Gespräch mit Isabella Strauß PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Isabella Strauß

Sozialberaterin für gehörlose Menschen

„Ich liebe die Gebärdensprache. Sie ist eine so schöne Sprache.
Es ist für mich, wie wenn man ein Bild mit den Händen malt.“

TT: Du bist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen, bist aber selbst nicht gehörlos. Wie war das für dich?

Isabella: Ich hatte eine sehr schöne Kindheit mit liebevollen Eltern. Meine Eltern haben viele gehörlose Freunde und waren oft im Gehörlosenverein. Viele dieser Freunde haben auch Kinder, die hörend sind, und so bin ich mit vielen Kindern aufgewachsen, deren Eltern auch gehörlos sind. Es für war mich nichts Besonderes, sondern ganz normal. Dass meine Eltern gehörlos sind und dass das nicht der Norm entspricht, ist mir erst in der Schule – zum Beispiel durch Fragen von Mitschüler*innen – bewusst geworden.

TT: Dann war deine erste Sprache die Gebärdensprache?

Isabella: Ja, die Gebärdensprache ist meine Muttersprache und die deutsche Lautsprache meine Zweitsprache. Mit der Zeit hat sich jedoch herauskristallisiert, dass ich die deutsche Lautsprache besser beherrschte als die Gebärdensprache, die ich nur zu Hause benutzt habe, während ich mit meinem restlichen Umfeld – Schule, Freunde – in der Lautsprache kommuniziert habe. Aber ich liebe die Gebärdensprache, sie ist eine so schöne Sprache, es ist für mich, wie wenn man ein Bild mit den Händen malt.

TT: War es in der Schule für dich schwieriger?

Isabella: Ja, am Anfang teilweise schon. Meine Lautsprache war noch nicht so gefestigt und ich hatte Probleme mit der Grammatik. Zum Beispiel bei den Artikeln oder den Zeitformen der Verben. Die gibt es in der Gebärdensprache nicht – man gebärdet gestern gehen, heute gehen, morgen gehen. Das habe ich alles erst lernen müssen, aber als Kind lernt man zum Glück schnell.

TT: Wenn von verschiedenen Kulturen redet, sind meist Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeint. Gibt es auch kulturelle Unterschiede zwischen Hörenden und Gehörlosen?

Isabella: Ja. Die österreichische Kultur ist zwar ganz klar ein Teil der Gehörlosenkultur in Österreich, und deshalb gibt es viele Gemeinsamkeiten. Doch die kulturelle Gemeinschaft der Gehörlosen grenzt sich durch spezielle Bedürfnisse und besondere Lebensumstände von der Kultur der Hörenden ab. Die Gehörlosigkeit bringt durch ihre andere Art der Kommunikation andere Verhaltensweisen und andere Interaktionsmöglichkeiten mit sich. Und die Gehörlosen sind eine Minderheit, während die Hörenden die Mehrheitsgesellschaft bilden. Wer wie ich in diesem kulturellen Umfeld aufwächst, kennt die Normen und Verhaltensregeln von klein auf. Eine Besonderheit der Gehörlosenkultur ist neben der visuellen Kommunikation auch der eigene Humor. Namen leiten sich oft von äußerlichen Merkmalen ab, zum Beispiel wurde der ehemalige Bundeskanzler Schüssel nicht mit der Gebärde Schüssel, sondern nach seinem Markenzeichen – seinem Mascherl bzw. seiner Fliege – benannt. Es ist üblich, vor dem Essen zwei Mal auf den Tisch zu klopfen, man applaudiert nicht, sondern wedelt mit den Händen. Es ist auch üblich, dass Verabschiedungszeremonien sehr lange dauern. Man sagt nicht einfach „tschüs“ und geht, sondern es kann manchmal ein bis zwei Stunden dauern. Es gibt auch spezielle Verhaltensregeln. Ganz wichtig ist der Blickkontakt, den Blick von einem Gehörlosen abzuwenden kommt fast einer Beleidigung gleich, weil dieser mit dir dann nicht mehr kommunizieren kann. Auch der Körperkontakt ist wichtig. Da man einen Gehörlosen nicht rufen kann, tippt man ihm auf die Schulter, wenn man seine Aufmerksamkeit will, oder man geht zum Lichtschalter und schaltet das Licht ein und aus. Wichtig sind auch immer gute Lichtverhältnisse, dämmriges Licht ist bei Gehörlosen nicht angebracht.

TT: Es werden also unterschiedliche Dinge als höflich oder unhöflich empfunden?

Isabella: Ja, denn Hörende drücken sich anders aus als Gehörlose. Hörende empfinden es als unhöflich, wenn man sagt, „du hast zugenommen“, oder „du bist dick“. In der visuellen Kommunikation dagegen spricht man die Dinge direkt aus. Das ist nicht beleidigend oder böse gemeint, man kann es einfach nicht anderes ausdrücken. Etwas durch die Blume sagen oder zwischen den Zeilen lesen gibt es in der Gehörlosenkultur nicht. Es gibt sogar Gebärdennamen nach körperlichen Merkmalen, beispielweise einem großen Muttermal oder einer Warze.

Wichtige Merkmale der Kommunikation von Gehörlosen sind somit der Körperkontakt, mit dem Finger zeigen, der Blickkontakt sowie Mimik und Gestik. Die Mimik – also der Gesichtsausdruck und die Bewegung des Mundes – verraten viel, zum Beispiel symbolisieren zusammengezogene Augenbrauen Ablehnung, Wut oder Zorn. Weil die Mimik bei Gehörlosen so wichtig ist, passiert es mir manchmal, dass ich die Mimik von Hörenden überbewerte. Die Gestik und die Art, wie man gebärdet – ob langsam oder schnell – sind vergleichbar mit dem Tonfall in der Lautsprache. Es gibt auch bei Gehörlosen heftige Diskussionen, bei denen, während einer redet, der andere heftig mit den Händen gestikuliert, um auszudrücken, dass er mit einem Thema nicht einverstanden oder anderer Meinung ist.

TT: Inwiefern bist du von der Kultur der Gehörlosen geprägt?

Isabella: Ich schätze es, wenn man sich klar ausdrückt und die Dinge beim Namen nennt. Ich musste als Kind erst lernen, dass man sich in der Welt der Hörenden gewählter und höflicher ausdrücken muss. Weil ich das von zu Hause nicht mitbekommen habe, bin ich manchmal ins Fettnäpfchen getreten. Ich mag es bis heute nicht, um den heißen Brei herumzureden,

TT: Du bist als Beraterin für Gehörlose tätig. Was sind deine Aufgaben?

Isabella: Derzeit liegt mein Focus auf der sozialen Beratung. Wenn Gehörlose einen Arzttermin brauchen, den man nur telefonisch vereinbaren kann, rufe ich an, oder ich erkläre ihnen den Inhalt eines behördlichen Briefes oder einer E-Mail. Außerdem mache ich gerade einen Universitätslehrgang zur Gebärdensprachedolmetscherin. Der Unterricht findet ausschließlich in der Gebärdensprache statt, und es werden dort auch Gehörlose als Dolmetscher*innen für österreichische Gebärdensprache und International Sign, also für die internationale Gebärdensprache, ausgebildet. Das ist in Österreich die erste inklusive berufsbegleitende Ausbildung für taube und hörende Student*innen. Dazu muss man sagen, dass jedes Land und jede Region eigene Gebärdensprachen haben, die eigenständig gewachsen sind, mit jeweils eigenen Dialekten. Es wurde aber auch eine internationale Gebärdensprache entwickelt, die bei Konferenzen verwendet wird, wo sich Gehörlose aus der ganzen Welt treffen. Diese Sprache können aber nicht alle Gehörlosen, sondern sie muss als Fremdsprache erlernt werden.

TT: Kannst du dich mit gehörlosen Menschen aus anderen Ländern verständigen?

Isabella: Das kommt darauf an, wie gut die Leute die Gebärdensprache beherrschen. Wenn sie mit ihrer eigenen Gebärdensprache gut vertraut sind, ist die Kommunikation natürlich herausfordernd, aber man kommt halbwegs klar. Man muss versuchen, alles bildhaft darzustellen, was einen größeren Körpereinsatz erfordert. Wenn jedoch wenige oder gar keine Gebärdensprachenkenntnisse vorliegen, ist eine Verständigung sehr schwierig.

TT: Wie steht es um die Bildungsmöglichkeiten von gehörlosen Menschen. Ist es beispielsweise möglich, dass eine gehörlose Person auf die Universität geht?

Isabella: Gehörlose Menschen sind leider bis heute im Bildungsbereich sehr diskriminiert. Das fängt schon beim Führerschein an. Wenn Gehörlose den Führerschein machen wollen, müssen sie meistens ein paar Jahre warten, weil die Dolmetscherkosten sehr hoch sind. Meistens gibt es eine Warteliste, und trotzdem ist es dann unsicher, ob die Kosten von der öffentlichen Hand laut Teilhabegesetz übernommen werden. Es gibt zwar heute Schulen, die in der Gebärdensprache kompetente Lehrer*innen haben, aber Gehörlose können nicht ohne Barrieren eine Höhere Schule ihrer Wahl besuchen. Da geht es immer um die Übernahme der Dolmetscherkosten, und das ist meist ein heikler Punkt. Bildung ist die Basis für ein selbstbestimmtes Lebens. Eine wichtige Forderung der Gehörlosen ist deshalb das Recht auf bilingualen Unterricht. Es reicht ja nicht aus, wenn Lehrer*innen einen zehnstündigen Gebärdensprachekurs absolvieren, um gehörlose Kinder zu unterrichten. Das ist absurd. Man stelle sich einmal vor, wie es wäre, wenn eine spanische Lehrerin ohne ausreichende Deutschkenntnisse österreichische Kinder in Mathematik oder Geographie unterrichten sollte.

TT: Wie kann die Verständigung zwischen Hörenden und Gehörlosen gelingen?

Isabella: Verständigung ist immer möglich, es kommt halt auf das Wohlwollen der Gesprächspersonen an. Wichtig dabei ist es, den Blickkontakt zu halten, langsam und in kurzen Sätzen zu sprechen, aufzuschreiben, und wenn man sich traut, zu gestikulieren. Das funktioniert meistens gut beim Einkaufen oder wenn es darum geht, im Gasthaus ein Getränk zu bestellen. Aber wenn bedeutsame Gespräche anstehen, zum Beispiel ein Gespräch mit der Bank, mit dem Arbeitgeber oder mit dem Lehrer oder der Lehrerin, dann ist es sehr wichtig, eine Dolmetscher*in hinzuzuziehen, weil sonst sehr viele Inhalte und wichtige Informationen verloren gehen würden.

Hier liegt häufig ein Missverständnis bzw. ein Nichtwissen bei Hörenden in Bezug auf die Lesekompetenz von Gehörlosen vor. Den Hörenden ist zwar bewusst, dass die Gehörlosigkeit Kommunikationsprobleme mit sich bringt, aber sie glauben oft, dass Gehörlose dafür eine sehr gute Lese- und Schreibkompetenz haben. Sie wissen jedoch nicht über die schlechten Bildungsmöglichkeiten für Gehörlose Bescheid. Sie wissen nicht, dass Gehörlose oft keinen bilingualen Unterricht – in Lautsprache und Gebärdensprache – gehabt haben, obwohl eine grundlegende Bildung nur dann möglich ist, wenn es eine gemeinsame Basissprache gibt. Die Gebärdensprache hat zudem eine ganz andere Grammatik und einen anderen Satzaufbau. Als Hörende denke ich ja nicht darüber nach, warum ich „die Blume“ sage, aber Gehörlose müssen das erst lernen und auch regelmäßig anwenden, damit sie es nicht wieder vergessen. Komplexe und lange Satzkonstruktionen können deshalb für sie sehr schwer zu verstehen sein. Weil die Ausbildung im Kindergarten, in der Schule und in der Berufsausbildung früher ausschließlich an der oralen Sprache orientiert war, haben viele Gehörlose bis heute Schwierigkeiten, Texte inhaltlich gut zu verstehen und die deutsche Grammatik richtig anzuwenden. So ist die deutsche Sprache für viele Gehörlose bis heute eine Fremdsprache geblieben, die sich nicht so gut beherrschen. Wir als Hörenden sollten uns bewusst sein, was für ein Privileg es ist, uns jederzeit ohne fremde Hilfe und ohne zusätzliche Kosten, deren Bezahlung erst einmal organisiert werden muss, verständigen zu können. Bei Gesprächen mit Dolmetscher*innen ist zu beachten, dabei die Gehörlosen anzusehen. Leider passiert es oft, dass die Hörende sich nur auf den Dolmetscher konzentrieren und den Gehörlosen ignorieren, was für den Gehörlosen als sehr kränkend empfunden wird.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 75/2021