Gespräch mit Siegfried Trenker, KZ-Verband/VdA Salzburg PDF Drucken E-Mail

Gespräch mit Siegfried Trenker,

KZ-Verband/VdA Salzburg

TT: Wann und von wem wurde der KZ-Verband gegründet, und welche Aufgaben und Ziele hat er?

Sigi: Der KZ-Verband ist 1945 von den KZ-Überlebenden gegründet worden, und zwar von den politischen Häftlingen als überparteilicher Verband, um ihnen ein Sprachrohr zu geben und ihre Rechte und Ansprüche – wie Entschädigungszahlungen – geltend zu machen. Die Gründungsmitglieder gehörten der KPÖ, der SPÖ und der ÖVP an, die Israelitische Kultusgemeinde ist später dazu gekommen. Im Zuge des Kalten Krieges wurde der Verband jedoch 1948 aufgelöst, weil eine kommunistische Unterwanderung vermutet wurde. Die größte politische Opfergruppe waren die Kommunist*innen, dementsprechend waren die meisten Positionen in kommunistischer Hand, wobei aber auch ÖVPler und Sozialdemokraten in den Vorständen waren. Das Bundesland Tirol war ein Sonderfall, der Tiroler KZ-Verband war bis zum Schluss von der ÖVP geprägt. Nach der Auflösung des KZ-Verbands wurden drei Opferverbände gegründet, die sozialdemokratischen Freiheitskämpfer, der Bund der Opfer des Nazi-Regimes (ÖVP) und der KZ-Verband wiederum als überparteiliche Organisation. Bis heute sind wir an keine Partei gebunden, wir sind überparteilich, aber definitiv nicht unpolitisch. Wir haben in Salzburg Mitglieder aus allen Parteien mit Ausnahme der FPÖ sowie viele Parteilose.

Das Ziel nach dem Zweiten Weltkrieg war die Unterstützung bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. In Salzburg hat es ein Büro gegeben, in dem sich die KZ-Rückkehrer*innen melden konnten, und die dann dort an die Behörden weitervermittelt worden sind. Der zweite Auftrag war der Schwur: "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" Das ist das Vermächtnis, das wir heute weiterführen. Bis in den 1980er Jahren war es eher schwierig, in den KZ-Verband zu kommen, wenn man nicht selbst KZ-Häftling gewesen und verfolgt worden war oder einen starken Bezug zur Geschichte gehabt hat. Das hat sich aber geändert, als man gemerkt hat, dass der Verband nur überlebt, wenn er jüngeren interessieren Menschen den Zugang ermöglicht. Seit diesem Zeitpunkt hat der Verband den Zusatz "Verband der Antifaschist*innen". Aufgeteilt ist der Verband in eigenständige Landesverbände, wobei der Bundesverband als Dachverband ihn international vertritt. Der KZ-Verband ist auch Mitglied der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (Fédération Internationale des Résistants/Association Antifasciste). In diesem Bündnis sind antifaschistische Verbände aus fast allen europäischen Ländern sowie aus Israel vertreten.

TT: Können heute alle Menschen, denen es ein Anliegen ist, sich gegen den Faschismus zu engagieren, im KZ-Verband Mitglied werden?

Sigi: Ja, jede Person, die an dem Thema und an der antifaschistischen Arbeit interessiert ist, kann mitmachen, die einzige Bedingung ist der Wohnsitz im Bundesland Salzburg, weil wir eben in Landesverbänden organisiert sind.

TT: Welche Anliegen und Forderungen hat der KZ-Verband in Salzburg?

Sigi: Ein schwieriges Thema in Salzburg ist die Frage der Straßennamen. Immer wieder gibt es Diskussionen, und immer wieder weigert sich die Stadtregierung, die Straßen umzubenennen. So gibt es bis heute weniger Straßen, die nach Frauen benannt sind, als nach aktiven NS-Mitgliedern. Ein anderes Thema ist, dass Gedenkorte zu wenig sichtbar und nicht im öffentlichen Bewusstsein sind. Ich mache manchmal einen Test mit Besucher*innen, die ich frage: "Siehst du irgendwo ein antifaschistisches Denkmal?" Niemand entdeckt eines. Das Denkmal am Bahnhofsvorplatz zum Beispiel hat keine Kontur und fällt nicht auf. Das Mahnmal zur Bücherverbrennung am Residenzplatz ist zwar schön, aber versenkt. Es war die Konzeption des Künstlers, dass man sich hier in Ruhe hinsetzen kann, doch worum es geht, ist leider schwer zu erkennen. Obwohl die Stadt das umfangreiche und höchst informative Projekt "Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus" initiiert hat, fehlt in breiten Teilen der Bevölkerung leider oft das Geschichtsbewusstsein.

TT: Welche Argumente werden gegen die Umbenennung der Straßen vorgebracht?

Sigi: Das am häufigsten vorgebrachte Argument ist die Kostenfrage, meiner Meinung nach ein vorgeschobenes Argument. Ein anderes Argument ist die Auslöschung der Geschichte. Wenn es aber niemals Straßenumbenennungen gegeben hätte, hätten wir heute auch keinen Herbert-von-Karajan-Platz, viele Leute nennen den Platz heute noch immer Sigmundsplatz, wie er davor geheißen hat. Es wurde zwar eine Historikerkommission eingesetzt, deren Empfehlungen dann jedoch ignoriert wurden. Diese Kommission hat die betreffenden Personen in drei Kategorien – je nach dem Grad ihrer Verstrickung in NS-Verbrechen und ihrer NS-Beteiligung – eingeteilt, wobei 14 davon nachweislich stark verwickelt waren. Die Kommission hat empfohlen, die nach ihnen benannten Straßen umzubenennen, doch das Einzige, was passiert ist, ist, dass man wenig aussagekräftige Zusatztafeln angebracht hat. So kommt man zu dem Schluss, dass man nach wie vor nicht begreifen will, dass wir mit diesen Straßennamen Faschisten ehren. Wenn es zum Beispiel um Hans Pfitzner oder Hans Schmid geht, heißt es immer, das waren große Musiker, die haben viel für das Land geleistet. Viele verfolgte Künstler und Künstlerinnen haben jedoch gar nicht die Möglichkeit bekommen, etwas für die Republik zu leisten, weil sie vorher ermordet worden sind. Für Herbert von Karajan dagegen wird ein großer Teppich ausgerollt, obwohl er ein Opportunist war und ein menschenverachtendes System unterstützt hat.

TT: Wer hat den Vorschlag gemacht, den Sigmundsplatz in Herbert-von-Karajan-Platz umzubenennen?

Sigi: Ich weiß nicht mehr, wer damals den Vorschlag eingebracht hat, aber im Gemeinderat ist mehrheitlich für die Umbenennung gestimmt worden. Man muss allerdings den Wissensstand der jeweiligen Zeit berücksichtigen. Aber wenn man jetzt mehr weiß, warum geht man nicht her und nimmt die Umbenennung wieder zurück? Unser Vorschlag wäre es, den Platz in Bert-Brecht-Platz umzubenennen. Bert Brecht hat sehr wohl Bezug zu Salzburg, er hat hier gelebt und hier die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten. Er hätte auch Intendant der Salzburger Festspiel werden können, wenn es damals nicht diese antikommunistische Haltung gegeben hätte – die Salzburger Nachrichten haben damals sogar von einer "kulturbolschewistischen Atombombe" gesprochen. Der Antikommunismus ist mit den Jahren zwar in den Hintergrund getreten, es herrscht aber immer noch mehr Angst vor einer fiktiven Bedrohung von außen als vor den Rechten im eigenen Land. Die Leute finden es nicht angsteinflößend, dass Herbert Kickl Kanzler werden könnte, mich dagegen schaudert es bei dieser Vorstellung. Wir dürfen nicht vergessen: Auch Adolf Hitler ist durch demokratische Wahlen an die Macht gekommen.

TT: Nach welchen Frauen würdest du Straßen benennen?

Sigi: Lange Zeit wurden nur männliche Widerstandskämpfer wahrgenommen. Erst in letzter Zeit hat sich das Bild etwas gedreht. Wir haben in Salzburg zum Beispiel eine Rosa-Hoffmann-Straße, benannt nach der Salzburger Widerstandskämpferin. Ob nun eine Straße nach einer Künstlerin oder nach einer politischen Frau benannt wird, muss man sich von Fall zu Fall überlegen, sie sollte jedenfalls Bezug zu Salzburg haben. Aber wir haben keine fertige Liste mit Namen.

TT: Auch wenn sich heute alle über die Schrecken des NS-Regimes informieren können, sind rechte Bewegungen und Ideologien wieder im Aufwind. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür?

Sigi: Es wird keine Verbindung hergestellt zwischen den heutigen rechten Bewegungen und dem Faschismus. Und das Wissen über den Nationalsozialismus? Bei einer Studie, die vor ein paar Jahren in den Schulen gemacht wurde, ist herausgekommen, dass nur ungefähr zehn Prozent über den Nationalsozialismus Bescheid gewusst haben. Das Nächste ist, dass viele der Meinung sind, dass der Nationalsozialismus in der Vergangenheit liegt und vorüber ist. Dass dies aber eine Bewegung war, die die Demokratie ausgehebelt hat, ist den wenigsten bewusst. Wir haben hier in Österreich einen ähnlichen Fall gehabt, den ich zwar nicht mit der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland vergleichen möchte, aber wir haben eine austrofaschistische Diktatur gehabt, die das Parlament ausgeschaltet hat, eine Periode, die im öffentlichen Bewusstsein weitgehend untergeht. Oft wird auch gesagt, dass wir nichts gegen den Nationalsozialismus hätten ausrichten können, aber ich meine, wir hätten schon versuchen können, uns als Österreich zu behaupten. Als Hitler einmarschiert ist, ist kein einziger Schuss gefallen.

Die Nationalsozialisten erhielten damals massive Unterstützung von Unternehmen wie Thyssen und Krupp, die damit dafür gesorgt haben, dass der Parteiapparat funktioniert. Die Polizei und die Behörden haben tatenlos zugeschaut, wie die Nazis ihre Aufmärsche organisiert haben, es ist alles mitgetragen und als normal angesehen worden. Heute beobachten wir, dass die Rechten hofiert werden, sie bekommen Auftrittsmöglichkeiten, man befördert sie in staatstragende Positionen, rechtsradikale Aussagen werden lapidar auf die Seite geschoben. Auch die Sprache hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Als der damalige Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider über die Arbeitspolitik des Dritten Reiches gesprochen hat, hat ihm das den Posten als Landeshauptmann gekostet. Doch das war noch harmlos im Vergleich zu den Aussagen, die Kickl heute im Nationalrat macht. Dieser Mensch hetzt, macht Falschbehauptungen, empfiehlt Pferdemedikamente gegen eine Viruspandemie. Das ist dasselbe Spiel, das die Nazis damals gespielt haben: Ein Weltuntergangsszenario wird herauf-beschworen, Feindbilder werden aufgebaut, und dann taucht einer auf, der alle Probleme lösen will. Es spielt dabei keine Rolle, ob seine Behauptungen stimmen. Die Rechten brauchen keine Beweise. Sie streuen einfach ein Gerücht und schauen, was dann passiert. Und wenn einmal eine Lüge verbreitet worden ist, kann man wenig tun: Eine negative Schlagzeile bleibt im Gedächtnis, und man bekommt sie nicht mehr weg. Das macht die antifaschistische Arbeit so schwierig. Wenn ich nach jeder Entgleisung der Rechten zu einer Demo aufrufe, läuft es sich mit der Zeit tot. Also, die Hauptgründe für den Wiederanstieg rechter Ideologien sind meiner Meinung nach: die Geschichtsvergessenheit, dass man rechte Politiker*innen salonfähig macht, und die Anbiederung der anderen Parteien an die rechte Politik. Politiker überschlagen sich mit Vorschlägen, wie man Geflüchtete konzentriert unterbringen kann, und mit Ausnahme von ein paar NGOs schreit niemand auf.

TT: Rechte Parteien appellieren an Gefühle wie Neid, Missgunst und Wut. Was kann man dem entgegensetzen?

Sigi: Was man dagegen tun kann? Aufklärung. Immer wieder darauf hinweisen, auch im Kleinen. Versuchen, so viele Menschen wie möglich anzusprechen. Wir machen es im Verband mit Buchvorstellungen, Konzerten und Diskussionen. Wir versuchen auch, den Zugang zu unseren Veranstaltungen möglichst niederschwellig zu halten. Auf universitärer Ebene gibt es diese Auseinandersetzungen, aber wir wollen die antifaschistische Arbeit dort hinbringen, wo die Leute sind, zum Beispiel in Gasthäuser oder Bars. Am 26. Oktober organisieren wir gemeinsam mit der HOSI Salzburg eine Buchvorstellung. Das im Oktober erschienene Buch von Jürgen Pettinger, heißt "Dorothea. Queere Heldin unterm Hakenkreuz". Es ist schwieriger, die Besucher*innen der HOSI in den KZ-Verband zu bringen, also gehen wir hin. Mein persönlicher Wunsch wäre es außerdem, dass sich die Leute wieder mehr mit Ideologien auseinandersetzen und wofür die politischen Parteien stehen. Die Leute wissen oft gar nicht, worin diese sich unterscheiden, und die Rechten nützen das aus. Sie bieten einfache Antworten an nach dem Motto: Warum geht es der Wirtschaft so schlecht? Die Ausländer sind schuld.

TT: Einfache Antworten, aber durchschaubar falsche …

Sigi: Aber sie wirken.

TT: Was müsste getan werden, um rechten Bewegungen den Nährboden zu entziehen?

Sigi: Indem man ihnen die Salonfähigkeit entzieht, aber das kann nicht die Zivilbevölkerung machen, das müssen die politisch Verantwortlichen tun. Genauer hinschauen. Der Salzburger Bürgermeister Harald Preuner hat angekündigt, dass die Identitären in Salzburg keine Demo mehr machen dürfen, wenige Wochen später haben sie eine gemacht und der Bürgermeister hat nicht reagiert. Einmal haben die Identitären und die "Omas gegen Rechts" am selben Tag eine Demo angemeldet. Bei den Omas waren 15 Polizisten in Uniform, bei der Kundgebung der Identitären nur drei. Auch wenn die Polizei das wahrscheinlich zu ihrem Schutz gemacht hat, vermittelt es nach außen die Wirkung, dass von den Omas mehr Gefahr ausgeht als von jungen aggressiven Identitären. Damit will ich nicht sagen, dass die Polizei generell rechts ist, nein, wir haben in Österreich zum Glück noch eine saubere Polizei, aber eine gewisse Tendenz ist dennoch da, das zeigt sich ja auch bei den Personalvertretungswahlen. Es wird auch immer behauptet, die Linksradikalen seien gewaltbereit, aber dabei handelt es sich meist um Sachbeschädigung. Bei den Rechten geht es aber nicht um umgeworfene Mistkübel oder um Gegenstände, die mit Farbbeuteln angespritzt werden, da geht es um Körperverletzung, es geht um Menschen, die angegriffen werden. Bei einer Demo der "Fridays for Future" wurden junge Frauen bedroht und von Mitgliedern der Identitären bis nach Hause verfolgt. Damit will ich nicht die Gewalt von Linksradikalen verleugnen oder verteidigen, es geht einfach um die qualitative Relation. Es wurden in Österreich auch Waffenverstecke von Rechten gefunden, diese wurden allerdings nicht vom Staatsschutz ausgehoben, sondern im Zuge von Drogenfahndungen entdeckt.

TT: Welche Bedeutung hat für dich der 9. November?

Sigi: Der Gedenktag an die Novemberpogrome eignet sich gut, um die Entstehung des ganzen Wahnsinns zu beleuchten. Die Nazis haben damals von der Volksseele gesprochen, die sich entzündet hat, und wir haben heute einen Politiker, der das Wort Volkskanzler in den Mund nimmt, doch der Aufschrei bleibt aus. Der 9. November zeigt auf, wie es die Öffentlichkeit durch ihre Duldung mitgetragen hat, dass man Synagogen niederbrennt und Schaufensterscheiben einschlägt. Da werden Menschen neben dir getreten und erniedrigt und du schaust zu und betrachtest es als normal? Es ist niemals normal, Gebetshäuser anzuzünden, egal ob es sich um eine Synagoge, eine Kirche oder eine Moschee handelt. Doch wenn die Mehrheit etwas als normal ansieht, tut man sich als Einzelner verdammt schwer, dagegen aufzustehen. Deshalb sollte dieser Tag genützt werden, um uns bewusst zu machen, wie weit Menschen gebracht werden können.

Begonnen hat der Nationalsozialismus aber nicht mit der Judenverfolgung, sondern mit der Verfolgung der politischen Gegner, der Antisemitismus war in der Bevölkerung aber schon seit Jahrhunderten vorhanden. Dazu gibt es diesen wunderbaren Spruch: "Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestierte."

Wir haben heute Menschen in demokratischen Ämtern, die gleichzeitig die Demokratie mit Füßen treten. Solchen Menschen sollten wir keine Bühne geben. Wenn eine Landeshauptmann-Stellvertreterin in der Öffentlichkeit die White-Power-Geste zeigt und dann behauptet, sie kenne die Bedeutung des Zeichens nicht, komme ich zu dem Schluss, dass diese Frau entweder dumm ist oder eine Unterstützerin der White-Power-Bewegung, in beiden Fällen ist sie falsch in diesem Amt. Doch so sickert ein, was vorher undenkbar war, und wird allmählich zur Normalität. Heute dürfen im österreichischen Parlament Politiker Wörter verwenden in einem Zusammenhang, wie es vor zwanzig Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Was ist mit der Zivilbevölkerung passiert, dass da einfach zugeschaut wird?

Der KZ-Verband organisiert seine Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus immer am 26. Oktober am Kommunalfriedhof. Wir sind die einzigen, die das am 26. Oktober machen, andere Organisationen tun dies am 1. November. Wir aber haben gedacht, dass der 1. November ein Tag für die Familie ist, und dass der Nationalfeiertag gut geeignet ist, denn schließlich hat das Ende des Faschismus etwas mit unserer Staatsgründung zu tun. Im Gedenkjahr 2015 wurde das Grab des KZ-Verbands zum Ehrengrab erhoben, woraufhin für den KZ-Verband sehr viel finanzieller Aufwand sowie die Grabpflege weggefallen ist, was ich als positives Zeichen sehe.

TT: Warum und wann ist jemand ein Antifaschist/eine Antifaschistin?

Sigi: Um Antifaschist*in zu sein, sollte man aber zuerst einmal wissen, was Faschismus ist. Ich fasse den Begriff Faschismus etwas weiter als Dimitroff oder Umberto Eco, weil die Grenzen, was faschistisch ist und was nicht, oft verschwimmen. In der historischen Betrachtung ist es leichter, solche Abgrenzungen zu ziehen, in der aktuellen Situation ist es schwieriger festzumachen, ab diesem Punkt ist es faschistisch. Aber was ich tun kann, ist zu erspüren, ob eine totalitäre oder antidemokratische Haltung dahintersteckt, oder ob eine Ausgrenzung von Menschen da ist, gewisse Punkte kann ich abfragen, und daran erkenne ich, ob etwas nach rechts tendiert. Wobei ich persönlich das lineare Recht-Links-Schema nicht so schätze, weil ich nicht glaube, dass der Mensch ein zweidimensionales Wesen ist. Der Mensch hat Gefühle, seine Reaktionen sind situationsabhängig, seine Sicht auf die Dinge ist abhängig davon, in welchem familiären und sozialen Umfeld er aufgewachsen ist. Für mich bewegt sich das politische Spektrum eher innerhalb von vier Quadranten, in dem ich die politischen Parteien verorte, je nachdem, wie sie sich zu Fragen der Wirtschaft, der staatlichen Kontrolle, der individuellen Freiheit und der sozialen Gerechtigkeit positionieren. Ich selbst bin für eine gemäßigte Kontrolle, ich bin für Polizei und Gewaltentrennung, aber der Staat sollte nicht zu einer Instanz werden, die alles kontrolliert.

Warum es wichtig ist, Antifaschist bzw. Antifaschistin zu sein? Ich glaube, es ist vor allem wichtig, Mensch zu sein. Die Rechten reden oft von der bösen Antifa und von den Gutmenschen. Mag sein, dass ich ein Gutmensch und gleichzeitig ein böser Antifa bin, wenn ich die Freiheit des Menschen und seine Menschenwürde respektiere. Wenn ich eine humanistische Einstellung habe, wenn mir Freiheit, Demokratie und Menschenrechte wichtig sind, dann bin ich auch gegen den Faschismus.

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Landesverband Salzburg österreichischer AntifaschistInnen, WiderstandskämpferInnen und Opfer des Faschismus:
5020 Salzburg, Elisabethstraße 11
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Website: https://www.kz-verband-salzburg.at

veröffentlicht in Talktogether Nr. 86/2023