Bolivien: Mit der Bibel gegen Pachamama PDF Drucken E-Mail

Bolivien: Mit der Bibel gegen Pachamama

War der R√ľcktritt von Evo Morales ein Putsch? Es fehlten zwar die klassischen Merkmale eines Putschs: Das Milit√§r hat nicht das Parlament gest√ľrmt und alle Anwesenden get√∂tet oder in Folterlager gesteckt. Doch die Rechten haben dazugelernt: Sie sprechen heute √ľber Wahlbetrug oder bedrohte Meinungsfreiheit und vereinnahmen Stra√üenproteste, um ihren Aktionen einen demokratischen Anstrich zu verleihen. Aber egal, ob man es nun Putsch nennt oder nicht: In Bolivien herrscht heute ein Klima der Angst. Die indigene Bev√∂lkerung, die unter der Regierung von Morales einen Aufstieg erlebte, f√ľrchtet um ihre Rechte.


Seit dem 12. November ist Evo Morales im Exil. Nur wenige Stunden nach seinem erzwungenen R√ľcktritt proklamierte sich Jeanine √Ā√Īez selbst zur neuen Pr√§sidentin. Als sie vor die Presse trat, lie√ü sie sich mit einem riesigen Buch mit dem Titel "Die vier Evangelien" fotografieren. Derselben Symbolik bediente sich auch Fernando Camacho, als er mit einer Bibel in der Hand niederkniete und verk√ľndete: "Wir werden Pachamama f√ľr immer aus dem Regierungspalast vertreiben." Dann verbrannte er die wiphala, die vielfarbige Fahne, die seit der Pr√§sidentschaft von Evo Morales f√ľr die Vielfalt der indigenen V√∂lker Boliviens steht. Polizisten schnitten die wiphala aus ihren Abzeichen, und die selbsternannte √úbergangspr√§sidentin dr√ľckte ihre Verachtung auf Twitter aus: "Die Stadt ist nichts f√ľr die Indianer. Sie sollten im Hochland bleiben!"

Die G√∂ttin Pachamama wird von den indigenen V√∂lkern der s√ľdamerikanischen Anden als "Mutter Erde" verehrt und als Symbol f√ľr ihre Identit√§t und den Widerstand gegen die koloniale Unterdr√ľckung angesehen. Wenn sich √Ā√Īez und Camacho auf die Christianisierung des 16. und 17. Jahrhunderts beziehen, geht es ihnen wohl weniger um die Religion als um ihre in der Kolonialzeit erworbenen Privilegien, die durch die Umverteilungspolitik von Evo Morales geschm√§lert wurden. Sie sind nicht bereit, die Macht zu teilen. Wenn es nach ihnen geht, w√ľrden sie allein von den Reicht√ľmern des Landes profitieren.

Indigener Feminismus

In Folge des Putsches leidet die indigene Bev√∂lkerung unter der Versch√§rfung des Rassismus, beklagt die indigene Feministin Adriana Guzm√°na Arroyo. Vor allem Frauen, die die pollera - den traditionellen Rock der Aymara- und Quechua-Frauen - tragen, k√∂nnen nicht mehr ohne Angst vor Beschimpfungen und Angriffen auf die Stra√üe gehen. Viele nutzen die Situation aus, um ihren zuvor unterdr√ľckten Rassismus herauszulassen. Die Pr√§sidentin des Wahlgerichts, Mar√≠a Eugenia Choque, eine indigene Aymara, wurde verhaftet, gefoltert und im Fernsehen in Handschellen vorgef√ľhrt, als ob sie eine Kriminelle sei. Andererseits habe man Anfang Dezember zwei verurteilte Frauenm√∂rder freigelassen und zw√∂lf Vergewaltiger blieben straffrei. (1)

Adriana Guzm√°n Arroyo ist eine der bekanntesten Stimmen der Bewegung Feminismo Comunitario Antipatriarcal, die sich in Folge des Massakers im Gaskrieg 2003 gebildet hat. Diese tritt f√ľr einen indigenen Feminismus ein, der vom Prinzip der und Kollektivit√§t gepr√§gt ist und das patriarchalische, kapitalistische System bek√§mpft, das den lateinamerikanischen V√∂lkern mit der Kolonialisierung aufgezwungen wurde.

"Der Putsch war wie eine erneute Kolonialisierung. Wenn der Putsch Erfolg hat, m√ľssen wir wieder unsere K√∂pfe senken und werden aus allen Bereichen ausgeschlossen sein", bef√ľrchtet Arroyo. Die indigene Bev√∂lkerung ist emp√∂rt, weil 34 Menschen ermordet und die T√§ter nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Die Kleinbauernvereinigung, indigene Organisationen, Arbeiter- und Frauenorganisationen haben Widerstand gegen die "Putschregierung" angek√ľndigt. Allerdings fehlt ihnen heute die Einigkeit, die es im Gaskrieg 2003 gegeben hatte, weil sie 13 Jahre lang Teil eines Staates waren, in dem es gro√üe Machtk√§mpfe und Konkurrenz gegeben hat.

Zu den von Feministinnen heftig kritisierten sexistischen Aussagen von Morales meint sie: "Evos Machismus war bekannt. Schlimm genug, wenn es vom Pr√§sidenten kommt. Doch Evo ist kein Patriarch. Camacho ist ein Fundamentalist, ein ausbeuterischer Gesch√§ftsmann und Patriarch, auch wenn er in seinen √Ąu√üerungen Frauen gegen√ľber respektvoll ist. Machismus ist ein Verhalten, wogegen das Patriarchat etwas Strukturelles ist, das mit dem Kapitalismus in Verbindung steht."

Die Grundideen des gegenw√§rtigen Feminismus in Lateinamerika kamen mit den rechtsgerichteten Diktaturen in den 1970er Jahren auf. Frauen, die sich √∂ffentlich politisch engagierten, k√§mpften nicht nur f√ľr ihre Rechte als Frauen, sie wehren sich gegen ein Gesellschaftsmodell, das sich auf den Gegensatz zwischen Unterdr√ľckern und Unterdr√ľckten begr√ľndet. Sie kritisierten die eurozentristische Sichtweise, dass der Feminismus mit der franz√∂sischen Revolution begonnen habe.

Der westliche Feminismus ist vor allem durch den Kampf f√ľr individuelle Rechte und Freiheiten gekennzeichnet. Doch was n√ľtzen all diese Rechte den Frauen, wenn sie ihnen nicht erm√∂glichen, die realen gesellschaftlichen Verh√§ltnisse - die soziale Ungleichheit, die ungerechte Weltwirtschaftsordnung - zu ver√§ndern? Auf der Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko brachte dies die bolivianische Arbeiterf√ľhrerin Domitila Barrios de Ch√ļngara zum Ausdruck, als sie eine Frau aus der Oberschicht ansprach: "Sagen Sie mir bitte, Se√Īora, hat Ihre Lage √Ąhnlichkeit mit der meinen? √úber welche Gleichheit werden wir reden?"

Verhängnisvoller Reichtum

F√ľnf Jahrhunderte lang war der nat√ľrliche Reichtum Boliviens ein Fluch f√ľr die EinwohnerInnen. In Potos√≠, in 4.000 Meter H√∂he, haben schon die Inkas Silber gef√∂rdert. Im 16. Jahrhundert √ľbernahmen die Spanier das Bergwerk. Die Minenarbeiter, die nicht lange lebten, habendie spanische Krone finanziert, fl√§mische, genuesische und Augsburger Bankiers reich gemacht und die Industrialisierung Europas √ľberhaupt erst erm√∂glicht. Im 20. Jahrhundert waren es bolivianische Zinnbarone und ausl√§ndische Firmen, die Kapital aus den Minen schlugen, w√§hrend den Indigenen nur die gef√§hrliche und schlecht bezahlte Arbeit blieb. W√§hrend die Lungen der Minenarbeiter durch den giftigen Staub zerst√∂rt wurden, verkaufte die bolivianische Regierung im Zweiten Weltkrieg das kostbare Mineral an die Alliierten um ein Zehntel des √ľblichen Preises. Die L√∂hne wurden praktisch auf Null gesetzt, die Streiks der Arbeiter mit Maschinengewehren und blutigen Massakern niedergedr√ľckt.

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ein Volk nicht l√§nger bereit ist, die Unterdr√ľckung zu ertragen. Zuerst entflammte im Jahr 2000 ein Volksaufstand in Cochabamba gegen die Privatisierung des Wassers. Nachdem die Wasservorr√§te an einen US-Konzern verkauft wurden, stiegen die Preise so an, dass die Menschen sich das Wasser kaum noch leisten konnten. Der Bev√∂lkerung gelang es, ihr Wasser wieder zur√ľckzuerobern. Drei Jahre sp√§ter begann der Gaskrieg. Der Zorn der Bev√∂lkerung kochte √ľber, als die Regierung den Verkauf der nat√ľrlichen Erdgasvorkommen an ein internationales Konsortium ank√ľndigte. Die Versuche der Regierung, die Proteste mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, f√ľhrten zur Solidarisierung weiterer Volksschichten mit den Demonstrierenden, so dass Pr√§sident Gonzalo S√°nchez de Lozada, einem Million√§r und Eigent√ľmer der gr√∂√üten privaten Minengesellschaft des Landes, schlie√ülich nichts anderes √ľbrig blieb, als in die USA zu fliehen.

Sozialismus mit Widerspr√ľchen

Mit seinem Wahlsieg im Mai 2006 wurde mit Evo Morales nach 500 Jahren Kolonialherrschaft und Herrschaft der wei√üen Eliten erstmals ein einfacher Koka-Bauer aus der Gruppe der Aymara Pr√§sident des Landes. Ein wichtiger Schritt von Morales und seiner Partei, das von Indigenen gef√ľhrte Movimiento al Socialismo (MAS), bestand darin, alle indigenen St√§mme einschlie√ülich der Afrobolivianer als Nationen anzuerkennen und ihnen besondere Rechte zum Schutz ihrer Sprache und Kultur einzur√§umen. Dazu geh√∂rte es auch, den Stellenwert ihrer spirituellen Traditionen zu st√§rken und den Einfluss der katholischen Kirche, die als Erbe der Kolonisation betrachtet wird, zur√ľckzudr√§ngen. Statt marginalisiert zu sein, wurden die indigenen Kulturen Boliviens in ein plurinationales Staatsmodell eingebunden. Die mehrere Farben zeigende wiphala wurde zur zweiten Landesflagge, neben Spanisch wurden 36 indigene Sprachen als offizielle Nationalsprachen anerkannt.

In Erf√ľllung eines Wahlversprechens leiteten Evo Morales und seine Regierung die Verstaatlichung des Erd√∂l- und Erdgassektors ein. Durch diese Ma√ünahme gelang es ihnen, f√ľr den Staat Einkommen zu erzielen, die zuvor internationalen Konzernen zugeflossen waren. Die Wirtschaft wuchs, und der Gini-Index, der die ungleiche Verteilung von Einkommen misst, konnte um 19 Prozent gesenkt werden. Dadurch lebte die aus Indigenen bestehende Bev√∂lkerungsmehrheit zum ersten Mal seit 500 Jahren nicht mehr in Armut.

Doch im Gegensatz zu den Versprechungen, ein Wirtschaftsmodell einzuf√ľhren, das sich an den Bed√ľrfnissen von Mensch UND Umwelt orientiert, beruhte der wachsende Wohlstand auf der Ausweitung des Rohstoffabbaus und einem schonungslosen Raubbau an der Natur. Die Gro√ügrundbesitzer, aus denen die jetzige √úbergangsregierung besteht, wurden von Evo Morales und der MAS-Regierung nicht entmachtet. Die Enteignungen nahmen zu, und es wurden sogar Gebiete verw√ľstet, die in den vergangenen f√ľnf Jahrhunderten verschont geblieben waren. Riesige Regenwaldgebiete wurden niedergebrannt, um Soja-Plantagen zu weichen. Die Sojaproduktion dient jedoch nicht der Ern√§hrung der Bev√∂lkerung, 70 Prozent gehen in den Export. Diese Entwicklung verst√§rkte die Abh√§ngigkeit von Rohstoffexporten nur noch, bedrohte die Ern√§hrungssouver√§nit√§t des Landes und machte die √§rmeren Bev√∂lkerungsschichten abh√§ngig von staatlichen Transferleistungen, was ihre Autonomie schw√§chte.

Doch Morales hatte noch ein As im √Ąrmel. Bolivien verf√ľgt √ľber die weltweit gr√∂√üten Reserven an Lithium. Es befindet sich unter der dicken Salzkruste des auf 3650 Metern H√∂he liegenden gro√üen Salzsees Salar de Uyuni. Das Leichtmetall ist ein elementarer Bestandteil f√ľr die Herstellung Lithium-Ionen-Batterien, die u.a. f√ľr Elektroautos unverzichtbar sind. Das internationale Interesse ist dementsprechend gro√ü. Mit der Ausbeutung des Lithiums sollte der Grundstein daf√ľr gelegt werden, dass Bolivien nicht mehr nur Rohstofflieferant f√ľr die Industrienationen ist, sondern eigene Produktionen aufbauen kann. Ab 2022 sollten 30.000 bis 40.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr gef√∂rdert und eine Batteriefabrik errichtet werden. Das deutsche Unternehmen ACI Systems sollte die Technik liefern, w√§hrend die bolivianische Regierung mit 51 Prozent Anteilen die Oberhand √ľber das Unternehmen beh√§lt. Sechs Tage vor seiner Absetzung lie√ü Morales das Projekt jedoch platzen.

Was war der Grund? War es die Widerstandsbewegung, die sich in Potos√≠ formiert hat? Die Bewohner*innen der Region f√ľhlten sich wegen der niedrigen Gewinnbeteiligung benachteiligt. Nur drei Prozent der Rohstofferl√∂se w√§re dem Departamento Potos√≠ zugestanden, beim Erl√∂s der Batterieproduktion w√§re es g√§nzlich leer ausgegangen. (2)

Wie geht es weiter?

Die Pl√§ne, Bolivien aus der Abh√§ngigkeit von Rohstoffexporten zu befreien, sind wohl vorerst gescheitert. Die Gegner von Evo Morales und seiner Partei haben deren Fehler und Widerspr√ľche geschickt ausgenutzt. F√ľr den Mai 2020 sind Wahlen angek√ľndigt. Werden sie fair ablaufen?

Der Kampf zwischen Pachamama und Bibel ist zwar ein symbolischer, er hat jedoch einen h√∂chst realen Hintergrund. Es handelt sich um den Kampf zwischen den st√§dtischen Eliten sowie ihrer internationalen Verb√ľndeten und der marginalisierten Landbev√∂lkerung. Es ist der Widerstand der unterdr√ľckten V√∂lker gegen den Kolonialismus, gegen den Ausverkauf der Natur, gegen das Patriarchat und gegen den globalen Kapitalismus.

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Quellen:
(1) Die Wahlen sind eine Falle. Interview mit
Adriana Guzm√°n Arroyo.
(2) Fabian
Krieger: Evos unvollendeter Schachzug

In: Lateinamerika Nachrichten 547/Januar 2020

erschienen in Talktogether Nr. 71/2020