Zim Welttoilettentag am 19. November PDF Drucken E-Mail

Eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel stinkt


Foto: Ashley Wheaton, Bangladesh 2009 (CC BY 2.0)

2013 hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen auf Vorschlag Singapurs den 19. November zum Welttoilettentag erkl√§rt. Hintergrund ist das Fehlen hygienischer Sanit√§reinrichtungen f√ľr mehr als 40 Prozent der Weltbev√∂lkerung. Das British Medical Journal betrachtet sanit√§re Anlagen als den wichtigsten gesundheitlichen Fortschritt. W√§hrend f√ľr die meisten hierzulande eine saubere und funktionierende Toilette selbstverst√§ndlich ist, sind mehr als 4,2 Milliarden Menschen von diesem Fortschritt ausgeschlossen. Wo es keine Toiletten gibt, verrichten Menschen ihre Notdurft im Freien. Gef√§hrliche Krankheitserreger landen so im Grundwasser, das die Menschen t√§glich nutzen. Sie trinken es, waschen sich damit und verwenden es zum Kochen. Nach Angaben der Vereinten Nationen werden weltweit 90 Prozent der Abw√§sser ungekl√§rt abgeleitet und verunreinigen Fl√ľsse und Seen.

J√§hrlich erkranken vier Milliarden Menschen an Durchfall, der durch verseuchtes Wasser verursacht wird. √úber zwei Millionen - vor allem Kinder - sterben daran. Fehlende Sanit√§ranlagen t√∂ten somit jeden Tag 1800 Kinder. "Wenn t√§glich 90 Schulbusse ohne √úberlebende verungl√ľcken w√ľrden, w√ľrde das mediale Aufmerksamkeit erregen. Doch genau das passiert jeden Tag aufgrund von fehlendem Zugang zu sauberem Wasser und Hygiene", sagte Sanjay Wijesekera, Leiter des UNICEF-Programms WASH (water, sanitation, hygiene). Durchfallerkrankungen t√∂ten weltweit mehr Kinder als Masern oder HIV und k√∂nnen auch ein Grund f√ľr Mangelern√§hrung sein. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind mehr Menschen daran gestorben als in allen bewaffneten Konflikten zusammen, sagt die britische Autorin Rose George, die fehlende Toiletten als Massenvernichtungswaffe bezeichnet.

Mehr Handys als Toiletten

Weltweit nutzen mehr als 5,19 Milliarden Menschen ein Mobiltelefon. Zweifellos hat ein Handy wichtige Funktionen, auch der Zugang zu Bildung kann durch neue Technologien gef√∂rdert werden. Mobiltelefone bieten Menschen ohne Bankkonto neue M√∂glichkeiten des Bezahlens. Dennoch ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu medizinischer Versorgung, zu sanit√§ren Anlagen und eine hygienische Abwasserentsorgung f√ľr die Menschheit wichtiger als die gro√üe Anzahl von Mobiltelefonen und -anbietern. Doch mit Toiletten lassen sich weder Wahlen gewinnen noch politische Karrieren begr√ľnden.

Das sanit√§re Problem beschr√§nkt sich auch nicht nur auf die √§rmsten L√§nder, sondern stellt sich auch in L√§ndern mit wachsenden √Ėkonomien wie China, Indien oder Brasilien, deren Wachstum sich meist auf Dienste und Waren beschr√§nkt, die mit dem internationalen Markt in Verbindung stehen. In Indien besitzt ein gro√üer Teil der Bev√∂lkerung heute Handys, w√§hrend 626 Millionen Menschen keinen Zugang zu sanit√§ren Einrichtungen haben. Deshalb kann es vorkommen, dass Menschen, die in der globalisieren High-Tech-Industrie arbeiten, zu Hause keine Toilette haben. Man k√∂nnte sagen, dass der technologische Fortschritt von Schmutz und Exkrementen umgeben ist.

Was aber haben Mobiltelefone mit sanit√§ren Anlagen zu tun? Sie zeigen auf, wie der Kapitalismus funktioniert. Investoren stehen unter dem Zwang, die h√∂chsten und schnellsten Profite zu suchen. Um ein Mobilfunknetz aufzubauen, muss viel weniger Kapital eingesetzt werden als f√ľr den Bau von Kanalnetzen. So k√∂nnen selbst kleine Geldbetr√§ge, die von den Armen der Welt verdient werden, schnell und effizient konzentriert werden, um ein paar Leute sehr schnell ziemlich reich zu machen.

Im Gegensatz dazu ben√∂tigen eine Wasserversorgung, sanit√§re Anlagen und ein Kanalisationsnetz hohe Kapitaleins√§tze. Es sind Investitionen, die sich - wenn √ľberhaupt - erst nach vielen Jahren realisieren. Daher sind es Dienste, die √ľberall auf der Welt von Regierungen aufgebaut und √∂ffentlich subventioniert werden m√ľssen. Doch auch √∂ffentliche Investitionen unterliegen dem Zwang zur Rentabilit√§t. Das f√ľhrt dazu, dass viele Regierungen eher in den Stra√üenbau und in den G√ľtertransport investieren als in sanit√§re Anlagen und Kanalsysteme. Die menschlichen und gesellschaftlichen Kosten k√ľmmern den Kapitalismus nicht, weil sie von den Menschen getragen werden und nicht von den Unternehmen, die sich in Konkurrenz mit anderen befinden.

 

Geschichte der Toiletten

Auch wenn Toiletten in Europa eine relativ neue Errungenschaft sind, wurden sie schon vor Jahrtausenden erfunden. Seit die Menschen vor fast 20.000 Jahren sesshaft wurden und Siedlungen gr√ľndeten, stellte sich das Problem der F√§kalienentsorgung. In Mesopotamien existierten bereits um 3000 v. Chr. St√§dte mit gut ausgebauten Abortanlagen und gro√üen gemauerten Kan√§len. Toiletten wurden auch im Tempel von Ramses dem III und im Palast von Knossos auf Kreta vorgefunden. Die ersten Sp√ľltoiletten waren aber das Werk der Indus-Zivilisation (2800-1800 v. Chr.). In den Ausgrabungsst√§tten von Mohenjo-Daro und Harappa in Pakistan sowie in Lothal im indischen Gujarat haben Arch√§ologen zu ihrem gro√üen Erstaunen in den H√§usern nicht nur Duschzellen, sondern auch Toiletten vorgefunden. Diese waren einfach aber effektiv gestaltet. Der Sitz war √ľber einer Rinne angebracht, die direkt zum Abwasserkanal f√ľhrte. Die Exkremente konnten mit nachgegossenem Wasser weggesp√ľlt werden. Die aus Ziegeln gemauerten Hausanschl√ľsse und Kan√§le, die zu den √§ltesten der Welt z√§hlen, k√∂nnen heute noch besichtigt werden.

Die Griechen begannen im ersten Jahrtausend v. Chr. damit, Toiletten auch in B√ľrgerh√§user einzubauen und √∂ffentliche Toilettenanlagen zu errichten. In Rom benutzten die meisten Menschen √∂ffentliche Latrinen, in denen es recht gesellig zuging. Unter den meist steinernen Sitzbrettern verlief ein Kanal, in dem flie√üendes Wasser alles wegsp√ľlte und in Abwasserkan√§le leitete. Eine andere Rinne mit frisch nachflie√üendem Wasser befand sich vor den Sitzen. Von dort nahm man das Wasser, um sich zu reinigen. Zur Ableitung der Abw√§sser wurdenSchwemmkanalisationen verwendet, meist offene Gerinne, seltener Rohre. Der bekannteste Abwasserkanal ist die Cloaca Maxima in Rom. Der Rest einer unterirdischen r√∂mischen Abwasserkanalisation ist auch in der K√∂lner Altstadt noch heute begehbar.

Diese Technik ging jedoch mit dem Ende des R√∂mischen Reichs verloren. Im Mittelalter waren die meisten Toiletten einfache Jauchegruben, manchmal mit Holzsitzen √ľber dem Loch, manchmal ohne. Diese Gruben zu reinigen war eine absto√üende und gef√§hrliche Arbeit. In den St√§dten machten die Menschen in einen Nachttopf, den sie auf den Gassen entleerten. Die F√§kalien wurden von sogenannten "Abtrittr√§umern" zusammengeschaufelt und aus der Stadt transportiert. In Burgen und Kl√∂stern ragten die Toiletten √ľber die Au√üenmauern hinaus, wodurch die F√§kalien im freien Fall entsorgt werden konnten. Sogar in den gro√üz√ľgigen Schloss- und Palastbauten des 17. und 18. Jahrhunderts wurde die Notdurft ohne Hemmungen in H√∂fen, G√§rten und Parkanlagen verrichtet, so dass ein penetranter Geruch die Schl√∂sser durchzog. Abw√§sser wurden in Gr√§ben, Kan√§le und Fl√ľsse geleitet oder versickerten einfach im Boden.

Die Erfindung des Wasserklosetts

Das erste Wasserklosett wurde bereits 1596 vom englischen Dichter Sir John Harrington erfunden, der in seinem Haus eine Toilette mit Wassersp√ľlung und Sp√ľlkasten einrichtete. Doch seine Erfindung konnte sich nicht durchsetzen, weil Harrington von seinen Landsleuten nicht ernst genommen wurde. Erst fast 200 Jahre sp√§ter, 1775, meldete der englische Erfinder Alexander Cummings das Patent f√ľr ein Wasserklosetts an. Cummings haben wir nicht nur die Wassersp√ľlung, sondern auch das doppelt gekr√ľmmte Abflussrohr, das Siphon, zu verdanken, mit dem auch das Geruchsproblem gel√∂st wurde. Es dauerte aber noch bis in die 60er-Jahre des 19. Jahrhunderts, bis man in Manchester die ersten H√§user mit solchen Toiletten baute.

Im 19. Jahrhundert versch√§rfte sich im Zuge der Industrialisierung das Abwasserproblem, weil die explosionsartig anwachsenden St√§dte bisher ungeahnte Abwassermengen produzierten. Erst als in ganz Europa verheerende Cholera-Epidemien ausbrachen, bei denen die H√§lfte der Erkrankten starb, erkannte man den Zusammenhang zwischen dem Abwasser und der Verunreinigung des Trinkwassers. Die Epidemie f√ľhrte dazu, dass der Bau von Kanalisationen und die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser nicht l√§nger als Luxus, sondern als √∂ffentliche Aufgabe wahrgenommen wurden. In den gr√∂√üeren St√§dten begann man mit dem Bau von unterirdischen Kanalisationsnetzen.

Wien war als erste Stadt Europas bereits 1739 vollst√§ndig kanalisiert. 1842 wurde in Hamburg mit dem Bau eines modernen Kanalisationssystems begonnen. In London begann man erst nach dem "Gro√üen Gestank" 1858 (The Big Stink) mit dem Bau eines umfassenden Abwassersystems. Der Gestank der Themse, die aufgrund hoher Temperaturen zu einer Kloake geworden war, war so unertr√§glich, dass sich die Parlamentarier aufgeschlossener gegen√ľber den Pl√§nen von Joseph Bazalgette (1819-1891) zeigten, der zuvor mehrfach vergeblich angeboten hatte, ein modernes Kanalisationssystem zu entwickeln. Nach dessen Fertigstellung hatten alle Londoner sauberes Trinkwasser, und die Sterberate sank rapide.

Kanalnetze waren zwar ein gewaltiger Fortschritt f√ľr die st√§dtische Hygiene, doch wurde damit das Problem auf die Fl√ľsse verlagert. In den meisten europ√§ischen St√§dten wurde jedoch erst im 20. Jahrhundert, meist erst nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Reinigung der Abw√§sser - etwa durch Sandfiltration oder Kalk - begonnen. Heute werden zur Abwasserreinigung mechanische, biologische und chemische Verfahren hintereinander eingesetzt. In den Industriestaaten werden circa 70 Prozent des Abwassers durch Kl√§ranlagen gereinigt, in den weniger entwickelten Staaten sind es dagegen nur etwa acht Prozent.

Die Toiletten der Zukunft

Sp√ľlk√§sten verbrauchen pro Sp√ľlvorgang bis zu 12 Liter Trinkwasser - eine Verschwendung, die angesichts des Mangels an sauberem Trinkwasser heute nicht mehr zu rechtfertigen ist. Deshalb arbeitet man weltweit an der Entwicklung ressourcensparender Toiletten, die zudem auch in Gegenden ohne Kanalisation eingesetzt werden k√∂nnen. Die L√∂sungen reichen von der Wiederverwendung des Sp√ľlwassers √ľber die Verwertung von Urin bis zur Erzeugung von Humus und Biogas. Urin ist keimfrei und kann verd√ľnnt zum Gie√üen verwendet werden. Feste Ausscheidungen d√ľrfen nicht zu nass werden, um F√§ulnisprozesse zu verhindern, weshalb man bei Biotoiletten fl√ľssige und feste Ausscheidungen √ľber eine spezielle Vorrichtung trennt, und eine Einstreu verwendet, zum Beispiel S√§gesp√§ne. Holzkohle bindet Feuchtigkeit, Schadstoffe und Ger√ľche und bietet au√üerdem einen hervorragenden N√§hrboden f√ľr Mikroorganismen. Der Toiletteninhalt wird dann zusammen mit Stroh oder Rindenmulch mindestens ein Jahr lang kompostiert und daraus wertvoller Humus erzeugt. Dabei handelt es sich um eine Technik, die nicht neu ist, sondern von indigenen V√∂lkern im Amazonasgebiet seit jeher praktiziert wird. Und um eine, die sinnvoll ist, weil es weltweit immer weniger fruchtbare B√∂den gibt, da diese durch die industrielle Landwirtschaft ausgelaugt worden sind.


veröffentlich in Talktogether Nr. 78/2021