Der Klassengegensatz. Eine moralische Betrachtung PDF Drucken E-Mail

Der Klassengegensatz.
Eine moralische Betrachtung

Von Manfred Holzinger

Dass es „arm und reich“ gibt, ist eine Allerweltsweisheit. Wir sehen es als Tatsache an, dass eine Minderheit über das Kapital verfügt, das sich auf die Besitzrechte über die Produktionsmittel stützt. Der Kapitalist ist der Eigentümer dieses Besitzes, er hält die Verfügungsgewalt und das Erbrecht in seinen Händen. Auf der anderen Seite steht der Arbeiter, die Arbeiterin, sie verfügen nur über ihre Arbeitskraft, die sie an den Unternehmer verkaufen, zu einem bestimmten Preis – dem Lohn. Diesen Lohn bestimmt der „Arbeitgeber“, er kann aber, gewerkschaftlich unterstützt, erhöht werden. Der Arbeiter hortet keine Gewinne, wie es der Unternehmer tut, dessen Lebensziel es bleibt, sich durch den Verkauf der Produkte einen Profit herauszuschlagen. Der Arbeiter verdient durch seine Arbeit das Notwendige, um seine Existenz zu bestreiten und seine Familie zu erhalten. Damit ist er, moralisch gesehen, im Vorteil.

Aber muss es zwei Klassen geben, von denen die eine, deren Angehörige in früheren Zeiten Ausbeuter waren und die heute eine schwindende Minderheit darstellt, das Eigentum über die Produktionsmittel innehat? Der Lebensinhalt des Fabrikbesitzers ist der Profit. Wie färbt das auf seinen Charakter ab? Wenn er ein schlechter Mensch ist, sagt da jemand, dann entwickelt er die Gier als Wesenszug seiner Person. Die Gier ist eine der sieben Todsünden. Aber wenn man dem Unternehmer die positive Absicht bescheinigt, dass er lediglich den Gewinn in neue Investitionen anlegt, um das Unternehmen zu vergrößern, so ist da trotzdem die einfache Tatsache, dass „er nicht arbeitet“.

So mag man denken, er sei arbeitsscheu, er wolle aus Faulheit nicht arbeiten. Dies mag eine Anschuldigung sein. Es ist doch nur das Geld und das Besitzrecht über die Produktionsmittel – die Fabrik, die Maschinen, die Werkzeuge –, die ihn daran hindern, selbst zu arbeiten. Der Handwerker in früheren Zeiten hatte das Besitzrecht über seine Werkzeuge und kleinen Maschinen, doch er benutzte diese auch, und es war für ihn undenkbar, nicht auch selbst körperliche Arbeit zu verrichten.

Wir haben nun den „religiösen Überbau“, nach dem alle Menschen vor Gott in Freiheit und Würde geschaffen und mit denselben Rechten ausgestattet wurden. Wie kommt dann der Klassengegensatz überhaupt zustande? Die kleine Minderheit an Unternehmensbesitzern hat ihr Vermögen übernommen, geerbt, aber irgendwo in der Ahnenfolge muss da ein erster gewesen sein, der den Gedanken hatte, Besitz anzuhäufen. Vielleicht war er ein Händler oder Bürokrat. Dann hat sich also dieser Menschenbrauch eingebürgert, die Bildung und Vermehrung von Kapital, um sich von immer mehr nun von ihm abhängigen Werktätigen die Arbeitskraft zu kaufen, und aus der Manufaktur entstand die Fabrik im Besitz des Unternehmers. Der Kapitalist, nur geschätzt unter seinesgleichen, war geboren. Von da an standen sich die zwei gesellschaftlichen Gruppen unversöhnlich gegenüber, und die Theoretiker, die großen Denker der sozialistischen Bewegung – Marx, Engels, Luxemburg, Bebel und Lasalle – sprachen von da an von „Klassenkampf“.

Wie diesen Klassenkampf aufheben? Sollte ich nicht das Werkzeug, mit dessen Hilfe das Werkstück entsteht, und das von mir gefertigte Produkt selbst besitzen? Ist es nicht ein seltsamer Brauch, wenn der eine – der Kapitalist – sagt: „Du Arbeiter, hier ist ein Werkzeug, schaffe etwas für mich! Da, ich stell dir die Maschine hin, bediene sie!“ Der Arbeiter kennt die Maschine durch und durch, er weiß um ihren Hang, defekt zu werden, und doch gehört sie nicht ihm. Es ist so, als müssten die Schüler*innen Füllfeder und Hefte vom Lehrer bekommen, um damit schreiben zu können … man verzeihe mir diesen Vergleich, aber es bietet sich kein anderer an. Muss es – anthropologisch gesehen – Herren und Diener geben? Spartakus und 6000 Sklaven sind den Kreuzestod gestorben, weil sie nicht länger Sklaven sein wollten.

Ich habe das „moralische Problem“ bis jetzt auf der Arbeitssphäre betrachtet, aber wie steht es auf der globalen Ebene angesichts der Armut, der mangelnden medizinischen Versorgung und der Kriege in den Staaten der Dritten Welt? Das gegenwärtige grausame Weltwirtschaftssystem birgt in sich den Stau, die Blockade von helfenden Ressourcen von Nation zu Nation, von Mensch zu Mensch, in der Weltgemeinschaft.

Wenn ein Arbeiter in einer Brotfabrik aufsteht und sagt: „Ich stelle das Brot her, ich will auch bestimmen, wo es hingeht. Ich verlange, dass es an die Hungernden ausgeteilt wird. Das ist meine eigene, nicht gewerkschaftliche Forderung. Ich Arbeiter*in, kraft meines Schöpfertums, kraft dessen, was ich hervorbringe, will mich mit anderen Arbeiter*innen zusammenschließen, um den Menschenrechten zur Durchsetzung zu verhelfen. Der Unternehmer denkt nur an die Vergrößerung seines Unternehmens, wir aber wollen die Gerechtigkeit auf Erden durchsetzen. Ihr Profiteure, Gewinnler, steht uns nur dabei im Wege, denen beizustehen, die in Verelendung, in Hunger und ohne medizinische Versorgung dahinvegetieren müssen.“

Dieser zweite Aspekt in der Verurteilung der ungerechten Wirtschaftsordnung wiegt gewiss gleich stark wie der vordergründige Kampf zwischen Werktätigen und Kapitalisten. Es werden laut Jean Ziegler weltweit genug Lebensmittel angebaut, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren, es ist also nur die ungerechte Verteilung schuld, wenn alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Wenn ich die Welt als große Lebensgemeinschaft ansehe, ist das hungernde Kind mein Menschheitsbruder, meine Menschheitsschwester, die mein Einschreiten braucht.

Wenn die Arbeiter zusammenhalten, sind sie unbesiegbar, sagte Karl Marx. Die schlummernde Kraft des Proletariats ist eine gesellschaftliche Kraftquelle, aus der der Kampfgeist fließt, um den Menschenrechten überall auf Erden zum Durchbruch zu verhelfen. Sie wird, wenn sie ihre solidarischen Ziele nur konsequent genug verfolgt, diese unsere Erde gerechter, schöner, friedlicher machen.

Der Arbeiter in der Brotfabrik wird konsequent sagen: „Ich stelle das Brot her, und ich will auch entscheiden, dass es allen auf Erden zugute kommt!“ Die Verpackerin der Lebensmittel wird aufstehen und verkünden: „Ich verpacke das Wertvolle, das uns die Mutter Erde gibt, die Milch, die Suppe, das Obst. Ich bin erst zufrieden, wenn das letzte hungernde Kind die Segnung dieser Gaben erhält!“ Der Arbeiter an der Spritzgussmaschine in der Plastikfabrik wird erklären: „Ich stell den Joghurtbecher, den Käsebecher her, ich werde nicht ruhig sein, bis mein Produkt mit seinem Inhalt allen Kindern zuteil wird!“


veröffentlicht in Talktogether Nr. 76 /2021