Die Geschichte von Bahsan PDF Drucken E-Mail

Ist es ein Verbrechen, ein MĂ€dchen zu sein?

von Warsame Ahmed Amalle

Eines Tages kam ein Gesangslehrer in die Schule in Mogadischu und fragte Kaltuum und ihre zwei Freundinnen, ob sie bei der Musikband „Blume der Revolution“ mitmachen wollten. ÜberglĂŒcklich stimmten die drei MĂ€dchen sofort zu. Die MĂŒtter waren ĂŒber das Vorhaben ihrer Töchter nicht begeistert, und so gingen sie jeden Tag nach der Schule heimlich ins Orientierungszentrum, wo der Gesangsunterricht stattfand. Um in die Band aufgenommen zu werden, mussten sie ein Lied vorsingen. Kaltuum trug ein Lied einer berĂŒhmten SĂ€ngerin vor. Weil sie es so schön und richtig sang, bekam Kaltuum den KĂŒnstlernamen der SĂ€ngerin und wurde ab diesem Tag Bahsan genannt. Auch ihre beiden Freundinnen erhielten die Namen berĂŒhmter SĂ€ngerinnen: Magool und Maandeeq. Bahsan schloss die Mittelschule ab und plante, eine Krankenpflegeausbildung zu absolvieren. Leider wurde ihr Plan durch den BĂŒrgerkrieg durchkreuzt, der schon seit einiger Zeit tobte. Es gab keine Regierung mehr, und wer Waffen besaß, nahm das Recht in die eigene Hand. Wer nicht bewaffnet war, gehörte schon lĂ€ngst zu den Verlierern. Viele verstecken sich zuerst in der Stadt und in der Umgebung, oder sie flĂŒchteten ins Ausland. Jeder Mann und jede Frau hatte nur drei Möglichkeiten: Entweder sich am Krieg zu beteiligen, sich zu verstecken oder das Land zu verlassen.

Bahsans Eltern machten sich mehr Sorgen um sie als um ihre beiden jĂŒngeren BrĂŒder, weil viele MĂ€dchen von bewaffneten Banditen geschlagen, vergewaltigt und getötet wurden. Diejenigen, die diese Qual ĂŒberlebten, waren danach meist psychisch am Ende, sodass sie freiwillig den Tod wĂ€hlten. Deshalb suchten Bahsans Eltern einen Weg, um sie ins Ausland zu bringen. Ihre Tochter war gerade 18 Jahre alt geworden und hatte noch nie außerhalb von ihrer Familie ĂŒbernachtet. Nun sollte sie allein in ein fremdes Land. Nach einer gefĂ€hrlichen Reise landete Bahsan in Italien. Dort traf sie Schicksalsgenossinnen, bei denen sie wohnte, bis sie eine Arbeit fand. Da die italienische Sprache in Somalia gelĂ€ufig ist, lernte sie sie schnell und fand bald eine Stelle als Betreuerin einer Ă€lteren Frau. Bahsan war ein kluges und arbeitswilliges MĂ€dchen. Sie beschwerte sich nie ĂŒber zu viel Arbeit oder zu wenig Geld. Die Familie, die sie eingestellt hatte, war mit ihrer Arbeit zufrieden.

Es gab ein kleines und ein großes Problem. Die Familie hatte einen Hund, den sie wie ein Familienmitglied behandelten. Bisher war es fĂŒr Bahsan unvorstellbar gewesen, mit einem Hund unter einem Dach zu wohnen. Jeden Abend, wenn sie ins Bett ging, wĂŒnschte sie sich, den Hund nicht mehr sehen zu mĂŒssen. Doch die alte Frau liebte den Hund mehr als manche ihrer Kinder, und so beschloss Bahsan, sich mit ihm zu arrangieren. Eines Tages trug ihre Arbeitsgeberin ihr auf, den Hund in einen Hundesalon zu bringen. Sie fĂŒrchtete, dass ihre Landsleute schlecht ĂŒber sie reden wĂŒrden, wenn sie sie auf der Straße mit dem Hund sahen. Doch sie nahm es in Kauf, weil sie die Arbeit brauchte und der Hund und die Arbeit nicht voneinander zu trennen waren.

Das zweite und weitaus grĂ¶ĂŸere Problem waren die schlechten Nachrichten aus ihrer Heimat. Immer musste sie an ihre Familie denken, die sie mitten in der stĂ€ndig prĂ€senten Gewalt, der sie entkommen war, zurĂŒckgelassen hatte. Die Angst um ihre BrĂŒder quĂ€lte sie, und sie fĂŒhlte sich verpflichtet, ihnen zu helfen. Sie sparte jeden Cent, schließlich gelang es ihr, ihnen zur Flucht nach Kanada zu verhelfen. Anschließend finanzierte sie ein Haus fĂŒr ihre Eltern. Nun war sie erleichtert und konnte endlich an sich selbst denken. Sie machte den FĂŒhrerschein und kaufte ein Auto. Ihr Leben war in Ordnung, Bahsan schmiedete PlĂ€ne fĂŒr die Zukunft. Dennoch brannte in ihr eine Wunde, die niemand heilen konnte. Diese Wunde war ihr zugefĂŒgt worden, als sie noch nicht einmal acht Jahre alt war, als ihre Mutter sie in der FrĂŒh aufgeweckt und zu Frau Geeddiyo gebracht hatte. Alle wussten, was mit Bahsan und anderen MĂ€dchen geschah, doch niemand war schuld an den Schmerzen, die sie jeden Tag an ihrem Körper und ihrer Seele spĂŒrten. Auch Bahsan hat sich nie gefragt, warum sie und Millionen andere MĂ€dchen diese Schmerzen ertragen mussten. Es war fĂŒr sie so normal, wie in die Schule zu gehen. Als sie Ă€lter wurde, konnte sie den Schmerz, der jeden Monat wiederkam, kaum noch aushalten, trotzdem hatte sie nie ĂŒber dessen Ursache nachgedacht.

Eines Tages besuchte sie eine Freundin in Kanada. Als sie dort war, wollte sie nicht mehr zurĂŒck nach Europa und beschloss, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Bald fand sie eine Wohnung und Arbeit, alles schien perfekt zu sein. Doch eines Nachmittags tauchte dieser Schmerz wieder auf, und er wurde immer intensiver. Bevor sie das Bewusstsein verlor, konnte sie noch die Rettung anrufen. Als sie wieder zu sich kam, lag sie in einem Krankenhausbett. Die Ärztin, die wie sie aus Somalia stammte und genau wusste, worunter sie litt, fragte, seit wann sie den Schmerzen habe. Bahsan antwortete: Seit vorgestern! Doch dann erinnerte sie sich daran, wie sie schon einmal bewusstlos gewesen war und was Geeddiyo damals mit ihr gemacht hatte. Sie hatte die Schmerzen immer schon gehabt, nur nie so stark wie diesmal. Bahsan hatte immer geglaubt, dass es normal sei, verstĂŒmmelt zu sein, weil alle MĂ€dchen, die sie kannte, beschnitten waren. Die Ärztin machte ihr jedoch klar, dass diese Prozedur nicht normal, sondern eine Gewalttat sei, die man nicht akzeptieren dĂŒrfe. Vielmehr sollte man dafĂŒr kĂ€mpfen, dass kein MĂ€dchen auf der ganzen Welt mehr diese Tortur erleben mĂŒsse. Danach schlug sie ihr einen Eingriff vor, damit sie keine Schmerzen mehr habe, doch Bahsan lehnte ihren Vorschlag ab. So konnte ihr die Ärztin nur Schmerztabletten mitgeben und sie nach Hause schicken.

Das erste Mal dachte Bahsan ĂŒber den Sinn der VerstĂŒmmelung nach. In ihr wuchs das BedĂŒrfnis, ihre Eltern zu sehen, um sie darĂŒber zu befragen. Dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los. So buchte sie einen Flug ĂŒber Addis-Abeba und landete schon bald in Mogadischu. Die Stadt, die vor dem Krieg eine kleine, grĂŒne und saubere Stadt gewesen war, war kaum wiederzuerkennen. Schon vom Flugzeug aus sah sie grau und staubig aus, weil es lang nicht geregnet hatte. Doch es wurde noch schlimmer, als sie den Flughafen verließ und mit dem Bus in die Stadt fuhr. Wo frĂŒher GĂ€rten und Parks gewesen waren, schliefen vom Krieg vertriebene Menschen. Überall liefen bewaffnete MĂ€nner und verschleierte Frauen herum. Mogadischu war nicht mehr die Stadt, die sie gekannt hatte. FrĂŒher hatte man ĂŒberall Musik gehört, und es hatte MĂ€rkte gegeben, auf denen MĂ€nner und Frauen mit GemĂŒse und anderen Waren gehandelt hatten. Nun waren nur noch Stress und Angst zu spĂŒren. Bis zu ihrem Stadtviertel musste sie mehr als zehn Checkpoints passieren. Wenn die MĂ€nner dort nur Geld verlangten, konnten die Passagiere von GlĂŒck reden. Nach einer langen und ungemĂŒtlichen Fahrt kam sie in ihrem Wohnviertel an. Als sie aus dem Bus stieg, sprach sie eine verschleierte Frau an. Bahsan erkannte sie, es war die kleine Safiya, die Nachbarstochter, die nun eine erwachsene Frau geworden war. Zusammen nahmen sie ein Taxi zum Haus ihrer Eltern. Durch das Busfenster sahen sie das zerstörte Orientierungszentrum, in dem sie damals gesungen hatten. Auf den Mauern waren ĂŒberall Einschusslöcher zu sehen. Bahsan wollte von Safiya wissen, was mit den Nachbarsfamilien passiert war. Einige waren tot, andere in andere Landesteile oder ins Ausland geflĂŒchtet.

Als sie ankamen, empfingen sie ihre Eltern und Verwandten, die gekommen waren, um sie zu sehen, vor dem Haus. Nach einer herzlichen BegrĂŒĂŸung gingen alle hinein, doch Bahsan blieb noch eine Zeit lang auf der Hausstiege sitzen, wo sie frĂŒher immer mit ihren Freundinnen Magool und Maandeeq gesessen war. Als sie auf den indischen Ozean blickte, sah sie im linken Augenwinkel die HĂŒtte der Frau, die damals ihren Körper aufgeschnitten und wie ein StĂŒck Stoff wieder zusammengenĂ€ht hatte, der Baum, unter dem sie danach gelegen war, stand auch noch da. Die Erinnerung war so frisch, dass sie die TrĂ€nen nicht aufhalten konnte. Sie ging schnell in das Zimmer, das fĂŒr sie hergerichtet worden war, und blieb dort, bis die Mutter zum Essen rief.

Nachdem die Besucher nach Hause gegangen waren, fragte Bahsan ihre Mutter, warum sie sie zu Frau Geeddiyo gebracht hatte und ob sie nicht gewusst hatte, welche Verletzung sie ihr damit zufĂŒgte. Darauf antwortete die Mutter: „Denkst du etwa, dass ich dich nicht liebhabe oder meine Mutter mich nicht liebte, oder deren Mutter wiederum sie nicht liebte? Denkst du, dass ich deine Schmerzen und dein Leid nicht kenne und spĂŒre? Liebe Tochter, ich weinte mit dir, und meine Mutter weinte mit mir und meine Großmutter mit meiner Mutter. Trotzdem musste ich dich zu Geeddiyo begleiten, wie meine Mutter mich begleiten musste, und wie es zuvor deren Mutter getan hatte. Es wĂ€re doch eine „Schande“ gewesen, wenn wir dieses Ritual nicht vollzogen hĂ€tten! Nur wenige Frauen und noch weniger MĂ€nner haben es jemals in Frage gestellt. Man sagt, dass die Tradition aus dem Alten Ägypten stammt, deshalb nennt man sie ‚pharaonische Beschneidung‘. Abgesehen von Schmerzen und Gefahren, die dieser Eingriff mit sich bringt, hat er eine Kontrollfunktion, denn die MĂ€dchen werden nach der VerstĂŒmmelung zugenĂ€ht, und das bleibt so, bis sie heiraten. Wenn die Naht in der Hochzeitsnacht nicht mehr ‚zu‘ war, bedeutete es eine Schande fĂŒr das MĂ€dchen und ihre ganze Familie. Wer fragt den BrĂ€utigam, ob er selbst noch unberĂŒhrt ist? Wenn ein Mann in einer Nacht mit vielen Frauen im Bett war, kann er das am nĂ€chsten Tag stolz herumerzĂ€hlen, das ist im grĂ¶ĂŸten Teil der Welt so. Derselbe Mann will aber eine Jungfrau heiraten! Die MĂ€nner fragen sich nicht, ob auch die Frauen einen unberĂŒhrten Mann heiraten wollen.“

Nun ergriff Bahsans Vater das Wort, und die beiden Frauen warteten gespannt auf seine Erwiderung. Vorsichtig warf er ein, dass auch die Buben beschnitten wĂŒrden. Darauf riefen beide Frauen empört: „Aber das ist doch nicht vergleichbar!“ Die Mutter sprach weiter: „Bei euch wird nur die Vorhaut weggeschnitten, und am nĂ€chsten Tagen könnt ihr schon wieder Fußball spielen! Bei den MĂ€dchen dauert es sehr lange, bis sie ĂŒberhaupt wieder normal urinieren können. Jeder Schritt und jede Bewegung verursachen starke Schmerzen. Schmerzen begleiten sie ein Leben lang, und es sind unsĂ€gliche Schmerzen! Und das ist nicht alles. Weißt du, wann eine Frau die Hölle auf Erden erlebt?“ Ihr Mann verneinte. „Wenn sie ein Opfer der VerstĂŒmmelung war und dann auch noch zwangsverheiratet wird! Wenn sie jemanden heiratet, der sie liebt, können sie sich behutsam annĂ€hern, aber was ist, wenn einer nur seine mĂ€nnliche Starke beweisen will?“ Schließlich gab der Vater zu, dass ihm durch das GesprĂ€ch vieles klar geworden sei, worĂŒber er sich zuvor keine Gedanken gemacht habe. Schließlich sagte er: „FĂŒr euch ist es leider zu spĂ€t, aber ich verspreche euch, dass meinen Enkelinnen niemals passieren wird, was mit euch passiert ist. Und ich werde die MĂ€nner in die Schranken weisen, die diese grausame Tradition verteidigen. Wir haben nie so deutlich und klar darĂŒber geredet. Wenn die Frauen darĂŒber reden und wir MĂ€nner zuhören wĂŒrden, dann bin ich sicher, dass diese Tradition bald ein Ende haben wĂŒrde!“

Bahsan wollte wissen, ob Geeddiyo noch lebte. Die Mutter erzĂ€hlte ihr, dass sie gestorben sei, aber ihre Tochter Boolo ihre Arbeit fortsetze. Bahsan wollte sie treffen, um zu erfahren, warum sie diese Arbeit mache, ob es aus dem finanziellen GrĂŒnden oder wegen der Kultur und der Tradition sei. Am nĂ€chsten Tag ging sie zu Boolo. Als sie bei ihr eintraf, hatte sie gerade einen Auftrag erledigt und wusch sich die HĂ€nde. Nach kurzem GesprĂ€ch stellte sich heraus, dass Boolo zwei Kinder ernĂ€hren musste. Wenn sie auf das Geld verzichten könnte, wĂŒrde sie sofort damit aufhören, sagte sie, da sie ja am eigenen Leib erfahren hatte, wie schlimm dieser Eingriff sei. Bahsan wollte wissen, wie viel sie pro MĂ€dchen verlangte. Die Summe war niedriger als der Preis, den sie fĂŒr die Busfahrkarte vom Flughafen in die Stadt gezahlt hatte. Bahsan gab ihr auf der Stelle das Hundertfache dieser Summe, und Boolo freute sich. Bahsan bat sie, nie wieder ein MĂ€dchen zu verstĂŒmmeln, Boolo versprach es ihr. Anschließend rief Bahsan ihre Freundinnen Maandeeq und Magool an, und sie vereinbarten, Geld zusammenzulegen, um gemeinsam fĂŒr Boolo eine andere Einkommensmöglichkeit zu organisieren.

Am spĂ€ten Nachmittag saß sie wieder auf der Eingangsstufe und schrieb diese Worte:

Ist es ein Verbrechen, ein MĂ€dchen zu sein?

Ich war ein Kind, frei von jeglicher Schuld,
und ging am Abend friedlich ins Bett.
Doch, bevor ich in der FrĂŒh aufwachte,
wurde ich noch im Schlaf ĂŒberfallen,
als ob ich ein Verbrechen begangen hÀtte.
Sie banden mir die HĂ€nde zusammen
und brachten mich in eine HĂŒtte,
in der Geeddiyo auf mich wartete,
die in der Hand die Klinge hielt,
mit der sie meinen Leib verstĂŒmmelte.

Was dann geschah, war so grausam,
dass ich lieber darĂŒber schweige.
Ich lag unter einem Baum,
als ich wieder zu mir kam,
der Schmerz ĂŒberwĂ€ltigte mich,
ich fĂŒhlte mich durstig und schwach,
die Nachbarn standen um mich herum,
als ob ich bereits tot wÀre.
Auch meine liebevolle Mutter war da,

und mein starker Vater war nicht weit weg,
aber auch er konnte mich nicht retten.

Ist ein MĂ€dchen zu sein, ein Verbrechen,
dass du auf dein Recht verzichten und
die Tortur als Gottesurteil akzeptieren musst?
Oder ist es das mutwillige Urteil,
welches die MĂ€nner ĂŒber dich fĂ€llen,
sei es fĂŒr ihren Genuss oder
als Beweis fĂŒr ihre MĂ€nnlichkeit?


veröffentlicht in Talktogether Nr. 75/2021