Utopien: Eine andere Welt ist möglich PDF Drucken E-Mail

Eine andere Welt ist möglich

Über Geschichte und Aktualität
utopischer Zukunftsvisionen

„Eine Weltkarte, in der Utopia nicht verzeichnet ist, ist keines Blickes wert,
denn sie unterschlägt die Küste, an der die Menschheit ewig landen wird.“ (Oscar Wilde)

Unter einer Utopie wird meist eine Vision verstanden, in der Menschen ein alternatives Gesellschaftssystem leben. Die Vorstellungen resultieren meist aus der Kritik an den bestehenden Verhältnissen und können als Gegenentwürfe dazu interpretiert werden. Wer Utopien als fantastische Schwärmereien abtut, übersieht deren Radikalität: Sie stellen die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf und nehmen im Reich der Vorstellungskraft gesellschaftliche Veränderungen vorweg.


Die von
Anna Heringer geplante METI-Grundschule in Rudrapur, Bangladesch.
Foto: Naquib Hossain (CC BY-SA 2.0)

Das Wort Utopie leitet sich vom altgriechischen „ou“ (nicht) und topos (Ort, Stelle) ab und bedeutet „Nicht-Ort“. Der Begriff steht also für einen Ort, den es nirgendwo gibt und geben kann – für ein bewundernswertes, aber unerreichbares Ideal. Utopische Konzepte – von mythologischen Wunschvorstellungen bis hin zu alternativen Staatskonzepten – waren bereits in der Antike bekannt, wovon Darstellungen auf den Wandbildern der Felsengräber von Amarna in der Nähe der von König Echnaton gegründeten Hauptstadt Achet-Aton in Ägypten zeugen. Auch in der Geschichte der Religionen spielt das Streben, einen besseren Menschen zu schaffen, eine wichtige Rolle. Die Gläubigen versuchen, sich durch religiöse Ekstase oder gezielte Askese in einen anderen Daseinszustand zu versetzen.

In der Literatur wurde die Utopie entweder in Form eines Romans oder als Staatsentwurf (Traktat) verfasst. Ein Beispiel für letzteres ist Platons Werk „Politeia“, das oft als Urbild aller Utopien bezeichnet wird. Wenig erstrebenswert erscheint jedoch heute seine Vision einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft, in der die Philosophen herrschen, während die Mehrheit auf Privateigentum und Familienverband verzichten muss.

Literarische Utopien

Im Jahr 1516 erschien „Utopia“ von Thomas More, auch Morus genannt, der die Tradition utopischer Romane in Europa begründete. Ausgangspunkt für den Roman bildet die Kritik an den unerträglichen sozialen Verhältnissen in England des beginnenden 16. Jahrhunderts. Die Enteignung der Bauern hatte zu massenhafter Verelendung geführt, während eine kleine Oberschicht im Luxus schwelgte. Im Gegensatz dazu wird das auf einer fernen Insel gelegene Utopia als Ort geschildert, an dem die Armut besiegt worden ist. Alle Inselbewohner*innen sind zur Arbeit verpflichtet, Privateigentum, Verschwendung oder Luxus sind verboten, das Staatswesen ist einzig und allein auf Vernunft begründet und dem Allgemeinwohl verpflichtet.

1602 erschien mit „Die Sonnenstadt“ ein weiterer utopischer Roman, der ebenso radikal war wie sein Verfasser. Geschrieben wurde er vom Dominikanermönch Tommaso Campanella in Kerkerhaft, die er verbüßen musste, weil er an einer Verschwörung zum Sturz der spanischen Herrschaft in Kalabrien beteiligt gewesen war. In seinem Werk beschreibt er eine ferne Insel, auf der es weder Klassenunterschiede noch Privateigentum oder Neid gibt. Ein strenger Staat sorgt dafür, dass die Interessen des Einzelnen stets denen des Kollektivs untergeordnet werden. Wie bei Morus ist seine Utopie weniger als Wunschvorstellung denn als Kritik an den Zuständen in seiner von Glaubenskonflikten und Fürstenwillkür geprägten Epoche zu verstehen.

Im Zeitalter der Aufklärung änderte sich die Sichtweise. Während literarische Utopien zuvor meist in der Ferne verortet waren, ging man ab dem 18. Jahrhundert dazu über, Utopien in der Zukunft anzusiedeln. Die Überzeugung, dass der Mensch die Geschichte gestaltet, machte aus der Nicht-Welt eine Noch-Nicht-Welt. Ein erstes Beispiel dafür ist der 1771 vom französischen Schriftsteller Louis-Sébastien Mercier veröffentlichte Roman „Das Jahr 2440“. Darin schläft der Erzähler an einem Abend des Jahres 1768 in Paris ein und wacht ebendort im Jahr 2440 wieder auf. Was er vorfindet, ist eine vollständig auf Rationalismus gegründete Gesellschaft, in der es zwar Zensur, Todesstrafe und Bücherverbrennungen gibt, diese jedoch nun im Dienst der Vernunft stehen.

Utopischer Sozialismus

Die frühen Sozialisten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten unterschiedliche Ideen, wie eine egalitäre Gemeinschaft aufgebaut sein könnte. 1814 schrieb Claude-Henri de Saint-Simon: „Das goldene Zeitalter des Menschengeschlechts liegt nicht hinter uns, sondern es liegt vor uns, es liegt in der Vervollkommnung der gesellschaftlichen Ordnung.“ Saint-Simon erkannte die arbeitenden Menschen erstmals als Klasse an und war der Ansicht, dass deren Bedürfnisse anerkannt und erfüllt werden müssten, um eine prosperierende Gesellschaft und eine effiziente Wirtschaft zu erlangen.

Besondere Beachtung fand das von Charles Fourier erdachte Konzept der „Phalanstère“. Dabei handelte es sich um eine Arbeits- und Wohngenossenschaft, deren Mitglieder nach sozialistischen Prinzipien leben und arbeiten. Mehrere davon inspirierte Gemeinschaften wurden gegründet, jedoch meist nach wenigen Jahren wieder aufgegeben. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass auch der Antisemitismus, insbesondere das Stereotyp vom jüdischen Kapitalisten oder Spekulanten, in unterschiedlichen Ausprägungen zum Repertoire der Frühsozialisten gehörte, besonders bei Fourier und seinen Schülern.

Der britische Unternehmer Robert Owen begnügte sich nicht, nur die Theorie zu liefern, sondern versuchte seine Vision einer gerechten Gesellschaft in der Realität umzusetzen, und zwar im schottischen Fabrikdorf New Lanark, wo an die 2500 Menschen lebten. Um zu beweisen, dass wirtschaftlicher Erfolg und menschenwürdige Lebensumstände kein Widerspruch sind, erhöhte er die Löhne, förderte die Ausbildung der Kinder und führte einen Krankheits- und Altersfond ein. Das Modell zog Tausende von Besuchern an, und Owen genoss große Popularität. Das änderte sich jedoch schlagartig, als er mit kommunistischen Theorien hervortrat. Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse und verarmt durch fehlgeschlagene kommunistische Versuche in Amerika blieb er trotzdem noch weitere 30 Jahre lang im Dienste der Arbeiterklasse tätig.

Das Ende der Utopien?

Einer der fruchtbarsten, aber auch einer der letzten utopischen Romane wurde von H. G. Wells geschrieben. Sein 1905 erschienenes Buch „A modern Utopia“ (deutscher Titel: Jenseits von Sirius) handelt von einem Planeten, der sich äußerlich nicht von der Erde unterscheidet, dessen Gesellschaft und Geschichte aber eine völlig andere ist. Es gibt nur eine Sprache, ein Gesetz und eine Möglichkeit des Zusammenlebens, Kriege sind ausgerottet und die Geschlechter gleichberechtigt.

Das Auftreten des Faschismus und die Entwicklung der Sowjetunion zu einem zunehmend repressiven Staat, der jede Kritik unterdrückte, brachten jedoch die Zuversicht, dass die Menschen durch den Fortschritt glücklicher werden, ins Wanken. Utopien gerieten zunehmend in Verruf und wurden von Dystopien – negativen Zukunftsvisionen – abgelöst. Die negativen Gedankenexperimente sollten uns davor warnen, was passieren könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Als einer der ersten dystopischen Romane erschien 1920 „Wir“ von Jewgeni Samjatin. Darin zeichnet er das düstere Bild einer kollektivistischen, mechanisierten Zivilisation, in der die Menschen ihrer Individualität beraubt werden. Aldous Huxleys „Brave New World“ (Schöne Neue Welt, 1932) beschreibt eine Gesellschaft, in der Menschen durch den Einsatz von Biotechnologie und die Verabreichung von Drogen daran gehindert werden, über ihre Lage nachzudenken. In George Orwells 1949 erschienenen Roman „1984“ leben die Menschen in einem totalitären Staat, in dem all ihre Bewegungen von den Augen des „Großen Bruders“ überwacht und sie durch Propaganda einer Gehirnwäsche unterzogen werden.

Die Romane wurden zu Vorbildern für zahlreiche Science-Fiction-Filme. Auch Pandemien oder Umweltkatastrophen sind Themen dystopischer Fantasien. Einige der dystopischen Visionen wurden jedoch längst von der Realität überholt: Genetische Modifikationen und die Digitalisierung nehmen heute in der Wissenschaft einen viel größeren Stellenwert ein als soziale Themen, Studierende versuchen mit Psychopharmaka ihre Leistungen zu steigern und die digitale Überwachung und Kontrolle unseres Alltags ist längst eine Tatsache.

Die Utopie als reale Möglichkeit

Die Hoffnung auf ein besseres Leben ergibt sich jedoch aus den Lebensumständen der Menschen. Keiner hat sie so systematisch erarbeitet wie der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) in seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“. Die Hoffnung sieht er als Triebkraft für die Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse an. Er spricht von ihr als „konkrete Utopie“. Diese bezeichnet den Prozess, in dem das Zukünftige tastend und experimentierend hervorgebracht wird.

Karl Marx und Friedrich Engels hatten die Frühsozialisten dahingehend kritisiert, dass sie die Welt nur auf den Kopf stellen, lediglich idealistische Utopien entwerfen. Ihr Ziel dagegen war es, die Welt auf die Füße zu stellen und den Sozialismus von einer sozialen Träumerei in eine Wissenschaft zu verwandeln. Nicht die Einsicht, dass die herrschenden Verhältnisse ungerecht sind, und der Wunsch, sie zu verändern, seien Voraussetzungen für den gesellschaftlichen Fortschritt, sondern der Widerspruch zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und den herrschenden Eigentumsverhältnissen.

Bloch dagegen hält sozialutopische Antizipationen für unerlässlich. Der Mensch müsse sich seiner noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten bewusst werden, um sie realisieren zu können. Die konkrete Utopie setzt die Marxsche Ökonomiekritik voraus, ist keine unverrückbare Vorstellung, sondern offen für Erfahrungen, und nicht einfach übergestülpt, ohne die Interessen der Individuen zu berücksichtigen. Das heißt: Wir wissen noch nicht, wie die Utopie konkret aussehen wird, aber wir wissen, dass wir Not, Ausbeutung und Unterdrückung hinter uns lassen wollen.

Braucht Emanzipation die Utopie?

Zu den Glaubenssätzen des Neoliberalismus gehörte es, es gäbe keine Alternativen jenseits von Markt und Technik. Die Sehnsucht nach einer Welt ohne Armut, Krieg Rassismus und patriarchale Unterdrückung wurde als naive und weltfremde Träumerei abgetan. Andere meinen, dass uns Utopien davon ablenken, positive Veränderungen im Hier und Jetzt herbeizuführen. Doch was ist falsch daran, sich vorzustellen, dass wir ein ganz anderes Leben führen könnten? Die sich stetig zuspitzenden ökologischen und sozialen Krisen bilden einen idealen Nährboden für alternative Zukunftsimaginationen von einer Welt jenseits von Wachstum und Kapitalismus.

Utopische Netzwerke diskutieren heute darüber, wie eine Gesellschaft jenseits von Markt, Arbeitszwang, Ausgrenzung, Patriarchat, Vereinzelung, Staat und Herrschaft aussehen könnte. Die modernen Utopien haben Lehren aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gezogen und verwerfen einen absoluten Geltungsanspruch, sondern verstehen sich vielmehr als Anregungen und Entwürfe für eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltig wirtschaftende Gesellschaft. Durch utopisches Denken ergründen wir die Möglichkeiten der Zukunft. Wir stellen uns Städte ohne Autos, Länder ohne Grenzen, Menschen ohne Existenzangst vor. Auch wenn sich einzelne Utopien als falsch und historisch überholt herausstellen, bilden sie in der Summe eine Vorstellung von einem anderen, besseren Leben, die uns als Orientierungspunkt, Wegweiser und Korrektiv dienen kann.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 81/2022