Unsere Umwelt und der Kapitalismus PDF Drucken E-Mail

Unsere Umwelt und der Kapitalismus

Die Zerst√∂rung unserer nat√ľrlichen Umwelt ist bereits so weit fortgeschritten, dass die Zukunft der Menschheit bedroht ist. Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt warnen vor dramatischen Folgen, wenn wir weitermachen wie bisher. Nur leider folgen darauf kaum Konsequenzen. Klimakonferenzen gehen mit unverbindlichen Absichtserkl√§rungen zu Ende. Sind die M√§chtigen dieser Welt zu ignorant, zu arrogant oder zu korrupt, um die Ma√ünahmen umzusetzen, die die Menschheit braucht? Oder ist unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gar nicht in der Lage, angemessen auf den Notstand zu reagieren?


Die Krise hat verschiedene Dimensionen. Die Zerst√∂rung von W√§ldern und anderen √Ėkosystemen hat zu einem dramatischen Artensterben gef√ľhrt. Ist ein Tier oder eine Pflanze einmal ausgestorben, ist der Verlust unwiederbringlich. Die Verschmutzung des Wassers und der Luft gef√§hrdet die Gesundheit der Menschen. Und schlie√ülich droht die rasant ansteigende Klimaerw√§rmung, die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen zu vernichten. Die Probleme verst√§rken sich gegenseitig und haben bereits zum Kollaps zahlreicher √Ėkosysteme gef√ľhrt. Es ist, als ob unsere Erde von einem b√∂sartigen Krebs zerfressen wird.



Kinder auf der M√ľllhalde von Agbogbloshie bei Accra, Ghana. Lantus (CC BY 2.0)

Am Stadtrand von Accra durchsuchen Kinder giftigen Elektroschrott nach verwertbaren Stoffen. Wenn es regnet, wird das Gift in die Fl√ľsse und Lagunen geschwemmt.

Minen- und √Ėlkonzerne verseuchen Luft, B√∂den und Fl√ľsse, zum Beispiel in Kanada, im Regenwald Ecuadors oder im Nigerdelta. 1995 wurde der Schriftsteller Ken Saro Wiwa zusammen mit acht weiteren B√ľrgerrechtlern in Nigeria hingerichtet, weil er die Verschmutzung des Nigerdeltas anprangerte.

Die Amazonasw√§lder werden f√ľr die Rinder- und Schweinezucht oder den Sojaanbau gef√§llt oder abgebrannt. Damit werden nicht der Lebensraum indigener V√∂lker sowie zahlreicher Tier- und Pflanzenarten vernichtet, sondern auch die Lungen unseres Planeten. Auch die Regenw√§lder Borneos sind Lebensraum zahlreicher erstaunlicher Lebewesen, dreiviertel der W√§lder Indonesiens sind jedoch bereits zerst√∂rt.

Viele wertvolle Ackerb√∂den sind durch √úberbeanspruchung und falsche Nutzung unfruchtbar geworden, immer mehr Menschen verlieren durch Vertreibung und Landraub ihre Lebensgrundlage und suchen in den St√§dten Arbeit. Slums von Megast√§dten wie Nairobi, Mumbai, Kairo, Sao Paulo oder Lagos beherbergen heute bereits √ľber eine Milliarde Menschen, deren Kinder dort inmitten von M√ľll aufwachsen und in verseuchten Kan√§len spielen m√ľssen.

Was sind die Ursachen f√ľr diese Zerst√∂rung? Ist es die Gier der Konzerne oder der Egoismus der Menschen?

Um diese Fragen zu beantworten, m√ľssen wir verstehen, nach welchem Regeln das wirtschaftliche und politische System, in dem wir leben, funktioniert. Unser System wird Kapitalismus genannt, weil sich das Kapital - also Geld, Maschinen, Fabriken usw. - in privatem Besitz befindet. Einzelne Kapitalisten und Kapitalgesellschaften investieren ihr Geld in ein Unternehmen mit dem Ziel, Profit zu machen und ihr Kapital zu vermehren. Manchmal kooperieren sie, aber am Ende muss jedes Unternehmen seinen Vorteil suchen, um im Konkurrenzkampf zu √ľberleben. Der Kapitalismus hat mehr technische Innovationen und eine schnellere Produktivit√§tssteigerung hervorgebracht als jede andere Epoche der Geschichte. Schon lange w√§re die Produktion f√ľr den Weltbedarf ausreichend. Wenn die Deckung des Bedarfs jedoch √ľberschritten ist, ist eine weitere Produktionssteigerung nicht mehr sinnvoll, sondern zerst√∂rerisch.

Warum ist der Kapitalismus als System nicht f√§hig, mit unseren nat√ľrlichen Ressourcen in einer nachhaltigen Weise umzugehen und f√ľr kommende Generationen zu planen, selbst wenn einzelne Kapitalisten und Unternehmen das wollen? Auch wenn es einzelne Kapitalisten und Konzerne sind, die diese Krise verursacht haben, m√ľssen alle bestimmten Regeln folgen, ohne die unser System nicht funktioniert.

Regel Nr. 1: Antrieb f√ľr jede Produktion ist der Profit

In einer kapitalistischen Gesellschaft wird buchst√§blich alles in eine potenzielle Profitquelle verwandelt, auch das Wissen und die Gesundheit der Menschen. Die Natur wird vom Kapital als Geschenk betrachtet, das es sich aneignen, ausbeuten und pl√ľndern kann. Sogar Umweltkatastrophen werden als Gelegenheit zur Profiterzeugung wahrgenommen. So wird das Abschmelzen des Polareises in der Arktis von US-amerikanischen, russischen, kanadischen und norwegischen Unternehmen als Chance gesehen, neue √Ėlquellen zu erschlie√üen, um damit die Klimaerw√§rmung noch weiter anzuheizen.

Regel Nr. 2: Die Produktionsweise folgt dem Kommando: "Expandieren oder untergehen"

Die Wirtschaft ist aufgeteilt in Einheiten, die sich in privatem Eigentum und unter privater Kontrolle befinden. Jede dieser Einheiten muss um ihren Platz auf dem Markt k√§mpfen. Entweder ein Unternehmen erweitert seine Marktanteile, strebt nach Innovation und behauptet sich gegen√ľber der Konkurrenz, oder es geht unter. Dieser Zwang zum Wachstum beschleunigt die Vernichtung unserer Lebensgrundlagen. In einer Wirtschaftsform, deren Ziel Kapitalwachstum ist, k√∂nnen n√§mlich √∂kologische Kriterien nie im Zentrum der Entscheidungen stehen. Jeder Kapitalist muss Kosten und Effizienz seines Unternehmens einer strengen Buchhaltung unterziehen. Wenn ein Konzern die Regenw√§lder Indonesiens f√§llt, um das Holz zu verkaufen oder Palm√∂lplantagen anzulegen, flie√üen jedoch weder der CO2-Aussto√ü noch das √úberleben des Orang-Utan oder des Sumatra-Tigers in seine Berechnungen ein. Der Horizont seiner Berechnungen ist kurzfristig, weil Investitionen nach m√∂glichst kurzer Zeit zur√ľckflie√üen sollten. Konsequenzen in zehn, 20 oder 30 Jahren spielen keine Rolle. W√ľrden Umweltsch√§den in die Berechnung einflie√üen, w√§ren die Aktivit√§ten dieser Konzerne nicht profitabel.

Regel Nr. 3: Der Kapitalismus weitet sich durch imperialistische Herrschaft aus

In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Kapitalismus seine Grenzen zu sprengen. Wie Gangsterbanden drangen die imperialistischen M√§chte in fremde Kontinente ein und f√ľhrten gegeneinander blutige Kriege. Seither beherrschen sie die politischen und sozialen Strukturen der unterworfenen L√§nder - damals direkt durch unverbl√ľmte koloniale Ausbeutung und Unterdr√ľckung, heute mehr indirekt durch neokoloniale Dominanz mit Unterst√ľtzung der einheimischen Eliten. Der Aufstieg des Kapitalismus ist somit untrennbar verbunden mit dem Genozid an der indigenen Bev√∂lkerung Amerikas, mit der Verschleppung und Versklavung von Millionen Afrikaner*innen und mit der kolonialen Auspl√ľnderung gro√üer Teile der Welt. Der Kapitalismus hat verheerende Depressionen und zwei Weltkriege ausgel√∂st. Heute liegt die Macht in den H√§nden von ein paar wohlhabenden Nationen, die durch ihre Investitionen und Handelsabkommen den Reichtum des Rests der Welt kontrollieren.

Kann der Kapitalismus durch Gesetze in die Schranken gewiesen werden?

Nun werden viele einwenden: "Kapitalisten k√∂nnen diese Verbrechen doch nur begehen, wenn man sie gew√§hren l√§sst. Aber Gesetze k√∂nnen ihnen Grenzen setzen. Warum k√§mpfen wir nicht f√ľr mehr und bessere Reformen?" Als erfolgreiches Beispiel k√∂nnen bestimmte Erfolge durch internationale √úbereinkommen wie das FCKW-Verbot angef√ľhrt werden. Es sind tats√§chlich wichtige Schritte unternommen worden, um die Umweltzerst√∂rung in bestimmten Regionen aufzuhalten und Unternehmen zur Einhaltung bestimmter Normen zu zwingen. Doch leider reichten diese Anstrengungen nicht aus, um uns aus der Krise zu holen, denn:

  • Das Ausma√ü der Reformen h√§ngt damit zusammen, welche Auswirkungen sie auf die Unternehmensprofite und das Funktionieren des kapitalistischen Systems haben. Politische Machthaber, die im Rahmen des kapitalistischen Systems arbeiten, sind abh√§ngig vom Kapital. Deshalb sind Umweltgesetze begrenzt, Angriffen ausgesetzt und werden wieder aufgehoben, wenn sich die Interessen des Kapitals √§ndern.

  • "Gr√ľne" Fortschritte in imperialistischen L√§ndern gehen oft auf Kosten der L√§nder des S√ľdens. Unternehmen investieren hier in gr√ľne Technologien und lagern die Verschmutzung aus. Die Abholzung des Regenwalds oder die Lagerung von Giftm√ľll geht dort unvermindert weiter, wo das Kapital keine Umweltstandards einhalten muss.

Ein neuer "Gr√ľner Deal" als L√∂sung?

Kann uns der Umstieg auf erneuerbare Energien aus der Krise f√ľhren? Kapitalisten investieren in die Technologien, aus denen sie die h√∂chsten Profite ziehen k√∂nnen. Weil das Energiesystem, das auf fossilen Energietr√§gern wie Kohle, √Ėl und Gas basiert, enorm profitabel ist, werden die Konzerne und Kapitalgesellschaften so tief und so lange bohren, bis sie den letzten Tropfen √Ėl zutage bef√∂rdert haben. Hinzu kommt, dass jeder Staat nach den billigsten Energien sucht, um gegen√ľber den anderen im Vorteil zu sein. Gewaltige Summen sind zudem bereits in den Aufbau von Infrastrukturen zur F√∂rderung fossiler Energietr√§ger geflossen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass Unternehmen freiwillig auf dieses Kapital verzichten werden.

Die Entwicklung gr√ľner Technologien w√ľrde ebenfalls einen gro√üen Kapitalaufwand erfordern. Wie kann man Unternehmen dazu bringen, in gr√ľne Technologien zu investieren? Der Trick dabei sei, meinen manche, diese Technologien profitabel zu machen, zum Beispiel durch staatliche Subventionen. Doch selbst wenn der Staat in gr√ľne Technologien investiert, darf nicht vergessen werden, dass dieses Geld aus Steuergeldern stammt, die durch Unternehmensprofite generiert werden, zum Beispiel auch aus denen der Autoindustrie. Heute haben globale Konzerne zudem eine st√§rkere Wirtschaftskraft sowie eine h√∂here Eigentums- und Machtkonzentration als viele Staaten.

Biotreibstoffe sind ein gutes Beispiel daf√ľr, was passiert, wenn erneuerbare Energie unter kapitalistischen Bedingungen produziert wird. Wenn Biotreibstoffe Profite versprechen, st√ľrzt sich das Kapital auf die Agrarproduktion. Das hat zur Folge, dass weniger Nahrungsmittel angebaut werden und die Preise f√ľr Lebensmittel ansteigen, was f√ľr die arme Bev√∂lkerung in den L√§ndern des S√ľdens katastrophale Auswirkungen hat. Wenn dann noch f√ľr die Erzeugung von Biodiesel Regenw√§lder gerodet werden, werden mehr Treibhausgase freigesetzt als durch die Verwendung von herk√∂mmlichem Diesel.

Wir sind als Lebewesen Teil der Natur und brauchen zum √úberleben sauberes Trinkwasser, saubere Luft zum Atmen und fruchtbare B√∂den, um unsere Nahrung zu erzeugen. Deshalb ist es unumg√§nglich, dass wir die Verbrennung fossiler Brennstoffe beenden. Wir brauchen dringend saubere und nachhaltige Energiesysteme wie Solarenergie, Windkraft und Erdw√§rme, doch diese Technologien k√∂nnen uns nur dann aus der Krise f√ľhren, wenn sie zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden und nicht zur Erzeugung von Profit.

Weil die L√∂sung des Problems nicht von denselben Akteuren herbeigef√ľhrt werden kann, die es verursacht haben, k√∂nnen wir auch nicht davon ausgehen, dass wir unser Klima im Rahmen des herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems retten k√∂nnen. Um der Zerst√∂rung unseres Planeten ein Ende zu setzen, m√ľssen wir neue Wege beschreiten. Um den drohenden Klimakollaps abzuwenden, brauchen wir Kooperation statt Konkurrenz und Entwicklung statt Wachstum. Wir brauchen eine Produktionsweise, deren Ziel die Deckung der menschlichen Bed√ľrfnisse und somit auch der √∂kologischen ist.

Dies erfordert zweifellos auch den Verzicht auf einige Gewohnheiten. Aber w√§re es denn wirklich ein gro√üer Verlust, die Monotonie unserer Arbeit, den Zwang, gegen andere zu konkurrieren und uns bestm√∂glich zu verkaufen, und die Bedeutungslosigkeit des st√§ndigen Konsumierens auszutauschen gegen die M√∂glichkeit, unsere Arbeits- und Lebensbedingungen selbst zu gestalten? Der gr√∂√üte Teil der Menschheit hat ohnehin nichts zu verlieren au√üer Elend und Unterdr√ľckung, aber wir alle gemeinsam haben eine Welt zu gewinnen.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 73 / 2020