Gespräch mit Lina Cenic, INTO Salzburg PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Lina Čenić,

Leiterin des Integrations- und Bildungszentrums und des Projekts ZukunftsRaum beim Diakonie Flüchtlingdienst Salzburg

TT: Du leitest das Integrationshaus INTO. Was ist das für ein Haus?

Lina: In unserem Haus sind verschiedene Projekte vereint. Ich leite das "Integrations- und Bildungszentrum" und das Projekt "ZukunftsRaum", darüber hinaus gibt es noch das Sprachprojekt "Idioma", das Gemeinwesenprojekt "Banonda" und die Unabhängige Rechtsberatung. Wir beraten ausschließlich Drittstaatsangehörige, das sind entweder anerkannte Flüchtlinge, subsidiär Schutzberechtigte, Ukraine-Vertriebene oder nachgekommene Angehörige, aber auch Menschen mit einer klassischen Migrationsbiographie, die ein Aufenthalts- oder Niederlassungsrecht haben.

Dass die verschiedenen Arten von Schutzzuerkennungen alle mit unterschiedlichen Rechten verbunden sind, ist ein Problem. Manche haben Zugang zu Sozialunterstützung und das Recht auf Familienzusammenführung, andere nicht, das macht die Sache sehr komplex. Sogar innerhalb von Familien kann es vorkommen, dass die Mitglieder einen unterschiedlichen Aufenthaltsstatus haben. Dazu kommt, dass sich die Regelungen ständig verändern. In den elf Jahren, in denen ich beim Diakonie-Flüchtlingsdienst tätig bin, hat jede Regierung in diesem Bereich Änderungen durchgeführt. Viele wichtige Änderungen sind dagegen noch immer ausständig, zum Beispiel eine Regelung, die es ermöglicht, einen Antrag auf einen Aufenthaltstitel im Inland zu stellen, beispielsweise um seinen Aufenthalt zu legalisieren, wenn man als Asylwerber hier eine Lehre abgeschlossen hat.

TT: Bei euch wohnen aber auch Menschen?

Lina: Das Integrations- und Bildungszentrum ist ein Starthilfeprojekt für Menschen, die ganz frisch anerkannt sind nach dem Asylgesetz, die unterstützen wir mit Sozial- und Bildungsberatung sowie bei der Wohnungsvermittlung. Wir haben einerseits selbst ein paar Wohnungen angemietet, die wir Klient*innen zur Nutzung überlassen, die wir sozialpädagogisch betreuen und begleiten. Mit anderen schauen wir nur gemeinsam Anzeigen nach leistbaren Wohnungen durch und unterstützen sie bei der Kautionszusicherung durch das Sozialamt, sofern sie dort einen Anspruch auf Unterstützung haben. Wenn nicht, suchen wir kirchliche und private Spender*innen für die Unterstützung bei den Kautionen oder der Wohnungsausstattung. Wir versuchen einerseits Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden und zu vermitteln, anderseits haben wir innerhalb der Stadt Salzburg das Zuweisungsrecht für Integrationsstarterwohnungen innerhalb der ersten drei Jahre. Dabei handelt es sich um Wohnungen für Leute, die zwar bereits beruflich gut verankert sind, aber noch keinen Anspruch auf eine gemeinnützige Wohnung haben. Damit wird ihre außergewöhnliche Integrationsleistung belohnt, denn mit einer günstigen Wohnung ist es leichter möglich, ohne Sozialunterstützung auszukommen.

TT: Seit wann gibt es INTO und seit wann leitest du das Zentrum?

Lina: Der Diakonie-Flüchtlingsdienst ist in Salzburg schon seit fast 25 Jahren mit unterschiedlichen Projekten in der Rechts- und Sozialberatung aktiv. Ich war seit 2011 in der Rechtsberatung tätig, im März 2020 bin ich dann in die Sozialberatung gewechselt, das war – mitten in der ersten Corona-Welle – gleich ein ziemlich turbulenter Einstieg.

TT: Was haben die Menschen erlebt, bevor sie zu euch gelandet sind?

Lina: Die größte Gruppe unserer Klient*innen sind vor Kriegen und Diktaturen geflohen und haben deshalb in ihrem Herkunftsland Erfahrung mit Gewalt und Verfolgung gemacht. Viele von ihnen haben Traumatisierungen erlitten, manche haben körperliche Probleme, wir haben auch Kriegsversehrte. Viele Klient*innen haben während der Flucht Schlimmes erlebt, das zeigt sich aber meist erst später in der engmaschigen Sozialberatung. Es gibt eine hohe Anzahl von Vergewaltigungen, manche mussten Familienmitglieder auf der Flucht begraben oder haben Angehörige, die im Meer ertrunken sind, wir haben manchmal auch mit Menschen zu tun, deren Kinder auf den Fluchtwegen oder in den unsicheren Fluchtcamps entführt worden sind.

In der Rechtsberatung geht es meist um die Verfolgungsgründe im Herkunftsland, die im Asylverfahren nochmals aufgerollt werden müssen, um glaubhaft zu machen, dass ein Asylsuchender Schutz braucht. Alles, was während der Flucht passiert ist, blenden die Klient*innen in der ersten Zeit des Ankommens gerne aus, weil es zuerst einmal darum geht, sich hier zu stabilisieren und eine gewisse Sicherheit zu bekommen, bevor diese Probleme überhaupt angegangen werden können.

  • "Wenn einem nicht geglaubt wird, obwohl man eh schon so große Hürden überwinden musste, um über die traumatischen Erfahrungen sprechen zu können, ist das eine sehr belastende und demotivierende Erfahrung."

In Österreich angekommen sind die traumatisierten Menschen dann mit der Erfahrung konfrontiert, dass ihnen misstraut wird. Viele bekommen in der ersten Instanz ungerechterweise eine negative Entscheidung. Wenn einem nicht geglaubt wird, obwohl man eh schon so große Hürden überwinden musste, um über die traumatischen Erfahrungen sprechen zu können, ist das eine sehr belastende und demotivierende Erfahrung. Erst nach der rechtlichen Anerkennung sind die Leute in der Lage, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten. Bis dahin werden sie oft behandelt, als wären nur aus wirtschaftlichen Gründen nach Österreich gekommen. Die Zahlen zeigen jedoch etwas Anderes. Im Bundesland Salzburg haben wir ungefähr 3500 Menschen im Asylverfahren, 85 Prozent von ihnen kommen aus Ländern wie Afghanistan, Somalia, Syrien oder der Ukraine, sie sind also Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention und müssen alle irgendeine Art von Schutz bekommen.

TT: Welche Erwartungen haben die Menschen, die zu euch kommen?

Lina: Sobald den Menschen ein Aufenthaltsrecht zugesichert worden ist, möchten sie natürlich gerne einen Job, der ihren Qualifikationen und Neigungen entspricht, eine adäquate Wohnung, vielleicht auch eine Weiterbildung oder Ausbildung. Wir haben oft das Gefühl, dass sowohl von Seiten der Klient*innen als auch von anderen Stellen davon ausgegangen wird, die Diakonie wird es schon richten. Aber leider können wir nicht alle Erwartungen erfüllen. Wir haben leider nicht genug Wohnungen in petto für alle, die eine brauchen. Es ist sehr bitter, dass wir in einer Situation sind, einen Mangel verwalten zu müssen und so vielen Bedürfnissen zu begegnen, die wir nicht befriedigen können. Es ist für uns sehr belastend, wenn wir nicht wissen, wohin wir unsere Klient*innen verweisen können. Ein Beispiel: Eine Frau will sich von ihrem Mann trennen, aber die Frauenberatungsstelle stellt keine Übersetzung zur Verfügung, und sie wendet sich an uns. Aber auch wir sind keine darauf spezialisierte Einrichtung.

Das Problem in der Flüchtlingsarbeit ist zudem, dass die Gruppe der geflüchteten Menschen extrem divers ist – wir haben Analphabet*innen und Akademiker*innen, wir haben Leute, die Rassismus begegnen. Das erleben wir besonders, seitdem sich die Zusammensetzung der Geflüchteten mit dem Ukraine-Krieg verändert hat. Es ist viel einfacher, Wohnraum zu finden für blonde Christinnen als für afrikanische Männer. Es gibt zwar Einrichtungen für die Jugendberatung, Frauenberatung, Gewaltprävention, aber unsere Klient*innen haben oft sprachliche Hürden, und selbst wenn sie die Sprache schon sehr gut kennen, sind sie oft unsicher und benötigen Begleitung. Gerade für Beratungs- oder Therapiegespräche braucht es nicht nur gute Sprachkenntnisse, sondern auch Vertrauen, das erst langsam aufgebaut werden muss. Wir versuchen dann zwischen ihnen und den verschiedenen Einrichtungen zu vermitteln.

  • "Auf lange Sicht tun wir uns nichts Gutes, wenn wir junge Talente für den Rest ihres Lebens in der Reinigung parken. Wir möchten die Menschen unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten, statt nur ihre wirtschaftliche Nutzbarkeit im Blick zu haben."

Gerade beim AMS wird man als geflüchtete Person schnell in den Niedriglohnsektor vermittelt, aber es ist doch keine Zukunftsperspektive für junge Erwachsene, die ihr Leben noch vor sich haben. Diese Leute benötigen dann extra Unterstützung, um ihre Interessen durchzusetzen und ihnen Bildungschancen zu ermöglich. Eine Klientin wollte gerne eine Ausbildung zur Kindergärtnerin machen und hätte ein Angebot für ein Praktikum gehabt. Sie hätte danach in der Einrichtung als Helferin arbeiten und gleichzeitig die Ausbildung machen können. Das AMS und das Sozialamt haben sie jedoch gezwungen, einen befristeten Job anzunehmen, dafür musste sie sogar ihren B1-Deutschkurs unterbrechen. Gleichzeitig haben wir eine Betreuungskrise in den Kindergärten. Wir haben sehr hart für unsere Klientin gekämpft, aber leider verloren. Der Arbeitsmarkt ist in Salzburg momentan sehr angespannt, weil überall Personal gesucht wird, aber auf lange Sicht tun wir uns nichts Gutes, wenn wir junge Talente für den Rest ihres Lebens in der Reinigung parken. Wir möchten die Menschen unterstützen, ihre Potenziale zu entfalten, statt nur ihre wirtschaftliche Nutzbarkeit im Blick zu haben.

TT: Sind die Menschen in der Lage, die Miete und ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu bestreiten?

Lina: Das Problem ist, dass so viele Menschen gar keinen Zugang zu Sozialleistungen haben. Man gibt ihnen zwar ein Aufenthaltsrecht, aber keine Unterstützung. Besonders schlimm ist es im Fall von Familien, für Alleinerziehende sowieso. Wer würde sich am freien Wohnungsmarkt eine adäquate Wohnung leisten können außer Superverdiener*innen mit wenigen Kindern? Für einen Achtpersonenhaushalt braucht man realistischerweise mindesten eine Vierzimmer-Wohnung, die wird man aber unter 1600 Euro nicht finden, das ist ein gutes Einkommen. Für Alleinerzieherinnen erweist es sich zudem oft als fast unmöglich, eine Arbeitsstelle und einen Kindergartenplatz gleichzeitig zu bekommen. Da muss schon interveniert werden, damit es in einzelnen Fällen gelingt. Und dann müssen die Leute mit Spendengeldern unterstützt werden, um überhaupt eine Wohnung anmieten zu können. Subsidiär Schutzberechtigte mit Kindern sind nämlich gänzlich auf sich allein gestellt. Ohne Arbeit bekommen sie nichts, nicht einmal die Familienbeihilfe, und müssen weiter in der Grundversorgung und in den Flüchtlingsunterkünften bleiben. Im Gegensatz dazu bekommen Ukraine-Vertriebene die Familienbeihilfe in jedem Fall, diese sind aber wiederum schlechter gestellt gegenüber Asylberechtigten. Kein Mensch versteht diese Ungleichbehandlung. Eine afghanische Frau braucht doch gleichviel wie eine ukrainische. Der Unterschied besteht nur darin, dass der eine Krieg in Europa ist und der andere nicht. Unsere Klient*innen verstehen das nicht, wir verstehen das nicht, niemand versteht das. Diese Ungerechtigkeit schafft kein gutes Klima.

TT: Wie lange brauchen die Menschen durchschnittlich, um auf eigenen Beinen zu stehen?

Lina: Wie ich schon gesagt habe, handelt es sich bei unseren Klient*innen um eine extrem inhomogene Gruppe. Eine Person, die in ihrem Herkunftsland einen Schulabschluss hat und hier ohne Kinder angekommen ist, schafft es in der Regel sehr schnell, hier selbständig zu leben. Oder wenn die Verfahrensdauer lang war, so dass sie sich in der Zeit bereits die Sprache aneignen und Kontakte knüpfen konnte. Alleinstehende junge Männer kommen so gut wie nie zu uns. Aber alle, die nicht so frei und ungebunden sind, oder nicht so gesund und unbeschwert, die benötigen Unterstützung. Wenn man zumindest Anspruch auf Sozialunter-stützung hat, schafft man es leichter, eine Wohnung zu finden, in der genug Platz ist, dass die Kinder ungestört ihre Hausaufgaben machen können. In der Sozialunterstützung ist es außerdem sowieso so, dass so gut wie alle, die nicht Kinder, Pensionist*innen oder noch ganz neu sind, Aufstocker sind. Das heißt, sie arbeiten, doch der Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen, reicht nicht aus, um den Lebensunterhalt des Familienverbands zu finanzieren. Es wäre sicherlich auch sinnvoll, wenn bereits im Verfahren rascher und mehr Deutschkurse angeboten würden.

TT: Was hältst du vom Vorschlag unseres Bundeskanzlers, dass die Leute erst ab fünf Jahren Zugang zu Sozialleistungen haben sollen?

  • "Gerade die Gruppe, die keinen Zugang zu Sozialleistungen hat, ist wesentlich beteiligt am Wirtschaftswunder Salzburg. Diese Menschen reinigen unsere Krankenhäuser, sie fahren unsere Mjam-Boxen durch die Gegend, sie putzen unsere Hotels und arbeiten in den Küchen unserer Gasthäuser."

Lina: Ich habe es eh schon gesagt, erst einmal wäre es schön, wenn die Menschen überhaupt einmal Zugang zu Sozialunterstützung haben würden. Zudem ist die Sozialunterstützung viel zu niedrig. Außerdem bekommt niemand Geld, der nicht seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt oder zumindest regelmäßig Deutschkurse besucht. Wer die Auflagen nicht einhält, bekommt keine Sozialunterstützung mehr bzw. wird diese stufenweise gekürzt. Das wissen viele nicht. Und selbst mit der Sozialunterstützung ist das Problem nicht gelöst. Dieses sieht eine Höchstgrenze vor, wieviel eine Wohnung kosten darf, und für diesen Betrag ist es sehr schwierig, in Salzburg eine adäquate Wohnung zu finden. Wenn man die Leute aus der Sozialhilfe raushaben möchte, müsste man ihnen Gemeindewohnungen anbieten. Man darf auch nicht vergessen: Gerade die Gruppe, die keinen Zugang zu Sozialleistungen hat, ist wesentlich beteiligt am Wirtschaftswunder Salzburg. Diese Menschen reinigen unsere Krankenhäuser, sie fahren unsere Mjam-Boxen durch die Gegend, sie putzen unsere Hotels und arbeiten in den Küchen unserer Gasthäuser. Gerade in der Gastronomie ist der Anteil unserer Klient*innen sehr hoch. Diesen Menschen müssen wir auch eine Möglichkeit zum Wohnen geben, sonst werden sie nach Wien gehen, wo sie zwar Sozialleistungen und Wohnungen bekommen, aber keine Jobs.

TT: Sind die Sozialleistungen in den Bundesländern unterschiedlich geregelt?

Lina: Ja. Mit der Einführung der Sozialunterstützung hätte es eigentlich auch eine Vereinheitlichung geben sollen, aber einige Bundesländer wie Wien und Tirol haben es abgelehnt, diese Regelung umzusetzen, weil sie nicht akzeptieren wollen, dass subsidiär Schutzberechtigte keinen Zugang zu Sozialleistungen haben. In Salzburg hatten sie den ohnehin nie, auch nicht bei der Mindestsicherung. Deshalb gehen viele nach Wien, obwohl die Arbeitsmarktlage hier besser ist, und so wäre es eigentlich im Interesse des Landes, die Menschen hier zu halten, nur ohne Wohnungen und Sozialunterstützungen ist das halt schwierig.

TT: Jahrelang wurde nach Integration geschrien, doch wenn man heute manche Politiker hört, bekommt man den Eindruck, dass Integration gar nicht mehr erwünscht ist.

  • "Die Aufnahmegesellschaft wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir eine diverse und pluralistische Gesellschaft sind, und dass wir Diversität zulassen und uns gemeinsam entwickeln sollten. Und dass wir uns als gleich in Rechten und Würde aber in unterschiedlicher Lebensart und Lebensführung anerkennen sollten."

Lina: Man musste im Wahlkampf in Niederösterreich feststellen, dass die rechte Propaganda neue Dimensionen erreicht hat, und dass man geflüchteten Menschen überhaupt die Menschenrechte absprechen möchte bzw. die universelle Geltung der Menschen-rechte in Frage stellt. Das ist eine neue Zuspitzung rechter Gewalt und eine Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas. Schon allein der Ruf nach Integration ist mit Vorsicht zu genießen, weil er Neuangekommene auffordert, sich in etwas Bestehendes zu integrieren, aber auch die Aufnahmegesellschaft wird zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir eine diverse und pluralistische Gesellschaft sind, und dass wir Diversität zulassen und uns gemeinsam entwickeln sollten. Und dass wir uns als gleich in Rechten und Würde, aber in unterschiedlicher Lebensart und Lebensführung anerkennen sollten.

TT: Du arbeitest schon sehr lange mit Geflüchteten. Was hat sich aus deiner Sicht verändert?

Lina: Ich beginne vielleicht mit dem, was gleichgeblieben ist, oder was sich noch zugespitzt hat. Es ist so, dass es in der Arbeit mit Geflüchteten immer mehr Bedarf als Ressourcen gibt. Man möchte aber eigentlich viel mehr machen. Integrationsarbeit bedeutet ja mehr, als den Leuten dabei zu helfen, Antragsformulare auszufüllen. Eigentlich möchten wir die Leute dahingehend unterstützen, ihre eigenen Wege zu gehen, damit sie uns irgendwann nicht mehr brauchen. Aber dazu fehlt oft die Zeit. Ich bin einfach schneller, wenn ich das Formular selbst ausfülle, anstatt es mit meinen Klient*innen gemeinsam zu erarbeiten und sie damit in die Lage zu versetzen, ihre Interessen selbst zu vertreten.

Eine Verschlechterung ist sicher die Sozialunterstützung gegenüber der Mindestsicherung, denn es gibt für die meisten Leute einfach weniger Geld zum Leben und das vor dem Hintergrund der Teuerung und der Energiekrise. Davor gab es auch noch die Corona-Krise, die bei einigen traumatisierten Leuten vieles wieder neu aufgemacht hat, was schon bearbeitet war. Es gab während dieser Zeit bei vielen Integrationsrückschritte, es gab Rückschritte bei den schulischen Leistungen der Kinder, es gab vermehrt Krisen und Trennungen. Viele, die uns schon lange nicht mehr besucht haben, sind wieder zu uns in die Beratung gekommen. Jetzt beschäftigt uns am meisten die Wirtschaftskrise, die diejenigen am meisten betrifft, die am stärksten von Armut und struktureller Diskriminierung betroffen sind. Wir sind derzeit sehr viel damit beschäftigt, Wohnraum zu erhalten und Delogierungen zu vermeiden, indem wir Kontakt mit Vermieter*innen aufnehmen, um Ratenzahlungen zu vereinbaren. Das heißt, wir sind damit beschäftigt, Feuer zu löschen, aber das ist nicht die ursprüngliche Intention von Integrationsarbeit.

TT: Gibt es Verbesserungsvorschläge von dir, wie man die Lage der Menschen verbessern könnte?

Lina: Für eine gelungene Integration braucht es zuerst einmal stabile Lebens- und Wohnverhältnisse. Die Öffnung der Sozialunterstützung, die Öffnung des sozialen Wohnbaus, die Erhöhung der Sozialunterstützung – das alles wäre notwendig, um die Armut in vielen Familien hintanzuhalten. Es fehlt einfach an allen Ecken und Enden, und wenn sich hier nichts verbessert, haben wir Kinder, die in Armut aufwachsen und schlechtere Schulchancen haben, die letztlich weniger qualifizierte Ausbildungen haben werden. Das ist auch aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht vernünftig, aber vor allem man raubt den Leuten die Chancen auf ein gutes Leben.

veröffentlicht in Talktogether Nr. 84/2023