Imagine – die Kraft der Vorstellung PDF Drucken E-Mail

Imagine – die Kraft der Vorstellung

Gelebte Alternativen, utopische Experimente
und utopische Aspekte in der Kunst

„Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Ernesto Che Guevara


Der Vogelweidhof im 15. Wiener Gemeindebezirk (nahe der Stadthalle) wurde in den Jahren 1926/27 nach den Plänen des Architekten Leopold Bauer errichtet und gehört zu den eigenwilligsten kommunalen Wohnhausanlagen der Stadt Wien. Foto: Talktogether

Im Jahr 1971, mitten im Vietnam-Krieg, sang John Lennon in seinem Lied „Imagine“ von einer Welt ohne Grenzen und Nationen, ohne Privateigentum und ohne Religionen, die uns voneinander trennen. Er lud die Menschen ein, sich vorzustellen, dass alle Menschen wie Geschwister miteinander in Frieden leben. Man könnte die im Lied ausgedrückten Wünsche als Träumereien abtun, wie Lennon selbst einräumt. Doch wie kaum ein anderes Lied drückte dieses Manifest für Frieden und Gerechtigkeit die Sehnsucht vieler Menschen nach einer Welt ohne Gier, Krieg und Hunger aus. Da die Botschaft bis heute nichts an Aktualität verloren hat, wurde der Song zur Hymne aller friedliebenden Menschen, die bis heute gerne gespielt und gesunden wird.

Utopische Kommunen als Versuchslabore

Immer wieder hat es aber auch Menschen gegeben, die versucht haben, ihre Träume und Gesellschaftsutopien in die Realität umzusetzen. Im 19. Jahrhundert gab es in den Vereinigten Staaten über 100 utopische Kommunen mit mehr als 100.000 Mitgliedern, von denen die meisten allerdings nur wenige Jahre oder Monate existierten. Die Verhaltensweisen der Gemeinschaften und die Motive für deren Gründung waren höchst unterschiedlich, gemeinsam hatten sie aber folgende Prinzipien: Die Gleichheit von Geschlecht und Rasse, die Aufhebung des Privatbesitzes sowie die Ablehnung von Krieg und Gewalt.

Nach der Veröffentlichung des Tschernyschewskis Roman „Was tun?“ (1863), in dem er der Frage nachgeht, wie idealistische Menschen im Kleinen die Welt verändern können, wurden auch in Russland neue Formen des Zusammenlebens populär. Lenin zollte dem Schriftsteller Respekt, indem er 1902 den Romantitel für seine programmatische Schrift „Was tun?“ übernahm. In der jungen Sowjetunion wurden Kommune-Häuser gegründet, in denen die Hausarbeit gemeinschaftlich verrichtet und damit ein wesentlicher Beitrag zur Emanzipation der Frau geleistet wurde. Auch in Deutschland wurden nach dem Ersten Weltkrieg Wohn- oder Landkommunen gegründet.

In Folge der 1968er Bewegung stand die Kommune als alternative Lebensgemeinschaft für politische und gesellschaftliche Veränderung. Im Nachhinein muss jedoch festgestellt werden, dass das Projekt der sexuellen Befreiung oft auch mit unheilvollen Grenzüberschreitungen gegen Minderjährige einhergegangen ist. Heute stehen in gemeinschaftlichen Wohn- und Landwirtschaftsprojekten das solidarische Miteinander, das Zusammenleben verschiedener Generationen sowie gemeinschaftliches ökologisches und nachhaltiges Wirtschaften im Vordergrund.

Awra Amba: Utopisches Experiment in Äthiopien

Wir wissen nichts über ein Leben im Himmel nach dem Tod. Wir wollen für das Glück dieser Menschen hier auf der Erde etwas tun." (Ein Bewohner von Awa Ambra)

Ein Dorf im Norden Äthiopiens unterscheidet sich vom Rest des Landes: Hier herrscht vollkommene Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, Religionen sind tabu und alle Bewohner*innen haben dasselbe Einkommen. Awra Amba wurde 1980 von Zumra Nuru gegründet, der sich zusammen mit Gleichgesinnten auf einer 2000 Meter hoch gelegenen Brachfläche ansiedelte. Durch Fleiß und harte Arbeit hatte sich ein bescheidener Wohlstand entwickelt. Ende der 1980er Jahre wurde Zumra Nuru vom Mengistu-Regime verfolgt und floh, die Gemeinschaft löste sich daraufhin auf. Nach dem Sturz des Regimes 1991 kehrten die meisten der ehemaligen Bewohner*innen wieder zurück, und das Dorf erlebte einen neuen Aufschwung.

Heute leben in Awra Ambra 114 Familien, die ihre Einkünfte teilen, das Gemeinwesen organisieren und gemeinsam die Kinder erziehen. Frauen und Männer verrichten die gleiche Arbeit und haben gleiche Rechte und Pflichten, Polygamie, Zwangsheirat und arrangierte Ehen sind verboten. Anfangs wurde Awra Amba von den Nachbargemeinden mit Misstrauen betrachtet, aber mit dem wirtschaftlichen Erfolg kam auch die Akzeptanz. Die Gemeinde betreibt heute einen Kindergarten, eine Schule, die auch Kinder aus den umliegenden Dörfern aufnimmt, eine Weberei, eine Schneiderei und eine Kornmühle, die auch das Getreide der Nachbargemeinden mahlt. Durch seine Ausnahmestellung ist das Dorf ein beliebtes Ziel von Sozialforscher*innen aus aller Welt.

Architektur und soziale Utopie

Die Kunst ist ohne Fantasie und utopisches Denken gar nicht vorstellbar. Kunst bricht mit Gewohntem, öffnet den Blick für neue Sichtweisen, schafft alternative Weltentwürfe, macht Sehnsüchte sichtbar und bietet die Möglichkeit, einen Einblick in eine Gesellschaft jenseits von Markt, Effizienzdruck und Profitstreben zu erhaschen.

Besonders sichtbar manifestiert sich der utopische Aspekt in der Architektur. Leuchtende Beispiele für die Umsetzung utopischer Gesellschaftsvisionen sind bis heute die Gemeindebauten des Roten Wien. Die Architekten verfolgten ein international vielbeachtetes Konzept, das versucht hat, die Schaffung von leistbarem Wohnraum für die Arbeiterklasse mit dem Recht auf Schönheit zu verbinden. Im Mittelpunkt der Planung standen die sozialen Bedürfnisse der Bewohner*innen sowie die Förderung von Solidarität und gegenseitiger Unterstützung.

Beim nie umgesetzten Projekt der antikapitalistischen Stadt New Babylon, die 1959-74 vom niederländischen Künstler Constant Nieuwenhuys entworfen wurde, handelt es sich um eine bis ins Detail geplante Stadt ohne Grenzen, die sich wie eine Flüssigkeit in alle Richtungen ausdehnen kann.

1968 würde im südindischen Tamil Nadu die utopische Stadt Auroville gegründet: Heute leben dort mehr als 2500 Menschen aus 52 verschiedenen Nationen. Alle arbeiten für die Gemeinschaft und erhalten dafür ein Grundeinkommen. Die Stadt ist um ein spirituelles Zentrum (Le Matrimandir) herum organisiert, jedes Gebäude ist das Ergebnis einer präzisen, innovativen und oft umweltverträglichen Architekturrecherche. Eines der wesentlichen utopischen Ziele Aurovilles, die Unabhängigkeit von Geld, wurde jedoch nicht erreicht. Kritische Stimmen sprechen von der Sektenhaftigkeit des Projekts und kritisieren, dass es nur für Privilegierte zugänglich ist, da das erste Jahr selbst finanziert werden muss. Zwar sind 40 Prozent der Bewohner*innen aus Indien, diese entstammen aber vorwiegend aus der Mittelschicht, während einheimische Tamil*innen in Auroville meist nur als Bauarbeiter*innen oder Hausbedienstete zu finden sind.

In den 1970er-Jahren entwarf der italienische Architekt Paolo Soleri die Experimentalstadt Arcosanti mitten der Wüste von Arizona – bestehend aus einem Amphitheater, Cafes und offen gehaltenen Gebäuden mit umweltfreundlicher Solarenergie. Die niemals fertig gestellte Stadt beherbergt heute Künstler*innen und Reisende, aber auch langfristige Bewohner*innen, die dieses ökologische Experiment als Gegenentwurf zu den verschmutzten Städten unserer Zeit weiterverfolgen.

Eine andere Art der Raumplanung

Weniger durch architektonische Schönheit als durch ihren partizipatorischen Ansatz beeindruckt die Planung von Daqing. Vor der Erschließung der Ölfelder im Norden Chinas befanden sich dort nur Weidegründe. Um Wohnhäuser für die Menschen zu bauen, die dort arbeiten sollten, wurden Komitees gegründet, denen sowohl Expert*innen als auch Arbeiter*innen und einheimische Hirtenfamilien angehörten. Alle zukünftigen Bewohner*innen wurden nach ihren Vorstellungen und Wünschen befragt. Da die ansässige Bevölkerung eine starke Abneigung gegen die Errichtung einer großen Stadt hatte, wurden die Wohnhäuser, Kindergärten, Schulen, medizinische Zentren, Geschäfte, Kinos und öffentliche Gebäude dezentral angeordnet.

Gemeinsam mit den Einheimischen wurden die Vor- und Nach­teile der Lehmbauweise ergründet. Man einigte sich auf eine neue verbesserte Form der Lehmbauweise, welche die Häuser im Winter warm und im Sommer kühl hält. Zwischen 1962 und 1966 wurde eine Million Quadratkilometer mit dieser Methode bebaut. Auf Wunsch der Frauen wurden die Häuser für mehrere Familien zusammengelegt und so geplant, dass es für alle sowohl private als auch gemeinschaftliche Räume gab. Auf ihre Initiative hin wurden auch Gemüsegärten und Getreidefelder angelegt sowie Volkskantinen, Dienstleistungszentren für Hausarbeiten, Gesundheitszentren und kleine Werkstätten für die Erzeugung von Konsumgütern errichtet. Die Bewohner*innen bestanden auf ein attraktives Äußeres ihrer Häuser: Die Außenwände wurden dunkelbraun und ocker gestrichen, die Türen, Fensterrahmen und Dächer bunt bemalt. Da die Bauweise simpel, das Baumaterial kostenlos war und die Menschen selbst am Bau der Häuser mitarbeiteten, musste niemand Miete zahlen. Es wäre aber falsch zu glauben, dass Experimente wie dieses im damaligen China die Regel gewesen seien. Sie waren oft mit Widerstand konfrontiert und mussten sich gegen eine Denkweise verteidigen, die Technologie und Effizienz in den Vordergrund stellte.

Die Lehmhäuser sind längst Hochhäusern gewichen, und Daqing ist heute eine moderne Großstadt. In Erinnerung an die Epoche gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Experimente, in der Daqing entstanden war, gründete der Buchhändler Fan Jinggang 2003 das Internetforum Utopia (www.wyzxwk.com). Die Plattform, die 2012 vorübergehen geschlossen wurde, spielte 2018 eine wichtige organisatorische Rolle im Streik in der Schweißmaschinenfabrik Jasic Technology in Shenzhen, Guangdong. Die Proteste gegen die niedrigen Löhne und die langen Schichten wurden damals von Schlägertrupps der Firma mit Hilfe der Polizei niedergeschlagen. 29 Demonstrant*innen wurden festgenommen, von denen einige bis heute in Haft sind. Die Ereignisse haben gezeigt, dass es trotz Repression immer wieder zu Streiks und Arbeitskämpfen kommt, aber auch, dass sich eine wachsende Zahl von Menschen auf die Ideen Mao Zedongs beruft, wenn sie den aktuellen Kurs der KP Chinas kritisiert.

Grüne Städte und nachhaltige Architektur

Angesichts von Klimakrise und Biodiversitätsverlust stehen Architektur und Raumplanung heute vor der Herausforderung, neue Wege für ein Miteinander von Mensch und Natur zu finden und ökologisch und ressourcenschonend zu bauen. Visionäre Stadtplaner*innen planen heute CO2-neutrale Städte mit Stadtgärten und begrünten Fassaden und Dächern, Städte, in denen es keinen Abfall mehr gibt und Autos überflüssig geworden sind. Statt mit Beton arbeiten Architekt*innen wie Diébédo Francis Kéré aus Burkina Faso und Anna Heringer aus Rosenheim mit nachhaltigen Materialien wie Lehm, Stroh und Bambus. Typisch für Heringers Bauweise ist die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern, die Verwendung traditioneller Techniken und die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung. Ausgezeichnet wurde sie u.a. für ihre Projekte in Bangladesch: Die METI-Grundschule sowie das Therapiezentrum „Anandaloy“ („Ort der tiefen Freude“) für Menschen mit Behinderungen, in dessen Obergeschoss sich ein Atelier befindet, in dem Frauen aus den umliegenden Dörfern faire Mode und Kunsthandwerk produzieren.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 81/2022