Vom Warten, Bangen und Hoffen
Der lange Weg einer Familie bis zu ihrer Wiedervereinigung
TT: Kannst du uns schildern, wie es war, als du aus Afgha- nistan flüchten und deine Familie zurücklassen musstest?
Mehdi: Zuerst möchte ich etwas sagen. Ich glaube, man findet nicht einen einzigen Menschen, der ohne Grund sein Land ver- lässt, weil ein Land wie eine Mutter ist. Jetzt bin ich fast zwölf Jahre in Österreich, aber trotzdem vermisse ich meine Freunde in Afghanistan noch immer. Ja, in Österreich, besonders in Salz- burg, gefällt es mir gut, obwohl ich hier eine sehr, sehr schwie- rige Zeit durchgemacht habe. Ich durfte nicht arbeiten und musste die ganze Zeit in meinem Zimmer im Asylheim verbrin- gen, wo ich nur ein Bett und einen kleinen Kasten hatte. Aber das Land hat mich mit offenen Armen aufgenommen und mir ein neues Leben ermöglicht. Dafür bin ich Österreich dankbar. Das werde ich nie vergessen.
Ich habe, Gott sei Dank, viele sehr nette Freunde gefunden, im ABZ und durch den Verein der Talktogether. Als ich an Depres- sionen litt, haben sie mir wieder auf die Beine geholfen, so dass ich nicht in die Klinik musste. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Es ist sehr schwierig, neun Jahre von der Familie getrennt zu sein. Videochats oder Anrufe, das war alles. Die einzige Hoffnung war, dass die Internetverbindung funktioniert. Einen Tag nach- dem ich den Asylbescheid erhalten habe, bin ich beim Roten Kreuz in Salzburg vorstellig geworden und habe gebeten: Bitte helft mir, meine Familie herzuholen. Sie waren dort sehr freund- lich zu mir und haben gesagt: Wir unterstützen dich, aber bis deine Familie da ist, kann es drei Monate oder auch länger dau- ern. Tatsächlich waren es 14 Monate. Aber trotzdem, jetzt bin ich sehr froh, dass wir nun endlich wiedervereint sind.
TT: Du hast gesagt, dass du Depression gehabt hast. Das hat doch bestimmt damit zu tun gehabt, dass du dir um deine Fa- milie Sorgen gemacht hast, nicht wahr?
Mehdi: Das waren keine Sorgen, das war Angst. Depressionen kommen nicht ohne Grund. Aus Angst um meine Familie konnte ich in der Nacht nicht schlafen. Während der ganzen Zeit tobte in meiner Heimat Krieg, es gab Bombenschläge und Terror. Meine Familie konnte nicht einen Monat lang im selben Haus bleiben und musste alle 10 oder 20 Tage umziehen.
TT: Warum musste sie das Haus wechseln?
Mehdi: Sie musste das Haus wechseln, damit sie von den Tali- ban und dem Mann, mit dem ich Probleme gehabt habe, nicht gefunden werden. Meine Kinder konnten deshalb nicht in die Schule. Mortaza, mein ältester Sohn, hat sich Englisch und an- dere Fächer über das Internet selbst beigebracht, auch meine Tochter Sarah, die beiden jüngeren waren noch zu klein. Was es für mich noch schlimmer gemacht hat, war, dass ich den ganzen Tag nichts zu tun hatte. Jede Nacht bin ich automatisch um 3 Uhr wach geworden. Ich habe mir dann Frühstück gemacht und bin zu Fuß durch die ganze Stadt gegangen, damit mein Kopf ein bisschen frei wird. Trotzdem fühlte sich jede Minute an wie ein Jahr. Ständig gingen mir Fragen durch den Kopf: Ich habe kein Asyl, ich habe keinen Platz hier, was passiert mit mir, wenn ich abgeschoben werde? Was wird dann aus meiner Familie? Aber, wie schon gesagt, bin ich nicht zum Arzt gegangen, sondern meine Freunde haben mir aus der Depression geholfen.
TT: Du hast dich dann selbstständig gemacht ...
Mehdi: Ja, das war genau in dieser Zeit. Als ich einmal fix und fertig war, habe ich vor dem Bahnhof meinen Freund Andi ge- troffen. Wir haben miteinander ein bisschen Spaß gemacht, und dann hat mich Andi gefragt, ob ich Zeit habe. Ja, ich habe 24 Stunden Zeit, habe ich geantwortet. Ich bin mit ihm mitgegangen und wir haben in der ganzen Stadt und in der Umgebung Zeit- schriften, Programmhefte und Flyer verteilt. Am Ende unserer Runde hat Andi mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, diese Arbeit zu machen. Natürlich wollte ich das. Schon am nächsten Tag waren wir zusammen beim Magistrat, um uns zu erkundigen, ob es für mich als Asylwerber möglich ist, eine selbständige Tä- tigkeit aufzunehmen. Zum Glück hat die Dame Ja gesagt. Sie hat mir vieles erklärt, was ich damals nicht alles verstanden habe. So habe ich mich mit Andis Hilfe als Kleinunternehmer selbstbe- ständig gemacht. Wir haben mit allen Kultureinrichtungen in Salzburg zusammengearbeitet, dadurch habe ich viele Leute ken- nengelernt und mein Deutsch verbessert. Wenn ich heute in der Stadt spazieren gehe, treffe ich viele Leute, die mich aus dieser Zeit kennen und die mich grüßen und fragen, wie es mir geht.
TT: Also kann man sagen, dass es bei der Arbeit nicht in ers- ter Linie um das Geld gegangen ist, sondern dass sie dir see- lisch geholfen hat?
Mehdi: Ich habe damals nicht an Geld gedacht. Heute denke ich schon auch daran, das Leben zu genießen, aber damals ging es nur ums Überleben. Und wie meine Familie am Leben bleiben kann. Das ist der Unterschied zwischen damals und jetzt. Heute fühle ich mich sicher, meine Familie ist bei mir, meine Kinder sind brav und gehen in die Schule.
TT: Du arbeitest jetzt als O-Busfahrer. Wie gefällt dir diese Arbeit?
Mehdi: Ich bin sehr froh, dass ich diese Arbeit habe. Fast jeden Tag treffe ich Menschen, besonders ältere Menschen, die sich mit mir unterhalten wollen. Obwohl sie wissen, dass die Fahrkarte im Bus teurer ist als im Vorverkauf, kommen sie zu mir, um ein Ti- cket zu kaufen. Zuerst schauen sie, welcher Fahrer da ist, und wenn sie mich sehen, kommen sie und wir unterhalten uns. Das mag ich sehr, dadurch vergesse ich den Zeitdruck.
TT: Warum ist es wichtig, dass Asylberechtigte ihre Familie möglichst bald nach Österreich bringen können?
Mehdi: Meine Kinder sind doch die Zukunft Österreichs. Je frü- her sie hier zur Schule gehen, desto mehr können sie beitragen. Österreich braucht doch junge Menschen mit guter Ausbildung. Mein ältester Sohn war schon 15 Jahre alt, als er nach Österreich gekommen ist. In diesem Alter haben andere Kinder ihre Schul- ausbildung bereits abgeschlossen. Es war nicht leicht, einen Platz für ihn zu finden. Zum Glück konnte er am BFI den Pflichtschul- abschluss absolvieren. Wenn er früher hätte kommen können, wäre er heute schon weiter.
TT: Mortaza, du bist der Älteste, du hast wahrscheinlich am meisten mitbekommen. Wie war es für dich, als der Papa plötzlich weg war und ihr plötzlich allein wart?
Mortaza: Ich war damals sieben Jahr alt. Ich dachte, mein Vater ist in den Bazar gegangen und kommt am Abend wieder nach Hause. Aber er ist nicht zurückgekommen. Stattdessen hat er an- gerufen und gesagt, dass er an der Grenze ist und versuchen wird, irgendwie nach Europa zu kommen. Er hat mir aber versprochen, dass er uns immer unterstützen wird und wir eines Tages wieder zusammen sein werden. Ich habe ihm vertraut und vertraue ihm bis heute. Die Situation war für uns damals sehr schwierig. Meine Schwester und ich sollten eigentlich zur Schule, das war aber nicht möglich, weil wir alle zwei oder drei Wochen heimlich in der Nacht umziehen mussten. Bei uns gibt es einen schwarzen Vogel, von dem man glaubt, dass er eine gute Nachricht bringt. Jedes Mal, wenn wir diesen Vogel gesehen haben, haben wir ge- hofft, dass mein Papa anruft und uns mitteilt, dass er Asyl be- kommen hat. Das Warten auf die gute Nachricht hat sieben Jahre lang gedauert. Endlich, wir waren gerade beim Abendessen, hat er angerufen und gesagt, dass er Asyl in Österreich hat und wir bald wieder zusammen sein werden.
TT: Denkst du, dass es einfacher gewesen wäre, wenn du ein paar Jahre früher nach Österreich gekommen wärst?
Mortaza: Sicher. Wenn ich früher hierhergekommen wäre, könnte ich jetzt noch besser Deutsch und würde auch Dialekt ver- stehen. Als ich nach Österreich gekommen bin, war ich 15. Wir sind zu jeder Schule gegangen, doch überall wurde uns gesagt, leider, es ist zu spät. Zum Glück habe ich einen Platz am BFI Salzburg bekommen. Dort habe ich den Pflichtschulkurs nach neun Monaten erfolgreich mit sehr guten Noten abgeschlossen. Danach habe ich mein Zeugnis an die HTL geschickt, wo ich so- fort ohne Aufnahmsprüfung aufgenommen wurde.
TT: Was empfindest du für die Familien, die heute in so einer Situation sind wie ihr damals?
Mortaza: Ich habe großes Mitgefühl mit diesen Menschen, weil ich mich gut erinnere, wie es war, als ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Afghanistan jeden Tag auf eine gute Nachricht gewartet habe. Wenn ich an die Menschen denke, die jetzt in dieser Situation sind, hoffe ich, dass sie möglichst bald wieder zusammenkommen. Jedes Kind sollte außerdem das Recht haben, in die Schule zu gehen. Ich mag die Schule sehr. In Afghanistan konnte ich nicht in die Schule gehen, deshalb habe ich versucht, über das Handy zu lernen. In Afghanistan sind die Menschen sehr arm und ihnen fehlt das Geld für Kleider oder Schulsachen. Ich wünsche mir, dass die Situation in Afghanistan besser wird, damit auch die Kinder, die niemanden in Europa ha- ben, in die Schule gehen und in Sicherheit leben können.
TT: Fatima, wie ist es dir gegangen, als dein Mann plötzlich weg war und du mit den Kinder allein warst?
Fatima: Mein Mann hatte keine andere Wahl, als uns und das Land zu verlassen. Deshalb habe ich es als meine Pflicht angese- hen, so gut wie möglich weiterzuleben, stark zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben.
TT: Wie war es, als die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen haben?
Mehdi: Als ich davon erfahren habe, war ich gerade wegen mei- nes Interviews in Wien. Ich war nach der Befragung noch fix und fertig, als ich auf Facebook und in den Medien gesehen habe, was in Afghanistan passiert. Drei Tage lang hatte ich keinen Kontakt mit der Familie, ich bin fast verrückt geworden. Da habe ich einesehr dumme Sache gemacht. Ich habe ein Flasche Vodka gekauft und bin an einen Platz gegangen, an dem mich keiner sehen konnte. Ich habe die Flasche ausgetrunken und mein Handy ka- putt gemacht, damit ich nie wieder diese Nachrichten sehen muss. Nach 12 Stunden bin ich wieder zu mir gekommen. Ich weiß nicht, wie ich in meine Wohnung gekommen bin. Mein Mit- bewohner hat mich gefragt: Was ist los mit dir? Ich wusste nicht, was er meinte, denn meine Klamotten waren nicht schmutzig, doch mein Gesicht habe ich nicht gesehen. Zum Glück habe ich drei Tage später erfahren, dass meine Familie in Sicherheit ist, und einen Monat später habe ich Asyl bekommen.
TT: Fatima, was war für dich das schlimmste Erlebnis?
Fatima: Das Schlimmste war, als ich nach der Machtübernahme der Taliban am Flughafen in Kabul war. Es herrschte großes Ge- dränge. Tausende Menschen haben versucht, irgendwie in ein Flugzeug einzusteigen und das Land zu verlassen. Und dann ist eine Bombe explodiert. Panik ist ausgebrochen, ich habe meine Kinder verloren und stand plötzlich ganz allein da.
TT: Und was war dein schönstes Erlebnis?
Fatima: Als ich die Nachricht bekommen habe, dass mein Mann in Österreich Asyl bekommen hat. Das war der schönste Tag in meinem Leben. Ich hoffe, dass alle Familien, egal woher sie kommen, so schnell wie möglich zusammenkommen und mitei- nander in Frieden und Sicherheit leben können.
TT: Was sagst du zu Jugendlichen wie du, die ihre Chance hier in Österreich nicht nutzen?
Mortaza: Ich habe auch Freunde gehabt, die zu mir gesagt ha- ben, lass die Schule, komm mit, wir gehen spazieren oder Ziga- retten rauchen. Doch ich habe das abgelehnt. Ich möchte meine Chancen in Österreich so gut wie möglich nutzen, um mir hier eine gute Zukunft aufzubauen. Ich kann auch später spazieren ge- hen und chillen. Ich möchte die Zeit nutzten, denn was ich jetzt versäume, kann ich später nur sehr schwer nachholen. Und so versuche ich, von schlechten Freunde Abstand zu halten. Deshalb habe ich nicht viele Freunde, aber das ist für mich kein Problem.
TT: Mehdi, was würdest du anderen Eltern empfehlen?
Mehdi: Vater oder Mutter zu sein, ist keine einfache Aufgabe. Wenn ich mich dafür entscheide, Kinder zu haben, muss ich die Verantwortung für sie übernehmen. Die Kinder gehören nicht uns, sondern der ganzen Gesellschaft. Als meine Kinder nach Ös- terreich gekommen sind, war es nicht leicht für sie. Sie waren es gewohnt, immer in einer Wohnung eingesperrt zu sein, und hier hatten sie plötzlich die ganze Welt. Leider wissen viele junge Menschen nicht, was Demokratie und Freiheit bedeuten. Sie lernen über die sozialen Medien eine falsche Seite der Demokratie kennen. Demokratie bedeutet Respekt und Verantwortung. Wenn ich mit dem Bus unterwegs bin, sehe ich oft Jugendliche, die mit einer Flasche Bier vor dem Bahnhof stehen oder spät am Abend in der Stadt spazieren gehen. Es ist die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder zu fragen: Was hast du heute gemacht? Die Kinder sind sehr ehrlich. Sie erzählen, was sie gemacht haben. Wenn sie et- was Falsches getan haben, sollten die Eltern es ihnen langsam und ruhig erklären, aber nicht aggressiv sein, denn wenn die Kin- der Angst vor ihnen haben, fangen sie mit dem Lügen an. Es ist wichtig, dass die Kinder ihren Eltern vertrauen können und wis- sen, dass sie mit ihnen über alles reden können. Und dass sie zu Hause einen Platz haben, an dem sie sich geborgen fühlen.
veröffentlicht in Talktogether Nr. 92/2025
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