Gespräch mit Filis Bilgin, Save X Humanrights PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Filis Bilgin

Save X Humanrights

TT: Du hast Flüchtlingslager an den EU-Außengrenzen besucht. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

Filis: Ich war in einigen Lagern in den letzten Jahren, zuletzt am Grenzübergang Ipsala auf der türkischen Seite. Die Situation dort ist unvorstellbar. Mit der Öffnung der Grenzen seitens Erdogan strömten sehr viele Menschen dorthin, in der Hoffnung, nach Griechenland zu gelangen. Diese Menschen hatten nur das Allernötigste dabei - keine Zelte, keine Schlafsäcke, nichts. Doch weil Griechenland die Grenzen sperrte, standen sie da, eingequetscht zwischen der Türkei und Griechenland.

Es gibt einen großen Unterschied zu Camps: es gibt kein fließendes Wasser, keine Toiletten und keine Hygieneartikel, nur Kälte und Hunger ... es ist eben ein Grenzübergang. Wir waren zusammen mit einer guten Freundin dort mit Sachspenden. Als Corona ausbrach, hat sie allein die für die zweite Fahrt organisierten Spenden hingefahren. Ich habe einige Tage nach meiner Ankunft in Wien den nächsten Flug gebucht. Doch dann kam Covid-19 und ich konnte nicht mehr fliegen. Zumindest haben wir aber jetzt vor Ort ein Team, dass nach der Reisebeschränkung aktiv weiterarbeiten wird.

Obwohl das viele glauben, war ich aber nie im Camp Vucjak in Bosnien. Mein Freund Georg Hochecker und ich haben Anfangs lediglich unter dem Slogan "Free Vucjak" Demonstrationen und Kundgebungen in Wien organisiert, natürlich in Absprache mit dem Team Vucjak. Vor Weinachten haben wir eine Sachspendensammlung über dem Verein we help ins Leben gerufen. Dann folgte eine Benefizveranstaltung zugunsten SOS Bihac. Ein Teil unserer Sachspenden ist schon in Bihac angekommen, die Geldspenden haben wir überwiesen.

TT: Was bedeutet die Corona-Pandemie für Menschen, die in einem überfüllten Flüchtlingscamp leben?

Filis: Hier in Österreich haben wir die Möglichkeit, uns vor der Infektion zu schützen, ausgenommen obdachlose Menschen. Hier haben die meisten Menschen ein Dach über dem Kopf, genügend Hygieneartikel, Essen und fließendes Wasser, aber vor allem Raum und Platz. Das sind alles Menschenrechte. Wir sehen es hier in Österreich als selbstverständlich an, dass weltweit jeder Mensch diese Rechte in Anspruch nehmen kann, was auch so sein sollte. Wie wir alle wissen, ist dem nicht so.

Wie wir alle wissen, haben die Menschen in den Camps nichts von dem, was ich aufgezählt habe. Sie leben bestenfalls in Zelten. In Moria auf Lesbos leben momentan über 20.000 Menschen auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Hunderte müssen sich eine Toilette teilen, es gibt fast kein fließendes Wasser und zu wenig Nahrung. Aber das ist alles kein Geheimnis. Es gibt Tausende Berichte und Fotos, auf denen man das Elend sieht. Und wie sich jeder halbwegs vernünftige Mensch ausrechnen kann, werden viele Menschen sterben, wenn nicht bald etwas geschieht.

Einige europäische Länder haben eine "Allianz" gegründet, um zumindest die Kinder heraus zu holen. Luxemburg hat bis jetzt zwölf Minderjährige geholt, Deutschland hat 58 Kinder geholt (Stand: 14.05.2020) und gibt an, insgesamt 500 aufnehmen zu wollen. Für die Ernte von Spargel und sonstigem Gemüse wurden aber 80.000 Erntehelfer*innen aus Rumänien eingeflogen. Österreich hat anscheinend nicht vor, überhaupt Kinder aufzunehmen

TT: Welche Organisationen arbeiten derzeit in den Lagern?

Filis: Es gibt zum Glück sehr viele Organisationen und Initiativen, aber auch einzelne Personen, die vor Ort helfen. Wir von Save X Humanrights haben uns entschlossen, in Bosnien SOS Bihac zu unterstützen. Dirk Planert und sein Team leisten schon seit Juni 2019 Menschen im Camp Vucjak medizinische aber auch sonstige Hilfe in Form von Nahrung, Kleidung usw. Sie bauten mitten im Camp ein Zelt auf und fingen an, die Menschen medizinisch zu versorgen. Es folgte ein langer Kampf mit den Behörden, bis mitten im Winter das Camp aufgelöst wurde. Die Organisation bekam sehr viel Unterstützung aus Österreich - zwar bei weitem nicht ausreichend aber doch ziemlich viel - unter anderem von SOS Balkanroute, vom Verein we help und Brigitte Holzinger.

Wir sind seit letztem Sommer in engem Kontakt mit Dirk Planert und Arje Wachsmuth. Die Arbeit vor Ort ist sehr wichtig und ich möchte betonen, dass diese Menschen jetzt mehr denn je unterstützt werden müssen. Uns sind gerade die Hände gebunden. Wir können momentan nirgendwohin fahren. Einige Supermärkte in Bosnien verweigern den geflohenen Menschen den Zutritt, was bedeutet, dass sie nicht einmal mehr einkaufen können. In Griechenland sind auch Kinder und Babys in den Camps. Ich habe mich mit Serkan Eren, dem Initiator der Organisation STELP, unterhalten, die vor Ort unglaubliche Hilfe leistet. Unser Team hat sich entschlossen, STELP zu unterstützen. Übrigens arbeiten Save X Humanrights und we help gemeinsam für Bosnien und Griechenland.

Sobald die Grenzen öffnen, werden wir nach Bosnien und Griechenland fahren. Ich werde aber auch zu den Grenzübergängen fliegen. Mein Aufruf an alle: Helfen ist kein Wettbewerb! Leider beobachte ich allzu oft, wie konkurriert wird. Den geholfenen Menschen ist es aber nicht wichtig, ob die warme Jacke von der einen oder von der anderen Organisation kommt. Helfen sollte auch kein Mittel zum Aufpolieren des eigenen Status werden. Hier geht es um Menschenleben und nicht um Fame. Also meine große Bitte: Lasst uns gemeinsam dieses Elend und dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit beenden.

TT: Wer trägt die Verantwortung für diese Situation?

Filis: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen." Alles, was auch nur einen Millimeter von diesen zwei Sätzen abweicht, ist und bleibt eine Menschenrechtsverletzung. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist zwar rechtlich nicht bindend, wurde aber mit wenigen Ausnahmen von den meisten Staaten unterzeichnet.

Die Verantwortung für Situationen wie diese, tragen jene Regierungen, die sich dafür entschieden haben, die Menschenrechte anzuerkennen. Die Verantwortung liegt aber auch bei uns allen, diese Regierungen daran zu erinnern, damit sie ihre Verpflichtung einhalten. Das bedeutet, dass wir uns alle unserer Pflicht bewusst sein müssen und dafür Bewusstsein schaffen sollten. Wir dürfen den Kampf gegen den Faschismus niemals aufgeben.

TT: Wie können wir die Menschen erreichen, die nicht ohnehin schon auf Demos gehen und sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aussprechen?

Filis: Durch Bewusstsein schaffen. Ich glaube, nichts ist schwieriger, als Vorurteile abzubauen, vor allem, weil viele Menschen glauben, dass all diese Geschehnisse sie nicht betreffen. Jede Menschenrechtsverletzung betrifft aber jeden in der Gesellschaft. Wenn ein Volk es zulässt, das der Faschismus sich ausbreitet, lässt es auch zu, dass letztlich auch die eigenen Rechte mit Füßen getreten werden. Wenn ich es zulasse, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, und die Regierung des Landes, in dem ich lebe, nichts dagegen unternimmt, bedeutet das, dass ich von Menschen regiert werde, denen das Sterben von Menschen nicht viel bedeutet. Wieso glaubt also jemand, dass diese Gleichgültigkeit ihn nicht irgendwann auch selbst treffen kann?

Wir suchen immer Kontakt zu gleichgesinnten Menschen, ob in sozialen Netzwerken oder woanders. Auf Facebook sind wir z.B. mit jenen befreundet, die unserer Ideologie entsprechen. Wir müssen aber auch versuchen, Menschen außerhalb unserer "Blase" anzusprechen. Wir sollten den Rechten keine Bühne geben, dürfen aber Menschen, die eine rechte Ideologie verfolgen, auch nicht ausgrenzen. Vor allem ist es wichtig, bei den Jugendlichen zu ansetzen, weil das die Generation ist, die in der Zukunft etwas ändern kann. Es gibt viele Organisationen, die mit rechtsradikalen Jugendlichen arbeiten. Ich finde, es müssten genau hier noch mehr Angebote gesetzt werden. Es sollte viel mehr Möglichkeiten für außerschulische Bildung geben und viel mehr Jugendzentren. Es müsste auch viel mehr in die Bildung für erwachsene Menschen investiert werden. Je mehr Bildung, je mehr Aufklärung, desto mehr Bewusstsein. Wir gehen davon aus, dass kein Mensch als Faschist geboren wird. Nach der Geburt beginnt der Weg. Da beginnt unsere Verantwortung.

TT: Kannst du uns schildern, wie man bei Jugendlichen ein Umdenken erreichen kann?

Filis: Ich muss die Menschen dort abholen, wo sie gerade sind. Deshalb frage ich zuerst, warum denkst du so? Dann muss ich gut zuhören, denn zwischen den Zeilen kann ich vieles heraushören. Entweder ist in der Familie jemand radikal oder der Freundeskreis, oder es sind Ängste im Spiel. Das allerwichtigste Thema ist das Gefühl der Zugehörigkeit. Bei den Jugendlichen, die sich in radikalen Gruppen unterwegs sind, handelt es sich meist um Menschen, die irgendwo dazugehören wollen. Sie brauchen eine Gruppe, in sie sich akzeptiert fühlen. Auch in der Nazi-Zeit hat es so funktioniert, dass viele junge Menschen eigentlich nur dazugehören wollten zum großen Ganzen. Wenn wir uns die Jugendlichen einzeln anschauen, merken wir, dass sie oft sehr viele Probleme mit sich selbst haben, dass sie sich ausgeschlossen fühlen, sei es, weil sie körperlich mit sich nicht zufrieden sind, sei es die fehlende Bildung, sei es, dass es Gewalt in der Familie gibt. Wenn ich mit diesen Jugendlichen über ihre Ängste rede, sind wir schon mittendrin in der Auseinandersetzung. Und mit ihnen die ganze Problematik gut zu reflektieren, ist der beste Weg, sie dazu zu bringen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen.

TT: Was war deine Motivation, in die Flüchtlingslager an den EU-Außengrenzen zu fahren?

Filis: Da gibt es keine Motivation, sondern nur die Erkenntnis, dass man helfen kann. Ich arbeite nun schon seit meinem 19. Lebensjahr mit Menschen in Not. Angefangen hat es, als ich von Deutschland in die Türkei zurückkam. Ich sah unter einer Brücke Kinder, die spielten. Es lag ein großer Kühlschrankkarton neben ihnen. Ich fragte meine Cousine, was sie dort machen und warum da ein Karton mit Decken liegt. Sie erklärte mir, dass es obdachlose Kinder seien, die dort schlafen. Ich kam frisch aus Deutschland und kannte so eine Situation nicht. Ich wusste, dass meine Oma sehr viele Decken zu Hause hatte. Ich packte die Decken und Essen ein und brachte es den Kindern.

Danach war es für mich klar, dass ich helfen musste. Es lebten sehr viele Kinder und Jugendliche auf der Straße, und ich habe jahrelang für sie gearbeitet. Es gab kein Geld für diese Arbeit. Es gab aber einen Verein, der mit Spendengeldern versuchte, ihnen zu helfen. Unser Arbeitsort war die Straße. Als ich dann ein totes Kind in den Armen hielt, wusste ich, dass ich mich auch politisch für sie engagieren muss. Jetzt bin ich 50. Nach 30 Jahren hat sich nichts geändert. Man muss helfen wo man kann! Und jeder Mensch kann helfen. Dazu braucht es keine Motivation, hinsehen reicht. Es gibt kein Aufhören, solange Menschen Hilfe brauchen, ob in Flüchtlingslagern oder anderswo. Es beginnt vor meiner Haustür.

TT: Die Menschen sehen nur die Flüchtlinge, die an den EU-Außengrenzen gestrandet sind. Wäre es nicht auch ein Ansatz, über die Fluchtursachen zu sprechen?

Filis: Die Fluchtursachen liegen auf der Hand. Die Menschen fliehen vor Krieg, Hunger und Elend. Solange man Länder wegen ihrer Bodenschätze ausbeutet, solange man die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört, solange man Staaten in die Verschuldung treibt, solange man Waffen in Kriegsgebiete schickt, wird es Flüchtlinge geben. Doch kein Staat will auf das Geld durch Waffenexporte verzichten. Ohne Krieg - kein Profit. Wenn wir nicht dafür sorgen, dass dieser Teufelskreis durchbrochen wird, wird das Sterben kein Ende nehmen.

Jetzt in der Zeit der Pandemie haben viele Menschen einen Geschmack davon bekommen, wie es ist, Verwandte und Freunde nicht sehen zu können. Wie es ist, Angst vor dem Tod zu haben, dessen Ursache man nicht beeinflussen kann. Wie es ist, nur begrenzt außer Haus gehen zu können, und dass ein Handy für geflohene Menschen so wichtig ist, weil dieses Gerät die einzige Möglichkeit bietet, in Kontakt mit den Menschen zu bleiben, die ihnen wichtig sind. Aber diese Erfahrungen sind nicht annähernd damit zu vergleichen, was Menschen in Kriegsgebieten erleiden, was sie auf der Flucht erdulden müssen, und was sie als Geflüchtete hier durchmachen müssen.

TT: Viele Menschen fühlen sich angesichts der herrschenden Politik hilflos. Wie können wir uns gegenseitig stärken?

Filis: Menschen in Kriegsgebieten sind hilflos. Menschen auf Schlauchbooten im Mittelmeer sind hilflos. Menschen in Camps sind hilflos. Hier in Europa sind wir - ausgenommen Menschen mit ernsthaften psychischen Erkrankungen und Menschen in Not wie Obdachlose - nicht hilflos. Wir müssen erkennen, welche Macht wir haben. Wir vergessen leider, dass die Macht beim Volk liegt. Wir sind das Volk wir haben die Macht. Menschen haben Angst, zu agieren und sich gegen Menschenrechtsverletzungen zu stellen. Genau dort fangen wir an, glückliche Sklaven zu werden. Wir haben Angst unsere Komfortzone zu verlassen und merken nicht, dass es nur Selbstbetrug ist.

Hier heißt es, sich gegenseitig zu stärken, einander Mut zu machen und immer wieder zu erklären, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt als aufzustehen und unsere Rechte einzufordern, nicht nur für uns, sondern für die kommenden Generationen. Wir sind die Architekten ihrer Zukunft.

TT: Welche Projekte hast du als nächstes geplant?

Filis: Wir haben momentan viele laufende Projekte, an denen wir weiterarbeiten. Für Bosnien und Griechenland sammeln wir weiter Sachspenden, und sobald die Grenzen wieder geöffnet sind, fahren wir. Save X Humanrights und we help arbeiten bei diesen beiden Projekten zusammen. Für SOS Méditerranée war für 8. Mai ein Benfiz-Konzert geplant, welches wir leider wegen Corona absagen mussten. Natürlich werden wir, sobald es möglich ist, auch dieses Projekt durchführen. Es steckt viel Arbeit in der Planung, und wir nützen die erzwungene Pause, um uns besser vorzubereiten.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Arye Wachsmuth bedanken, der von Anfang an im Camp Vucjak war und uns dadurch sehr viele Informationen geben konnte. Wir sind sehr froh darüber, dass wir seitdem zusammenarbeiten und alle diese Projekte gemeinsam planen. Es ist bei Projekten sehr wichtig einen Teamgeist zu entwickeln. Es ist nie der Verdienst nur einer Person, wenn ein Projekt gut läuft. Wie Renato Cica von we help immer sagt: "Die Hauptsache ist, dass die Spenden dort ankommen, wo sie gebraucht werden."

Da sämtliche Lieferungen derzeit nicht mehr möglich sind, ist es meiner nach vor allem wichtig, den Teams vor Ort Geld zu spenden, damit diese helfen können. Sie brauchen das Geld, damit sie Hygieneartikel und Medikamente kaufen und - gerade jetzt - den Schutz der Menschen gewährleisten können. Georg Hochecker hatte die geniale Idee, auf Facebook die Seite "Save X Humanrights Flohmarkt für SOS Bihac" einzurichten, auf der Menschen Dinge für einen Fixpreis zum Verkauf anbieten können, und die Käufer das Geld direkt auf das Konto von SOS Bihac spenden. Sobald der Käufer eine Einzahlungsbestätigung vorlegt, bekommt er den Gegenstand zugesendet oder kann ihn abholen, je nachdem, wie es ausgemacht wurde.

 


veröffentlicht in Talktogether Nr. 72/2020