Der Erste Mai und seine Ursprünge PDF Drucken E-Mail


Die Geschichte deS Ersten Mai

 

„Ein Tag des Aufstands - nicht der Ruhe. Ein Tag, nicht bestimmt von prahlenden Sprechern der Institutionen, die die Arbeiterklasse in Knechtschaft halten. Ein Tag, an dem die Arbeiter ihre eigenen Gesetze machen und die Macht haben, sie auszuüben. Und das ohne die Genehmigung oder Zustimmung derer, die regieren und uns unterdrücken! Ein Tag, an dem sich die ungeheure Kraft der Armee von Werkstätigen vereinigt gegen die Mächte, die heute das Schicksal der Völker aller Nationen beherrschen. Ein Tag des Protests gegen Unterdrückung und Tyrannei, gegen Unwissenheit und Krieg. Der erste Tag, an dem wir beginnen werden, die Regelung: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf und acht Stunden Freizeit zu genießen.“ So lautete der Text des Flugblattes, das von Hand zu Hand gereicht wurde, um die Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten zum Streik am 1. Mai 1886 aufzurufen. Das Datum wurde nicht ohne Grund gewählt: Der 1. Mai war ein Moving Day, an dem traditionellerweise Arbeitsverträge abgeändert werden konnten.


Der Aufruf zum Streik kam aus einer im Aufschwung begriffenen Industriestadt am Rand der nordamerikanischen Prärie. Ein Großteil der Arbeiter in Chicago und anderen amerikanischen Städten waren verarmte Einwanderer*innen aus Europa, die in Amerika auf ein besseres Leben gehofft hatten: Sie stammten aus Deutschland, Irland, Italien, Böhmen, Frankreich, Polen und Russland. Die Lebensbedingungen waren für sie in Amerika besser gewesen als in den Ländern, die sie verlassen hatten. Durch das schnelle Wachstum der Industrie und die systematische Eroberung des Landes der eingeborenen Bevölkerung waren Arbeitskräfte rar und die Löhne relativ hoch. Außerdem versprach das von den Ureinwohner*innen gestohlene Land selbst der arbeitenden Klasse Aussicht auf Besitz. Doch der „Amerikanische Traum“ wurde von einer Wirtschaftskrise zerstört, die eine Welle der Arbeitslosigkeit auslöste. Durch die Mechanisierung verloren viele ausgebildete Facharbeiter ihre Arbeit. Armut und Elend nahmen noch nie da gewesene Formen an. Im Winter 1872 demonstrierten Tausende Obdachlose und Hungernde in Chicago mit Schildern, auf denen stand: „Brot oder Blut!“ Blut bekamen sie. Sie wurden in einen Tunnel getrieben, geschlagen und erschossen.

Der Kampf für den Achtstundentag

Die Arbeiterschaft organisierte sich, Vereine, Gewerkschaften und Parteien wurden gegründet. In Chicago entstand eine Szene, die Erfahrungen aus Kämpfen in zwei Kontinenten verband: der Arbeiterbewegung in Europa und der Anti-Sklaverei-Bewegung in den USA. Die vom Arbeiterführer Albert Parsons – einem radikalen Verfechter der Sklavenbefreiung, der mit der schwarzen Aktivistin Lucy Parsons verheiratet war – herausgegebene englischsprachige Zeitung „Alarm“ hatte 3000, die von August Spies herausgegebene deutschsprachige „Arbeiterzeitung“ an die 5000 Leser*innen, darüber hinaus gab es Flugblätter und Broschüren in verschiedenen Sprachen.1883 hatte sich im Pittsburgh Congress ein Bündnis formiert, in dessen Manifest es hieß: „Dieses System ist ungerecht, verrückt und mörderisch. Es ist deshalb notwendig, es mit allen Mitteln und Anstrengungen zu bekämpfen von allen, die durch es leiden und sich nicht durch Inaktivität mitschuldig machen wollen für seine Weiterexistenz.“ 1885 rief die Chicago Central Labor Union die Arbeiter auf, sich zu bewaffnen. Verschiedene politische Strömungen hatten sich gebildet, was zu heftigen Debatten bei den Versammlungen führte. Den radikalen Anarchisten war die Forderung nach dem 8-Stunden-Arbeitstag zu wenig, ihr Ziel war die Abschaffung der Lohnarbeit überhaupt. Doch der 8-Stundentag war für die durch Schlafmangel und Hunger ständig erschöpften Arbeiter ein existenzielles Bedürfnis und hat die Bewegung vereinigt.

Die Ereignisse auf dem Haymarket

„Am 1. Mai 1886“, schrieb eine Chicagoer Zeitung, „kam kein Rauch aus den Schornsteinen der Fabriken, es herrscht eine Sabbath-ähnliche Ruhe.“ In Detroit marschierten 11.000 Arbeiter*innen in einer 8-stündigen Parade, in New York zogen 25.000 Menschen mit Fackeln durch die Stadt, in Chicago, dem Zentrum der Rebellion, waren mindestens 30.000 auf der Straße. Die Familien der Arbeiter marschierten in ihren Sonntagskleidern mit. Alle Eisenbahnen standen still, die Schlachthöfe waren geschlossen, die Häfen blockiert. Doch die Ruhe täuschte. Auf den Dächern und in Straßenecken waren bewaffnete Polizisten versteckt, Tausende Soldaten der Nationalgarde wurden mobilisiert und mit Maschinengewehren ausgerüstet. Am 2. Mai, als August Spies gerade eine seiner zahlreichen Reden vor der versammelten Menge halten wollte, waren plötzlich Schüsse zu hören. Die Polizei eröffnete das Feuer, und die Demonstrierenden wehrten sich mit Steinen. Einige Arbeiter wurden getötet und zahlreiche verletzt, unter ihnen auch Kinder. Als Reaktion waren am nächsten Tag landesweit 340.000 Arbeiter*innen auf den Straßen, 190.000 streikten.

In Chicago wurde für den Abend des 4. Mai eine Massenversammlung auf dem „Haymarket“ aufgerufen. Der weite und offene Platz wurde ausgewählt, weil er im Falle eines Angriffs Fluchtmöglichkeiten bot. Eine Rede nach der anderen wurde gehalten, als eine Kompanie mit schwer bewaffneten Polizisten erschien, um die Versammlung aufzulösen. Doch die Arbeiter weigerten sich, den Platz zu verlassen, da es sich um eine legale und friedliche Versammlung handelte.Da explodierte plötzlich eine Bombe in den Reihen der Polizei. Daraufhin wurde der Haymarket zur Feuerzone erklärt, und die Polizisten schossen in die Menge und töteten einige und verletzten Hunderte Arbeiter. Auch ein paar Polizisten kamen ums Leben, die meisten durch eigene Kugeln. Der Vorfall gab den Herrschenden jedoch einen Vorwand für ihre geplante Offensive auf den Straßen, in den Gerichtshöfen und in der Presse. Tausende wurden verhaftet und gefoltert, unter ihnen die gesamte Belegschaft der „Arbeiterzeitung“.Mitte Mai 1886 fand der Prozess statt. Die Anklage lautete: die Ermordung eines Polizisten. Die Beschuldigten waren alles prominente Führer der Arbeiterbewegung: August Spies, Michael Schwab, Samuel Fielden, Albert R. Parsons, Adolf Fischer, George Engel, Louis Lingg, und Oscar Neebe. Ohne Zweifel war es alles andere als ein fairer Prozess. Sieben der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, bei zweien wurde das Urteil in lebenslänglich umgewandelt, Louis Lingg wurde tot in seiner Zelle aufgefunden. Am 11. November 1886 wurden Spies, Engel, Parsons and Fischer hingerichtet.

Der Erste Mai wird international

Aus Solidarität mit den kämpfenden Arbeiter*innen in den USA rief die Zweite Sozialistische Internationale 1889 den Ersten Mai zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse aus. Bereits am 1. Mai 1890 demonstrierten in vielen Ländern Millionen von Arbeiter*innen für den Achtstundentag. Auch in Österreich kam es zu eindrucksvollen Kundgebungen. Friedrich Engels schrieb in der Arbeiterzeitung vom 23. Mai 1890, dass „Österreich, und in Österreich Wien den Festtag des Proletariats am glänzendsten und würdigsten begangen hat.“ Bis zur Jahrhundertwende wurde vor allem für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts sowie für die Pensions-, Witwen- und Waisenversorgung gekämpft. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden die Losungen gegen den Krieg und die Militäraufrüstung stärker. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde der 1. Mai in Österreich zum „allgemeinen Ruhe- und Festtag“ ausgerufen.

Bezeichnend für die Wirkungsmacht dieses Tages ist die Tatsache, dass sowohl der Austrofaschismus als auch der Nationalsozialismus zwar aufs Brutalste gegen die Arbeiterschaft vorgingen, den Tag aber als „Tag der Verfassung“ bzw. „Tag der deutschen Arbeit“ für sich umfunktionierten und instrumentalisierten. Schon am Ersten Mai 1945 fand in Wien die erste Maidemonstration nach dem Ende des Faschismus statt. Da ein Aufmarsch auf der Ringstraße zu dem Zeitpunkt noch nicht möglich war, fanden Demonstrationen und Feiern in den Bezirken statt, an denen sowohl Anhänger*innen der sozialdemokratischen und der kommunistischen als auch der Volkspartei teilnahmen.

Tag der Arbeit

Stimmt an das Lied der hohen Braut,
Die schon dem Menschen angetraut,
Eh’ er selbst Mensch war noch.
Was sein ist auf dem Erdenrund,
Entsprang aus diesem treuen Bund.
Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!

Im „Lied der Arbeit“, welches Josef Zapf im Jahr 1867 geschrieben hat, wird ausgedrückt, dass es zu allen Zeiten die Arbeit war, die jeglichen Reichtum und Fortschritt erschaffen hat. Marx beschrieb die Arbeit als einen „Prozess zwischen Mensch und Natur, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“. Somit ist die Arbeit eine Grundlage für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und Kultur. Doch kaum war der Mensch in der Lage, mehr zu produzieren als er für seinen eigenen Unterhalt benötigte, wurde die Arbeit auch schon zu einem Mittel der Ausbeutung – ob durch Sklaverei oder feudale Fronarbeit. Im Kapitalismus dagegen beutet die besitzende Klasse die Arbeiterklasse gemäß den Gesetzen des freien Warentauschs aus, die Ausbeutung wird dabei durch die Form des Lohnes verschleiert.

Mehrwert und Profit

Um im Wettbewerb zu bestehen, muss der Kapitalist, so Marx, „eine Ware produzieren, deren Wert höher ist als die Wertsumme der zu ihrer Produktion nötigen Waren, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, für die er sein gutes Geld auf dem Warenmarkt vorschoss.“ (Kapital I, MEW 23, 201). Das gelingt ihm aber nur, wenn er eine besondere Ware vorfindet, nämlich eine, die mehr Wert erzeugen kann, als sie kostet: die Arbeit. Durch Arbeit – zum Beispiel die Umwandlung von einem Stück Holz in ein Möbelstück – erfährt die Ware einen Wertzuwachs. Doch nur ein Teil dieses Wertzuwachses wird in Form von Lohn an die Werktätigen ausbezahlt. Der darüberhinausgehende Teil der Wertschöpfung wird von Marx als Mehrwert bezeichnet. Profit ist jener Teil des Mehrwerts, der dem industriellen Kapitalisten selbst zufällt. Diesen kann er in neue Unternehmungen investieren und damit seine Macht vergrößern. Die Ausbeutung der Arbeitskraft beruht somit auf zweierlei Arten von Differenz: Erstens, die Differenz zwischen dem Arbeitslohn und dem Wert, der durch die Arbeit geschaffen wird, zweitens, die Machtdifferenz zwischen den Besitzern der Produktionsmittel und denen, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft.

Auch wenn ein Lohnabhängiger in Österreich für seine Arbeit weit mehr erhält als beispielsweise ein Arbeiter oder eine Arbeiterin in Bangladesch, sind es dennoch diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen, die den größten Teil des erschaffenen Wertes einbehalten. Laut einer Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich im Jahr 2019 ist eine Arbeitsstunde in Österreich innerhalb von zwei Jahrzehnten um 24 Prozent ergiebiger geworden. Das bedeutet, dass Österreichs Werktätige um mehr als ein Viertel höhere Werte geschaffen haben, die von den Unternehmen bezahlten Löhne sind im selben Zeitraum aber nicht einmal halb so stark gestiegen. Die Hälfte des Produktivitätsanstiegs verblieb somit bei den Unternehmenseigner*innen.

Der erste Mai erinnert uns an die Kämpfe der Arbeiterklasse, ohne die wir die Errungenschaften und Rechte, die uns heute als selbstverständlich betrachten, nicht genießen könnten, wie zum Beispiel das Verbot der Kinderarbeit, die Beschränkung der Arbeitszeit, bezahlten Urlaub und Krankenstand sowie die Alterspension. Gleichzeitig erinnert uns dieser Tag daran, dass wir unsere Rechte jeden Tag aufs Neue verteidigen müssen. Die Geschichte hat uns nämlich gezeigt: Eine Umverteilung zugunsten der Werktätigen kann nur unter günstigen Kräfteverhältnissen zwischen den Klassen erreicht werden. Das heißt: Nur wenn sich die Kapitalistenklasse in ihrer Macht bedroht sieht, ist sie zu Zugeständnissen bereit.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 84/2023