Ist es ein Verbrechen, ein Mädchen zu sein? PDF Drucken E-Mail

Ist es ein Verbrechen,

ein Mädchen zu sein?

von Warsame Ahmed Amalle

Am nächsten Vormittag rief Bahsan Safiyo an und lud sie am Nachmittag zu sich ein. Safiyo nahm die Einladung gerne an und machte sich am späten Nachmittag mit ihrer Tochter Nasiib auf den Weg zu ihrem Haus. Als die Besucherinnen an die Tür klopften, warteten Bahsan und ihre Mutter Fiido schon auf sie und begrüßten die beiden herzlich.

„Ist das deine Tochter?“, fragte Bahsan, und Safiyo bejahte. Bahsan umarmte das Mädchen, als ob sie es schon immer gekannt hätte, ihre Freude war nicht zu übersehen. „Für dich habe ich leider kein Geschenk mitgebracht, aber fahren wir doch gemeinsam in die Stadt, was sagst du?“

Safiyo und Fiido bemerkten, dass Bahsan die Lage in der Stadt noch nicht kannte: „Heute können wir nicht mehr in die Stadt fahren, aber morgen Vormittag können wir gemeinsam auf den Markt gehen.“ Enttäuscht fragte Bahsan: „Warum denn nicht, es ist doch noch hell?“

Safiyo erwiderte: „Bei uns geht die Sonne um sechs Uhr unter, aber der Abend beginnt schon zwei Stunden früher, um vier Uhr. Ab dieser Zeit sind die Menschen froh, wenn die Verbrecher nicht in ihr Haus kommen.“

Bahsan bemerkte, wie wenig Ahnung sie über das Leben hier hatte, wollte sich aber nicht die Freude über den Besuch von Safiyo und ihrer Tochter verderben lassen. Sie drückte Nasiib an sich, hielt deren Hand fest und fragte Safiyo: „Wie heißt sie, wie alt ist sie? Und wo ist Vater?“ Als ihr das Wort „Vater“ über die Lippen kam, bereute sie es im selben Moment, aber Safiyo hatte erkannt, dass ihre Freundin die Frage unüberlegt gestellt hatte und es bereute. Sie streichelte ihrer Tochter über den Kopf und sagte: „Sie heißt Nasiib – Glück! Sie ist drei Jahre alt, ihren Vater hat sie nie gesehen. Ob sie ihn jemals sehen wird? Das weiß ich nicht, eher nicht.“

Bahsan war klar, dass diese Frage überflüssig gewesen war, doch bevor sie etwas sagen, kam die Gastgeberin mit einem Tablett mit frisch gepresstem Mango-, Papaya- und Grapefruitsaft aus der Küche. Sie fragte ihre Tochter und die Gäste, die noch am Eingang standen: „Warum steht ihr da? Kommt doch herein ins Wohnzimmer.“

Sie traten ein und setzten sich auf die Stühle, die um einen schön gedeckten großen Tisch standen. Bahsan fragte zuerst die kleine Nasiib, was sie trinken wollte. Sofort erkannte diese ihr Lieblingsgetränk und zeigte mit dem Finger auf den Mangosaft.

Bahsan wollte wissen, warum Nasiin ihren Vater nicht sehen konnte, und fragte sich, ob er vielleicht tot war oder die ungute Angewohnheit hatte, sein Kind und seine Frau im Stich zu lassen. Aber wie konnte sie Safiyo diese Frage noch einmal stellen? Bahsan war neugierig und unnachgiebig, wollte aber keine offenen Wunden aufreißen. So fragte sie Safiyo nach ihren Schulfreundinnen und Nachbarn, und nannte die Namen bestimmter Mädchen und Buben, an die sie sich erinnerte.

Safiyo war überrascht über die Fragen der ahnungslosen Freundin, die offenbar nicht wusste, dass viele dieser Freunde im Krieg gefallen oder wie sie ins Ausland geflüchtet waren. Die Traurigkeit in Safiyos Gesicht war nicht zu übersehen. Bahsan wurde klar, dass dem Krieg mehr Menschen zum Opfer gefallen waren und er das Land stärker beschädigt hatte, als sie es sich vorgestellt hatte. Safiyo sprach weiter: „Als die Gewalt begann und du das Land verlassen hast, waren die Warlords da. Sie haben es geschafft, aus Nachbarn und Freunden Feinde zu machen. Der Sohn unserer Nachbarsfamilie wurde von den eigenen Angehörigen getötet, weil er seinen Fußballfreund schützen wollte und ihnen sagte: ‚Entweder tötet ihr uns beide oder ihr lasst uns am Leben.‘ Die Verbrecher sagten: ‚Warum sollten wir deinen Freund retten, wenn seine Leute uns nicht verschonen?‘ Sie erschossen die beiden Buben als abschreckendes Beispiel auf der Stelle. Einer Familie nahmen sie das Haus weg, erlaubten ihr aber, das Land unbeschadet zu verlassen. Andere Familien zwangen sie, ihre Häuser weit unter dem Preis zu verkaufen. Viele Mädchen wurden entführt, und deren Eltern wissen bis heute nicht, wo ihre Töchter sind, oder ob sie noch leben. Bahsan kannst du dich an die Kaltum erinnern, die mit uns in die Schule ging?“

„Natürlich“, antwortet Bahsan erschrocken. „Ich kann mich gut an sie erinnern, was ist mit ihr passiert?“

Safiyo erwiderte: „Sie konnte viele Familien retten, weil ein Kriegstreiber sich in sie verliebt war. Dieser Mann war und ist sehr mächtig. Irgendwann fiel ihm Kaltum auf. Er schickte seine Milizen aus, um die junge Frau zu ihm zu bringen. Als diese in ihr Haus kamen, bereitete sie gerade das Frühstück für die Familie zu. Beim Anblick der bewaffneten Männer zitterten alle vor Angst, nur Kaltum blieb ruhig und sagte: ‚Asalamu Aleikum, habt ihr schon gefrühstückt?‘, und forderte sie auf, sich zu setzen. Aber der Anführer der Gruppe sagte, dass sie keine Zeit hätten, um zu frühstücken, und ihr Chef ihnen befohlen hatte, Kaltum zu ihm zu bringen. Deshalb wäre es ihnen lieber, wenn sie freiwillig mitkäme. Kaltum wollte wissen, ob ihr Chef Mustafa hieß. Als der Anführer der Gruppe ihre Vermutung bestätigte, antworte sie: ‚Du musst ohne mich zurückgehen und Mustafa sagen, dass ich ihn kenne, weil ich mit seinen Kindern in die Schule gegangen bin. Wenn er mich heiraten will, soll er zu uns kommen, wie es bei uns üblich ist. Wenn er mich aber vergewaltigen will, soll er herkommen und es vor den Augen meiner Familie tun. Ich hoffe, dass er den richtigen Schritt wählt, denn warum sollte er etwas mit Gewalt haben wollen, was er auch im Frieden haben kann.‘“

Bahsan wurde neugierig: „Was ist passiert, was hat er getan?“ Safiyo erzählte weiter: „Seine Leute informierten den Chef über Funk, und er befahl ihnen, ohne Kaltum zurückzukommen. Nach ein paar Stunden kamen der Kriegsführer und seine Freunde in ihren Privatautos zu Kaltums Familie, drei Tage später heiratete sie ihn. Durch diese Heirat sind viele geraubten Häuser und Grundstücke in unserem Bezirk zurückgegeben worden, und die Menschen haben dadurch Sicherheit bekommen. Die Probleme sind aber nicht nur die Gewalt, sondern die Spaltung unserer Bevölkerung, die ist genauso gefährlich wie der Krieg, dauert aber bestimmt länger als er.

Kannst du dich erinnern, früher gab es zur Gebetszeit nur einen Azam, jetzt wird drei oder vier Mal zum Gebet gerufen, auch das Fastenbrechen und das Opferfest werden an drei verschiedenen Tagen gefeiert. Die Kinder bekommen heute Namen, die wir früher nie gehört hatten. Hinter dieser Spaltung stecken religiöse Männer, die Geld aus untereinander verfeindeten Staaten wie dem Iran oder den Golfstaaten bekommen. Kannst du dir vorstellen, warum sie Geld nach Somalia schicken, oder warum ein Teil der Politiker Einladungen aus der Türkei erhält und ein anderer aus Saudi-Arabien? Ein Dichter drückte die Probleme Somalias so aus: Somalia ist ein Projekt, und die religiösen Männer und Politiker sind NGOs, die um finanzielle Förderung für ihr Projekt ansuchen.

Nachdem Bahsan alles angehört hatte, sagte sie nur: „Das ist schrecklich. Als ich aus Somalia flüchtete, hoffte ich, im Ausland zu überleben, und wenn die Gewalt vorbei ist, wieder zurückkehren, jedoch diese Hoffnung wird immer geringer.“

Safiyo stimmte ihr zu: „Stimmt, es ist verdammt schrecklich, wenn so ein schönes und reiches Land so arm und hoffnungslos ist. Es ist schrecklich, wenn die Machthaber nur an sich denken. Auch skrupellose Geschäftsleute tragen zu den Problemen unseres Landes bei. Die mutige Radiosprecherin Shacni sagte mir, dass diese keinen Frieden in unserem Land wollen, weil sie sonst Steuern zahlen müssten, außerdem würden die von ihnen importierten und exportierten Waren kontrolliert. Jetzt können sie tun und lassen, was sie wollen, und für sie heißt es: keine Regierung, kein Problem. Deshalb wurden drei Anschläge auf sie verübt, zum Glück überlebte sie.“

Bahsan wollte endlich etwas Positives hören, und fragte: „Früher gingen wir ans Meer, wie ist das jetzt, geht das?“ Doch Safiyo meinte: „Das würde ich dir nicht empfehlen. Die bärtigen Männer mit ihren Gewehren gehen immer zu den Stränden, und wenn sie Frauen dort sehen, schlagen sie sie mit ihren Stöcken. Wer sich wehrt, könnte erschossen werden. Wenn du möchtest, können wir zum Liido fahren, aber zwischen hier und dort gibt es mehr als zehn Checkpoints. Doch nicht einmal dort gibt es eine Garantie, manchmal schleichen sich Terroristen ein und legen eine Bombe.

Bahsan fragte: „Die Politiker wollen Macht, aber was wollen diese Männer?“

Safiyo erwiderte: „Sie wollen die Sharia einführen. Sie meinen, wir sind keine richtigen Muslime und wollen uns missionieren.“

Da Bahsan nichts Erfreuliches zu hören bekam, wollte sie sich der kleinen Nasiib zuwenden. Aber die Frage, was mit ihrem Vater war, ging ihr nicht aus dem Kopf. Sie bat ihre Mutter: „Hooyo, könntest du bitte der Nasiib etwas zu spielen geben, ich glaube, sie langweilt sich mit uns!“

Die Mutter nahm das Mädchen an der Hand und ging mit ihr in ein anderes Zimmer. Als die beiden weg waren, konnte sich Bahsan nicht länger zurückhalten: „Verzeih mir bitte, dass ich so neugierig bin, aber die Frage, warum Nasiib ihren Vater noch nie gesehen hat und warum sie ihn nie sehen wird, was ich noch schlimmer finde, lässt mich nicht in Ruhe. Wenn du darüber nicht sprechen möchtest, akzeptiere ich das und lasse dich in Ruhe.“

Safiyo antwortete: „Die Probleme, die wir Frauen haben, haben zwei Ursprünge: Ein Teil davon ist neu, die Gewalt der bärtigen Männer und das Gewand, das ich anhabe, zum Beispiel. Du kannst dich erinnern, dass wir früher nie ein Kopftuch tragen mussten. Nun zwingen uns diese Männer dazu. Anscheinend wollen sie, dass alle muslimischen Frauen einen Hijab und alle Männer einen Bart tragen. Es hätte mich nicht gestört, wenn ich mich entscheiden dürfte. Ja, wir sind Muslime, doch haben wir verschiedene Kulturen. Von Nigeria bis Indonesien, von Mogadischu bis Sarajewo leben Muslime. Aus islamischer Sicht sind wir Geschwister, aber wir sind kein Fußballverein. Es gibt nichts Schlimmeres, als in der Moschee zu beten oder ein bestimmtes Kleidungsstück zu tragen, nur weil dich jemand dazu zwingt oder weil du Angst hast, bestraft zu werden.“

Bahsan erinnerte sie: „Bitte vergiss meine Frage nicht!“

Safiyo sprach ruhig weiter: „Die alten Probleme sind, dass die Mädchen beschnitten werden, damit sie einen Mann finden. Ein Mädchen muss brav bleiben, damit es heiratsfähig ist, eine Frau muss kochen können, damit ihr Mann glücklich ist, die Frauen müssen so sein, wie die Männer es sich wünschen? Was ist mit den Wünschen der Frauen?

Den Vater von Nasiib habe ich auf der English Private School kennengelernt. Nachdem wir uns ein paar Mal im Unterricht gesehen hatten, wollte er mich nach Hause begleiten. Ich habe sein Angebot abgelehnt, aber ab diesem Abend wollte er mich nicht in Ruhe lassen. Da er gut erzählen konnte, standen die anderen gern bei ihm, ich auch, aber nie allein mit ihm. Er sprach mich nur so nebenbei an. Ich wusste, was er von mir wollte, aber ich wollte nichts von ihm. Er hatte den Kurs vor mir absolviert und wurde Lehrassistent. Obwohl er zwei Abende unterrichtete, erschien er wegen mir jeden Abend im Kurs. Als mein Kurs beendet war und ich zu arbeiten begann, besuchte er mich Hause. So lernte er meine Eltern kennen, und sie vertrauten ihm. Meine Mutter meinte, er sei ein guter Mann, denn wenn er schlechte Absichten hätte, wäre er nicht zu uns nach Hause gekommen. Wenn ich ehrlich bin, war er mir zwar nicht unsympathisch, aber als Partner kam er für mich nicht in Frage. Die Besuche dauerten drei Jahre und zwei Monate lang, aber mein Gefühl änderte sich nicht.

Trotz Krieg und Gewalt heiraten die Leute, und eines Abends bin ich mit Freundinnen auf eine Hochzeit gegangen. Das Brautpaar gehörte einer bewaffneten Gruppe an, deshalb wurde das Fest gut bewacht. Eine Band spielte bekannte Hits, wir tanzten und hatten Spaß. Als ich irgendwann auf die Uhr schaute, war es schon spät. Ich wollte nach Hause gehen, aber meine Freundinnen wollten noch bleiben. Ich hatte Angst, allein nach Hause zu gehen, aber mir blieb keine Wahl. Als ich die Hochzeit verlassen hatte und mich auf den Weg machte, stand er mit einem Taxi vor mir und fragte, ob er mich nach Hause bringen könnte. Es war das erste und letzte Mal, dass ich mich freute, ihn zu sehen. Er öffnete die Tür des Taxis, ich stieg ein, er machte die Tür zu und stieg auf der anderen Seite ein. So fuhren wir zu mir nach Hause. Als ich ausstieg, stieg er auch aus und schickte das Taxi weg.

Ich machte das Eingangstor auf, und als ich sicher war, dass alle schliefen, schlichen wir in mein Zimmer und landeten auf meinem Bett. Er war stürmisch, und als unsere Körper sich berührten, wurde ich schwach. Als er sich beruhigte, sprang er aus dem Bett, zog sich schnell an und verschwand. Mich überraschte sein Verhalten, aber ich dachte mir nichts dabei und schlief ein. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Regentropfen, der auf einen Stein fällt, eine Blume zum Wachsen bringen könnte. Doch ich musste realisieren, dass ich als Jungfrau schwanger geworden bin. Danach hörte ich zwei Monate lang nichts von ihm, und keiner unserer gemeinsamen Freunde wusste, wo er sich aufhielt. Irgendwann traf ich ihn wieder und erzählte ihm über das Ergebnis unsere Begegnung. Er lachte nur und sagte: ‚Wenn du beschnitten und noch Jungfrau warst, wie konntest du so schnell schwanger werden?‘ Ich sollte lieber den richtigen Vater des Kindes finden, meinte er, aber falls ich die Schwangerschaft abbreche, würde er mich vielleicht heiraten, aber daran habe ich nie gedacht.

Auch wenn meine Familie über die Situation unglücklich war, hat sie mich weder beschimpft noch verstoßen, Die Blicke und das Gerede der Nachbarn machten mich krank. Aber noch mehr störte mich, dass niemand sein Verhalten kritisierte. War ich allein schuld an dem, was wir gemeinsam getan hatten? Weil ich schwanger wurde, war ich in ihren Augen eine schlechte Frau, eine Schande für unsere Kultur, doch er blieb ein unbescholtener Mann. Ist es ein Verbrechen, eine Frau zu sein?“


veröffentlicht in Talktogether Nr. 79/2022