Wie könnte uns die Landwirtschaft vor Covid-22, -23 und -24 schützen? PDF Drucken E-Mail

Wie könnte uns die Landwirtschaft vor

Covid-22, -23 und -24 schützen?

Das Coronavirus hat den Erdball im letzten Jahr mehrmals umrundet und hält seitdem die Welt im Griff. Man geht davon aus, dass sich der Hunger als Folge der Krise verdoppeln wird. Die Frage einer nachhaltigen Nahrungsmittelerzeugung stellt sich deshalb umso dringlicher. Die Landwirtschaft, wie sie heute in den meisten Teilen der Welt betrieben wird, ist aber nicht nur für ein Drittel der Treibhausgase verantwortlich, sondern begünstigt auch die Entstehung von Epidemien. In der Landwirtschaft liegt aber auch der Schlüssel, um Coronaviren und andere Krankheitserreger zu stoppen.


Stockwerkanbau bei unkontaktierten Indigenen im brasilianischen
Amazonas-Regenwald © Gleilson Miranda (CC BY 2.0)

Infolge der Lockdowns, die viele Staaten zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus über ihre Bevölkerungen verhängt haben, haben weltweit Millionen Menschen Arbeit und Einkommen verloren. Die Gesundheitssysteme vieler Länder sind an ihre Grenzen gestoßen und können die Bevölkerung nicht mehr vor anderen Bedrohungen – etwa vor der Malaria – schützten. Im Gegensatz dazu werden immense Summen in einflussreiche Sektoren wie Fracking, Kreuzfahrtschiffe, die Autoindustrie und Fluggesellschaften gesteckt, um sie vor der Pleite zu retten. Die Maßnahmen, mit denen Regierungen die Ausbreitung des Virus stoppen wollen, sind oft einseitig und autoritär, gleichzeitig erleben wir die Zunahme einer rassistischen und faschistischen Rhetorik. Doch nicht das Virus hat Ungleichheit und Gewalt verursacht, sondern es sind Ungleichheit und Gewalt, die aus dem Virus eine globale Krise machen.

Wann kommt die nächste Pandemie?

Auch wenn uns COVID-19 als Jahrhundertereignis präsentiert wird, kann eine nächste Pandemie schneller eintreffen als wir glauben. In einer Gesellschaft, die vom Streben nach Profit angetrieben wird, sind Gesundheitskrisen keine Anomalität. Während Seuchen wie Pest, Pocken und Cholera durch die Forschung und medizinische Fortschritte ihren Schrecken verloren haben, kann eine zunehmende Häufung viraler Infektionskrankheiten (wie SARS und Ebola) beobachtet werden, deren Ausbruch durch von Menschen verursachte Umweltveränderungen begünstigt wird. Die tragische Geschichte der Ausbrüche von Ebola in Afrika muss jedoch im Zusammenhang mit Ressourcenplünderung, Umweltzerstörung, Verschuldung und Privatisierung der Gesundheitssysteme gesehen werden.

Es gibt viele Hinweise dafür, dass vor allem Waldrodungen und Monokulturen für die Zunahme jener Virusinfektionen verantwortlich sind, die von Wildtieren auf Menschen übertragen werden. Weil deren Lebensräume immer mehr zerstört werden, rücken sie näher an die menschlichen Gemeinschaften und können auf Nutztiere und Menschen überspringen. Palmölplantagen beispielsweise schaffen ideale Bedingung für die Übertragung von Viren durch Fledermäuse, die als Träger einiger besonders problematischer Viren identifiziert worden sind. Manche Experten gehen sogar davon aus, dass wir zukünftig alle 20 bis 30 Jahre mit einer Pandemie rechnen können.

Die Rolle der Landwirtschaft

Tropische Regenwälder spielen eine wichtige Rolle für die Stabilisierung des Klimas. Tausende Lebewesen aus dem Regenwald dienen als Vorbild für Forschung und technische Entwicklungen. Die Welt steht vor der Herausforderung, Lebensmittel für 8,5 Milliarden Menschen bereit zu stellen und gleichzeitig die natürlichen Ressourcen zu schützen. Monokulturen verdrängen jedoch die genetische Diversität und schwächen die Immunabwehr der Pflanzen gegen Krankheiten und Schädlinge, was den massiven Einsatz von Pestiziden notwendig macht. Die Massentierhaltung begünstigt zudem die schnelle Übertragung von Viren und deren Mutation. Die weitverbreitete Verabreichung von Antibiotika führt zu gefährlichen Resistenzen bei Tieren und Menschen. Während Kleinbauern ihre Tiere auf den lokalen Märkten verkaufen, verschiffen multinationale Unternehmen lebende Tiere über tausende Kilometer und damit auch die Krankheitserreger, die diese in sich tragen. Außerdem holen diese Unternehmen oft Arbeitskräfte aus Ländern mit niedrigeren Löhnen, die sie noch mehr ausbeuten können, eine Praxis, die an die Zeiten von Sklaverei und Kolonialismus erinnert.

Naturschutz und Ernährungssicherheit – ein Widerspruch?

Nicht nur für die industrielle Landwirtschaft, auch im Namen des Naturschutzes werden weltweit Kleinbauern von ihrem angestammten Land vertrieben. Es sind aber nicht Kleinbauern, die in die Wälder eindringen und sie zerstören, sondern Holzfäller, Minengesellschaften und Agrarkonzerne, die Bäume abholzen und großflächige Monokulturen oder Viehweiden anlegen. Die Mitglieder der Oxford Real Farming Conference (ORFC), einer Vereinigung von Bewegungen für ökologische Landwirtschaf, sind überzeugt, dass es der falsche Weg ist, Mensch und Natur zu trennen. Die Wälder sind keine unberührten Orte.

Kleinbäuerliche Landwirtschaftssysteme sind in die Wälder integriert, produzieren Nahrung für den lokalen Verbrauch und erhalten gleichzeitig die Artenvielfalt. Indigene Völker leben die seit Jahrtausenden in und von den Wäldern und schützen und pflegen sie. Studien haben bewiesen, dass ihre Art der Bewirtschaftung des Waldes die lokale Artenvielfalt nicht nur erhält, sondern sogar fördern kann. Wenn die Einrichtung von Naturschutzgebieten jedoch mit einer Entrechtung oder Aussiedelung der indigenen Bevölkerung einher geht, kann das einen negativen Effekt auf die Artenvielfalt haben, weil die Kontrolle der Menschen, die diese Gebiete nutzen, stärker ist als die von staatlichen Behörden.

Eine Landwirtschaft, die unsere Ernährung auch in Zukunft sichern und uns gleichzeitig auch vor Krankheiten schützen kann, sollte sich zum Vorbild nehmen, wie Indigene den Regenwald schonend nützen und sich dabei an die Natur anpassen. Mit ihren Mischkulturen können sie den Boden bis zu fünfzehn Jahre lang nutzen, um ihn dann wieder der Natur zu übergeben, während die Plantagen der Großgrundbesitzer höchstens acht Jahre Ertrag abwerfen und verwüstete Flächen hinterlassen. Eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft dagegen kann uns klimaneutral ernähren, weil gesunde Böden mehr CO2 binden.

Heute wenden Stadtgärtner, Agrarkollektive und Landwirte zahlreiche umwelt- und ressourcenschonende Anbaumethoden an. Bei Perma- und Mischkulturen macht die Artenvielfalt von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen die Pflanzen widerstandsfähiger nicht nur gegenüber Wetterveränderungen, sondern auch gegen Schädlinge und Krankheiten. Pflanzen werden dabei so kombiniert, dass sie sich gegenseitig schützen. Mulch aus getrocknetem Gras nährt das Bodenleben, hemmt den Wuchs von unerwünschtem Beikraut, macht das Umgraben überflüssig und spart Gießwasser, weil er das Austrocknen des Bodens behindert. Permakulturen kommen so ohne Kunstdünger und Pestizide aus, der systematische Aufbau des Humusgehaltes erhöht die Bodenfruchtbarkeit und die Fähigkeit, Wasser zu speichern. Mit der Integration von Bäumen in die Anbauflächen kann die Landwirtschaft vor extremen Wetterereignissen, die als Folge der Klimakrise gehäuft auftreten, geschützt werden.

Landwirtschaft in der Stadt

Ein Vorzeigeprojekt für nachhaltige Landwirtschaft wurde aus der Not geboren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem Hauptabnehmer für kubanischen Zucker, ist die Agrarproduktion Kubas zusammengebrochen. Dazu kam das Handelsembargo durch die USA. Es gab weder chemischen Dünger noch Pestizide. Das, was auf den Feldern reifte, konnte nicht in die Städte transportiert werden, weil Treibstoff fehlte. Um die Bevölkerung zu versorgen, führte die kubanische Regierung deshalb das „Urban Farming“ ein. Heute gibt es in Havanna zwischen den Häusern an die 8000 Gärten, in denen 70 Prozent des in der Stadt konsumierten Gemüses wachsen. Es kommt nicht nur auf kurzem Weg frisch aus dem Beet in die Küchen, sondern wird auch ohne Verwendung von Pestiziden oder chemischem Dünger angebaut. Viele der Stadtgärtner folgen den Prinzipien der Permakultur: Auf engem Raum gedeiht eine möglichst große Vielfalt, und die Böden werden schonend behandelt. Die Gärten bieten den Stadtbewohner*innen Erholung, gesunde Nahrung und darüber hinaus Einkommensmöglichkeiten.

Menschen in vielen Ländern haben sich dieses zukunftsweisende Projekt zum Vorbild genommen. Heute gibt es Urbane Gärten in zahlreichen Städten. Weil es in Kairo wenige freie Flächen gibt, versorgen sich viele Bewohner*innen der ägyptischen Hauptstadt mit Gemüse, das sie auf Dachgärten kultivieren. Damit tragen sie gleichzeitig dazu bei, die verpestete Luft zu reinigen und das Klima in den Wohnungen zu verbessern.

Der Zugang zu frischer, bezahlbarer, nährreicher und lokal produzierter Nahrung sollte für jeden Menschen sichergestellt werden. Leider sind industriell erzeugte, wenig nahrhafte und ungesunde Lebensmittel oft billiger und leichter erhältlich. In vielen Ländern leiden die Menschen deshalb unter Mangelernährung oder an ernährungsbedingten Krankheiten. Die Kampagne des englischen Fußballstars Marcus Rashford, der sich für ein kostenloses Schulessen für Kinder aus armen Familien auch während der Ferien stark macht, hat die beschämende Tatsache ans Licht gebracht, wie viele Kinder auch in den reichsten Ländern der Welt nicht genug zu essen haben.

Eine nachhaltige Landwirtschaft könnte für gleich mehrere der dringendsten Herausforderungen und Probleme, mit der die Menschheit heute konfrontiert ist, Lösungen bieten: die Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung, die Vorbeugung von Virusinfektionen, die Erhaltung der Artenvielfalt sowie die Bekämpfung von Klimaerwärmung und sozialer Ungleichheit. Dazu wäre es allerdings nötig, dass die landwirtschaftliche Produktion weltweit großflächig umgestaltet wird. In einem Wirtschaftssystem, in dem die Profite einzelner Personen und Unternehmen mehr zählen als das Wohl der gesamten Menschheit, ist das allerdings nur sehr schwer umsetzbar.


Quellen und Infos:


veröffentlicht in Talktogether Nr. 75/2021