Ein kurzes Gespräch zur Förderung der transidenten Sichtbarkeit PDF Drucken E-Mail

 

Rechte für Alle, jetzt!


Ein kurzes Gespräch zur Förderung

der transidenten Sichtbarkeit

Was bedeutet Transgender?

Transgender[i] bezeichnet eine Person, deren Geschlechtsidentität, äußeres Erscheinungsbild oder Verhalten nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Die Geschlechtsidentität ist das innere Gefühl einer Person, männlich, weiblich, nicht-binär[ii] oder etwas anderes zu sein. Sie wird in der Regel durch den Geschlechtsausdruck vermittelt, d. h. dadurch, wie eine Person ihre Geschlechtsidentität durch ihr Verhalten, ihre Kleidung, ihre Frisur, ihre Stimme oder ihre Körpermerkmale anderen mitteilt. Dies unterscheidet sie von intersexuellen Personen, die sich durch körperliche Geschlechtsmerkmale definieren und sich nicht auf ein inneres Identitätsgefühl beziehen.

Mit welchen Problemen kämpfen Transgender-Personen?

Transgender-Personen sind Opfer von subtiler Diskriminierung, die von Blicken der Missbilligung oder des Unbehagens bis hin zu aufdringlichen Fragen über ihre Körperteile reichen, viele werden auch zu Opfern von Hassverbrechen. Viele Transgender-Personen sind zudem Migrant*innen ohne Papiere, die ihr Heimatland aufgrund von transphober Gewalt verlassen mussten, oder die Ablehnung durch ihre Familien erfuhren und den Wunsch haben, für sich ein besseres und sichereres Leben aufzubauen. Diese Menschen sind häufig mit rechtlichen und sozialen Hindernissen wie Sprachbarrieren, fehlendem Zugang zu Sozialversicherungsleistungen, Wohnraum, finanzieller Absicherung bei Arbeitslosigkeit, Gesundheitsdiensten und/oder Krankenversicherungssystemen konfrontiert. Einige sind auch von Armut, Behinderung, HIV, rassistischer und ethnischer Diskriminierung oder von Ausgrenzung aufgrund ihres religiösen Hintergrunds betroffen.

Die Formen der Diskriminierung sind von Gesellschaft zu Gesellschaft sehr unterschiedlich und werden durch zahlreiche soziokulturelle, religiöse und wirtschaftliche Faktoren beeinflusst. Auch wenn in Österreich seit 2018 die Eintragung einer dritten Geschlechtskategorie möglich ist, sind wir von einer selbstbestimmten Wahl des Personenstands noch weit entfernt. So gibt es noch immer viele rechtliche und bürokratische Hürden, die transidenten, nicht-binären und intergeschlechtlichen Menschen die Selbstbestimmung und die Anerkennung in ihrem Geschlecht erschweren und in vielen Fällen gänzlich verwehren.[iii] Von systembedingten Vorurteilen, die vor allem im Gesundheitswesen, im Wohnungswesen und in der Justiz sichtbar werden, über Diskriminierung bis hin zu alltäglichen Belästigungen auf der Straße – die Welt ist feindselig und unsicher für Transgender-Personen.

Du bist aktiv für die Rechte von Transgenderpersonen, z.B. in der ÖH. Was sind deine persönlichen Motive?

Ich glaube an die Liebe, die in queeren Communitys entsteht, in denen Transgender-Personen ein integraler und unverzichtbarer Teil sind, an die Kraft von selbst erwählten Familien und an die Unveränderlichkeit des Rechts, ein sicheres und menschenwürdiges Leben zu führen, in dem man sein kann, wer man sein will. Die ÖH ist nur eine der Ebenen, auf denen ich nicht nur für die Rechte von Transgender, sondern für alles, was mit LGBTQI+ zu tun hat, gesellschaftlich aktiv sein will. Wie könnte ich mich auch nicht für Transgender-Rechte einsetzen, wenn mutige Transgender-Frauen vor Jahrzehnten ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, damit wir heute eine Stimme haben! Denken Sie an die Stonewall Riots im Jahr 1969 und die große Rolle, die unsere transcestors (Vorfahren) in der Gay Liberation Bewegung[iv] gespielt haben. Bemerkenswerte People of Color Transgender-Aktivistinnen waren Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und Miss Major Griffin-Gracy. Sie erlangten Berühmtheit, obwohl und gerade weil sie von Armut, Obdachlosigkeit und Diskriminierung betroffen waren. Ich kann diese Fragen heute nur dank dieser Frauen öffentlich beantworten.

Ich kann sehr gut damit umgehen, wenn es darum geht, für das einzutreten, woran ich glaube, z. B. für das Recht eines jeden Menschen, mit anderen in Harmonie und Vielfalt zu koexistieren und sein Leben nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Und ja, ich identifiziere mich als nicht-binär mit einem sehr fließenden Geschlechtsausdruck. Dennoch glaube ich nicht, dass mein persönlicher Hintergrund die einzige treibende Kraft für mein Engagement ist, aber definitiv ist er ein wesentlicher Faktor.

In der Einladung zur Gedenkveranstaltung am 20. November[v] stand, dass viel der Opfer als Sexarbeiter*innen gearbeitet haben. Machen viele Transgender-Menschen diese Arbeit?

Die Unmöglichkeit, einen legalen Status zu erhalten, der die Selbstbestimmung der eigenen Geschlechtsidentität sichert, der fehlende Zugang zu Gesundheitsversorgung und zu Sozialleistungen und natürlich die transfeindlichen Vorurteile machen es den Menschen oft unmöglich, am Arbeitsmarkt oder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Für sie ist die illegale Sex Arbeit oft ein letzter Rettungsanker, aber die soziale Stigmatisierung und die Tatsache, dass sie in den meisten Ländern keine legalen Rechte haben, machen Trans-Sexarbeiter*innen zu der am meisten gefährdeten Gruppe von Sexarbeiter*innen.

Was sind die Ursachen und Hintergründe von Transphobie in unserer Gesellschaft bzw. Kultur?

Ich würde sagen, der Mangel an Bildung und das ‚Misstrauen‘ gegenüber Vielfalt und Identitätspolitik. Auch die angstgetriebene Idee, dass das Fremde die jahrhundertealten Begriffe, auf denen unsere Gesellschaft aufgebaut ist (z. B. Geschlecht, Rasse, Religion, Speziesismus usw.), erschüttert und demontiert. Das würde viele Menschen auf wackligen Boden bringen, was ihre Gewalttätigkeit und Übertretungen nicht rechtfertigen würde. Es ist alles eine systematische Erzählung, wenn man darüber nachdenkt.

Ich glaube aber, dass wir weder mit Hass oder Abneigung noch mit einer festen Vorstellung des „Natürlichen“ geboren werden. All dies ist das Ergebnis von hetero-normativen, patriarchalischen gesellschaftlichen Konstruktionen, die die weiße männliche Hegemonie über andere Narrative stellen. Und wir beginnen zu erkennen, dass dies ein gefährliches System ist, das keinem hilft, außer mächtigen weißen Männern.

In vielen außereuropäischen Kulturen ist die Ausgrenzung von homosexuellen und Transgender-Menschen ein Erbe des Kolonialismus. In Indien beispielsweise war die dritte Geschlechtsgemeinschaft, die sogenannten Hijras[vi], traditionell gut angesehen. Doch während des britischen Kolonialismus Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein strenges Urteil gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt gefällt und „Geschlechtsverkehr entgegen der Natur“ verboten. Dies ist der Ursprung des erheblichen Unbehagens der indischen Gesellschaft mit trans*Menschen und Homosexualität, das sich leider immer noch auf das Leben von Millionen von Menschen auswirkt, denen eine richtige Karriere verwehrt wird und die stattdessen an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder in den Sexarbeitsmarkt gezwungen werden. Und diese Geschichte wiederholt sich in vielen Kulturen auf der ganzen Welt, insbesondere in den Ländern des globalen Südens, aber nicht nur.

Two Spirit People

Wie wir aus Forschungen heute wissen, waren gleichgeschlechtliche erotische Beziehungen und wechselnde Geschlechterrollen in vielen außereuropäischen Kulturen gesellschaftlich akzeptiert. Im vorkolonialen Amerika zum Beispiel kannte man fünf Geschlechter, Menschen mit vermischten Geschlechteridentitäten wurden „Two Spirit People“ genannt. Sie genossen hohes Ansehen und waren oft Medizinmänner. Missionare berichteten schockiert über diese ihrer Meinung nach unmoralischen Sitten, um sich sogleich ans Werk zu machen, sie auszumerzen.

(siehe auch: www.2spirits.com)

Was hat sich im Vergleich zu früher verbessert und was nicht?

Ich denke, dass wir endlich zu verstehen beginnen, dass das biologische Geschlecht und Gender (das soziale Geschlecht) nicht dasselbe sind, und dass das selbstbestimmte Geschlecht einer Person unabhängig von dem ihr bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht sein kann. Wir sehen heute eine wachsende Zahl von Personen, die medizinische und soziale Unterstützung erhalten (z. B. Wohnraum, Sozialleistungen und Unterstützung bei der psychischen Gesundheit und der Geschlechtsangleichung). Heutzutage ist die Diskussion über solche Themen zum Mainstream geworden, was sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich bringt. Während es Transgender-Personen dadurch leichter fallen kann, öffentlich zu ihrer Identität zu stehen, können sie durch die vermehrte Aufmerksamkeit auch zum Gegenstand von Hass zu werden.

In vielen Bereichen des Lebens werden Transgender-Personen aber immer noch wie Freaks behandelt oder für krank erklärt, und es werden ihnen die grundlegendsten Menschenrechte vorenthalten. Auf der optimistischeren Seite gibt es jedoch die Geschichten vieler Transgender-Personen, die heute ein sicheres und stabiles Leben führen, und die viele von uns inspirieren. Wir haben das Glück, Transgender-Literatur, Performance-Kunst (Wu Tsang, Cassils, Yishay Garbasz), Musik (SOPHIE, Tami T, Lotic, Trace Lobison) und Philosophie (The Empire Strikes Back: A Posttranssexual Manifesto von Sandy Stone) zu genießen.

Wie kann ein vorurteilsfreier und respektvoller Umgang gelingen?

Ganz einfach: Man sollte sich fragen, ob die Art von Interaktion, die man initiiert, auch für sich selbst geeignet wäre. Wenn wir das Gefühl haben, dass die Grenzen des elementaren Respekts und der Privatsphäre nicht überschritten werden, könnte dies zu einer positiven Begegnung führen. Behandeln Sie Transgender-Menschen so, wie Sie selbst behandelt werden möchten!

Meiner Meinung nach kann es keinen Leitfaden für den Umgang mit Transgender-Personen geben, da es keine universelle Art und Weise gibt, transgender zu sein oder so auszusehen. Im Sinne des Diskurses sollten wir uns daran erinnern, dass jede zwischenmenschliche Verbindung einzigartig ist und ihre eigenen Besonderheiten hat. Man muss wissen, dass Transgender-Personen verschiedenen soziokulturellen Identitätsgruppen angehören (z. B. Race, Herkunft, soziale Klasse, Religion, Alter, Behinderung usw.) und diese Überschneidungen respektieren. Auch sollte man immer Namen und Pronomen verwenden, die für die geschlechtliche Darstellung und Identität der Person geeignet sind; im Zweifelsfall sollte man nachfragen. Treffen Sie keine Vorannahmen über die sexuelle Orientierung von Transgender-Personen.

Was ist dein Wunsch bzw. deine Utopie einer Gesellschaft ohne Diskriminierung?

Ich mag die Idee der Utopie nicht, da sie uns von unserer Verantwortung ablenkt, im Hier und Jetzt positive Veränderungen herbeizuführen. Menschenrechte und Sicherheit sollten kein Ideal sein, sondern Realität! Ich würde sagen, dass die Förderung der Menschenrechte und der Freiheit für Transgender-Personen Realität werden sollte und nicht als utopischer Wunsch betrachtet werden darf. Ich wünsche mir, dass alle oben genannten Probleme, sobald sie gelöst sind, Relikte der Vergangenheit verbleiben, die uns davor bewahren, Fehler im Umgang mit sensiblen Gruppen von Menschen zu wiederholen.

* * * * *

Cat Jugravu (they/them/sier - geboren 1991) ist eine rumänische nicht-binäre LGBTQIA+Aktivist:in, Theatermacher:in, Lyriker:in und Performer:in. Cat studierte Bühnenschauspiel an der Nationalen Universität für Theater und Film in Bukarest (BA) und Applied Theater and Society (MA) an der Universität Mozarteum Salzburg. Cat ist derzeit Referent:in des Referats für Genderfragen und LGBTQI+ der ÖH Uni Salzburg. Seit 2018 ist Cat Gründer:in und künstlerische Leiter:in des Queerdos Ensembles in Berlin. Cat‘s Interessensschwerpunkte liegen in den Bereichen Community Building, somatische Kunsttherapie und generative Theatermethodik. Cat arbeitet vor allem mit LGBTQIA+-Narrativen und möchten die eigene Stimme als Individuum und Gemeinschaft durch verkörperte künstlerische Arbeit stärken. Themen wie geschlechts-spezifische Gewalt, Missbrauch, Trans-/Homophobie, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden in Cat‘s Arbeit häufig angesprochen. www.catalin-jugravu.com


Foto: (c) Ansgar Schwarz



[i] Begriff laut Definitionen von Transgender Europe: www.tgeu.org

[ii] Geschlechtsidentitäten, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren, sich also außerhalb der zweigeteilten, binären Geschlechterordnung befinden.

[iii] Transx.at. (2021, May). Offener Brief der HOSI Wien, VIMÖ, TransX und der Aids Hilfe Wien: https://www.transx.at/Dokumente/Offener Brief 2021.05.pdf

[v] Der Transgender Day of Remembrance, deutsch „Tag der Erinnerung“ ist ein jährlich am 20. November stattfindender Gedenktag, an dem der Opfer transphober Gewalttaten gedacht und auf diese Problematik aufmerksam gemacht wird.

[vi] Das dritte Geschlecht ist auf dem indischen Subkontinent offiziell anerkannt. In Indien nennt sich die Transgender-Gemeinde lieber Kinnar, was sich auf die mythologischen Wesen bezieht, die sich durch Gesang und Tanz auszeichnen, in Pakistan werden sie auch Khawaja Sira genannt, was Transgender in Urdu entspricht.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 79/2022