufgelöst und damit die viele Hunderte Jahre währende Zugehörigkeit der österreichischen Länder zum Deutschen Bund von Preußen als beendet erklärt. Das führte zur Teilung der Monarchie in einen österreichisch-böhmischen und einen ungarisch-kroatisch-serbischen Teil, die k.u.k. Monarchie war geboren, und mit diesem Datum nahmen auch die nationalistischen Trennungsideen zu. In Österreich war das nicht etwa die Idee eines eigenen Staates, wie das bei den Tschechen der Fall war, sondern es war die Idee von einem Anschluss an Deutschland.

Wir dürfen nun diese Idee von damals nicht aus unserem heutigen Blickwinkel sehen. Damals war der Anschlussgedanke eine Idee, die tatsächlich quer durch alle Parteien verlief, und noch 1923, nach dem Aus für den Namen Deutsch-Österreich und das von Österreich beanspruchte Staatsgebiet, bekräftigten alle Parteien im damaligen Parlament, dass sie einen späteren Anschluss an Deutschland anstreben würden.

Die nationalistische Front hatte ihren größten Kampfplatz in Wien. Juden und Tschechen waren die erklärten Feinde. Der Deutsch-Nationalismus auf der einen Seite hatte einen ebenso sturen tschechischen als Gegenüber. Den Höhepunkt erreichten diese Konflikte unter Bürgermeister Karl Lueger, dessen Bestellung der Kaiser wegen seiner Rassismen vier Mal verweigert hatte, der aber mit jeder dieser Zurückweisungen populärer wurde.

Bedenkt man, dass die meisten der ca. 150.000 nicht in Wien sesshaften Arbeiter*innen – also hauptsächlich die Ziegel- und Bauarbeiter – nach dem Ersten Weltkrieg die hungernde Stadt verlassen haben und in der damals neu gegründeten Tschechoslowakei Arbeit suchten, könnte man ihre Rolle als die eines Katalysators beschreiben, der eine Reaktion allein durch seine Anwesenheit in Gang setzt. Jahraus, jahrein zogen die „Böhmischen Schwalben“ nach Wien, bis sie nach 1918 mangels Bedarfs nicht mehr wiedergekommen sind. Aber die Anfänge des Sozialstaats, zu deren Gründung beigetragen haben, sind uns bis heute erhalten geblieben.

„Echte Wiener“

Mit dem Ende der Ziegelära im Wiener Raum in den 1960er Jahren wurden die ehemaligen Ziegelwerke ziemlich radikal geschleift, kein einziger der einst mächtigen Schlote und Ringöfen ist erhalten geblieben. An ihrer Stelle entstanden an ehemaligen Ziegelteichen Einkaufszentren, Hotels, Naherholungsgebiete, Sportsstätten, Wohnhausanlagen, paradiesisch anmutende Kleingartenanlagen, exklusive Ressorts. Es gibt nur mehr wenige Zeitzeugen, die hinter diesen modernen Paradiesen das frühere Elend erahnen können.

Wer jedoch das Wiener Telefonbuch studiert, wird feststellen, dass gut ein Viertel der Namen tschechischen Ursprungs sind. Bedenkt man noch die andere Hälfte, die durch den Assimilationsprozess durch deutsche Namen verdeckt ist, können wir schätzen, dass die Hälfte der heutigen Wiener Bevölkerung Tschechen in der näheren oder ferneren Verwandtschaft hat. In gewisser Weise sind wir alle ihre Nachfahren und Erben. Wer weiß, wer der Landespatron von Wien ist? Nun, die meisten würden wohl auf den Heiligen Leopold tippen, doch der „gehört“ den Niederösterreichern. Da Wien seit 1920 den Status eines eigenen Bundeslandes hat, brauchte es einen eigenen Stadtpatron, und der ist seit diesen Tagen Klemens Maria Hofbauer, Sohn des böhmischen Fleischhauers Pavel Dvořák, der seinem Sohn den gleichbedeutenden deutschen Namen „Hofbauer“ gab. Die Künstler Fritz Wotruba und Maxi Böhm, die Politiker Karl Renner, Franz Jonas, Bruno Marek, Felix Slavik, Helmut Zilk, Ferdinand Lacina und Karl Blecha, die Fußballer Matthias Sindelar und Walter Zeman (beide Kinder von Ziegelböhm) und nicht zu vergessen die Kultgastronomen Kolařík und Buben (Schweizerhaus) und Prousek (Aida) stehen stellvertretende für viele weitere, die heute für den „Echten Wiener“ stehen – eine kreative Mischung aus den Völkern der frühen Monarchie, allen voran der Tschechen und Mährer.

Entstanden ist der Ausdruck „Echter Wiener“ aber in der Zeit Karl Luegers als Zeichen der Abgrenzung gegen die damaligen Migranten. Heute empfinden wir diese Bezeichnung aber als ein Integrationssymbol für die damals als Bedrohung empfundenen Tschechen. Es wird noch eine Zeit dauern, bis man den „Echten Wiener“ auch auf die heutigen Migranten wird anwenden können. Bruno Kreisky, dessen mütterliche Familie „Felix“ aus Mähren stammte, ein Name, der uns heute noch in den Supermärkten als gleichnamige Lebensmittelmarke bekannt ist, beschrieb den Integrationsprozess der Wiener Tschechen am 28. März 1977 so: „Die Wiener Tschechen haben in einer so einzigartigen Weise das Antlitz Wiens mitgeformt und so auch das Bild Österreichs mitgestaltet, dass ich kaum ein anderes Beispiel auf diesem Kontinent kenne, das einem ähnlichen Integrationsprozess der Völker unterworfen wäre.“

Damals und heute

Ich war selbst ein Migrantenkind, nur hat mir das niemand bewusst gemacht. Weder in der Familie, denn dort war es selbstverständlich, dass Tschechisch gesprochen wurde und alle Verwandten und Freunde aus der tschechischen Parallelgesellschaft kamen, noch im Gymnasium, das ich besuchte. Heute gibt es wieder ein tschechisches Gymnasium, und meine Eltern würden mich wohl in dieses Gymnasium geschickt haben. Damals aber kam ich als Kind, das Deutsch in der Volksschule als Fremdsprache erlernt hat, in eine völlig neue Umgebung. Bemerkenswert war, dass man mir sicher angemerkt hat, dass ich nicht „von da“ war, doch niemand hat mir das zum Vorwurf gemacht oder mich deshalb in irgendeiner Form ausgegrenzt.

Das fühlt sich im Zusammenleben zwischen Migrant*innen und Wiener*innen heute oft anders an. Es ist, als ob die Sager des Populisten Lueger im Vokabular heutiger Rechtspolitikern eine Zeitreise unternommen hätten, so zum Verwechseln ähnlich ist die Stimmung heute im Vergleich mit den Berichten der Zeit um 1900. Man kam damals zum Beispiel auf die kreative Idee, von Juden und Tschechen das Vierfache bei einer Krankenhausbehandlung abzuverlangen und ihnen den Betrieb eigener Schulen zu verunmöglichen. Zwangsassimilation durch Eindeutschung von Namen, Bindung des Wiener Heimatrechts an Treueschwüre für das Deutschtum, Geringschätzung der Tschechen im Allgemeinen, Handgreiflichkeiten, tätliche Übergriffe … alles das war um 1900 ganz normal.

Man kann sich bei der Beobachtung unseres Umgangs mit den heutigen Migrant*innen des Eindrucks nicht erwehren, dass es alles das schon einmal gegeben hat, und dass der Lernprozess nur ein sehr langsamer ist. Je mehr man sich gegen Migrant*innen positioniert, desto stärker wird deren Reaktion des sich Zurückziehens in eine Parallelwelt, die ihnen Geborgenheit bietet. Auch das Kopftuch ist eine Art Symbol für diese Haltung. Alle diese Aktionen und Reaktionen hat es seinerzeit schon bei den Tschechen gegeben.

Ein wichtiger Unterschied zum damaligen Assimilations- und Integrationsprozess ist die Religion der Zuwanderer, und mehr noch die Wichtigkeit, die diese als Schutzmantel gegen die oft unfreundliche und feindselige Umgebung besitzt. Religion, besonders eine ausgrenzende, die Ehen mit anderen Kulturen praktisch verbietet, verlangsamt eine natürliche Assimilation. Ein gewisses Maß an Assimilation wäre jedoch ein Prozess, der für das gegenseitige kulturelle Verständnis sehr wichtig wäre. Meine persönliche Vision ist daher, dass wir „religion“ klein schreiben sollten. Wir können uns – Christen und Muslime – gerne an diese frühere Geborgenheit im Schoße unserer jeweiligen Religion erinnern, aber um zu entscheiden, was gut oder schlecht ist, sollten wir unseren Verstand benutzen und nicht auf Prediger jedweder Richtung hören. Kirchen und Moscheen gehören meiner Meinung nach ebenso wie Kriege ins Museum – wie es eine Werbebotschaft des Heeresgeschichtlichen Museums im Wiener Hauptbahnhof ausdrückt.

Mein persönlicher Hintergrund

Meine Großeltern kamen um 1900 nach Wien. Sie lebten immer in einer tschechischen Parallelwelt. Sie hatten ein Lebensmittelgeschäft. Ihre Kunden waren Tschechen. Ihr Bekanntenkreis waren Tschechen. Unser Hausarzt war Tscheche. Die Wirtshäuser waren tschechisch. Sie sprachen nur sehr schlechtes Deutsch. Meine Eltern wurden ausschließlich in Wiener tschechischen Schulen ausgebildet, aber der Anteil ihrer tschechischen Kunden nahm während der Kriegsjahre und nach der letzten großen Rückwanderwelle nach dem Zweiten Weltkrieg stark ab. Ich selbst besuchte noch die Tschechische Schule.

Meine „Expertise“ in Sachen Ziegelarbeiter besteht daher nur im Umstand, dass ich jene Person in der langen Linie einer Familie bin, die den Übergang von einer Kultur (der tschechischen) in eine andere (die österreichische) in einer heute nicht bekannten sanften Art geschafft hat. Das hatte ich dem ausgezeichneten tschechischen Schulsystem in Wien zu verdanken, das bereits seit 1923 in dieser Form existiert, und das alle Konflikte zwischen verschiedensprachigen Kindern in den Volksschulen wie wir sie heute in Wien erleben, vermeidet, weil sie dem fremdsprachigen Kind muttersprachlichen Unterricht bietet.

Die Kinder werden also in der Muttersprache alphabetisiert und erlernen gleichzeitig in den vier Volksschuljahren Deutsch als Fremdsprache, was ihnen im Alter von zehn Jahren den Übertritt in jede andere Schulform ermöglicht. Dieses Modell, das heute in den tschechischen, französischen und englischen Schulen in Wien angewendet wird, wäre eine jahrzehntelang praktizierte und bewährte Methode der unauffälligen Integration und Förderung der Migrantenkinder, denn wir hätten damit eine zweisprachig ausgebildete Jugend mit den damit verbundenen größeren Chancen für ihren späteren Beruf. Solche Schulen mit zum Beispiel türkischer Unterrichtssprache gibt es aber nicht, sie wären heute ebenso wenig durchsetzbar, wie sie seinerzeit unter Lueger auf erbitterten Widerstand gestoßen sind.

Meine tschechische Kindheit war weder im Beruf noch im Privatleben ein Thema – bis zu dem Zeitpunkt als die Geister von früher wieder Einzug in die Politik hielten und man begann, das Trennende wieder wichtiger zu nehmen als das Verbindende. Solidarität und Mitgefühl trat in den Hintergrund gegenüber dem Wunsch, sich über andere zu stellen, etwas, das für mich als überwunden galt. Heute ist mir angesichts nationalistischer Züge in der Politik mehr denn je bewusst geworden, dass ja eigentlich ich derjenige bin, den die Politiker meinen, wenn sie wieder etwas gegen illegale Zuwanderer ausspucken, um im Geiste von Karl Lueger die niedrigen Instinkte der Menschen für ihren Machterhalt ansprechen, und deren Wähler die Botschaften dankbar annehmen statt sich angewidert abzuwenden. Es geht mir also darum, das Leid der vielen Generationen aufzuzeigen, von denen wir eine der lebenswertesten Städte und Soziotope der Welt geerbt haben, um zu verhindern, dass sich die schrecklichen Dinge, die hier passiert sind, nicht widerholen mögen.

mehr dazu: fiala.cc/franz/erinnerungen/tschechen-in-wien

Foto: Der Böhmische Prater in Wien, Favoriten. Peter Gugerell, wikimedia.commons


veröffentlicht in Talktogether Nr. 69/2019