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Warum es helfen kann, in Widersprüchen zu denken

Wenn Rechte von Freiheit reden und Linke den staatlichen Autoritarismus unterstützen, wie in der  Corona-Krise, ist die Verwirrung groß. Auf der einen Seite schockieren der vulgäre Rassismus und Sexismus rechter Populisten, auf der anderen Seite fühlen sich viele durch den oft steifen politisch korrekten Moralismus eingeengt. Um uns Klarheit im Durcheinander der unterschiedlichen sozialen Auseinandersetzungen zu verschaffen, empfiehlt Slavoj Žižek Maos Theorie der Widersprüche.

Wir sind heute in eine Vielzahl von sozialen Auseinandersetzungen verstrickt: Der Kampf gegen die Klimakrise, der Kampf für den Feminismus, ethnische und religiöse Konflikte, der Widerstand gegen die digitale Kontrolle über unser Leben ... Antirassistische Bewegungen treten kolonialistischen und nationalistischen Verhältnissen entgegen; sie bekämpfen die Gewalt im Inneren der westlichen Zentren sowie die oft tödliche Abschottung ihrer Grenzen nach außen. Andere Bewegungen richten sich gegen Sexismus, Homophobie und die Privilegierung der Geschlechterbinarität, oder sie kämpfen für die Inklusion von Menschen, die körperlich oder psychisch als jenseits der Norm stehend angesehen werden. Wie können wir den Überblick bewahren und eine gemeinsame Strategie finden?

Hier bringt Slavoj Žižek Mao Tsetungs Theorie der Widersprüche ins Spiel, die zwar aus der Mode gekommen ist, es aber verdient hat, wiederbelebt zu werden. Maos Abhandlung von den Haupt- und Nebenwidersprüchen ("Über den Widerspruch", 1937) basiert auf Hegels These des Widerspruchs, laut der die sich ständig wandelnde Welt von einem Kampf der Gegensätze geprägt ist. Im Gegensatz zeigt sich jedoch auch eine "tieferliegende, verborgene Einheit, ein Zusammengehören des Verschiedenen". Diese Weltsicht weist Parallelen mit dem Modell von Yin und Yang in der klassischen chinesischen Philosophie auf, die für Maos Denkweise prägend war.

Maos Theorie der Widersprüche lässt sich kurz in vier Punkten zusammenfassen: Erstens ist der Widerspruch kein Fehler, sondern er definiert ein Ding oder einen Sachverhalt. Ein klassisches marxistisches Beispiel ist der Antagonismus der bürgerlichen Gesellschaft, in der sich eine herrschende Gruppe den gesellschaftlichen Reichtum, der durch gesellschaftliche Arbeit erzeugt wird, privat aneignet.

Zweitens tritt ein Widerspruch nie allein auf, sondern steht in Wechselwirkung mit anderen. So wird der Widerspruch zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie von anderen, sekundären Widersprüchen begleitet, zum Beispiel vom Widerspruch zwischen Imperialismus und Kolonien, der Beziehung zwischen den Geschlechtern oder der Ausbeutung der Natur.

Drittens, auch wenn ein sekundärer Widerspruch vom ersten abhängt (Kolonien gibt es nur im Kapitalismus), ist der Hauptwiderspruch nicht immer der dominante, zudem können die Widersprüche ihre Plätze auf der Skala der Wichtigkeit tauschen. Wenn ein Land besetzt ist, wird der Kampf gegen die Besatzer zur Priorität, in einem Zustand rassischer Spannungen müssen wir uns auf die Bekämpfung des Rassismus konzentrieren.

Viertens kann sich auch der Hauptwiderspruch ändern. Für Mao bildete in einem abhängigen Land der Imperialismus den Hauptwiderspruch, wodurch sich die Möglichkeit einer Allianz mit der nationalen Bourgeoisie ergab. Žižek erklärt heute den ökologischen Kampf zum "Hauptwiderspruch", da er sich mit einer Bedrohung des kollektiven Überlebens der Menschheit befasst, auch wenn das ökologische Problem ein Ergebnis der exzessiven Ausbeutung natürlicher Ressourcen ist, die von der kapitalistischen Profitgier angetrieben wird. Doch auch schon vor dem Kapitalismus hat es von Menschen verursachte ökologische Katastrophen gegeben, und es gibt keine Garantie, dass nicht auch eine postkapitalistische Gesellschaft in eine solche Sackgasse geraten könnte. Auch das Patriarchat ist lange vor dem Kapitalismus entstanden, und die Frauenunterdrückung wird auch nach einer Revolution nicht von selbst verschwinden.

Falsche Alternativen

Die Feindbilder von Rechten Populist*innen sind einerseits die Finanzeliten und andrerseits die Menschen, die in die Zentren des Wohlstands migrieren wollen - also die Mächtigsten und die Machtlosesten in der sozialen Hierarchie. Die Identitätspolitik richtet sich gegen den Sexismus und Rassismus der weißen Arbeiterklasse, weiße Feminist*innen kritisieren die patriarchalischen Traditionen der Einwander*innen, Kritik an der Politik Israels wird schnell als Antisemitismus diffamiert. Was ist aber, wenn viele der Entscheidungen, zu denen wir gedrängt werden, falsche Alternativen sind, weil sie uns spalten und den zugrunde liegenden Hauptwiderspruch vernebeln? Ein Kampf, der nur die Erfahrungen einer Gruppe im Auge hat und die Probleme der anderen ausblendet, ist zudem immer reaktionär.

Wenn wir es also mit einer komplexen Reihe von Widersprüchen zu tun haben, sollten wir den übergeordneten Widerspruch ausfindig machen und dabei gleichzeitig bedenken, dass die Haupt- und Nebenwidersprüche nicht statisch sind. Diese Denkweise ermöglicht es uns, in jeder Auseinandersetzung eine korrekte Haltung einzunehmen und sie in Wechselwirkung mit anderen Kämpfen zu betrachten.

Demnach haben wir es heute nicht mit nicht drei Hauptpositionen (liberale Hegemonie, Rechtspopulismus und neue Linke) zu tun, sondern nur mit zweien: Der Rechtspopulismus und das liberale Establishment sind nämlich nur zwei Seiten der bestehenden kapitalistischen Ordnung, die herauszufordern die Aufgabe der Linken ist. Das haben beispielweise die Black Panthers verstanden, die 1969 eine Allianz mit ihren weißen Gegenspielern, den Young Patriots, eingingen. Den Anführern beider Gruppen war klar, dass nur ein Bündnis zwischen allen armen und ausgebeuteten Bevölkerungsgruppen im Kampf gegen die Unterdrückung bestehen könne.

"Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel.
Die Lage ist ausgezeichnet."

Mit diesem Zitat Maos möchte uns Žižek sagen, dass die Lage zwar gefährlich ist, wir aber nicht den Mut verlieren sollten. Die anhaltende Verwirrung bietet nämlich auch die Chance, uns aus dem Teufelskreis von Technokratie und Populismus zu befreien und den so dringend notwendigen radikalen Wandel einzuleiten. Dazu brauchen wir eine Agenda, die nicht kleinkariert ist, sondern global denkt und den wahren Feind ins Visier nimmt. Dabei kann uns Widerspruchstheorie als gedankliches Gerüst helfen, um uns gegen Spaltungsversuche zu wappnen.

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Slavoj Žižek, 2019: Warum sekundäre Widersprüche zählen. Eine maoistische Perspektive:
https://www.designing-history.world/theorie/slavoj-zizek-sekundaere-widersprueche-mao/

veröffentlicht in Talktogether Nr. 79/2022