Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 2023 PDF Drucken E-Mail

Inspirierende Frauen erzählen über ihr Leben

Erzählcafe und Frauenfest am 10.03.2023 im BWS-Lehen

Anlässlich des diesjährigen Internationalen Frauentages haben wir, das sind das ABZ – Haus der Möglichkeiten, Frau & Arbeit: Drehscheibe Integration, das Projekt PiA und der Verein Talktogether, am 10. März zu einem Erzählcafe mit dem Motto: "Inspirierende Frauen erzählen über ihr Leben" und einem anschließenden Frauenfest ins BWS-Lehen eingeladen. Als Referentinnen haben wir sechs Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebenshintergründen eingeladen, um die Vielfalt und Internationalität der in unserem Land lebenden Frauen zu präsentieren. Das Erzählcafe sollte den Frauen die Möglichkeit bieten, sich in ungezwungener Atmosphäre über unterschiedliche Probleme und Strategien zu deren Bewältigung auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Nach einer kurzen Vorstellung bekam jede der Referentinnen einen Tisch und eine Moderatorin zur Seite gestellt, die bei Bedarf eingreifen und die Diskussion lenken konnte. Allen eingeladenen Referentinnen gemeinsam ist, dass sie in ihrem eigenen Leben mit Zielstrebigkeit, Beharrlichkeit, Mut und harter Arbeit vielfältige Schwierigkeiten und Herausforderung meistern konnten. Sie nutzen ihre eigenen Erfahrungen aber auch, um andere Menschen zu unterstützen und ihnen einen Weg in die Gesellschaft aufzuzeigen. So engagieren sie sich – jede auf ihre Weise – für Empowerment und Gleichberechtigung.

Die Referentinnen:

Matin Emamy (Moderation Maria Sojer): Die Biologin Matin Emamy ist im Iran geboren. Als sie 12 Jahre alt war, verändert sich die politische Situation und damit ihr Leben. Sie "hatte keine Jugend", denn es gab Jahre lang nur Krieg. Sie musste sich anpassen, um überhaupt an die Uni gehen zu dürfen. Zu Ende war diese, weil sie die Angewohnheit hatte, ihre Ärmel hochzuschieben, und damit gegen die Bekleidungsvorschriften verstieß. Sie heiratete, verließ das Land und kam nach Österreich. Hier hat sie es mit Anstrengung und Willenskraft geschafft, Fuß zu fassen und ihren erlernten Beruf auszuüben. Sie engagierte sich aber auch immer für iranische Frauen in Österreich, organisierte einen Farsi-Kurs für die Kinder iranischer Familien und war Mitbegründerin einer iranischen Frauengruppe im ABZ. Matin ist stolz darauf, dass ihre Töchter heute ihren Weg als selbständige Frauen gehen. Die Freiheits- und Demokratiebewegung der Menschen im Iran bewegt sie sehr, Matin geht auf jede Demo. Die Frauen an ihrem Tisch interessierten sich sehr für die aktuelle politische Situation im Iran, außerdem wollten sie wissen, wie Matin es geschafft hat, hier anerkannt zu werden und aktiv für die iranischen Menschen zu sein. Das machte Matin stolz, denn sie erkannte, was für eine wichtige Rolle sie hier für andere (iranische) Frauen spielt. Schließlich wurde am Tisch gemeinsam überlegt, wie die Anliegen der Frauen im Iran hier in Salzburg an die Öffentlichkeit gebracht und unterstützt werden können.

Hamdi Hassan (Moderation Dorcas Thiga):Hamdi Hassan war Radiojournalistin in Somalia und musste das Land aufgrund der Verfolgung durch die Terrorgruppe Alshabaab, die Frauen in ihre eigenen vier Wände verbannen möchte, verlassen. In Österreich ist sie als Gesundheitsmentorin und Dolmetscherin tätig, außerdem hat sie ihre eigene Radiosendung in somalischer Sprache, in der sie die Rechte und Probleme der Frauen thematisiert und Ratschläge gibt, wie sich die Frauen gegen Gewalt, Unterdrückung und Benachteiligung wehren können. Ein besonderes Anliegen ist ihr, Praktiken wie die weibliche Genitalverstümmelung und Zwangsheiraten zu bekämpfen. Hamdi erzählte über ihren Ansatz, sich dabei nicht nur auf die Aufklärung und das Empowerment der Frauen zu beschränken, sondern auch Überzeugungsarbeit bei den Männern zu leisten. Die Frauen waren sehr interessiert zu erfahren, wie Hamdi es schafft, Männer mit Einfluss in der somalischen Community – wie religiöse Führer und Vereinsobmänner – für ihre Ziele zu gewinnen. Die Moderatorin zeigte sich beeindruckt, wie gut es Hamdi verstanden hat, ihre Geschichte aufzubauen und den anderen Frauen einen Einblick ihre Aktivitäten zu verschaffen. Hamdi lebt und arbeitet in Wien, organisiert aber auch hier in Salzburg ein Netzwerk somalischer Frauen.

Maxie Haumer (Moderation Elisabeth Moser): Maxie Haumer war in jungen Jahren Mitglied der Salzburger Frauengruppe COURAGE in Salzburg, die sich als Teil der neuen Frauenbewegung in den 1970er Jahren sah. Heute engagiert sie sich bei den "Omas gegen Rechts" und "Fridays for Future". Ihre Sehbehinderung hat ihr zwar eine berufliche Laufbahn unmöglich gemacht, sie aber nie davon abgehalten, als Malerin ausdrucksstarke Bilder zu malen. Aufgrund ihrer persönlichen Geschichte ist Maxie immer sensibilisiert für Diskriminierungen gewesen. Das Gespräch mit Maxie über die Entwicklung der Salzburger Frauenbewegung fand unter reger Beteiligung von interessierten Frauen statt. Maxie erzählte von den Zielen und Aktionen der Frauengruppe Courage sowie über deren Verständnis von Autonomie und Unabhängigkeit. Die Moderatorin versuchte, die Erzählungen von Maxie in gesellschaftliche Zusammenhänge einzubetten und den anwesenden Frauen klarzumachen, dass alle heutigen Errungenschaften wie die Gleichstellung der Frau im Familienrecht, die Fristenlösung, Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser von Feministinnen und Aktivistinnen der Zivilgesellschaft erkämpft werden mussten. Danach entspann sich eine lebhafte, wenn auch teilweise chaotische Diskussion über Diskriminierung und Rassismus. Die Frauen interessierten sich auch für Maxies Tätigkeit in der Telefonseelsorge und regten zusätzliche Angebote in verschiedenen Sprachen an.

Vesna Kilom (Moderation Beate Wernegger):Vesna Kilom ist als "Gastarbeiterkind" nach Salzburg gekommen. Als junge Frau wurde Vesna wegen ihrer Liebe zu einem Mann von der eigenen Mutter verstoßen und lebte einige Jahre unter ärmlichen Verhältnissen in Serbien. Später arbeitete sie als Alleinerzieherin von drei Kindern teilweise in vier Jobs gleichzeitig, damit es ihren Kindern an nichts fehlte. Heute ist sie stolz darauf, dass sie es geschafft hat, das Geld für den Staatsbürgerschaftsantrag für sich und ihre Kinder aufzubringen, und dass ihre Kinder heute alle gut in die österreichische Gesellschaft integriert sind. Da Vesna als Romnija viel Diskriminierung erfahren musste, engagiert sie sich für die Rechte ihrer Volksgruppe. Unter anderem ist sie Mitorganisatorin des Festes zum Internationalen Roma-Tag. Seit Anfang des Jahres arbeitet Vesna in einer Sozialberatungsstelle, die vorwiegend Roma aus Ost- und Südosteuropa bei der Integration in die österreichische Gesellschaft unterstützt. Die Frauen an ihrem Erzähltisch interessierten sich für die Geschichte und Sprache der Roma, die für einige neu war. Auch die Verfolgung im Nationalsozialismus, von der auch Vesnas Familie betroffen ist (Vesnas Großvater wurde ins KZ Jasenovac deportiert und kehrte von dort nie mehr zurück), und die noch heute andauernde Diskriminierung in vielen Ländern wurden angesprochen. Einige der Teilnehmerinnen erfuhren zum ersten Mal, dass das Wort "Zigeuner" als abwertend empfunden wird. Die Frauen zeigten großes Interesse an Vesnas Arbeit in der Sozialberatungsstelle. Vesnas Geschichte hat die anwesenden Frauen sehr berührt, weil sie darin Parallelen zu eigenen Problemen erkennen konnten.

Christine Nagl (Moderation Sumeeta Hasenbichler): Solidarität darf niemanden ausgrenzen, egal womit eine Person ihre Rechnungen bezahlt, das ist das Motto von Christine Nagl. Als unermüdliche Kämpferin für die Rechte der Sexarbeiter*innen hat sie in Salzburg die Beratungsstelle "PiA" aufgebaut. Christine Nagl kämpft gegen falsche Moralvorstellungen, die Stigmatisierung von Sexarbeiter*innen und für die Anerkennung von deren Tätigkeit als Arbeit. Ihr Ziel ist es außerdem, mit Vorurteilen aufzuräumen, denn im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, dass es Menschenhändlerringe seien, die die Frauen zu dieser Tätigkeit zwingen, sind es meistens wirtschaftliche Not und das Fehlen von anderen Möglichkeiten, ein ausreichendes Einkommen zu erzielen. Sie erklärte den anwesenden Frauen, warum Frauen sich für die Sexarbeit entscheiden, und dass von ihren Einkünften oft ganze Familien leben. Viele Frauen machen diese Arbeit, um den in ihren Herkunftsländern zurückgebliebenen Kindern eine gute Ausbildung und damit eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Christine Nagl kämpft auch gegen die Gesetzeslage, die in Salzburg vor allem auf die Interessen der Betreiber*innen zugeschnitten ist, und die Frauen, die sich von ihnen nicht abhängig machen wollen, in die Illegalität treibt und unnötigen Risiken aussetzt. Die Moderatorin zeigte sich sehr beeindruckt, wie interessiert und unvoreingenommen die anwesenden Frauen sich am Gespräch beteiligten.

Nadiya Yakub (Moderation: Andrea Schmidinger):Nadiya Yakup begleitet und unterstützt ukrainisch-sprachige Menschen und Vertriebene nicht erst seit Ausbruch des Krieges. Zusätzlich beeindruckt sie durch ihren beharrlich und zielstrebigen sieben Jahre langen Weg von den zu erreichenden Voraussetzungen zur Studienberechtigungsprüfung, der Aufnahme in die BAFEB bis hin zum Abschluss der Ausbildung zur Elementarpädagogin. Wir haben Nadiya Yakup eingeladen, weil sie immer wieder andere Frauen mit Migrationshintergrund dazu motiviert, ihre Berufswünsche zu verwirklichen und ihre eigenen Schritte unbeirrbar weiterzugehen. Beim Erzählcafé schilderte sie den anwesenden Frauen – anfänglich in russischer Sprache – über ihren beruflichen Werdegang. Anhand ihrer eigenen Geschichte konnte sie ihnen Mut machen, sich nicht von diversen Hindernissen abhalten zu lassen, sondern weiter beharrlich den eigenen Weg zu gehen. Gemeinsam mit einer weiteren ukrainischen Lotsin und der anwesenden Beraterin von Frau & Arbeit konnte das Treffen auch dafür genutzt werden, Frauen, die aus dem ländlichen Raum angereist waren, über Beratungs- und Deutschtrainings-Angebote zu informieren. Auch ein Termin für eine individuelle Unterstützung zur Vorbereitung auf die Eignungsprüfung für die Ausbildung zur Elementarpädagogin wurde vereinbart.

"Warum nur zum Frauentag?"

Nach dem Erzählcafe konnten die Frauen die Wartezeit bis zum Essen zu überbrücken, indem sie sich bei Stefana professionell schminken ließen und dabei ihre Gedanken zum Thema Schönheit auf einer Pinnwand kundtaten. Nach einem wohlschmeckenden Essen hatten die Frauen die Gelegenheit, die neu erfahrenden Inhalte in entspannter Atmosphäre zu diskutieren, einander näher kennenzulernen und gemeinsam Pläne für weitere Unternehmungen zu schmieden. Für gute Stimmung sorgte der Auftritt der Sängerin Judit Taskovics, die die Frauen auch zum gemeinsamen Singen animierte. Danach haben die Frauen die Feier mit Musik und Tanz ausklingen lassen. Für die Betreuung und Unterhaltung der Kinder sorgte das Team der Kinderfreunde. Auf die Anmeldeliste haben sich 69 Frauen eingetragen, vermutlich waren es ein paar mehr. Die Teilnehmerinnen waren in Bezug auf Herkunft, Alter und Lebensweg ebenso vielfältig wie die Referentinnen. Wie groß das Bedürfnis der Frauen ist, andere Frauen kennenzulernen und sich mit ihnen auszutauschen, beweist das Resümee einer begeisterten Teilnehmerin: "Warum gibt es so etwas nur zum Frauentag? Das brauchen wir öfter!" Das können wir nur als Auftrag ansehen, gemeinsam mit den Frauen weitere Veranstaltungen zu planen.

Unser Dank richtet sich an alle, die zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben. Die Zusammenarbeit des Organisationsteams hat sich wieder als sehr fruchtbar erwiesen. Insbesondere möchten wir uns bei den Frauen bedanken, die bei der Organisation der Veranstaltung, beim Herrichten der Räume, beim Essen kochen und beim Aufräumen mitgeholfen haben. Ohne ihre Unterstützung wäre es zweifellos nicht so eine gelungene Veranstaltung geworden. Wir bedanken uns auch beim BWS-Lehen, dass wir die Räume kostenlos benutzen durften, beim KECK-Kinderfreunde-Team für die Gestaltung des Kinderprogramms sowie beim Land Salzburg für die finanzielle Unterstützung.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 83/2023