Der Kuss - ein leibhaftiges Lippenbekenntnis! PDF Drucken E-Mail

Ein Kuss - ein leibhaftiges

Lippenbekenntnis!

von Herbert Hopfgartner


Gustav Klimt: Der Kuss (das Liebespaar), Google Art Project

Da der griechische Begriff f├╝r das K├╝ssen, n├Ąmlich ("phile─źn" = "lieben"), schon auf eine bewusste, emotionale und beabsichtigte Handlung deutet, ist die anthropologische bzw. verhaltensbiologische Hypothese, wonach das K├╝ssen aus der Mund-zu-Mund-F├╝tterung fr├╝her Kulturen, mancher Naturv├Âlker oder der Menschenaffen zu stammen scheint, ein wichtiger Hinweis. W├Ąhrend das Anbieten von Nahrung schon einen freundschaftlichen Akt der Kontaktbereitschaft und -aufnahme darstellt, ist das Vorschmecken und liebevolle F├╝ttern von intensiver F├╝rsorge und Pflege gepr├Ągt.

Auf jeden Fall d├╝rften das mit dem Kuss verbundene intensive Riechen, Schmecken und Tasten sowie der unbewusste Austausch von wichtigen Hormonen schon sehr lange wichtigen zwischenmenschlichen Funktionen, wie z.B. dem Aufbau von Beziehungen, gedient haben. Durch die intime Ber├╝hrung wird die Qualit├Ąt eines potenziellen Sexualpartners instinktiv erprobt und gepr├╝ft. Die Produktion und der Austausch von Sexualhormonen f├Ârdern die Lust und in weiterer Folge auch die Bereitschaft zur Fortpflanzung. Die Aussch├╝ttung von Endorphinen st├Ąrkt die soziale Bindung, sowohl in der Mutter-Kind-Beziehung als auch innerhalb der Familie oder Sippe.

Offenbar existieren weltweit aber mehr Kulturen, in denen der z├Ąrtlich-innige Brauch des K├╝ssens nicht ├╝blich ist. Einige Zivilisationen empfinden anscheinend sogar einen Ekel bei der Vorstellung dieser Liebkosung, wobei sich die Abneigung vielleicht auch gegen die ├Âffentliche und "entbl├Â├čte" Form der Zuneigung richtet.

Einer Theorie (vgl. "National Geographic", 2016) zufolge k├Ânnte sich die Geste einer gegenseitigen Ber├╝hrung der Lippen auch als Statusverhalten h├Âherer Gesellschaftsschichten entwickelt haben. In der Folge - so die Hypothese - h├Ątte sich dieses Verhalten auch in unteren Bev├Âlkerungsgruppen verbreitet; diese h├Ątten mit der ├ťbernahme des Brauches versucht, sich sozial zu emanzipieren.

Homer kannte den Kuss als Zeichen einer starken Gef├╝hlsregung, Aristophanes (um 450 v. Chr. - um 380 v. Chr.) immerhin schon den Liebeskuss. In der fr├╝hchristlichen Kirche bedeutete der Friedenskuss ("osculum"), dass sich die Beteiligten v├Âllig vers├Âhnten - dieser Brauch hat sich in der orthodoxen Ostkirche in Form des Osterkusses erhalten. Merkw├╝rdig und grotesk ist die Tatsache, dass der sozialistische Bruderkuss - man denke an das befremdliche Bild, als sich Leonid Breschnew und Erich Honecker ├Âffentlich in Ostberlin (1979) k├╝ssten - sich aus dem ostkirchlichen Brauch des Osterkusses entwickelte. Der Judaskuss schlie├člich bezeichnet den Kuss, den Judas Iskariot Jesus Christus gab, um ihn an die Schergen der Hohepriester auszuliefern.

Im Mittelalter besiegelte ein Kuss die Abh├Ąngigkeit und Verbundenheit zwischen Lehensherr und Untergebenen. Ein Kuss zwischen Verlobten l├Ąsst sich ebenfalls schon als rechtlich verbindliches Zeichen nachweisen. Von William Shakespeare ("Troilus und Cressida", 1603) ist der Spruch "Both give and take" bekannt: Der konsensuale, also einvernehmliche und freiwillige Charakter der Handlung l├Ąsst aufhorchen: Zumindest bei der Zeremonie schien es damals wenig gesellschaftliche Zw├Ąnge und hierarchische Unterschiede gegeben zu haben.

Liebe & Erotik

Zweifellos ist das kulturelle Umfeld entscheidend, wie ein Kuss - ob nun als freundschaftliche Geste der Begr├╝├čung und Verabschiedung oder als sexuelle Handlung - angesehen wird. Zwei Beispiele m├Âgen die Schwierigkeit einer Deutung veranschaulichen:

(1) Der britische Entdecker William Winwood Reade erz├Ąhlte in seinem Reisebericht (1864), dass er sich auf einer Afrikareise in eine Prinzessin verliebt hatte und jene nach wochenlangen Avancen vorsichtig k├╝ssen wollte. Die afrikanische Prinzessin lief in Panik davon - in dem Glauben, dass der Europ├Ąer, einem Kannibalen gleich, sie augenblicklich verspeisen wollte. Zwei v├Âllig unterschiedliche Zivilisationen prallten in dem Moment eines vertraulichen T├¬te-├á-T├¬te ("Kopf an Kopf") aneinander, wobei "das Barbarische" wahrscheinlich immer dem anderen vorgeworfen wurde ...

(2) Der ber├╝hmte ├Âsterreichisch-amerikanische Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut und Philosoph Paul Watzlawick analysierte das Paarungsverhalten amerikanischer Soldaten in England nach dem Zweiten Weltkrieg ("Menschliche Kommunikation", 1967/1969). Die GIs berichteten ├╝bereinstimmend, dass die englischen M├Ądchen ziemlich leicht zu verf├╝hren waren, w├Ąhrend die britischen Frauen allzu st├╝rmische Amerikaner erw├Ąhnten. Des R├Ątsels L├Âsung? W├Ąhrend das K├╝ssen f├╝r die amerikanischen M├Ąnner eine eher belanglose und geringf├╝gige "Ann├Ąherung" bedeutete, besagte dasselbe Verhalten f├╝r die englischen M├Ądchen etwas Besonderes, Intimes und Erotisch-Eindeutiges. Missverst├Ąndnisse und Entt├Ąuschungen waren naturgem├Ą├č die unausweichliche Folge.

Wenn in ann├Ąhernd gleichen Kulturen (Westeuropa/USA) eine Handlung so verschieden ausgelegt wird, darf es nicht wundern, wenn die menschliche Kommunikation, und im speziellen Fall die Bedeutung eines Kusses, f├╝r so viele Meinungsverschiedenheiten und Fehlschl├╝sse sorgt. W├Ąhrend in einem US-Bundesstaat die pornographische Industrie allgegenw├Ąrtig ist und f├╝r Milliardenums├Ątze sorgt, ist ein ├Âffentlicher Kuss von Nichtverheirateten in einem anderen Bundesstaat verboten. 1968 kam es - ebenfalls in den USA - zum ersten "Fernsehkuss" zwischen Schwarz und Wei├č. Obwohl die Szene nicht explizit gezeigt wurde (ein Kopf verdeckte die Sicht auf die K├╝ssenden), untersagten viele S├╝dstaaten die Ausstrahlung der Episode (Raumschiff Enterprise, Staffel 3, Folge 10, "Platons Stiefkinder")!

Die erotische bis sexuelle Konnotation des K├╝ssens wird auch in liberalen L├Ąndern kontrovers diskutiert. Viele Menschen sehen einen innigen Kuss als (angemessenes) Zeichen einer romantischen und partnerschaftlichen Liebesbeziehung, wobei eine allzu ├Âffentliche Zurschaustellung dieser vertraulichen Geste nicht ├╝berall goutiert wird. Tolerante und gener├Âse Zeitgenossen billigen den Verliebten freilich dieses unkonventionelle Verhalten zu. Liebe macht ja bekanntlich blind ...

Einen fl├╝chtigen, zwei- bis vierfachen (!) Wangenkuss als Begr├╝├čung akzeptiert man hingegen fast ├╝berall - die regionalen Unterschiede in der Anzahl der Ber├╝hrungen erschweren zugegebenerma├čen die jeweils statthafte Etikette.

Gleichgeschlechtliche Paare m├╝ssen bei ├Âffentlichen K├╝ssen und Liebkosungen hingegen offene Anfeindungen, lautstarke Kritik oder sogar gewaltt├Ątige ├ťbergriffe f├╝rchten. In einigen L├Ąndern droht den Wagemutigen sogar die Todesstrafe. Dass im Mainstream-Kino derartige Szenen ausgespart werden, darf angesichts der Aggressivit├Ąt der Kritiker nicht wundern.

Warum in der Prostitution das K├╝ssen eine deplacierte und nicht "k├Ąufliche" Handlung darstellt, ist nicht restlos gekl├Ąrt. Neben hygienischen, also gesundheitlichen Gr├╝nden, spielen m├Âglicherweise auch traditionelle Motive eine Rolle: Nachdem schon der Brauch des Verlobungskusses bis ins R├Âmische Reich zur├╝ckreicht, und der Kuss sogar in der christlichen Kirche im Rahmen der Hochzeit ("Sie d├╝rfen die Braut jetzt k├╝ssen!") nicht nur respektiert, sondern auch "gefordert" wird, versteht der Gro├čteil der Gesellschaft den Kuss als gef├╝hlvolles und echtes Zeichen der Zuneigung und eben nicht nur als Teil einer "k├Ąuflichen Liebe", die als minderwertig und anst├Â├čig angesehen wird.

Wenn sich alte Menschen in der ├ľffentlichkeit k├╝ssen, empfinden dies viele j├╝ngere als peinlich und unangenehm. Offenbar glauben gerade Jugendliche, dass Menschen, die so alt wie ihre eigenen Eltern sind, keine sinnlichen Begehrlichkeiten mehr sp├╝ren. Erst in letzter Zeit wurde das Tabuthema, n├Ąmlich Liebe und Sexualit├Ąt im Alter, publik gemacht.

Brauch & Ritus

Auch der Kuss als Ehrerbietung hat eine lange Tradition: Der Mann von Welt begr├╝├čt die Dame des Hauses mit Verneigung und Handkuss, wobei er sich sogar - als Zeichen der Untert├Ąnigkeit - hinkniet. Mit der (gespielten) Geste der Unterwerfung will man(n) vielleicht Eindruck schinden oder einen "Minnedienst" leisten - und sich dabei freilich selbst zum Ritter schlagen. Als Karikatur wird diese Attit├╝de noch in verschiedenen Tanzschulen gelehrt - fraglich ist allerdings, ob die Beteiligten die Herkunft, ├ťberlieferung und Bedeutung der Bewegungen verstehen wollen. Nat├╝rlich erinnern diese Szenen an den obligaten Ringkuss, der in hierarchischen Systemen (Adel, Kirche) Jahrhunderte lang ├╝blich war, wobei diese Zeremonien da und dort (Kr├Ânungen, Weihen) noch immer praktiziert werden.

Eine besondere Form dieses Kusses ist von Papst Johannes Paul II. bekannt, der den Boden eines Landes, welches er zum ersten Mal besuchte, k├╝sste. Dass zu diesem Zweck an den Flugh├Ąfen der vorher bestimmte Platz sorgf├Ąltig gewaschen und geputzt wurde, versteht sich von selbst.

Im Ritus des Gottesdienstes ist es nach wie vor ├╝blich, dass der Priester zu Beginn der Feier den Altar und nach der Verk├╝ndigung des Evangeliums die Bibel k├╝sst. Dies wird als Zeichen f├╝r die Gegenwart Christi verstanden: Der geweihte Priester zelebriert die symbolische Vereinigung von Atem und Atem (Geist und Geist) oder aber die Verbindung des Menschen mit dem g├Âttlichen Odem. Dieser spirituelle Kuss verbindet Ehrfurcht, Demut und Hingebung und entbehrt jeden erotischen Hintergedanken.


Zitate:

"K├╝ss' nicht den, der dich verschlingen kann." (Sudan)

"Der Kaffee muss so hei├č sein, wie die K├╝sse eines M├Ądchens am ersten Tag, so s├╝├č, wie die N├Ąchte in ihren Armen und schwarz wie die Fl├╝che der Mutter, wenn sie es erf├Ąhrt." (Arabische Redensart)

"Hollywood ist ein Ort, an dem sie dir tausend Dollar f├╝r einen Kuss und f├╝nfzig Cent f├╝r deine Seele zahlen." (Marilyn Monroe)

"Besser eine ehrliche Ohrfeige als ein falscher Kuss." (Libanon)

ver├Âffentlicht in Talktogether Nr. 79/2022