Interview mit Mayas Jahjah aus Syrien PDF Drucken E-Mail

Interview mit Mayas Jahjah aus Syrien

„Manche sehen nur mein Kopftuch. Sie sehen weder meine Erfolge noch meine Stärken, sondern nur das Kopftuch. Ich werde sofort in eine Schublade gesteckt. Aus deren Sicht werde ich immer die Unterdrückte und Ungebildete sein.“


TT: Wie alt warst du, als du Syrien verlassen musstest?

Mayas: Als der Krieg begonnen hat, war ich drei Jahre alt, als wir Syrien verlassen mussten, war ich fünf.

TT: Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Mayas: Ich komme aus der Stadt Homs, das war in diesem Krieg die gefährlichste und auch die am meisten zerstörte Stadt von ganz Syrien. Mein Vater hat dort als Rettungshelfer gearbeitet. Wenn ein Haus bombardiert worden ist, ist er mit seinen Kollegen hingegangen, um Überlebende aus den Trümmern zu bergen und Verletzte zu versorgen. Einmal, als die Menschen das Eid-Fest (Bayram) feierten, hat man einen Spielplatz für die Kinder errichtet, und dann haben wurde dieser bombardiert. Mein Vater, der hingegangen ist, um Menschen zu retten, hat dort die Leichenteile der Kinder gesehen, die überall verstreut waren. Nur ein paar Straßen weiter gab es eine Party, wo die Leute gefeiert haben, während die Kinder hier gestorben sind. Es sind oft Dinge in dieser Art passiert. Häufig sind Häuser in der Nähe unserer Wohnung bombardiert wurden, mein Vater wurde auch dreimal angeschossen. Ich habe viele Dinge gesehen, die ein Kind eigentlich nicht sehen sollte.

TT: Wann haben sich deine Eltern entschlossen, das Land zu verlassen?

Mayas: Irgendwann ist es ihnen einfach zu viel geworden. Mein Vater hat einen Rettungshubschrauber organisiert, der uns wegbringen sollte. Wir sind auf die Straße gerannt, um den Hubschrauber zu erreichen. Auf der Straße lagen überall Leichen. Als wir zum Hubschrauber rannten, bin ich über eine Leiche gestolpert und mit dem Kopf gegen einen Stein geprallt. Das sind Erlebnisse, die man niemals vergessen kann.

TT: Wie lange habt ihr gebraucht, um nach Österreich zu kommen?

Mayas: Zuerst sind wir nach Ägypten geflüchtet, dort konnten wir aber nicht bleiben. Nach ungefähr einem Monat sind wir weiter nach Libyen gefahren. Mein Großvater war früher Geschäftsmann und hat dort gelebt. Zu ihm sind wir geflüchtet und blieben ungefähr ein Jahr dort, bis dort ein weiterer Krieg angefangen hat. Da sahen wir keinen anderen Ausweg, als über das Mittelmeer zu flüchten. Vier Tage lang waren wir in einem überfüllten Boot am offenen Meer. Als die Leute am vierten Tag ein Flugzeug gesehen haben, haben sie mit ihren Handys geleuchtet und Hilferufe signalisiert. Dann wurden wir gerettet. In Italien waren wir einen Monat lang. Unser Plan, war nach Deutschland zu fahren, weil mein Opa eine Zeitlang dort gearbeitet hatte und das Land kannte. Wir wurden jedoch an der Grenze aufgehalten und hatten keine Energie mehr, noch weitere Anstrengungen zu unternehmen. So sind wir in Österreich geblieben.

TT: Was war das für ein Boot, mit dem ihr über das Meer gefahren seid? War es ein Schlauchboot?

Mayas: Nein, es war ein größeres Schiff, das für ungefähr 300 Personen geeignet war. Wir waren aber 1200 Personen auf diesem Schiff. In Libyen hat man hat uns in der Nacht mit einem Schlauchboot zu diesem Schiff gebracht. Weil es dunkel war, haben wir nicht gesehen, wie alt und desolat das Schiff war. Als wir einstiegen, mussten wir unser Gepäck und unser Essen ins Meer werfen. Später haben wir herausgefunden, dass der Kapitän des Schiffes gar kein richtiger Kapitän war, sondern selbst nur einen Weg gesucht hat, um nach Europa zu kommen. Auf dem Schiff hat es auch nichts zu essen gegeben. Wir hatten eine Dose Milchpulver dabei, davon haben wir uns vier Tage lang ernährt. Weil wir so großen Durst hatten, haben wir Meerwasser getrunken, doch das hat alles noch schlimmer gemacht. Bald haben wir auch festgestellt, dass das Schiff leck war und Wasser eingedrungen ist, so dass es sich nur noch im Kreis gedreht hat.

TT: Was ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Mayas: An den Kriegsausbruch in Libyen kann ich mich besser erinnern als an die Zeit in Syrien, weil ich da schon älter war. Was in Syrien passiert ist, weiß ich vor allem durch Erzählungen, aber es gibt Erlebnisse und Bilder, die sich in meinen Kopf eingebrannt haben. Am besten erinnere ich mich an den Tag, als Menschen gekommen sind, um uns aus dem sinkenden Schiff zu retten. Sie haben zuerst die Kinder, dann die Frauen und zum Schluss die Männer herausgeholt. Wir haben nicht einmal gewusst, ein welchem Land wir sind. Einige weigerten sich aber auszusteigen, weil sie nicht nach Italien wollten. Wir mussten zusehen, wie das Schiff gesunken und die Leute ertrunken sind.

TT: Wie hast du dich gefühlt, als ihr in Österreich angekommen seid?

Mayas: Obwohl ich noch die Last der Vergangenheit in mir trug, verspürte ich eine große Freude – endlich ein Neuanfang, endlich Frieden. Wir wohnten damals in Freistadt, einer kleinen Stadt in Oberösterreich. Als ich in den Kindergarten kam, wurde ich jedoch gemobbt. Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich dachte, mein Leben wird immer so sein, ich werde immer leiden müssen. Ich habe mich dann angestrengt, mich zu integrieren und die Sprache zu lernen. In der Schule ging es mir dann besser. Ich hatte eine nette Lehrerin, die mich sehr unterstützt hat.

TT: Wurdest du im Kindergarten von den anderen Kindern gemobbt, weil du nicht Deutsch konntest?

Mayas: Ja, und weil ich anders aussah als sie. Noch schlimmer war aber, dass auch die Kindergärtnerin gegen mich war, weil sie keine „ausländischen“ Kinder im Kindergarten haben wollte. Als meine Mutter sich über sie beschweren wollte, hat man ihr jedoch davon abgeraten und sie gewarnt. Aus Angst, Probleme zu bekommen und vielleicht sogar abgeschoben zu werden, hat sie nicht getraut, sich zu beschweren.

TT: Und in der Schule ist es dir dann besser gegangen?

Mayas: Ja, ich machte schnell Fortschritte und bekam bald bessere Noten als einige der österreichischen Schüler und Schülerinnen. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass ich das Doppelte leisten muss, um anerkannt zu werden, aber ich wollte es trotzdem unbedingt schaffen. Ich war schon damals eine sehr zielstrebige Person und wollte mein Ziel erreichen.

TT: Wie geht es dir heute?

Mayas: Ich habe gute Noten und fühle mich in der Schule wohl. Ich bin sehr aktiv und mache bei einem Theaterprojekt mit. Außerhalb der Schule erfahre ich schon öfter Diskriminierung und Rassismus. Leider gewöhnt man sich mit der Zeit daran. Am Anfang hat es wehgetan, wenn mich jemand beleidigt hat, aber mittlerweile fühle ich mich dadurch nicht mehr so verletzt. Letzte Woche ist ein Mann mit dem Fahrrad an mir vorbeigefahren und hat mit zugerufen: „Du deppertes Weib!“

TT: Weswegen wirst du beleidigt, wegen deines Kopftuchs?

Mayas: Ja, genau. Manche sehen nur mein Kopftuch. Sie sehen weder meine Erfolge noch meine Stärken, sondern nur das Kopftuch. Ich werde sofort in eine Schublade gesteckt. In deren Sicht werde ich immer die Unterdrückte und Ungebildete sein.

TT: Du machst bei Theaterprojekten mit und schreibst auch viel. Ist das deine Methode, die Erlebnisse zu verarbeiten?

Mayas: Ja, als ich zu schreiben angefangen habe, hat es mir tatsächlich geholfen, damit umzugehen, es war eine Art Therapie für mich. Ich habe aber auch immer gedacht, dass meine Erlebnisse eine Quelle der Inspiration sein könnten für andere Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Ich mochte anderen Flüchtlingen zeigen, dass man trotz aller Widrigkeiten seine Ziele erreichen kann. Ich möchte aber auch den Leuten hier in Österreich aufzeigen, wie es ist, Krieg und Flucht miterleben zu müssen. Vielleicht verstehen sie uns dann besser.

TT: Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Mayas: Ich wünsche mir, dass die Kinder mehr aufgeklärt werden, was Krieg und Flucht bedeuten, damit sie sich nicht mehr darüber lustig machen. Und dass man Kindern, die ohne Deutschkenntnisse hierherkommen, ein bisschen mehr Unterstützung anbietet.

TT: Welche Ziele hast du persönlich?

Mayas: Ich würde gerne meine Bücher herausbringen und plane, ein Drehbuch zu schreiben. Außerdem wäre ich gerne Chirurgin.

TT: Kannst du nachvollziehen, warum Menschen gegen Flüchtlinge sind?

Mayas: Ab und zu verstehe ich die Leute, die ausländerfeindliche Bemerkungen machen, schon. Aber da kommen wir wieder zum Schubladendenken. Wir sind alle Menschen mit unterschiedlichen Lebensumständen und Erfahrungen, man darf nicht alle in einen Topf werfen. Aber manchmal kann ich die Leute auch verstehen.

TT: Warum?

Mayas: Vielleicht haben sie negative Erfahrungen mit Menschen wie mir gemacht. Oder sie tragen einfach so viel Hass in sich und suchen einfach eine passende Person, an der sie ihn herauslassen können. Es ist einfacher, jemanden wie mich anzumotzen als einen Österreicher oder eine Österreicherin, die sich besser mit den Gesetzen auskennen und sich wehren kann.

TT: Du hast ein paar Mal über Integration gesprochen. Was bedeutet für dich, integriert zu sein?

Mayas: Früher dachte ich, Integration bedeutet, die eigene Identität aufzugeben. Das habe ich auch eine Zeitlang versucht. Doch dann habe ich erkannt, ich kann auch integriert sein, ohne meine Herkunft zu verleugnen. Ich habe versucht, die Sprache so gut wie möglich zu lernen, aber das ist nicht der Hauptpunkt. Es geht darum, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Das versuche ich, indem ich meine Bücher schreibe, indem ich singe, an einem Theaterprojekt teilnehme. Und wenn ich Migrationshintergrund habe, sollte ich das als Stärke betrachten. Trotz allem, was man erlebt hat, seine Ziele zu verfolgen und ein Teil der Gemeinschaft zu sein, das bedeutet für mich Integration.

TT: Was würdest du verändern, wenn du Politikerin wärst?

Mayas: Ich würde alles tun, um das Problem der Diskriminierung und des Rassismus zu beheben. Außerdem würde ich Menschen, die neu hier sind und noch keine Deutschkenntnisse haben, besser unterstützen, damit sie hier eine Chance bekommen.

TT: Die Sprache zu lernen ist, wichtig, aber was hältst du von Zwang und Strafen? Zum Beispiel, wenn man sagt, solange du nicht die B1-Prüfung bestanden hast, bekommst du keine Gemeindewohnung. Wie findest du das?

Mayas: Es gibt zwei Aspekte: Menschen, die sich hier eine Zukunft aufbauen wollen, sollten die Sprache lernen, es ist also in ihrem eigenen Interesse. Es gibt aber auch Menschen, die andere Sprachen sprechen, Englisch zum Beispiel. Darum finde ich solche Maßnahmen echt unfair. Wir haben an unserer Schule eine Spanisch-Lehrerin, die eine Deutschförderklasse unterrichtet. Selbstverständlich kann sie perfekt Deutsch, aber sie hat einen Akzent. Deswegen wird sie manchmal diskriminiert und ausgelacht, nicht nur von Schüler*innen, auch von anderen Lehrer*innen. Vor Kurzem habe ich ein Wahlplakat in Wien gesehen, auf dem steht „Deutsch ist Pflicht, Habibi“. Jeder weiß, dass Habibi ein arabisches Wort ist. Da wird arabischen Menschen generell unterstellt, nicht Deutsch lernen zu wollen, das finde ich sehr diskriminierend.

TT: Sind nur Österreicher*innen rassistisch?

Nein, überhaupt nicht, es gibt auch Syrer, die rassistisch sind, was mich sehr schockiert hat. Leider ist der Rassismus ein weitverbreitetes Problem.

TT: Was könnte man tun, um den Rassismus zu bekämpfen?

Mayas: Ich denke, Aufklärung ist das Wichtigste. Ich denke, manche Menschen sind diskriminierend, weil sie nicht verstehen, wie weh das tut.

TT: Vielen Dank für das Gespräch!

veröffentlicht in Talktogether Nr. 92/2025