Gespräch mit Nadine Papai, Gesellschaft für Bedrohte Völker Österreich PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Nadine Papai

Geschäftsführerin von LEBENZEICHEN – Gesellschaft für bedrohte Völker Österreich


TT: Seit wann gibt es Lebenszeichen - Gesellschaft für Bedrohte Völker Österreich? Was versteht ihr unter bedrohte Völker?

Nadine: Die GFBVÖ gibt es seit 1985. Begründer war Franz Fluch, der auch lange Zeit Obmann unserer Gesellschaft war. Lebenszeichen, der Name unseres renommierten Kalenders, heißen wir erst seit Beginn 2019. Wir sind eine Menschenrechtsorganisation, die sich für ethnische und religiöse Minderheiten einsetzt, dazu gehören auch die Indigenen. Wir sind etwa dann zuständig, wenn es um Diskriminierung oder Völkermord geht.

TT: Warum und von wem sind diese Minderheiten bedroht?

Nadine: Es gibt verschiedene Formen der Bedrohung. Für uns relevant ist, wenn eine Gruppe in ihren Menschenrechten bedroht ist. Das umfasst Diskriminierung aus religiösen und ethnischen Gründen oder politische Unterdrückung – das passiert, wenn indigene Führer eingesperrt oder umgebracht werden. Wir beobachten derzeit, dass indigene Gruppen, ethnische Minderheiten aber auch die ganze Weltbevölkerung durch unsere westliche Wirtschaftsweise bedroht sind. Gerade die indigenen Völker sind es, die die Natur beschützen. Sie machen zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung aus, beschützen aber circa 82 Prozent der Biodiversität unserer Erde. Wenn dann solche Dinge passieren wie jetzt in Brasilien, ist das eine akute Bedrohung für uns alle: Es handelt sich ja um von Menschenhand gelegte Brände, um die Indigenen von einem Land zu vertreiben, das ihnen rechtlich zusteht. Weil die Konzerne keine legale Möglichkeit haben, dieses Land für die Rohstoffgewinnung zu nutzen, werden die Indigenen gegen ihre Rechte von ihrem Land vertrieben.

TT: Die Menschen, die ihre vertretet, wohnen zumeist weit weg von Österreich. Wie tretet ihr mit ihnen in Kontakt? Was kann eure Gesellschaft für diese Menschen tun?

Nadine: Unser Arbeitsprinzip ist ein ganz strenges. In humanitären Projekten arbeiten wir mit Organisationen vor Ort auf Augenhöhe zusammen. Dabei handelt es sich um eher kleinere und überschaubare Projekte, die wir regelmäßig besuchen. Bei großen Katastrophen schließen uns aber auch mit europäischen NGOs zu einem größeren Verband zusammen, zum Beispiel anlässlich der großen Überschwemmung in Mosambik.

TT: Kannst du uns ein Beispiel für eure Projekte nennen?

Nadine: Wir haben ein Projekt in nordirakischen Flüchtlings-camps. Anlass für unser Engagement in dieser Region war der Völkermord an den Jesiden. Dieses Projekt besuche ich persönlich zwei Mal im Jahr. Vorort arbeiten wir mit NGOs zusammen, die sich ständig und dauerhaft um das Projekt kümmern. Wir haben kein eigenes Personal vor Ort, bezahlen aber die Menschen, die dort arbeiten. Zwei Jahre haben wir dort mit jesidischen Mädchen Joghurt hergestellt und an die Menschen im Lager verteilt. So konnten wir Arbeitsmöglichkeiten schaffen und den Flüchtlingen im Camp eine gesunde Nahrungsergänzung zur Verfügung stellen. Das kleinste Flüchtlingscamp in Kurdistan beherbergt mindestens 5000 Menschen. Das bedeutet, wir haben für 5000 Menschen Joghurt gemacht! Hergestellt haben wir das Joghurt aus einem Gemisch aus Schaf-, Ziegen- und manchmal Kuhmilch, die wir lokalen Bauern abgekauft haben. Teilweise mussten wir auf Milchpulver zurückgreifen, um alle regelmäßig zu versorgen, zum Beispiel im Frühling, wo die Tiere die Milch für ihre eigenen Jungen benötigten.

TT: Geht es in euren Projekten nur um humanitäre Hilfe oder gibt es auch politische Projekte?

Nadine: Selbstverständlich nehmen wir auch die Interessen der Betroffenen gegenüber Behörden und Entscheidungsträgern wahr. Wir sehen jedoch, dass die Politik in der Situation, in der sich der Planet heute befindet, keine schnellen Lösungen für Probleme hat, die aber schnelles Handeln benötigen würden. Deshalb haben wir uns entschlossen, an der Seite der Indigenen für ihre Interessen zu kämpfen. Wir haben bereits Kampagnen für Indigene in Peru und Ecuador initiiert, jetzt steht Brasilien an. Das Geld dafür stammt ausschließlich aus Spenden, wir bekommen dafür keine öffentlichen Förderungen.

TT: Was können wir als Mehrheitsbevölkerung tun, um Indigene zum Beispiel in Brasilien zu unterstützen?

Nadine: Das werden wir oft gefragt. Natürlich müssen wir darauf antworten: Bitte gebt uns Spenden, damit wir die Indigenen unterstützen können. Aber uns ist bewusst, dass wir unsere Lebensweise, unser Konsumverhalten und unsere Nahrungsmittelproduktion grundlegend überdenken müssen. Indigene brauchen weder Spenden noch jemanden, der ihnen sagt, wie sie ihr Leben führen sollen. Diese Menschen haben das Recht, selber zu entscheiden, wie sie leben wollen. Das einzige, was diese Menschen wirklich brauchen, ist unser Einsatz, damit ihre Lebensgrundlagen nicht zerstört werden. Deshalb stellen wir ihnen Rechtsanwälte zur Verfügung, um sie in ihrem Kampf zu unterstützen. Und dafür brauchen wir als Verein auch dringend Spenden.

TT: Bedeutet das, man soll diese Völker in Ruhe lassen? Ist es das, was sie sich wünschen?

Nadine: Das kann man nicht so einfach sagen, denn „die Indigenen“ gibt es nicht. Es handelt sich um pluralistische Gesellschaften, manche wollen westlich leben und verlassen die Gemeinschaften, andere ziehen sich zurück. Grundsätzlich ist aber das Problem der Indigenen in Brasilien und auch überall sonst, dass sie stark diskriminiert werden. Deshalb kann nicht pauschal gesagt werden „lasst sie in Ruhe“, sondern es müssen individuell Wege gefunden werden, miteinander friedlich und in gegenseitigem Respekt zu leben. Es gibt aber Gemeinschaften, die in freiwilliger Abgeschiedenheit leben und jeden Kontakt ablehnen, diese sollte man tatsächlich in Ruhe lassen. Aber leider schwindet deren Lebensraum zunehmend, so dass es für sie kaum noch Platz gibt.

TT: Was ist deine persönliche Motivation für diese Arbeit?

Nadine: Ich bin studierte Sozialanthropologin und beschäftige mich seit meinem 20. Lebensjahr mit indigenen und bedrohten Völkern, das ist meine absolute Leidenschaft. Ich bin seit mittlerweile 17 Jahren Menschenrechtsaktivistin, war selbst als Minderheitenvertreterin tätig und entstamme selber der Minderheit, der österreichischen Burgenland-Roma. Einer meiner Vorfahren war der Obmann des ersten Roma-Vereins der österreichischen Geschichte. Dieses Jahr bin ich zur Obfrau eines Roma-Vereins im Burgenland ernannt worden. Nach all den Jahren in diesem Bereich ist mir bewusst, dass Minderheiten – egal ob ethnische oder religiöse – weltweit die gleichen Probleme haben.

TT: Gibt es in Europa außer den Roma und Sinti noch andere gesellschaftlich bedrohte Minderheiten?

Nadine: In Europa sind die Roma und Sinti am meisten in ihren Menschenrechten bedroht, wenn auch nicht in ihrer Anzahl. Wir beschäftigen uns aber auch mit den Indigenen Europas, etwa mit Völkern in Sibirien. Die Sami in Nordeuropa leiden auch unter Diskriminierung, sind aber gut organisiert, um sich dagegen zu wehren. Die indigenen Lebensweisen sind aber überall durch wirtschaftliche Interessen bedroht, auch in Europa. Das thematisieren wir in unserem Kalender „Lebenszeichen“, in dem wir die kulturelle Vielfalt unserer Welt präsentieren möchten.

TT: Welche Rolle spielen indigene Gemeinschaften für den Umwelt- und Klimaschutz?

Nadine: Die Indigenen sind die Beschützer der Wälder unserer Erde. Sie wissen nicht nur, wie sie die Natur schützen und die Artenvielfalt erhalten, sondern auch wie sie ein gesundes und glückliches Leben führen können. Weil ihr Lebensraum aber ständig schrumpft, können sie ihre überlieferten Lebensweisen oft nicht mehr aufrechterhalten. Lebenszeichen engagiert sich dafür, dass dieses wertvolle Wissen nicht ausstirbt. Wir müssen diese Menschen beschützen, damit wir unseren Planeten beschützen. Leider wird das in den Medien zu selten thematisiert.

TT: Welchen Einfluss hat unser Wirtschaftssystem konkret auf die Probleme der Indigenen in Südamerika und in anderen Weltregionen?

Nadine: Es ist unser grenzenloser Konsum und die ständige Gier unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wir haben globale Wirtschaftsverträge, die unmittelbare Folgen auf die Lebensbedingungen der Indigenen haben. Man kann sagen, was wir hier konsumieren, sind die Rohstoffe von dort. In Brasilien geht es vor allem um die Fleischproduktion. 70 Prozent der abgeholzten Flächen des Regenwaldes werden für die Fleischproduktion oder für den Anbau von Futtermitteln genutzt. Wir vermuten, dass geplant ist, zusätzlich zur Rinderzucht auch Schweinemastfarmen anzulegen. Deshalb ist es für uns in Europa sehr wichtig, darauf zu achten, regional einzukaufen, nicht nur Fleisch, sondern alle Nahrungsmittel. Wenn in Brasilien Tierfarmen errichtet werden, wird dort auch Leder produziert. Weil es im Handel aber fast unmöglich nachzuvollziehen ist, woher die Rohstoffe für ein Produkt stammen, sollte man sich bemühen, Lederprodukte ganz zu vermeiden.

TT: Welche Rolle spielt die Kolonialisierung?

Nadine: Eine sehr große, die oft unterschätzt wird. Die Kolonialisierung war ja eine extreme Form von Diskriminierung und Versklavung, deren Folgen bis heute präsent sind, vor allem in Südamerika. Indigene sagen, die Nachfahren der Kolonialisten sind diejenigen, die jetzt das Land regieren. Deshalb müssen wir als NGO sehr viele vertrauensbildende Maßnahmen setzen, bevor wir als Europäer*innen akzeptiert werden. Auch in Afrika sind die Nachwirkungen des Kolonialismus bis heute sichtbar. Landgrabbing, das heißt die Enteignung und Vertreibung der Menschen von ihrem Land, findet auf der ganzen Welt statt. Wir könnten in Europa nicht so viel Fleisch konsumieren, wenn nicht Weizen in großem Stil aus Äthiopien importiert würde. Wenn dann Hungernöte in einem Land ausbrechen, das genug Nahrung produziert, hat das unmittelbar mit unserem Konsum und den ungerechten Handelsverträgen zu tun.

TT: Wenn man die aktuelle Politik betrachtet, kann man sagen, dass sich die Bedrohung zuspitzt?

Nadine: Richtig. Nur warnen wir davor, alle Probleme nur auf ein paar Persönlichkeiten wie Trump oder Bolsonaro abzuwälzen. Wir müssen unsere verschwenderische und zerstörerische Wirtschaftsweise beenden, sonst wird unser Planet bald kaputt sein. Wir hören zwar jeden Tag in den Medien über den Klimawandel, die Statistiken zeigen aber, dass wir immer mehr konsumieren und nicht weniger. Zum Beispiel explodiert der Kreuzfahrttourismus im Mittelmeer.

TT: Was denkst du über die europäische Flüchtlings- und Asylpolitik?

Nadine: Die EU ist am Internationalen Menschenrechtsgerichtshof wegen Mordes angeklagt worden. Vielleicht spürt man die Auswirkungen eines solchen Verfahrens nicht gleich. Es bleibt uns aber nichts anderes übrig, als die Mittel zu nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Wenn wir dieses Rechtssystem einmal verlassen haben und diese Tools nichts mehr wert sind, werden wir in einer sehr kriegerischen Welt leben. Deshalb müssen wir an unseren Werten festhalten und dafür sorgen, dass Verstöße gegen die Menschenrechte verurteilt und geahndet werden.

TT: Was liegt dir noch besonders am Herzen?

Nadine: Unser Thema Minderheiten und deren Probleme finden oft wenig oder gar keine Beachtung in den Medien. Darum ist unser Kalender „Lebenszeichen“ etwas ganz Besonderes. Heuer ist es uns ein großes Anliegen, auf das Volk der Jarawa aufmerksam zu machen, welches auf den Andamanen-Inseln in Indien lebt. Vor 70.000 Jahren kamen diese Menschen aus Afrika und lebten für 50.000 Jahre in vollständiger Isolation. Bis heute gibt es nur noch ein paar hundert Mitglieder ihres Volkes, und diese sind in großer Gefahr zu verschwinden. Wir haben ihre Botschaft, sie weiterhin so leben zu lassen wie bisher, festgehalten. Der Kalender hilft also den Minderheiten, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, sie besser zu verstehen und man hat auch noch schöne authentische Bilder dazu!

Foto: Nadine Papai bei einer „Joghurtübergabe“ an eine Flüchtlingsfamilie im Irak, 2018


veröffentlicht in Talktogether Nr. 69/2019