Gespräch mit Ulli und Abdullahi, Cafe der Kulturen PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Ulli und Abdullahi

Cafe der Kulturen, ABZ Salzburg

TT: Das Cafe der Kulturen im ABZ existiert nun schon seit vielen Jahren. Ulli, du bist eine der ersten, die regelmäßig mitgemacht haben. Wie bist du dazu gekommen?

Ulli: Ich lebe seit vielen Jahren in Itzling und mir war es immer wichtig, mehr zu tun, als nur dort zu wohnen, meiner Arbeit nachzugehen und mich in meinem Freundeskreis zu bewegen. Ich wollte mich auch gerne irgendwo einbringen und habe mich umgeschaut, da bin ich zufällig auf das Programm im ABZ gestoßen und habe gesehen, dass es das Cafe der Kulturen gibt. Ich bin neugierig geworden, denn ich war immer am Kontakt und am Austausch mit Menschen aus der ganzen Welt interessiert. Ich bin hingegangen und dort auf eine total nette Atmosphäre gestoßen. Es sind Menschen aus den verschiedensten Ländern da gewesen, und es gab ein paar Damen, die Kuchen gebacken haben. Es war eine gute Gelegenheit, mit Leuten in Kontakt zu kommen, die natürlich auch über ihre Kämpfe und Probleme erzählt haben. Das Cafe der Kulturen ist für mich eine gute Mischung zwischen Austausch, Gemeinsamkeit und gegenseitiger Unterstützung, wenn Hilfe benötigt wird.

Abdullahi: Am Anfang war ich als Besucher dabei. Mir war es wichtig, einen Ort zu haben, wo ich mit Menschen ins Gespräch kommen kann. Durch das Cafe der Kulturen habe ich viele Menschen kennengelernt. Ich habe das Gefühl gehabt, hier bin ich richtig. Hier kannst du auch einmal Fehler machen, sprachlich meine ich, und du wirst nicht ausgelacht, sondern korrigiert. Ich finde, es sollte viele Cafe der Kulturen geben, in Salzburg und ganz Österreich. Es ist ein Treffpunkt, um zusammenzukommen, sich auszutauschen und Freundschaften zu knüpfen, wo man sich aber auch Rat und Hilfe holen kann, wenn man sie braucht, und wo man das Gefühl hat, ich bin hier unter Freunden

TT: Was hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Ulli: Begonnen hat es meines Wissens damit, dass damals das Flüchtlingshaus in der Plainstraße total überbelegt war, und die Menschen dort kaum Möglichkeiten gehabt haben, herauszukommen, Leute kennenzulernen und die triste Heimatmosphäre hinter sich zu lassen. Maria Wimmer, die damalige Leiterin des ABZ, ist dann gemeinsam mit anderen hingegangen, um die Leute einzuladen, ich habe mich ihnen angeschlossen. Am Anfang hätten sich viele wohl nicht getraut, in eine für sie unbekannte Umgebung zu kommen, sie waren dankbar und froh darüber, dass wir sie abgeholt haben. Darunter waren auch viele Kinder, die im ABZ endlich ein bisschen Platz zu Spielen und Material zum Basteln und Malen hatten. Das Ganze hat sich dann verselbständigt. Die Leute, die das Cafe der Kulturen schon gekannt haben, haben wieder andere mitgebracht. Ich glaube, das Selbstbewusstsein der Leute, die hinkommen, ist deutlich gestiegen, und auch der Mut, sich in eine unbekannte österreichische Gesellschaft zu begeben. Was sich auch verändert hat, ist die Herkunft der Leute. Es waren damals viele Menschen aus dem Kosovo unter den Besucher*innen, und leider mussten wir oft miterleben, dass Leute, die sich sehr engagiert haben, plötzlich nicht mehr da waren, und wir dann gehört haben, dass sie abgeschoben worden sind. Das war für alle sehr schmerzhaft.

TT: Welche Aktivitäten gibt es beim Cafe der Kulturen?

Am Anfang ging es einfach nur ums Zusammensitzen, Kaffee trinken, Kuchen essen und Miteinander reden. Manchmal wurden auch Spaziergänge organisiert, wo die Leute als Touristen und Touristinnen durch die Stadt geführt wurden. Was ich sehr schön finde, wenn sich Leute selbst einbringen, etwas über ihr Land erzählen, über ihren Beruf oder ihre Hobbys, und die anderen daran teilhaben lassen, natürlich auch Ausflüge aller Art, bei denen wir alle etwas gelernt haben. Ich weiß, dass viele sehr gute Erinnerungen daran haben. Schön sind aber auch Gartenfeste oder wenn jemand Speisen aus seinem Land kocht.

Abdullahi: Wichtig ist aber auch die Solidarität innerhalb des Cafe der Kulturen. Wir haben auch Demos organisiert, und sind Menschen, die von Abschiebung bedroht waren, zur Seite gestanden. Man hat sie zu Behörden begleitet und manchmal auch für sie Geld für einen Anwalt gesammelt. Was ich ein bisschen enttäuschend finde ist, dass heute weniger Einheimische zum Cafe der Kulturen kommen als früher. Aber auch viele Flüchtlinge, die früher gekommen sind, haben jetzt Arbeit und keine Zeit mehr, um regelmäßig zu kommen. Trotzdem ist der Kern bis heute geblieben, und es kommen immer neue Gäste. Was ich auch sehr wichtig finde, ist, dass Menschen hier eine Möglichkeit finden, sich einzubringen, zum Beispiel den Raum zu dekorieren, Essen zu kochen, eine Ausstellung zu machen, oder die Kultur ihres Herkunftslandes zu präsentieren.

Ulli: Zu den schönsten Momenten gehört es für mich, wenn jemand sagt – egal ob es jemand aus Österreich oder vom anderen Ende der Welt ist –, ich habe hier keine Familie aber das Cafe der Kulturen ist für mich wie eine Familie geworden. Dieses Gefühl habe ich auch immer, dass wir eine große, bunte, turbulente Familie sind, auch mit Problemen, die es in Familien nun einmal gibt, aber auch mit dem Zusammenhalt und dem füreinander Dasein.

TT: Du hast ja selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, neu in ein Land zu kommen, in dem man niemanden kennt. Was oder wer hat dir dabei geholfen, in Österreich anzukommen?

Abdullahi: Ich bin vor fast 28 Jahren nach Österreich geflüchtet. Wenn man hier ankommt, wünscht man sich, aus eigener Kraft leben zu können und gute Freunde zu haben. Manchmal reichen der Wille und die eigene Kraft nicht aus, um weiterzukommen. Ich habe das Glück gehabt, zur richtigen Zeit die richtigen Leute kennenzulernen, die mich unterstützt und ermutigt haben. Ich bin den Menschen sehr dankbar, die an mich geglaubt haben und mir eine Chance gegeben haben. Mein früherer Chef hat zu mir gesagt: Wenn du deine Arbeit nicht richtig machst und zwei Mal in der Woche im Krankenstand bist, kann ich dir nicht helfen. Aber wenn dich jemand wegen deiner Hautfarbe angreift, dann komm zu mir. Dieser Rückhalt hat mir sehr geholfen.

TT: Du bist sehr engagiert und bist immer dabei, wenn es darum geht, aufzustehen und Solidarität mit unterdrückten Menschen zu zeigen. Was sind deine Beweggründe?

Ulli: Ich habe ohne mein Zutun das Glück gehabt, in einem friedlichen Land in eine gute Familie hineingeboren zu werden, die mir auch eine gute Ausbildung ermöglicht hat. Meine Eltern haben im guten Sinne christliche Werte gelebt. Sie haben sich weniger um die Gebote der katholischen Kirche gekümmert, mir aber vorgelebt, dass man Menschen hilft, wenn sie in Not sind. Ich habe zwar heute eine andere Weltanschauung, habe das aber mitgenommen. Während mir alles in den Schoß gefallen ist, werden andere genauso unschuldig in schlimme Verhältnisse hineingeboren und haben diese Möglichkeiten nicht. Deshalb möchte ich etwas von dem, was mir zugefallen ist, auch an andere Menschen weitergeben.

TT: Hat sich die österreichische Gesellschaft in den letzten Jahren verändert? Wenn ja, woran spürst du das?

Abdullahi: Ja, die Spaltung der Gesellschaft ist spürbarer geworden. Die Angst, auf der Straße attackiert zu werden, hat zugenommen. Ich kenne eine Frau, die im Bus wegen ihres Kopftuchs geschlagen worden ist. Ich bin 1992 nach Österreich gekommen, damals hat es auch schon ausländerfeindliche Parolen gegeben. Jetzt sind diese aber bedrohlicher geworden, man spürt die Gewalt. Die Lage ist ernster geworden, weil sich die Leute mehr nicht mehr schämen, Nazi-Lieder zu singen und rassistische Einstellungen offen zu zeigen. Ich glaube nicht, dass der größte Teil der österreichischen Gesellschaft rassistisch ist, aber dass man sich mehr traut als früher, wenn selbst der Innenminister so denkt. Viele denken auch, dass sie nicht betroffen sind. Doch wenn dann sie betroffen sind, wird es zu spät sein.

Ulli: Ich glaube nicht, dass sich die Einstellung und die Meinung der Menschen geändert hat, aber dass momentan ein Klima herrscht, in dem der dumpfe Bodensatz ermutigt wird, nicht nur laut zu schreien, sondern auch gewaltsam zu agieren. Das war ganz sicher in den 1970er, 1980er und auch noch in den 1990er Jahren nicht so. Da war die öffentliche Meinung eine andere, da hat es mehr Ermutigung gegeben, sich solidarisch zu zeigen und sich für Schwächere und Minderheiten einzusetzen. Heute ist von der öffentlichen Meinung – von Medien und Politik – nicht mehr so. Deshalb trauen sich all jene aus den Löchern heraus, die schon immer so gedacht und gefühlt haben, die aber den Mund gehalten und sich versteckt haben.

Die Sprache hat sich verändert. Plötzlich wurde das Wort Asylanten erfunden, das einen negativen Beigeschmack hat, in den Nachrichten wird auch ständig von Migrant*innen geredet, doch was soll das heißen? Migrare heißt wandern. Heißt das, dass Menschen darauf festgelegt werden, dass sie wandern? Aber ein Mensch, der seit Jahrzehnten hier lebt, wandert doch nicht, sondern ist Teil dieser Gesellschaft geworden! Doch das wird nicht hinterfragt und ist jetzt allgemeiner Sprachgebrauch.

TT: Wie können wir Spaltung und Rassismus entgegenwirken?

Ulli: Zeigen, dass es anders geht, so wie wir es im Cafe der Kulturen tun. Wir machen das nun seit so vielen Jahren, und es hat nur sehr wenige Konflikte gegeben. Sich einmischen und sich in der Öffentlichkeit zeigen als kunterbunte Gruppe, Veranstaltungen machen und Leute dazu einzuladen, das ist der einzige Weg, wie man diesen Tendenzen entgegenwirken kann.

Abdullahi: Um der Spaltung entgegenzuwirken brauchen wir Räume, wo die Menschen sich begegnen und einander kennenlernen können. Wenn wir miteinander gesprochen haben, können wir entscheiden, ob wir uns sympathisch finden oder nicht. Wir leben in einer globalisierten Welt und müssen lernen, die Menschen nicht länger nach ihrem Aussehen oder nach ihrer Herkunft zu beurteilen, sondern danach, wie sie sich verhalten und was sie tun. Deshalb ist das Cafe der Kulturen für mich ein wichtiger Ort, um Vorurteile zu reduzieren.

TT: Ulli, du bist Lehrerin, welche Beobachtungen machst du in der Schule? Wie ist das Bewusstsein der Schüler*innen zu Themen wie Rassismus und Ausgrenzung?

Ulli: Ich unterrichte momentan an zwei Schulen. Es gibt sehr viele Lehrer und Lehrerinnen, die viel tun, um Bewusstsein zu schaffen, und ich habe das Gefühl, dass wir viele kritische und wache Schüler und Schülerinnen haben und dass eine gute Generation heranwächst. Zwei davon kommen jetzt auch zum Cafe der Kulturen und eine ehemalige Schülerin macht einen Deutschkurs. Während es am Musischen Gymnasium relativ wenige Schüler*innen mit nicht-österreichischen Wurzeln gibt, haben wir in der HAK sehr viele Schüler und Schülerinnen, deren Eltern oder Großeltern aus anderen Ländern nach Österreich gekommen sind. Soweit ich das beobachten kann, ist es ein friedliches und tolerantes Miteinander. Es gibt auch dort alle möglichen Initiativen, um das zu fördern. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Menschen, die hier zusammengewürfelt werden, als Menschen dieser Erde gut miteinander auskommen können, und dass die Herkunft im Alltag wenig Rolle spielt. Aber es muss etwas dafür getan werden, damit es funktioniert. Wenn Konflikte nicht unter den Teppich gekehrt, sondern angesprochen und thematisiert werden, dann kann ein relativ friktionsfreier Alltag gelingen.

TT: Was wünscht ihr euch von einer neuen Regierung?

Ulli: Solidarität, Wahrung der Menschenrechte, Integration im umgekehrten Sinn: Die letzten Regierungen haben immer gefordert, dass die Menschen sich integrieren sollen oder müssen, haben aber es sogar denen, die das vorbildlich gemacht haben, über weite Strecken verunmöglicht, in der österreichischen Gesellschaft anzukommen und als gleichwertig betrachtet und behandelt zu werden. Ich wünsche mir eine Regierung, die integriert, die den Menschen Möglichkeiten bietet, ihr Potenzial auszuschöpfen und ein guter Teil der Gesellschaft zu werden, statt sie darin zu behindern.

Abdullahi: Wir haben eine Regierung hinter uns, die viel getan hat, um die Gesellschaft zu spalten, statt Brücken zu bauen und sie zusammenzubringen. Diese Spaltung hat meiner Meinung nach mit der Bundespräsidentenwahl begonnen und sich mit der schwarz-blauen Regierung verstärkt. Ich weiß, wer die meisten Stimmen bekommt, regiert. Aber von einer Regierung erwarte ich, dass sie in der Lage ist, für alle Menschen, die hier in diesem Land leben, da zu sein, und nicht nur für einen bestimmten Teil der Gesellschaft. Denn nur wenn es den anderen gut geht, geht es auch uns gut, denn wir können das Leben nicht genießen, wenn ihre Nachbarn hungrig sind.

Ulli: Ich wünsche mir auch eine Regierung, die die Lebensgrundlagen schützt und nicht zerstört. Wenn Produkte importiert werden, sollte darauf geschaut werden, dass deren Produktion nicht auf Kosten der Menschen oder der Natur geht, sondern dass alle davon profitieren.

Abdullahi: Und dass man den Menschen, die hier sind, ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Mindestsicherung bekommt nur jemand, der sonst von nirgendwo etwas bekommt, es ist die letzte Möglichkeit. Wenn man einer Person, das auch noch etwas wegnehmen will, ist das eine Katastrophe. Man darf nicht denen, die nichts haben, noch etwas wegnehmen. Den Menschen sollte vielmehr geholfen werden, damit sie die Mindestsicherung nicht mehr brauchen.

Ulli: Und man hetzt nicht die vorletzten auf der Stufe gegen die letzten auf, sondern schaut darauf, dass die Gesellschaft insgesamt gerechter wird.


veröffentilcht in Talktogether Nr. 70 / 2019