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Gespräch mit Hodan Hashi

TT: Kannst du dich erinnern, wie es war, als du nach Österreich gekommen bist?

Hodan: Ich war fünf. Eigentlich habe ich es am Anfang gar nicht so realisiert, dass ich in einem anderen Land bin. Der erste Winter war für mich etwas ganz Neues. Ich habe geweint, weil es so kalt war. In der Schule habe ich dann bemerkt, dass es da einen Unterschied gibt. Das war keine schöne Zeit für mich. Erstens war da die Sprachbarriere: Du hast im Kopf das Gefühl, ich will reden, aber du weißt nicht, wie du es ausdrücken kannst. Zweitens das Aussehen: Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich anders bin. Wenn wir in der Schule einen Ausflug gemacht haben, mussten wir uns in Zweierreihe aufstellen und uns an den Händen halten. Niemand wollte mein Partner sein. Die Lehrerin hat dann irgendwen geschnappt und zu mir gestellt. Einmal hat ein Junge gesagt: „Ich will nicht die Hand von Hodan halten, die sieht aus wie Gacke.“ Das war das erste Mal, dass ich erfahren habe, wie weh Rassismus tut. Das sind Erinnerungen, die man nicht verdrängen kann, aber man wächst darüber hinweg.

TT: Hast du dann gelernt, dich zu wehren?

Hodan: Ein Jahr habe ich gebraucht, die Sprache zu lernen, dann konnte ich sagen: Das will ich nicht. Aber gegen die Angriffe konnte ich mich trotzdem nicht wehren, weil die Lehrer*innen mir nicht zur Seite gestanden sind. Du wirst schnell als Problemfall abgestempelt, als Flüchtlingskind, das einen Schaden hat. Ein Bub hat mich geärgert und dann zur Lehrerin gesagt: „Die Hodan hat mich angebrüllt“ oder, „sie hat mich geschubst.“ Sie hat aber nicht gesehen, dass er mich zuvor an den Haaren gezogen oder geschubst hat. Er konnte sich halt besser ausdrücken als ich. Die Lehrerin war dann auf seiner Seite und ich dachte, sie will mir ja gar nicht helfen. Ich habe dann gar nichts mehr gesagt und die Angriffe drei Jahre lang über mich ergehen lassen.

Dann bin ich in die Hauptschule gekommen, da war es genauso. Dann ist auch noch das Kopftuch dazu gekommen, mit dem ich riesige Probleme gehabt habe. Da habe ich aber dann meine Stimme gefunden. Da hat es mir gereicht, und wenn mich jemand blöd angeredet hat, habe ich blöd zurück geredet. Doch manchmal hat es mir sogar noch als Erwachsene die Sprache verschlagen. Zum Beispiel als ich in die Maturaklasse kam. Obwohl mein Name auf der Liste stand, hat ein Lehrer zu mir gesagt: „Was machen Sie hier? Deutsch für Anfänger ist auf der anderen Seite des Ganges.“ Dass ein Professor so etwas zu mir sagt, damit habe ich nicht gerechnet. Das war ein Schlag ins Gesicht, eine Demütigung, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte.

TT: Wie bist du zu deinem jetzigen Beruf gekommen? Warum hast du dich dafür entschieden?

Hodan: Eigentlich wollte ich Apothekerin werden, das war mein Traumberuf. Ich habe dann eine Lehrstelle gesucht, aber es hat leider nie geklappt. Die meisten waren ehrlich und haben gesagt, dass sie mich aufgrund des Kopftuchs nicht nehmen wollen. Es gab aber auch welche, die mich gar nicht ernst genommen und einfach nur gesagt haben: Wir brauchen keine Putzfrau.

TT: Warum ist dir das Kopftuch so wichtig?

Hodan: Am Anfang wollte ich es eigentlich nicht, aber nachdem ich mehr mit meinem Glauben auseinandergesetzt habe, habe ich erkannt, dass es mehr ist als nur ein Stück Stoff. Für mich ist es schon wie ein Körperteil geworden, den ich nicht absetzen kann oder will, es gehört einfach zu mir.

TT: Es hat dich niemand dazu gedrängt, es zu tragen?

Hodan: Nein. Meine Mutter hat es mir aufgesetzt und gesagt, ich soll es ausprobieren. Sie hat mir die Wahl gelassen, aber mir war schon klar, dass es sie sehr enttäuscht hätte, wenn ich es abgelehnt hätte.

TT: Aber ist das nicht auch Druck, wenn die Familie oder die Community von dir erwartet, das Kopftuch zu tragen?

Hodan: Ja sicher. Die meisten Mädels tragen es auch nur deshalb. Sie finden den Klickpunkt nicht, an dem sie sich eigenständig entscheiden, wie sie ihr Leben führen wollen. Wenn du den aber einmal gefunden hast und mit dir selbst in Frieden lebst, kannst du auf Angriffe gelassener reagieren.

TT: Aber es ist wahrscheinlich auch nicht so leicht, zu ertragen, wenn die anderen über dich schlecht reden …

Hodan: Ich mag es, zu diskutieren und meine Meinung zu sagen. Würde ich das Kopftuch nicht tragen, wäre es mir auch egal, was die Leute von mir denken. Ich werde ja trotzdem von vielen meiner Landsleute komisch angeschaut: Ich gehe arbeiten, ich habe meine eigene Meinung, ich bin offen und ich lasse mir nichts aufdrücken, ich trage meistens Hosen und keine langen Röcke. Es würde sich nicht viel so viel ändern, wenn ich das Kopftuch nicht tragen würde.

TT: Was sagen die Leute, die dich wegen des Tuchs kritisieren?

Hodan: Wenn ich sage, dass es meine Wahl ist, das Kopftuch zu tragen, meinen manche, damit werfe ich die Frauenbewegung um 100 Jahre zurück. Darauf antworte ich: Es ist heute mein Kampf, mit dem Tuch als gleichberechtigte Frau angesehen zu werden. Warum kann ich nicht schlau sein und ein Kopftuch tragen? Das müsste kein Thema sein, wenn man die Menschen einfach so leben lassen würde, wie sie sind, egal ob jemand homosexuell, transsexuell oder was auch immer ist. Ich lasse dich so leben, wie du willst, also lass mich bitte auch so leben, wie ich es selbst für mich entschieden habe.

TT: Was ist schlimmer, wenn dir jemand verbietet, das Kopftuch zu tragen, oder wenn dich jemand dazu zwingt?

Hodan: Ich würde sagen, im Jahr 2020 dürfte das eigentlich kein Thema sein. Beides ist meiner Meinung nach falsch, den Frauen das Kopftuch aufzuzwingen oder es ihnen zu verbieten. Wer mir verbieten will, das Kopftuch zu zwingen, unterscheidet sich nicht von den Leuten in meiner Heimat, die alles zerstören und den Menschen ihre Ideologie aufdrücken.

TT: Was hast du getan, nachdem sie dich in der Apotheke abgelehnt haben?

Hodan: Ich habe dann eine Lehrstelle in einem Reformhaus bekommen. Weil das auch mit Gesundheit zu tun hat, war das eine gute Alternative für mich. Nebenbei habe ich auch angefangen für die Matura zu lernen, das war mir aber dann zu viel und ich habe aufgehört. Ich habe dann meinen Lehrabschluss als eine der besten in meiner Klasse gemacht, wenn nicht als beste. Ich werde sicher auch noch die Matura machen, aber ich habe ja noch Zeit, ich bin ja noch jung.

TT: Du bist jetzt stellvertretende Geschäftsführerin. Wie geht es dir an deinem jetzigen Arbeitsplatz?

Hodan: Am Anfang haben mich die Kunden schon komisch geschaut, aber mit der Zeit kennen sie dein Gesicht und gewöhnen sich daran. Viele sind aber überrascht, wenn sie nach der Geschäftsleitung fragen und dann die kleine Hodan aus dem Büro kommt. Ihr Gesichtsausdruck variiert von erstaunt, verärgert bis zu geschockt. Manche sagen sogar: „Holen Sie jetzt bitte die echte Geschäftsleitung“ oder gehen einfach weg. Meistens mache ich die Bestellung per Computer oder am Telefon, da merken sie nichts, dann ich habe ja keinen Akzent. Und dann kommt jemand von den Firmen am Ende des Jahres und will mit mir, der Frau Hashi, sprechen. Wenn sie mich dann sehen, sind sie dann sehr erstaunt, das ist manchmal lustig zu beobachten. Seit ich hier arbeite, wurden weitere Mitarbeiterinnen mit Kopftüchern eingestellt. Die Firma hat gute Erfahrungen mit mir gemacht, weil ich pünktlich bin und meine Arbeit gut mache.

TT: Welche Vorurteile gehen dir am meisten auf die Nerven?

Hodan: Die kann kein Deutsch, die wurde gezwungen, das Kopftuch zu tragen, Afrikaner sind faul … aber mit diesen Vorurteilen kann man leben, damit lernt, damit umzugehen.

TT: Wie kann man sich gegen Rassismus wehren?

Hodan: Wenn ich sehe, dass ich einen radikalen Rassisten – z.B. einen Skinhead – vor mir habe, der auf Streit oder eine körperliche Auseinandersetzung aus ist, würde ich nichts sagen. Aber wenn jemand einen blöden Witz reißt, weise ich diese Person darauf hin. Ich hatte einmal eine Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen. Wir hatten eine neue Mitarbeiterin, die gerade eingelernt wurde. Er hat sie nur von hinten gesehen und mit mir verwechselt. Dann hat er zu mir gesagt: „Hodan, ich habe gedacht, das bist du, nur richtig gewaschen.“ So etwas, finde ich, geht gar nicht. Ich habe zu ihm gesagt: „Du weißt schon, dass der Witz rassistisch war? Das ist verletzend, so etwas darfst du nicht sagen. Ich kann mich wehren, aber andere können das vielleicht nicht“. Er hat sich dann herausgeredet und gesagt, „das habe ich doch nicht so gemeint.“

TT: Welchen Rat würdest du Frauen, die neu hier in Österreich sind, geben?

Hodan: Pass dich so schnell wie möglich an und suche Kontakt. Wenn du immer nur mit Leuten aus der eigenen Community zusammen bist, wirst du die Sprache nicht schnell lernen und wie es hier läuft. Zum Beispiel, dass man die Leute zuerst aus dem Bus einsteigen lässt, bevor man einsteigt.

TT: Es ist interessant, das aus deinem Mund zu hören! Hast du dich denn angepasst?

Hodan: Am Anfang schon. Jetzt habe ich meinen eigenen Weg gefunden und muss das nicht mehr. Unter Anpassung verstehe ich aber nicht, sich selbst aufzugeben oder die eigene Kultur zu verleugnen. Du solltest einfach nur offen sein und einen Blick darauf haben, wie sich die Leute um dich herum benehmen.

TT: Du hast dich durch Rassismus und Vorurteile nicht entmutigen lassen? Was oder wer hat dir dabei geholfen?

Hodan: Das war meine Mama. Sie hat immer gesagt: Ich weiß, dass es schwer ist, ich weiß, dass es weh tut, aber lass dich nicht unterkriegen, du kannst alles schaffen. Sie wusste, dass es mich mehr trifft als andere. Ich habe zwar nach außen hin ein starkes Auftreten, aber innerlich bin ich sehr verletzlich. Meine Mama hat mir immer Mut zugesprochen. Es ist sehr wichtig, dass du jemanden hast, der dir Rückhalt gibt.

TT: Hat sich seit deiner Schulzeit etwas verändert?

Hodan: Ja, ich glaube, heute gibt es in den Schulen kaum mehr Rassismus. Die meisten Rapper sind farbige Menschen, die meisten Fußballstars sind schwarz, als ich klein war, gab es aber fast nur weiße Vorbilder. Ich habe einmal eine meiner Nachhilfeschülerinnen gefragt, ob es in ihrer Schule Rassismus gibt, und die hat mir erzählt, dass die „Nicht-Ausländer“ sogar versuchen, die Sprache der „Ausländer“ zu imitieren. Sie sagen zum Beispiel „Mashallah“ – viele Rapper stammen ja aus der Türkei oder aus dem arabischen Raum. Ich habe auch mit einem Mädchen gelernt, das ins Akademische Gymnasium geht. Sie hat erzählt, dass Schüler*innen mit Migrationshintergrund dort zwar in der Minderheit sind, aber dass die meisten dort sehr offen sind. Manche haben Eltern, die zwei Frauen sind, manche haben Eltern, die zwei Männer sind … Wow, cool, dachte ich, da hat sich wirklich etwas verändert.

TT: Wenn man über somalische Frauen redet, denkt man gleich an Beschneidung. Was denkst du darüber?

Hodan: Beschneidung geht gar nicht. An kleinen Kindern herumzuschnipseln, die sich nicht wehren können, das ist Misshandlung. In Somalia ist ein Großteil der Frauen beschnitten. Das passiert eher in bildungsfernen Gesellschaften, denn auch in Somalia gibt es viele, die gegen diese Praxis kämpfen. Es hat nichts mit Religion zu tun, es ist einfach nur Unterdrückung und Hass auf den weiblichen Körper. Ich arbeite auch an einer Kampagne gegen FGM mit, das von der Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer initiiert wurde. Es kommt immer noch vor, dass Kinder in den Ferien in Afrika beschnitten werden. Das ist jedoch verboten und wird streng bestraft. Wenn der Verdacht besteht, dass ein Mädchen beschnitten worden ist, werden die Eltern vorgeladen und das Kind wird untersucht. Wenn sich herausstellt, dass das Mädchen beschnitten wurde, droht eine Strafe von bis zu fünf Jahren Gefängnis, je nachdem wie schlimm der Eingriff ist.

TT: Wenn du heute nach Österreich kommen würdest, würdest du heute etwas anders machen?

Hodan: Ich würde versuchen, mir die rassistischen Angriffe nicht so nah ans Herz kommen zu lassen. Der Rassismus in der Schule war ein richtiges Trauma für mich. Vor allem hat es mich verletzt, dass die Erwachsenen mir nicht geholfen haben. Sie müssen ja gesehen haben, dass man mich an den Haaren gezogen oder mir Kaugummi in die Haare geklebt hat, nur weil meine Haare anders waren als ihre. Erst in der Hauptschule ist einem Lehrer aufgefallen, dass es mir nicht gut geht, und der hat mir empfohlen zum Vertrauenslehrer zu gehen. Aber rückblickend kann ich sagen, dass es auch etwas Gutes hat, diese Erfahrungen gemacht zu haben, denn sie haben meinen Charakter gestärkt.


erschienen in Talktogether Nr. 71/2020