Der Dichter und der Neonazi: Erich Fried und Michael Kühnen PDF Drucken E-Mail

Gespräche und Barrieren

Die ungewöhnliche Freundschaft zwischen
dem Dichter Erich Fried und dem Neonazi Michael Kühnen


Kann ein jüdischer Pazifist und glühender Antifaschist mit einem unbelehrbaren Neonazi Freundschaft schließen? Ist es möglich, dass Linke und Rechte in den politischen Austausch treten? Der Dichter Erich Fried hat immer daran geglaubt, weil er im politischen Gegner, so gegensätzlich und schwer zu ertragen dessen politische Positionen und Weltanschauungen für ihn auch gewesen sein müssen, immer den Menschen sah.
Darf man mit Nazis reden?


Angefangen hat es mit der Fernseh-Talkshow „3 nach 9“ am 21. Jänner 1983, zu der Michael Kühnen, Wortführer der Neonazi-Szene, und der in linken Kreisen gefeierte Schriftsteller Erich Fried aufeinandertreffen sollten. Doch kurzfristig entschied der Sender anders und schickte Kühnen wieder nach Hause, als dieser bereits vor den Studiotüren stand. Die Verantwortlichen hatten Angst bekommen, einem Neonazi eine öffentliche Bühne zu bieten. Eigentlich hätte es in der Diskussion um die Gefahr des neu aufflammenden Rechtsextremismus gehen sollen. Doch nun stand die Debatte um die Ausladung Kühnens im Mittelpunkt. „Ob man den einladen soll oder nicht,“ sagte Fried vor laufender Kamera, „darüber kann man streiten. Wenn man ihn eingeladen hat, ihn auszuladen ist ganz bestimmt falsch und kleinkariert.“

Kühnen, der sich die Sendung zu Hause ansah, traute seinen Ohren nicht. Er rief beim Sender an und bat um ein Treffen mit dem Schriftsteller, um sich für dessen Worte zu bedanken. Tatsächlich wurde er in die Kantine vorgelassen, wo sich die beiden Männer trafen und seelenruhig unterhielten. Mit dieser Begegnung begann eine seltsame Freundschaft. Was aber bewog den Schriftsteller, dem an AIDS erkrankten Kühnen bis zu seinem eigenen Krebstod im Jahr 1988 Briefe ins Gefängnis zu schreiben und ihm sogar eines seiner Gedichte widmen?

Erich Frieds Jugend in Wien

Wer verstehen will, warum der Dichter nie davor zurückscheute, mit alten und neuen Nazis zu reden, findet vielleicht eine Erklärung in seiner Jugendzeit. Erich Fried wurde am 6. Mai 1921 in Wien geboren und wuchs dort auf. Schon als Sechsjähriger fiel er durch ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein und eine bemerkenswerte Standfestigkeit auf. Vor Erichs Augen wurden im Juli 1927 Arbeiter erschossen. Rechtsradikale, die in der Ortschaft. Schattendorf Arbeiter ermordet hatten, waren von Richtern freigesprochen worden, die den Mördern nahestanden. Bei einer Demonstration von Arbeitern, die über dieses Urteil empört waren, wurde der Justizpalast in Brand gesetzt. Die Obrigkeit reagierte mit äußerster Brutalität. Die Polizei erhielt Schießbefehl und 89 Personen kamen ums Leben.

Als dann ein paar Monate später in Erichs Schule eine Weihnachtsfeier stattfand, sollte Erich ein Gedicht vortragen. Als dieser bemerkte, dass unter den Gästen auch der für die blutigen Ereignisse verantwortliche Polizeipräsident war, sagte er – zur großen Freude des sozialdemokratischen Lehrers aber zum Missfallen seines Vaters: „Meine Damen und Herren! Ich kann leider mein Weihnachtsgedicht nicht aufsagen. Ich habe gerade gehört, der Herr Polizeipräsident Dr. Schober ist unter den Festgästen. Ich war am Blutigen Freitag in der Inneren Stadt und habe die Bahren mit Toten und Verwundeten gesehen, und ich kann vor Herrn Dr. Schober kein Gedicht aufsagen.“ Daraufhin verließ Schober tatsächlich erbost den Saal.

Die politischen Verhältnisse verschärften sich in den kommenden Jahren radikal. Nachdem er Parlament und Verfassungsgerichtshof ausgeschalten hatte, begründete der christlich-soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß den austrofaschistischen Ständestaat, in dem nationalsozialistische, kommunistische und sozialdemokratische Organisationen gleichermaßen verboten waren. Das führte dazu, dass sich in Erichs Schule Allianzen zwischen den „Illegalen“ bildeten. „Auf dem Schulweg und in der großen Pause wurde viel diskutiert, gestritten, manchmal auch geschlagen“, erzählte er. „Aber dass einer den politischen Gegner verraten hätte, kam nicht vor.“

Die Widersprüchlichkeit dieser Zeit zeigt sich auch in der Geschichte vom Hitlerjungen Papanek, der für Erich die Mathematik-Aufgaben erledigte, während Erich für ihn Liebesgedichte für seine Angebetete schrieb. Er war jedoch eine traurige Liebesgeschichte, weil Ruth Jüdin war, und gemäß der Rassenideologie der Nazis eine Heirat zwischen den beiden ausgeschlossen war. Als Papaneks Eltern ihrem Sohn eines Tages offenbarten, dass sie selbst jüdischer Herkunft waren, freute er sich, seine Ruth endlich heiraten zu können. In der Hitlerjugend hatte er nun allerdings keine Zukunft mehr.

Kurz darauf wurde Erich von Bertel, dem Anführer der Hitlerjugend, ratsuchend angesprochen, was sie nun mit Papanek machen sollten. Zuerst antwortete Fried zynisch, sie könnten ihn ja umbringen, das würde zu ihnen passen. Als er aber bemerkte, dass Bertel es ernst meinte, schlug er vor, für ihn Geld zu sammeln, damit er mit Ruth emigrieren konnte. Tatsächlich organisierte die HJ für ihren jüdischen Mitschüler eine Abschiedsfeier und eine Geldsammelaktion, bei der sogar deutlich mehr zusammenkam, als Juden nach den Vorschriften der Nazis ins Ausland mitnehmen durften. Bertel soll sogar mitgeholfen haben, diese Vorschriften zu umgehen. So heirateten Ruth und Papanek und wanderten nach Bolivien aus.

Vom Oberschüler zum Emigranten

Der deutsche Einmarsch 1938 hatte auch den österreichischen Oberschüler Erich Fried in einen verfolgten Juden verwandelt. Nachdem sein Vater an den Folgen eines Verhörs durch die Gestapo gestorben war, flüchtete er über Belgien nach London. Dort gründete er die Selbsthilfegruppe Emigrantenjugend, der es gelang, verfolgte und bedrohte Menschen, darunter auch seine Mutter, nach England zu bringen. Er schaffte es aber nicht, seine geliebte Großmutter Malvine zu retten, die 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Sein unbeugsamer Geist und sein Ungehorsam gegen die Obrigkeit blieben ihm auch nach dem Krieg erhalten. In politischen Fragen ergriff Fried konsequent Partei für die Unterdrückten. Zunächst arbeitete er als Kommentator beim BBC, musste diese Tätigkeit aber wegen seiner kritischen Haltung zum „Kalten Krieg“ aufgeben. Obwohl er sich mit Österreich verbunden fühlte und immer mit österreichischen Vereinen und Organisationen zusammengearbeitet hat, hielt ihn die Wiedereinsetzung ehemaliger Nationalsozialisten nach dem Krieg in zahlreiche Ämter davon ab, wieder in seine ehemalige Heimat zu übersiedeln.

Unbequem, umstritten, unverstanden?

Durch seine kompromisslose Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit schaffte sich Erich Fried, der Andersdenkenden und politischen Gegnern immer mit so viel Verständnis begegnet war, bald mehr Feinde als Freunde. „Die Anfrage“ ist eines jener Gedichte, die ihm harsche Kritik einbrachten, weil er sich für eine faire Behandlung der inhaftierten RAF-Terroristen einsetzte. Im Gedicht „Höre Israel“ warnte er das israelische Volk, dieselben Methoden zu praktizieren, die es von seinen Verfolgern gelernt hatte. Als Folge wurde er mit Verleumdungen, Zensur und gerichtlichen Klagen überzogen. Der Journalist Henry M. Broder warf Fried sogar vor, es den Deutschen unter dem Deckmantel der Feindesliebe zu ermöglichen, sich ihrer Schuldgefühle gegenüber jüdischen Menschen zu entledigen.

Dass er die vierjährige Haftstrafe für Michael Kühnen wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass und Gewaltverherrlichung für überzogen hielt und sogar zu seinen Gunsten vor Gericht aussagen wollte, irritierte jedoch nicht nur seine Gegner, sondern auch viele Linke. Fried hegte aber keine Sympathie für den Hitler-Faschismus oder irgendeine Art von Faschismus. Er hat seine schriftstellerische Arbeit immer ausdrücklich in den Dienst der Erinnerung an diese Zeit gestellt und wollte einen Beitrag leisten, damit so etwas nie wieder passiert. Er wollte aber seinen Feind aber nicht nur bekämpfen, sondern ihn verstehen. Er wollte wissen, wie ein ganz normaler Jugendlicher zum überzeugten Nazi werden kann.

In der Talkshow erzählte Fried über seine Klassenkameraden in Wien und sagte. „Ich denke nicht, dass das schlechtere oder dümmere Jungen waren als ihre jüdischen oder antifaschistischen Mitschüler.“ Auch wenn er die Nazi-Ideologie für einen der gefährlichsten Irrwege hielt, hielt er nichts von der Dämonisierung von Menschen, die dieser Ideologie anhingen. Ihre Motive zu verstehen, die gesellschaftlichen und psychischen Gründe für ihr Tun zu erforschen, gehörte für ihn selbstverständlich zum antifaschistischen Kampf.

Gegen die Abstumpfung und Entfremdung

In der Empörung über die Neonazis erkannte Erich Fried zudem viel Heuchelei: „Man darf nicht so tun, als ob Nazis völlig andere Menschen wären.“ Er forderte dazu auf, die Fühllosigkeit nicht nur beim politischen oder weltanschaulichen Gegner zu suchen, sondern auch in uns selbst. Niemand sei vor Empfindungen wie Neid und Missgunst gefeit. Nur wenn wir diese „verbotenen“ Neigungen nicht verdrängen, sondern uns ihnen stellen, können wir uns dagegen wehren. Auf der anderen Seite war Fried überzeugt, dass in jedem Menschen grundsätzlich eine soziale und mitfühlende Seite als Möglichkeit angelegt ist. Ein aufrichtiges Bekenntnis der Täter*innen war in seinen Augen aber erst dann möglich, wenn die Menschen von „der anderen Seite“ bereit sind, ihn zu verstehen und zu lieben.

Dass Erich Fried so naiv war, zu glauben, dass er einen Fanatiker davon überzeugen könnte, sich zur Menschlichkeit zu bekennen, ist aber eher nicht anzunehmen. Sollte das sein Ziel gewesen sein, wäre sein Experiment mit Michael Kühnen gründlich gescheitert. Dieser blieb überzeugt, dass die Massenvernichtung der Juden eine Propagandalüge gewesen sei, und unterstützte bis zu seinem Tod im Jahr 1991 den Aufbau neonazistischer Strukturen in den neuen deutschen Bundesländern.

Vom Versuch, den Gegner zu verstehen, zeugt auch sein einziger Roman Ein Soldat und ein Mädchen, an dem er 14 Jahre schrieb und der dennoch nie ganz vollendet war. Darin verliebt sich ein jüdischer US-Soldat in eine zum Tode verurteilte KZ-Aufseherin. Vorbild für deren Rolle war Irmgard Grese, die gleichermaßen für ihr attraktives Äußeres wie für ihre Unerbittlichkeit bekannt war. Als sie 1945 zum Tod verurteilt wurde, war sie erst 22 Jahre alt. Auffällig war, dass sie weder Reue zeigte noch versuchte, ihre Haut zu retten. Fried stellte die Frage, ob man einen so jungen Menschen nur nach seinen Taten beurteilen dürfe. Im Nachwort schrieb er, dass es ihm immer große Überwindung gekostet habe, an diesem Werk zu arbeiten.

Heute, wo wir ein Wiedererstarken rechter, nationalistischer und rassistischer Bewegungen erleben, müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, wie wir damit umgehen. Wie gefährlich es ist, Andersdenkenden mit Überheblichkeit, Unverständnis und Ausgrenzung zu begegnen, erleben wir gerade in der Auseinandersetzung über die Corona-Maßnahmen. Wir sollten uns fragen, warum Verschwörungstheorien und lebensfeindliche Ideologien bei so vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen und inwiefern wir selbst dieses System mittragen. Dabei können uns Menschen wie Erich Fried ein Vorbild sein.

Die Feinde

Die schon vom Leben zerrissen
immer noch Sorge tragen
keine Antwort zu wissen
auf ungefragte Fragen

und die den Rest ihres Lebens
damit verbringen
ihr ungelebtes Leben
zu besingen

Die vielleicht auch bereit sind
ihr Leben dafür zu geben
nicht sehen zu müssen
wofür und wogegen sie leben

und die doch auf Morgen hoffen
ohne Wissen von Heute und Gestern
allen Lügen und Täuschungen offen
die sind meine Brüder und Schwestern

* * * * *

Thomas Wagner: Der Dichter und der Neonazi: Erich Fried und Michael Kühnen – eine deutsche Freundschaft. Klett-Cotta 2021


veröffentlicht in Talktogether Nr. 78 / 2021