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ACHTUNG: Waffen sind kein Spielzeug!

von Warsame Ahmed Amalle

Als ich in die Schule ging, habe ich Waffen weder auf den Straßen noch in Geschäften gesehen. Polizisten trugen damals nur kleine Schlagstöcke. Heute weiß ich, damals herrschte Frieden. Nur bei der Militärparade am 21.Oktober, dem Geburtstag der Revolution, präsentierte die Regierung alle Arten von Waffen, die sie gekauft hatte. Jedes Jahr an diesem Tag sah ich bewaffnete Soldaten, Panzer, Flugzeuge und alles, was man für den Krieg braucht. Unser Volk sollte sich freuen, so eine mächtige Armee zu haben. Wir sollten stolz auf unseren General und ihm dankbar sein. Überall gab es Plakate mit Bildern von ihm und seinem Team, auf dem stand: „Es lebe unser General“.

Der bekannte somalische Schriftsteller Nuruddin Farah schrieb ironisch in seinem Roman „Bruder Zwilling“: „Es gibt keinen General, außer unserem General.“ Normalerweise sagen Muslime: Es gibt keinen Gott außer Allah. So ein Lob hatte unser General von uns bekommen! Aber was hat er uns hinterlassen? Jede Person, die mit der Regierungsarbeit unzufrieden war oder eine andere Meinung hatte, wurde als „dib u socod iyo kacaandiidbezeichnet – als Reaktionär und Feind der Revolution. Pfui, welche Schande!

Unser General war am 21. Oktober 1969 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen. Am Anfang brachte die Revolution viel Fortschritt für das Volk: Es wurden Straßen, Schulen und Krankenhäuser gebaut, und für alles, was im Land wuchs, gab es die passende Fabrik, um die Produkte zu verarbeiten. Das Land produzierte genug Baumwolle, um Uniformen für das Militär, die ArbeiterInnen und Schüler*innen zu erzeugen. Es wuchs genug Getreide und Früchte, um die eine Hälfte im Inland zu verbrauchen und die andere Hälfte zu exportieren.

Die Somali Fruit Agency war für den Export zuständig. Viele arabische Länder liebten das Fleisch und die Früchte aus unserem Land. So gab es eine Abmachung zwischen der Regierung des Irak und unserer, die regelte, dass wir billiges Öl aus dem Irak bekamen im Austausch für Getreide, Früchte und Vieh. Ich erinnere mich, dass die Ölraffinerie „Irak-Soma“ im Süden unseres Bezirks nachts immer hell leuchtete, während die Schiffe Bananen, Papaya, Grapefruits und andere Früchte in den Irak brachten. Das Land produzierte und exportierte, die Wirtschaft wuchs, die innere Sicherheit war stabil, was braucht man noch mehr? Unser General ist einzige, der in Afrika so etwas zustande bringt, sangen wir in Lobliedern: “Nolow Siyaad nolow – es lebe Siyad!“ Diese Euphorie dauerte zehn Jahre lang.

Doch dann ging es – mit dem Krieg gegen unser Nachbarland Äthiopien und den Putschversuchen der Generäle – langsam begab. Mit der Zeit stellten wir fest, dass weniger Waren auf den Markt kamen, und wir lernten, was „Suuqa madoow“ (Schwarzmarkt) bedeutet. Die Produkte, die wir früher auf dem Markt kaufen konnten, waren nur noch schwer erhältlich. Es herrschten Lebensmittelknappheit und Trinkwassermangel. Jeden Tag ging der Strom aus, und zwar in der gesamten Hauptstadt außer in jenen Bezirken, in dem die Militäroffiziere, hohen Beamten sowie die Parteikader wohnten. Die Kader der „Revolutionär-kommunistischen Partei Somalias“ gehörten neben Regierungsmitgliedern und Generälen zu den mächtigsten Organen der Republik. Ihre Aufgabe war es, der Bevölkerung die Parolen und Richtlinien des Generals mit Propaganda und Zwang einzuimpfen.

Um seine Macht zu sichern, vergab der Präsident alle wichtigen Posten an Angehörige des eigenen Clans. Sie und ihre Freunde hatten das Privileg, die Reichtümer des Landes zu exportieren und Waren zu importieren. Die Einnahmen daraus flossen in die Taschen von Privatpersonen oder ins Militär. Irgendwann importierten sie immer mehr, exportierten aber fast nichts mehr. Die Korruption war allgegenwärtig. Wer einen Pass brauchte, musste entweder jemandem im Amt haben oder Schmiergeld zahlen. Mit der Zeit wurde ein Teil der Bevölkerung immer ärmer und war korrupten Beamten und Richtern schutzlos ausgeliefert, während der andere immer reicher und mächtiger wurde. Aber dem Regierungsclan war egal, wie es dem Volk ging. Statt gegen Hungersnot und Gewalt zu kämpfen, bereiteten sie sich für einen Krieg vor und investierten in Waffen. Die zunehmende Ungerechtigkeit nahm der Bevölkerung die Angst. Die Menschen gingen auf die Straße, ähnlich, wie wir es heute in Weißrussland sehen. Die Regierung reagierte aber noch viel brutaler als Lukaschenkos Regierung. Die Demos in Mogadischu dauerten nur ein paar Tage, aber es gab unzähligen Tote.

So lernte ich die Waffen kennen!

Die Polizei war nicht mehr mit Schlagstöcken bewaffnet, sondern trug Maschinenpistolen. Das Militär, das wir zuvor nie in der Stadt gesehen hatten, war überall präsent, und zwar mit den Waffen, von denen man uns erzählt hatte, dass sie uns vor unseren Feinden beschützen sollten. Die Clanführer, die sich von der Regierung benachteiligt fühlten, sammelten Geld, um Waffen zu kaufen, und gründeten Kriegsvereine. Es roch nach Krieg. Obwohl jede Gruppe „Somalia“ auf ihr Namensschild schrieb, waren es Clanvereine, die nur ein Ziel hatten, die Regierung zu stürzen. Die Einheit der Republik war zerstört. Der mächtigste Mann, der zwanzig Jahre lang die Republik geführt und von allen geliebt worden war, unser General, musste aus dem Land fliehen. Was für ein undankbares Volk, soll er auf der Flucht gesagt haben. Doch was hat er uns hinterlassen, und was kam nach ihm?

Überall herrschten Chaos, Gewalt und Angst. Jeder der Kriegstreiber beanspruchte den Präsidentenstuhl für sich selbst. Die Kriegsvereine kämpften gegeneinander, wer über friedlichen Dialog sprach, wurde beseitigt. Die Kolonialherrschaft hatte Somalia und andere afrikanische Länder geographisch aufgeteilt, aber die Machtgier Siyaad Barres hat das somalische Volk so tief gespalten, dass eine Einigung der Nation fast unmöglich ist. So könnte man sagen, dass er der beste und gleichzeitig der gefährlichste Präsident war, den Somalia jemals hatte.

Was danach geschah, wissen wir, aber manche wissen nicht, wie viele Waffen er in Mogadischu und Umgebung hinterlassen hatte. Die Waffenlager fielen in die Hände der Clans, und so brach die Gewalt aus. Das Land wurde zum Kriegsfeld. Plötzlich trug fast jeder Mann auf der Straße eine Waffe. Wer früher Obst und Gemüse verkaufte, bot nun Waffen an. Ein Gewehr, das früher den Wert von zehn Kamelen hatte, war billiger als ein Kamel und Munition billiger als ein Liter Kamelmilch. Auch die mächtigsten Clanchefs verloren die Kontrolle über die bewaffneten jungen Männer. Schulen, Krankenhäuser, Theater und andere Einrichtungen wurden zerstört und geplündert, weil sie als Besitz eines Ministers und dessen Clan betrachtet wurden.

Hätte die Regierung statt in Waffen in die Landwirtschaft und die Industrie statt in die Armee investiert, hätte die Gewalt in Somalia nicht so lange angedauert. Wenn ich nun lese, dass in Ländern wie Brasilien und den USA jeder Mann und jede Frau eine Waffe kaufen kann, denke ich: Je weiter weg die Waffen von dir sind, desto weiter ist auch die Gewalt von dir entfernt.


veröffentlicht in Talktogether Nr. 74/2020