Irak: Gespräch im Café Basra Drucken

Gespräch im Café Basra

Auch wenn jeden Tag gekämpft wird, gibt es doch Augenblicke, in denen sich die Leute begegnen. Schauplatz dieses Dialogs zwischen Abdallah und Paul ist das Café Basra in Bagdad. Abdallah spricht fließend Englisch und sucht eine Arbeit als Dolmetscher. Er trifft Paul, einen GI der US-Armee. Abdallah lädt Paul in das Café ein und es beginnt ein offenes Gespräch.

 

Paul: Was denken die Iraker über uns?

Abdallah: Die Frage lautet, was denkt ihr Amerikaner über uns?

Paul: Wir wissen nur, dass wir den Irakern geholfen und sie befreit haben, wir sind stolz auf unsere Leistung!

Abdallah: Seht ihr euch als Befreier? Seht ihr es als große Leistung an, was ihr uns angetan habt?

Paul: Ja, natürlich, siehst du das etwa nicht so?

Abdallah: Nein, viele Iraker sehen euch als Besatzungsmacht, aber nicht als Befreier. Wir denken, was ihr geleistet habt, ist ein Verbrechen. Und ihr glaubt, dass wir euch dafür dankbar sein sollen?

Paul: Siehst du nicht, Saddam ist weg und ihr habt bald eine Demokratie!

Abdallah: Saddam ist weg, aber was nach ihm gekommen ist, ist noch schlimmer und kann nicht als Demokratie bezeichnet werden. Saddam Hussein war ein Diktator und Unterdrücker. Aber während seiner Zeit haben wir nicht so viele Menschen an einem Tag begraben wie heute. Auch wenn Saddam seine Gegner grausam unterdrückte, war seine Regierung säkular und die Frauen hatten vor dem Gesetz dieselben Rechte, während sie heute vielerorts geschlagen werden, wenn sie auf die Straße gehen, ohne von Kopf bis zu den Zehen in einen schwarzen Umhang gehüllt zu sein. Auch waren damals die verschiedenen Religionsgemeinschaften respektiert und wurden von der Regierung geschützt. Wir haben gewusst, dass Saddam irgendwann verschwinden wird, durch einen Putsch oder ein Attentat. Wir haben gehofft, dass er krank wird und stirbt. Aber was sollen wir mit euch machen? Wir haben nichts, um gegen euch zu kämpfen, aber freiwillig werdet ihr den Irak nicht verlassen. Bevor ihr gekommen seid, gab es keine Terroristen im Irak, aber heute werden es immer mehr. Wir haben weder Autobomben noch Bombenanschläge gekannt. Jetzt erwartest du, dass die Iraker die Amerikaner als Freunde sehen?

Paul: Wir wollen doch nur die Welt vor dem Terrorismus beschützen und die Welt demokratisieren.

Abdallah: Was verstehst du unter Demokratie?

Paul: Schau her, Amerika ist das demokratischste Land, das ich mir vorstellen kann. In unserem Land leben so viele unterschiedliche Menschen, jeder hat das Recht, seinen Lebensstil zu leben und seine Meinung zu äußern. Ist das nicht schön?

Abdallah: Ja, richtig, dass jeder in Freiheit leben und seine Meinung sagen kann, das wünschen sich auch die meisten Menschen hier. Euer Volk hat für seine Freiheit und Unabhängigkeit gekämpft. Aber kann man durch Unterdrückung und Zwang Demokratie schaffen? Wir haben keine Grenze mit euch. Millionen Male seid ihr geflogen, um Kinder, Frauen und unschuldige Männer zu töten. Bist du darauf stolz?

Paul: Ich bin Soldat und erfülle meine Pflicht. du hättest auch für dein Land gekämpft, oder?

Abdallah: Vielleicht ja, aber ich wäre nie nach Amerika geflogen, um dort lebende Menschen zu töten, die uns nichts getan haben.

Paul: Ohne uns hättet ihr es nicht geschafft, Saddam zu entmachten. Er hatte gefährliche Massenvernichtungswaffen versteckt. Diese Waffnen müssen wir finden!

Abdallah: Schau, ein Irrtum hat dich hierher geführt. Man hat dir gesagt, dass du die Iraker befreist, du hast es geglaubt. Als man dir sagte, du sollst sie erschießen bevor sie dich umbringen, hast du es akzeptiert, ohne zu hinterfragen. Hast du dich nie gefragt, warum die Kinder und Frauen dich hassen? Ihr habt nicht hinterfragt, warum eure Politiker nicht ihre eigenen Kinder in den Irak geschickt haben, und stattdessen euch schicken. Weil ihr keine Arbeit habt und eure Eltern kein Geld haben, schicken sie euch auf die Schlachtbank. Viele von euch haben erst jetzt die Wahrheit erfahren und weigern sich, in den Irak zu kommen: Manche kehren auch von ihrem Heimurlaub nicht mehr zurück, denn sie haben alles mit eigenen Augen gesehen und erlebt, wie die sogenannten Befreier töten, foltern, festnehmen und die Menschen demütigen. Hast du nicht gehört, was in Abu Ghraib geschehen ist und was tagtäglich mit den Gefangenen in Guantanamo passiert, die dort schon Jahre lang ohne Gerichtsverfahren eingesperrt sind? Die meisten Iraker würden lieber sterben als in ein amerikanisches  Gefängnis zu kommen!

Paul:  Ich bin ein amerikanischer Soldat und ich tue meine Pflicht. Ich mache alles, was ich für mein Land tun muss. Die nicht mitmachen und desertieren, sind meiner Meinung nach Feiglinge!

Abdallah: Du bist ein Soldat, der umsonst sein Leben riskiert! Man will dein Blut für Öl opfern! Was hast du davon, wenn du heute hier stirbst, was haben deine Eltern davon?

Paul: Was ist mit Al Qaida und den Terroristen, die unsere Bevölkerung dauernd Angst machen? Sollen wir vielleicht tatenlos zuschauen? Nein, wir werden das nicht zulassen, dass die Terroristen unser Land und unsere Kultur zerstören!

Abdallah: Bevor euer Präsident Afghanistan angegriffen hat, gab es Terroristen in Afghanistan, die „Taliban“. Nur sehr wenige Menschen hatten Sympathie mit ihnen, aber heute gibt es doppelt so viele wie damals. Die Terroristen profitieren von euren Fehlern und gewinnen jeden Tag neue Anhänger. Viele Menschen fragen sich: „Wer hat die Amerikaner überhaupt beauftragt, Weltpolizei zu spielen?

Paul: Wir Amerikaner haben immer eine wichtige Rolle in der Weltpolitik gespielt. Wir haben den Zweiten Weltkrieg zu einem Ende gebracht und die Menschen von Hitler befreit. Heute ist es nicht anders: Wir haben euch befreit, und wir werden weiter für die Demokratie kämpfen, und gegen die, die mit Massenvernichtungswaffen unsere Sicherheit bedrohen.

Abdallah: Damals waren es nicht nur die Amerikaner, auch andere Länder haben am Krieg gegen Hitler teilgenommen wie die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien. Es muss auch erwähnt werden, dass Frankreich und Russland geographisch gesehen zum Irak näher liegen als Amerika, nun frage ich mich: Was ist das für eine Angst, die Ihr habt, die Franzosen und Russen aber nicht?

Paul: Ich kann nur für die Amerikaner sprechen und nicht für die anderen.

Abdallah: Du hast die Massenvernichtungswaffen erwähnt. Meinst du, dass die Amerikaner gegen diese Waffen sind? Das ist unglaubwürdig! Hast du dich mal gefragt, wo und von wem die gefährlichsten Waffen der Welt produziert werden? Von den Irakern, den Koreanern oder den Amerikanern? Wer hat Hiroshima und Nagasaki bombardiert, die Iraker, die Iraner oder die Koreaner?!! Eure regierende Klasse will die Völker der Welt spalten und gegeneinander aufhetzen. Das halte ich für einen Angriff gegen Demokratie und Völkerrecht. Das schadet auch eurem Volk. Wenn Amerikaner in andere Länder reisen, werden sie von vielen als Feinde angesehen. In Wahrheit bist du weder hier, um dem amerikanischen noch um dem irakischen Volk zu helfen. Du bist hier, damit die Ölfirmen im Irak den Ölhahn auf- und zudrehen können und zwar mit beiden Händen. Ist das die Demokratie, die Bush meint, wenn unser Reichtum von fremden Mächten ausgebeutet wird? Nein, das ist nicht Demokratie, sondern Raub.

Paul: Das ist doch nur Propaganda, die von unseren Feinden verbreitet wird. Unsere Politiker arbeiten für nur für die Menschen in unserem Land und die Sicherheit der Welt. Wir werden alle Diktatoren der Welt stürzen und dafür sorgen, dass überall Frieden und Freiheit herrscht, du wirst schon sehen!

Abdallah: Ihr habt vielleicht einen Diktator gestürzt, doch stattdessen viele korrupten Verbrecher eingesetzt, die euch dienen. Ich bin nicht euer Feind, ihr habt hausgemachte Feinde. Ich bin nur gegen eure Politik. Ich bin dagegen, dass eure Regierung ihre Macht missbraucht und gegen die Arroganz, mit der sie mit dem Rest der Weltbevölkerungen umgeht. Das empfinden viele Menschen auf der ganzen Welt unerträglich

Paul: Wir wollen doch die Menschen nicht unterdrücken, sondern ihnen helfen. Wir sind doch das einzige Land, das diese Aufgabe erfüllen will und kann!

Abdallah: Ich denke nicht, dass sich deshalb die Notwendigkeit ergibt, dass eine Macht die Welt wie ein Dorf behandelt. Demokratie bedeutet auch, die Regeln und die Ordnung anderer Länder zu akzeptieren. Was die amerikanische Regierung macht, ist aber das  Gegenteil von Demokratie. Wir Menschen brauchen alle Frieden, aber wir brauchen keinen Frieden, der nur von einer Seite und von einer Hand gesteuert wird. Die amerikanischen Politiker wollen ihre Interessen durchsetzen. Sie hören nicht darauf, was andere Völker verlangen und nicht einmal auf ihre eigene Bevölkerung. Sie wollen, dass jeder ihre Spielregeln akzeptiert und jeder tut, was sie sagen. Die ganze Welt ist damals auf Demonstrationen gegangen, um den Krieg zu verhindern, auch viele Politiker haben Bush und seine Administration gewarnt, aber sie haben alle Warnungen ignoriert. Erst heute, wo so viele Menschen gestorben sind, wo das irakische Volk gespalten und zerrüttet ist und wo sich die Zahl der Terroristen vervielfacht hat, denken sie darüber nach.

Paul: Was sollen wir tun, hätten wir warten sollen, bis die Terroristen die Welt zerstören?

Abdallah: An deiner Stelle würde ich ein paar Wochen Urlaub nehmen und über die Sache nachdenken. Wenn du in Frieden schläfst und aufstehst, dann weißt du, dass sich alle Menschen wünschen, am Abend in Frieden ins Bett zu gehen und am Morgen im Frieden aufzustehen.

erschienen in: Talktogether Nr. 13/2005