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Gespräch mit
Adis Šerifović


Sozialarbeiter, Buchautor, Bundesvorsitzender der Muslimischen Jugend Österreichs, Mitglied der Plattform für Menschenrechte Salzburg


TT: Nach den Attacken auf die Grazer Synagoge und den Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde wird wieder verstärkt von einem „Islamischen Antisemitismus“ gesprochen. Wie kommt das bei dir an?

Adis: Als ich das gelesen habe, war meine erste Reaktion, dass es sich hier wieder um ein Ablenkungsmanöver handelt. Endlich hat man wieder einen bösen Flüchtling, auf den man mit dem Finger zeigen kann, um die rechtsextremen Beschmierungen in Mauthausen und an anderen Orten zu ignorieren.

TT: Gibt es deiner Meinung nach einen „muslimischen“ Antisemitismus?

Adis: Antisemitismus bleibt Antisemitismus, ganz gleich, ob er von einem Neonazi, einen Muslim oder sonst jemand kommt. Ich habe das Gefühl, dass man hier wieder eine Möglichkeit sieht, eine bestimmte Gruppe auszugrenzen und gegen sie zu hetzen. Die österreichische Geschichte ist voll von so vielen Verbrechen, die nie aufgeklärt worden sind. Sobald es um den Antisemitismus in Österreich geht, tut man aber so, als ob er nur eine Randerscheinung oder ein Phänomen der Vergangenheit sei. Der Islam dagegen ist ein gutes Feindbild für die Politik, und der Vorfall in Graz wurde als Gelegenheit wahrgenommen, um mit diesem Thema wieder an die Öffentlichkeit zu gehen. Für mich hat der Begriff „islamischer Antisemitismus“ keine Bedeutung, weil es sich um einen Begriff handelt, mit dem man Politik machen möchte. Das Thema wird immer wieder als Argument gegen Muslim*innen, Einwander*innen und Geflüchtete gebracht.

TT: Wenn ein Muslim Antisemit ist, wie sollte man damit umgehen?

Adis: Die Muslimische Jugend hat das Projekt „Muslime gegen Antisemitismus“ initiiert. Anfangs haben einige mit diesem Entschluss gehadert, weil wir damit zugeben, dass es Muslime gibt, die eine antisemitische Einstellung haben. Ja, wir geben zu, dass es antisemitische Muslime gibt, aber wir geben nicht zu, dass der Islam antisemitisch ist.

Wenn ich einen Menschen mit antisemitischer Einstellung vor mir habe, dann muss ich genauer hinschauen, was der Hintergrund für seinen Antisemitismus ist: Stammt er aus Palästina und hat schlechte Erfahrungen mit Israel gemacht? Ist er Antisemit, weil er Israel kritisiert, aber keinen Unterschied zwischen der israelischen Politik und jüdischen Menschen macht? Viele Menschen aus dem arabischen Raum haben eine anti-israelische Haltung, die sie meist nicht reflektieren.

Wir sind dann mit den Jugendlichen nach Mauthausen gefahren – wir nehmen ja jedes Jahr an der Befreiungsfeier teil. Manche glauben erst, was damals passiert ist, wenn sie es mit eigenen Augen gesehen haben. Ein Jugendlicher hat mir erzählt, dass ihm seine Eltern erzählt haben, dass die Ermordung der Juden im Nationalsozialismus eine Lüge sei. Nachdem er selbst hingefahren ist und gesehen hat, was dort passiert ist, wurde bei ihm ein Umdenkprozess ausgelöst. Auf diesen Ebenen versuchen wir, mit den Leuten zu arbeiten: Bildung, Sensibilisierung und Kennenlernen. Viele Jugendliche haben positive Erfahrungen machen dürfen, weil sie Juden und Jüdinnen kennengelernt haben. In Salzburg ist das leider schwierig, weil es de facto niemanden gibt. In Wien ist es einfacher, da arbeiten wir mit der Jüdischen Hochschülerschaft zusammen. Das war eine tolle Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Wir konnten über alles diskutieren, auch über Kritik an Israel, weil das ja für sie auch ein Thema ist. Man muss aber auch akzeptieren, wenn es keine Einigung gibt, und die unterschiedliche Meinung des anderen respektieren.

TT: Sind die von Bundesministerin Edtstadler vorgeschlagenen Maßnahmen geeignet, um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen?

Adis: Ich bin da selbst in einem Dilemma. Einerseits denke ich, dass es eine gute Sache ist, wenn man nach Mauthausen fährt und dort mit eigenen Augen sehen kann, was dort alles passiert ist. Ein Mauthausen-Besuch gehört auch zum Lehrplan in der vierten Klasse der Mittelschule, und das finde ich auch richtig. Gleichzeitig habe ich ein Problem mit dem Zwang. Wenn man sagt, du musst nach Mauthausen fahren, damit du bei uns integriert bist, während es gleichzeitig viele Österreicher und Österreicherinnen gibt, die nie dort waren, bedient das eine rechte Politik, die ich nicht unterstützen möchte. Warum sollte so ein Programm speziell für Flüchtlinge gemacht werden, und nicht auch beispielsweise für straffällige Rechtsextreme? Die könnte man auch zur Arbeit in einer KZ-Gedenkstätte verpflichten.

Es handelt sich, meiner Meinung nach, um eine Show. Man kann dann gute Zahlen in der Öffentlichkeit präsentieren: „Wir haben 5000 Flüchtlinge nach Mauthausen geschickt.“ Was davon hängenbleibt, ist eine andere Frage. Es wäre viel interessanter zu schauen, warum es Antisemitismus in bestimmten muslimischen oder migrantischen Communities gibt. Man könnte mit einem sozialarbeiterischen Zugang an die Sache herangehen und fragen: „Was hast du erlebt? Was hat dich so gekränkt und belastet, dass du jetzt anderen schaden möchtest?“ Ich möchte das Problem nicht verharmlosen, aber man darf nicht vergessen, dass vor allem viele Geflüchtete Traumata erlebt haben.

TT: Es wird so getan, als seien Antisemitismus, Rassismus und Sexismus von Einwander*innen importierte Probleme. Was sagst du dazu?

Adis: Wie jeder weiß, gibt es diese Probleme auch in der österreichischen Gesellschaft, nur werden sie unterschiedlich wahrgenommen. Wenn ein österreichischer Familienvater seine Frau und seine Kinder umbringt, nennt man es Familiendrama, wenn ein türkischer Mann das tut, redet man von Ehrenmord. Wenn ein Muslim mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge fährt, ist es ein Terrorakt, wenn der Täter kein Muslim ist, spricht man von einem psychisch kranken Amokläufer.

TT: Macht es nicht einen Unterschied, wenn jemand eine Bluttat begeht und dabei „Allahu Akbar“ ruft?

Adis: Man muss schauen, welche Motive dahinterstecken, die menschliche Psyche ist ja sehr kompliziert. Es hat zum Beispiel einen Fall in den USA gegeben, wo ein Muslim „Allahu Akbar“ schreiend in eine Gay Bar lief und die Leute dort niedergestreckt hat. Später hat man herausgefunden, dass der Täter selbst homosexuell war und diese Bar gerne besucht hatte. Er hatte jedoch einen Gewissenskonflikt, weil die Ausrichtung des Islam, die er verfolgt hat, ihm das verboten hat. Das zeigt, wie komplex die Ursachen sein können. Man tut niemandem einen Gefallen, wenn man so eine Tat als islamischen Terrorakt abtut. Wir brauchen Präventivprogramme genau für solche jungen Menschen, die sich in einem Konflikt zwischen Religion und ihren Gefühlen befinden und Hilfe brauchen.

TT: Ein weiteres Thema, dass nicht gern angesprochen wird, ist Rassismus in muslimischen Gesellschaften. Wie geht man damit um?

Adis: Ich bin weder Rassismusexperte noch Islamwissenschaftler. Ich erlebe Rassismus in muslimischen Gemeinschaften aber definitiv, und nicht nur gegen schwarze Menschen. Ich habe leider auch nicht immer gute Erfahrungen gemacht, wenn ich versucht habe, mit den Leuten in der muslimischen Community darüber zu diskutieren. Oft liegen verhärtete Denkmuster vor, und die Leute wollen nur das hören, was ihre Ansichten bestätigt. Ich denke, es könnte helfen, wenn man die Menschen in die Begegnung führt, was aber in Salzburg ziemlich schwierig ist. Die ältere Generation spricht meist wenig Deutsch, deshalb setzte ich meine Hoffnung eher in die junge Generation. Man könnte beim gemeinsamen Religionsunterricht in der Schule ansetzen. Es würde in der Verantwortung der Islamischen Glaubensgemeinschaft liegen, sich zu überlegen, wie Antirassismus in den islamischen Religionsunterricht verpackt werden kann.

In der Muslimischen Jugend sind bundesweit Angehörige von über 44 unterschiedlichen Ethnien aktiv. Da ergeben sich auch Spannungen, aber eben auch Möglichkeiten, über den innermuslimischen Rassismus zu sprechen. Oft merken wir den eigenen Rassismus gar nicht, zeigen aber schnell mit dem Finger auf andere. Ich merke das im Alltag, dass es Musliminnen und Muslime gibt, die auf ihre Grund- und Menschenrechte bestehen, wenn sie selbst diskriminiert werden – was gut ist – aber sobald es eine Gruppierung ist, die nicht in ihr Weltbild passt – wird diese ebenso diskriminiert, ohne dass es als Problem wahrgenommen wird. Das kann von der Diskriminierung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe gehen bis hin zu Homophobie. Grund- und Menschenrechte gehen uns jedoch alle etwas an, nicht nur wenn ich selbst von Diskriminierung betroffen bin. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass wir hin zu einer globalen Identität gehen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass die junge Generation offener ist.

TT: Was könnte man tun, um muslimische Gemeinschaften für die Thematik sensibilisieren?

Adis: Ich bin aber überzeugt davon, dass man mit gutem theologischem Wissen etwas bewirken kann. Gute Erfahrungen machen viele Menschen auch bei einer Pilgerfahrt nach Mekka. Viele haben berichtet, dass sie dort gemeinsam mit Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, die auch noch alle gleich in dem weißen Tuch gekleidet waren, aus einem Teller gegessen haben. Am Anfang hatten sie Hemmungen, aber gleichzeitig war es für sie eine Chance, zu erkennen, dass wir ja alle gleich sind. Die Begegnung und das gemeinsame Erleben zusammen mit theologischen Argumenten sind, meiner Meinung nach, der Schlüssel. Wenn das alles nichts bewirkt, gibt es wenig Hoffnung. Dann muss ich diese Person aber fragen, wie ernst es ihr mit dem „Muslim-Sein“ überhaupt ist. Oft ist es ja so, dass gerade die, die am lautesten Islam schreien, auch diejenigen sind, die am unsichersten sind und die meisten Probleme haben, selbst danach zu leben.

TT: Was sind, deiner Meinung nach, geeignete Mittel, um Probleme wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus oder Homophobie zu bekämpfen?

Adis: Ich habe überhaupt kein Problem damit, diese Themen anzusprechen, weil diese Probleme natürlich auch in der muslimischen Community präsent sind. Es geht aber darum, welche Lösungsvorschläge ich anbiete: Zeige ich mit dem Finger auf Minderheiten und schicke die Leute in „Wertekurse“, oder biete ich Workshops oder Kennenlernrunden an, wo diese Themen zur Sprache gebracht werden. Der sozialarbeiterische Weg ist zwar langwieriger, aber ich denke, dass es ein guter Weg ist, um langfristig etwas zu bewirken. Wenn jedoch ständig mit dem Finger auf eine Minderheit gezeigt wird, habe ich das Gefühl, dass es eine Gesellschaft vergiftet. Ich möchte ungern einen Vergleich zum Nationalsozialismus ziehen, aber es gibt einige Parallelen, und das bereitet mir Sorgen. Damals hat es auch so angefangen, dass man den Juden verboten hat, in der Synagoge hebräisch zu sprechen, und sie gezwungen hat, Deutsch zu sprechen, um sie zu kontrollieren. Es wurden gegenüber jüdischen Menschen auch ähnliche Stereotype bedient wie heute gegenüber Muslimen. Wir haben alle in der Schule über den Nationalsozialismus gelernt. Mich würde es interessieren, wie man dieses Thema im Unterricht behandeln könnte, um zu bewirken, dass die Schüler*innen die Welt mit einer anderen Brille sehen und den Nationalsozialismus nicht nur als geschichtliches Phänomen betrachten.

TT: Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen den verschiedenen Formen von Rassismus?

Adis: Ich denke, es gibt ein bestimmtes Schema dahinter. Auf der politischen Ebene geht es meiner Meinung nach um Machtausübung, man braucht einen Sündenbock, um Wahlen zu gewinnen. Auf psychologischer Ebene geht es darum, dass Menschen unzufrieden mit sich selbst und ihrem Leben sind, dass sie jemand anderen fertig machen wollen, um sich selbst besser zu fühlen. Das ist aber auch ein Phänomen unserer Gesellschaft, es geht immer nur um Leistung, Leistung, aber wo bleibt dabei der Mensch?

veröffentlicht in Talktogether Nr. 74 / 2020