COP UND CHE
Eine ungewöhnliche Freundschaft
Als er vier Jahre alt war, erschossen russische Soldaten seinen Onkel und steckten das Nachbarhaus in Brand. Das war der Moment, als sich Ahmads Eltern zur Flucht entschlossen. In Österreich geriet er als Jugendlicher auf die schiefe Bahn und landete im Gefängnis. Dort kam er mit den Ideologien des Islamischen Staates in Berührung. Er beschloss, nach Syrien zu fahren, um sein Leben im Dschihad zu opfern. Im letzten Moment wurde er von seinem Vater an der Abreise gehindert. Heute produziert der 24-jährige Tschetschene zusammen mit dem Polizisten Uwe Tik-Tok-Videos, um Jugendliche aufzuklären. Wie es zur Begegnung der zwei Männer mit so unterschiedlichen Lebensläufen kam, erfahren wir im Buch „Cop und Che“, das Anfang 2025 vom Mandelbaum Verlag herausgegeben wurde.
Die Journalistin Edith Meinhard hat Ahmad Mitaev 2017 als IS-Aussteiger kennengelernt und nach dem Terroranschlag 2020 in Wien wiedergetroffen. Auf einer Parkpark sagt er zu ihr: „Ich will, dass die Österreicher nachvollziehen können, warum ein netter Junge mit 13 kriminell wird.“ Es folgten viele Treffen, zahllose Gespräche, nicht nur mit Ahmad, sondern auch mit seinem Vater, dem Jugendsozialarbeiter Fabian, dem Polizeibeamten Uwe und anderen Polizisten. Durch Ahmads Bereitschaft, so offen und schonungslos über sein Leben zu erzählen, eröffnet sich die einzigartige Chance, vermeintlich Unbegreifliches zu verstehen, schreibt die Autorin im Vorwort.
Die Begegnungen, die diesem Buch zugrunde liegen, haben alle Beteiligten verändert. Sie alle sind das Wagnis eingegangen, über den eigenen Schatten zu springen und sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Sozialarbeiter Fabian musste lernen, dass Religion nicht im Widerspruch zu Aufklärung, Emanzipation und Demokratie stehen muss. Für den 60-jährigen Uwe stand Ahmad für alles, was bei der Migration schiefläuft und am Ende die Polizei ausbaden muss. Heute verbindet ihn mit dem jungen Mann der Wunsch, im eigenen Umfeld Veränderung anzustoßen. Auch die Autorin musste vermeintliche Gewissheiten hinter sich lassen und erkennen, welche Entfaltungsmöglichkeiten selbst in traumatisierten Burschen aus Kriegsgebieten, die früh kriminell und dann auch noch radikalisiert wurden, stecken.
Erinnerungen an den Krieg
Eines Tages dringen vermummte Männer ins Haus. Der vierjährige Ahmad hört Schreie, anschließend liegt sein Onkel tot im Wohnzimmer. Zehn Jahre später wird Ahmad in Österreich deshalb epileptische Anfälle bekommen. Die nächsten Erinnerungen sind endlose Märsche durch den Schnee. Einmal durchstreifen russische Soldaten den Wald, um nach Flüchtlingen zu suchen. Die Familie versteckt sich unter einem Baumstamm, und der Vater sagt: „Seid still und betet zu Gott, dass sie uns nicht sehen.“ Ein Mann mit Taschenlampe und Schäferhund kommt näher und leuchtet den Baumstamm an. Dann ruft er seinen Kollegen zu: „Hier ist es sauber!“ Ob der Mann die Flüchtenden nicht gesehen hat oder ob er sie verschonen wollte, weiß Ahmad nicht. Aber eines ist für ihn seit damals Gewissheit: Allah ist die einzige Macht, der er bedingungslos vertraut.
Nach einer Odyssee über Polen, Deutschland und Tschechien wird die Familie schließlich an der österreichischen Grenze aufgegriffen und nach Traiskirchen gebracht. In einer Flüchtlings-pension in Niederösterreich findet sie zum ersten Mal Ruhe. Ahmad erinnert sich an Otto, einen dicken gemütlichen Mann, der die Flüchtlingspension führte. Er bringt den Kindern Hüpfbälle zum Spielen und übt mit ihnen die deutsche Grammatik. Doch später muss Ahmad erkennen, dass in Österreich nicht alle Menschen so freundlich sind wie Otto.
Die Familie zieht nach Wien, wo es mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt. Im 20. Bezirk kommt Ahmad in die erste Klasse. Der Vater arbeitet als Zusteller und ist den ganzen Tag unterwegs. Von den Kindern in der Klasse wird er wegen seiner Kleidung verspottet, doch der Direktor und die Lehrerin unterstützen ihn. Nach dem positiven Asylbescheid eröffnet der Vater zwei Lebensmittelgeschäfte. Endlich bekommt Ahmad „Anziehsachen“, mit denen er in der Schule Eindruck machen kann.
In der Hauptschule beginnt sich Ahmad mit politischen und sozialen Fragen auseinanderzusetzen. Er hat seinen eigenen Kopf und ist nicht länger der Liebling der Lehrer und Lehrerinnen, dafür wird er von den anderen Kindern respektiert und bewundert. Nachdem die Lehrerin ihn fälschlicherweise verdächtigt, Geld gestohlen zu haben, kann der Vater ihm nur den Rat geben, dass er damit klarkommen müsse.
Rütteln am Gefängnistor
Ahmad kommt in eine neue Schule, wo er mit Rassismus konfrontiert ist. Er ist der Einzige, der nicht auf die Sprachlernwoche nach England mitfahren darf. Als er einen Einser auf die Deutschschularbeit bekommt, beschuldigt ihn die Lehrerin, geschummelt zu haben, und stellt ihn vor der ganzen Klasse bloß. Da zerbricht etwas in ihm. Er ist nicht länger bereit, die Ungerechtigkeiten hinzunehmen: „Ich versuche mein Bestes, die Lehrerin aber scheißt mich nur zusammen und stempelt mich als Deppen ab.“
Er verlässt in der Früh die Wohnung, geht aber nicht in die Schule, sondern verbringt die Zeit in einem Einkaufszentrum. Dort trifft er auf andere Jugendliche, die die Schule schwänzen. Je länger er sich dort herumtreibt, desto zwielichtiger werden seine Gefährten. Einmal fordern sie ihn auf, zwei Sechzehnjährige zu verprügeln – seine Aufnahmeprüfung in die Kriminalität. Seine Eltern wissen nicht, was ihr Sohn treibt, sie ahnen nichts von seiner Traurigkeit und seiner Wut. Ahmads Vater ist schockiert, als er von den kriminellen Aktivitäten seines Sohnes erfährt, weiß sich aber nicht zu helfen. Er sagt zu ihm: „Du rüttelst so lange am Gefängnistor, bis man dir aufmacht!“
Am 10. April 2014 ist es dann soweit, Ahmad wird verhaftet. Er darf eine Vertrauensperson anrufen und telefoniert mit seiner älteren Schwester. Doch die ist mit ihrem kleinen kranken Kind allein zuhause und kann erst kommen, wenn ihr Mann von der Arbeit nach Hause kommt. „Darf das kleine Weib mit dem Kopftüchl allein nicht raus?“ spottet der Beamte. Außer sich über den rassistischen Affront spukt Ahmad ihn an. Beamte aus dem Nebenzimmer stürmen herein, werfen ihn auf dem Boden und fixieren ihn. Er wird 24 Stunden lang verhört, weigert sich jedoch, seine Freunde zu verraten. Schließlich wird er in U-Haft überstellt und kommt in den Trakt für junge Erwachsene, wo er auf bekannte Gesichter trifft.
Im Gefängnis rebelliert er und provoziert die Beamten. Zur Strafe stecken sie ihn in eine Zelle mit zwei Nigerianern, mit denen er sich jedoch prächtig versteht. Dann wird er in eine Zelle mit Somalis verlegt, doch auch in deren Gesellschaft fühlt er sich auf Anhieb wohl. Sogar mit den polnischen Nazis hat Ahmad kein Problem. Diese Harmonie missfällt einer Justizbeamtin, die es als ihre Aufgabe betrachtet, Ahmad das Leben im Gefängnis schwer zu machen. Sie steckt ihn in die Zelle mit IS-Leuten – eine Entscheidung mit verhängnisvollen Folgen.
Die IS-Anhänger schmieren Ahmad Honig ums Maul und versuchen, ihn von seinen Eltern zu entfernen und Misstrauen gegen die Sozialarbeiter zu schüren, die sich um ihn kümmern. Nach seiner Entlassung besucht er eine Kellermoschee, die ihm von seinen Zellengenossen empfohlen worden war. Dort wird er empfangen, als hätte man nur auf ihn gewartet. Ahmad fühlt sich willkommen und bald auch geborgen. Nach einigen Wochen fängt die ideologische Unterweisung an. In den folgenden Wochen zieht Ahmad sich zahllose Propagandavideos rein. Mit der Zeit entfaltet die Gehirnwäsche ihre Wirkung. Im Herbst 2015 fällt er der Entschluss: Er will nach Syrien reisen und ein Held werden. Dort könnte er es auch den Russen heimzahlen, die ihn und seine Familie aus Tschetschenien vertrieben hatten.
Die verhinderte Abreise
Wenige Stunden vor der Abreise schreibt er eine Nachricht an seine Schwester. Sie ist die Einzige, die ihn immer verstanden hat und der er sich immer anvertraut hat. Die Schwester beschwört ihn, nicht zu gehen. Als sie merkt, dass ihre Bemühungen vergeblich sind, bietet sie ihm etwas Geld für die Reise an. Am Busbahnhof in Graz wartet Ahmad auf die versprochenen 900 Euro, doch stattdessen steht plötzlich der Vater neben ihm. Mit Hilfe seines Schwagers zerrt er Ahmad zum Auto und fährt mit ihm zurück nach Wien.
Ahmad ist wütend über den Verrat seiner Schwester. Er erwartet, dass der Vater ihn anschreien und verprügeln wird. Doch dieser setzt sich nur neben ihn auf den Boden und spricht ruhig mit ihm. Er unterbreitet ihm ein Angebot. Er soll beim Imam der tschetschenischen Moschee drei Monate lang Kurse besuchen und ihm Fragen stellen, um alles über den Islam zu erfahren. Sollte er dann immer noch nach Syrien wollen, würde er ihn nicht aufhalten. Ahmad stimmt zu.
Der Imam wendet sich Ahmad mit großer Aufmerksamkeit zu. Es gelingt ihm mit Hilfe des Vaters, ihn zum Nachdenken zu bringen. Je mehr sich Ahmad vom IS abwendet, desto unerträglicher ist es für ihn, miterleben zu müssen, wie Jugendliche auf dessen Propaganda hereinfallen. Er beschließt, etwas zu unternehmen. Zusammen mit Jugendsozialarbeiter*innen, Islamwissenschaftlern und Filmemachern arbeitet er an einem Videoprojekt. Im Mittelpunkt steht die fiktive Figur Jamal al-Khatib, der dieselben Erfahrungen macht, wie so viele Jugendliche aus Tschetschenien, Syrien und Afghanistan. Die Videos schlagen ein wie eine Bombe. Tausende schauen sie sich an und schicken sie an ihre Freunde weiter.
Doch je erfolgreicher die Videos werden, desto bedrohlicher wird er für die Mitglieder der Salafisten-Szene, die bald herausfinden, wer dahintersteckt. Sie unterstellen Ahmad, ein Polizeispitzel zu sein, und er erhält Morddrohungen. Gleichzeitig wird er von Rechtsradikalen als Terrorist beschimpft und mit rassistischen Beleidigungen überhäuft. Einmal findet er sogar an seiner Eingangstür einen Zettel, auf dem steht: „Wir werden dich vergasen, wie damals die Juden!“ Er geht zur Polizei, um Anzeige zu erstatten, wird jedoch nicht ernst genommen.
Bewegen müssen sich alle
Beim Treffen eines tschetschenischen Kulturvereins mit Bezirks-politikern, Sozialarbeitern und der Polizei lernt Ahmad 2022 den Grätzlpolizisten Uwe kennen. Später treffen sich die beiden im Café Monika und diskutieren darüber, was sie für die Jugendlichen tun können. Ahmed kann Uwe davon überzeugen, dass TikTok das richtige Format ist, um Jugendliche zu erreichen. Das erste Versuchsvideo erhält sofort 70.000 Klicks. Als die Polizeidirektion davon erfährt, ist man dort alles andere als begeistert. Doch Uwe ist überzeugt von ihrem gemeinsamen Projekt. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Nach zahllosen Telefonaten gibt die Polizeidirektion schließlich grünes Licht.
Seit damals betreiben Ahmad und Uwe zusammen mit dem Sozialarbeiter Fabian Reicher und dem Videofilmer Christopher Glanzl einen überaus erfolgreichen TikTok-Kanal, dessen Videos 1,1 Millionen Likes erzielen. Hier bekommen junge Menschen Antworten auf ihre Fragen, wobei jede Frage erlaubt und keine zu blöd ist. Es ist ein Safe Space für Jugendliche, wo sie mit einem Vertreter der Staatsgewalt offen kommunizieren können, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen, und wo sie sich anonym beraten lassen können.
Je mehr Videos die beiden miteinander drehen, desto besser lernen sie sich kennen. Ahmad schätzt seinen Partner, der auch harte Auseinandersetzungen nicht scheut. Für ihn ist Uwe jedoch die Ausnahme, „das Einhorn der Wiener Polizei“, und sein Verhältnis zur Polizei bleibt gespalten. Zu gut erinnert er sich daran, wie demütigend es sich anfühlt, wegen seiner Herkunft und seines Aussehens ständig kontrolliert zu werden und mit rassistischen Sprüchen konfrontiert zu sein.
Ahmad und Uwe haben sich inzwischen daran gewöhnt, auf der Straße von Jugendlichen angesprochen und um Selfies gebeten zu werden. Anerkennung kommt manchmal auch von unerwarteter Seite, zum Beispiel, als ein älterer Herr im Café Monika sie anspricht und sagt: „Für mich seid ihr die ersten Kandidaten für den Friedensnobelpreis.“
Ahmads Geschichte zeigt, wie verletzend Kränkungen für junge Menschen sind, die ihnen durch den Rassismus zugefügt werden. Diese werden von kriminellen und terroristischen Gruppen ausgenützt, indem sie sagen: „Schau, wie man dich hasst, niemand mag dich, wir sind die einzigen, die auf deiner Seite stehen.“ Das Beispiel von Ahmad und Uwe zeigt aber auch, dass Verständigung und Verständnis auch zwischen Angehörigen vermeintlich gegnerischer Gruppen möglich sind, wenn man bereit ist, die eigene Sichtweise zu hinterfragen, die Erfahrungen des Anderen zu respektieren und einen Schritt aufeinander zuzugehen.
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Edith Meinhart: Cop und Che. Wie ein Tschetschene und ein Polizist zu TikTok-Stars wurden. Mandelbaum Verlag │ März 2024 │ ISBN: 978399136-042-1
https://www.mandelbaum.at/buecher/edith-meinhart/cop-und-che/
veröffentlicht in Talktogether Nr. 92/2025
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