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Gespräch mit Gert Kerschbaumer,

Stolpersteine Salzburg

TT: Worum geht es im Stolperstein-Projekt?

GK: Mein zentrales Anliegen ist es, gute Biographien von NS-Opfern zu recherchieren und diese im Internet zu veröffentlichen, um außerhalb der Grenzen dieses Ortes, das an diesem Projekt wenig interessiert ist, Hinterbliebene und Nachkommen zu erreichen. Das funktioniert nur im digitalen Raum. Die Steine dienen dabei nur als Vehikel. Aber man benötigt sie. Wenn es dieses Projekt nicht gäbe, gäbe es auch die Biographien nicht. Ich muss dazu sagen, dass ich diesem Kunstprojekt mittlerweile viel positiver gegenüberstehe als früher. Mir fällt nichts Besseres ein. Ich kann ja keine Tafeln an Privathäusern anbringen. Ich kann auch keine Denkmäler errichten. Warum nicht? Weil ich nicht politisch und institutionell gesteuert sein möchte. Ein Mahnmal muss die öffentliche Hand bezahlen. Bei diesem Kunstprojekt, dass der Künstler Gunter Demnig nach Salzburg gebracht hat, handelt es sich aber um ein zivilgesellschaftliches Projekt, das nicht politisch und institutionell gesteuert ist. Noch einmal: Mein zentrales Anliegen ist, die Biographien, die natürlich auch ins Englische übersetzt sein müssen, im Internet zu publizieren. Es hat schon etliche Versuche gegeben, uns einzureden, ein Buch zu veröffentlichen. Für wen? Mit einer Auflage von vielleicht 1000 Stück und einem Vorwort des Bürgermeisters, des Landeshauptmannes und all denen, die nichts dafür tun? Da mache ich mich nur lächerlich, ich brauche das nicht.

TT: Wie ist das Projekt aufgebaut? Welche Ziele werden damit verfolgt?

GK: Die Hinterbliebenen sind für mich das Entscheidende. Vor allem Juden recherchieren sehr viel, bei anderen Bevölkerungsgruppen kommt es eher selten vor, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit für sie eine Bedeutung hat. Ich möchte jedoch von den Nazi-Dokumenten und den Mörderakten wegkommen, also von den Fremdzeugnissen, mit denen sich die meisten Historiker beschäftigen. Ich habe Literatur studiert und gelernt, Biographien nach bestimmten Kriterien zu analysieren und zwischen Selbst- und Freundzeugnissen zu unterscheiden. Wenn jemand in der Todeszelle einen Abschiedsbrief geschrieben hat, das ist ein Selbstzeugnis. Viele Historiker begreifen das nicht. Ich versuche immer, Briefe aufzutreiben, leider gelingt mir das nur selten. Wenn es aber keinen Brief, keine persönlichen Dokumente gibt, wie kann ich eine Biographie schreiben, die die Individualität eines Menschen zum Ausdruck bringt?

Ich schreibe aber nicht über Kollektive, wie über "die Juden", "Roma und Sinti" oder "kommunistische Widerstandskämpfer". Damit kann ich nichts anfangen. Wenn ich mir die Verbrechen anschaue, die von den Nazis aber auch von Kommunisten begangen wurden, kann ich doch nur zum Schluss kommen, dass das Schützenswerte am Menschen seine Individualität ist. Diese wollte man vernichten. Auch ein Nazi ist ein Mensch und tut sich schwer, wenn er einen Menschen ermorden muss. Deshalb hat man den Namen und die Individualität des Opfers ausgelöscht und ihn zu einer Nummer gemacht.

Ohne Briefe und persönliche Dokumente ist es aber schwer, die Individualität eines Menschen herauszuarbeiten. Ich versuche dann, herauszufinden, wer die Eltern dieser Person waren und ob sie Geschwister gehabt hat - etwas Familiäres, soweit es möglich ist. Ich muss natürlich dazuschreiben, ob die ermordete Person Jude, Roma oder Sinti war, ob sie aus rassistischen Gründen verfolgt wurde oder ob es sich um einen Krankenmord handelt. Wir haben jetzt 470 Steine mit mehr oder weniger guten Biographien, es könnten aber über 800 sein.

TT: Wann hat ihr Engagement für die Opfer des Nationalsozialismus begonnen?

GK: Vor 40 Jahren waren wir alle ganz links eingestellt. Wir haben uns jedoch auf die Täter konzentriert, und es gibt Leute, die das immer noch tun. Aber ist das nicht dieselbe Verachtung, die Nazis den Opfern entgegengebracht haben? Auch wenn man über sechs Millionen ermordete Juden redet, sind das nur Zahlen. Das berührt niemanden. Damals kam jedoch ein amerikanischer Film ins Kino, er hieß Holocaust, in dem ging es um das Schicksal einer Familie. Auch wenn der Film etwas kitschig war, ist er unter die Haut gegangen. Plötzlich hat man nicht sechs Millionen Juden gesehen, sondern eine Familie, ganz konkrete Menschen. Das war mir eine Lehre. Dabei bin ich geblieben.

Einmal habe ich einen Journalisten gebeten, etwas über ein Sinti-Mädchen zu veröffentlichen, das zurückgelassen wurde, als die Eltern nach Auschwitz deportiert wurden. Im Bärengäßchen war damals ein Kinderheim, wo man das Kind hingegeben hat. Dort wusste keiner etwas über das Kind, aber weil es einen etwas dunkleren Teint gehabt hat, hat man über seine Herkunft gerätselt. Als man darauf gekommen ist, dass es sich um ein "Zigeunerkind" handelt, wurde das Kind im Jahr 1944 zusammen mit einer Pflegerin nach Auschwitz geliefert. Was für ein Aufwand mitten im Krieg! Doch der Journalist meinte nur: Unsere Leser interessiert das nicht. Er wollte lieber etwas über einen Salzburger Nazi wissen. Aber das interessiert mich nicht. Er wollte auch für Unterlagen über Eichmann, der einmal in Salzburg war, die habe ich ihm aber nicht gegeben. Ein Name wie Eichmann erregt mehr öffentliche Aufmerksamkeit als das Schicksal eines kleinen Mädchens. Widerlich.

TT: Wie sind sie zum Stolperstein-Projekt gekommen?

GK: Am Anfang wollten alle möglichen Leute mitmachen. Doch dann hat sich herausgestellt, dass man für diese Arbeit kein Honorar bekommt. Wer arbeitet schon ohne Honorar? Vielleicht macht man einmal oder zweimal was. So ist die Arbeit immer mehr an mir hängengeblieben. Aber ich weiß, wie man recherchiert. Heute sind viele Quellen im Internet verfügbar. Jede KZ-Gedenkstätte verfügt über Datenbanken.

Als wir den Stolperstein für den Spanienkämpfer Hermann Moltinger verlegt hatten, wusste ich nicht, ob er im KZ umgekommen war oder nicht. Ich habe in Frankreich und überall nachgefragt, aber nichts erfahren. Seit zwei Jahren sind jedoch auch die Archive des Sonderstandesamtes Bad Arolsen online, und so konnte ich herausfinden, dass er von Frankreich ausgeliefert wurde, in ein SS-Konzentrationslager kam, von der Deutschen Wehrmacht zwangsrekrutiert und an die "Ostfront" geschickt wurde, wo er zu Tode kam. Also habe ich die neuen Informationen zu seiner Biographie hinzugefügt. Für jüdische Opfer waren schon viel früher Informationen verfügbar, vor allem durch das Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Bis heute ist es allerdings schwierig, Informationen über Euthanasie-Opfer zu bekommen, weil diese unter Datenschutz stehen. Ich habe aber trotzdem Daten herausgefunden und im Opferverzeichnis des Bundeslandes Salzburg angeführt. Die Amerikaner haben nämlich bereits nach 1945 die Verbrechen der Nazis aufgearbeitet und Listen erstellt. Diese befinden sich im National Archive in Washington, dort bekommt man alle Informationen, wenn man dafür bezahlt. Es ist unglaublich, wie viele Informationsquellen es heute gibt, für die man nicht einmal außer Haus gehen muss.

TT: Warum werden die Steine auf der Straße angebracht, wo man mit den Füßen draufsteigt?

GK: In München hat sich die Präsidentin der Jüdischen Kultusgemeinde dagegen ausgesprochen, Stolpersteine zu verlegen, weil sie es als Erniedrigung empfindet, wenn die Leute darüber trampeln. Ich kann das aber nicht nachempfinden. Mir wäre auch etwas anderes lieber, aber welche Alternative bietet sich? Keine. Und dann hätten wir gar nichts. Dann gäbe es konsequenter Weise auch die Biographien im Internet nicht, und wir würden die Menschen nicht erreichen.

TT: Gibt es Unterschiede zwischen den Stadtteilen in Bezug auf die verschiedenen Opfergruppen?

GK: Ja, natürlich. Im Andräviertel lebten damals die meisten jüdischen Familien. Hier befanden sich teure Mietwohnungen. Hier wohnte der Mittelstand, außerdem befindet sich die Synagoge in der Nähe. Die Arbeiter dagegen lebten an der Peripherie, in Itzling, Maxglan oder Gnigl.

TT: Wie sind die Reaktionen der Menschen?

GK: Der Anrainer? Wenn wir einen Stolperstein verlegen geht immer Andrea Strixner mit, um kalmierend einzugreifen, falls es zum Streit kommt. Es passiert schon manchmal, dass jemand grimmig schaut, aber in den meisten Fällen sind die Leute interessiert. Als wir den Stein für Hermann Moltinger verlegt haben, haben ein paar Leute gefragt: "Was ist hier los?" Es hat sich aber herausgestellt, dass sie nur Informationen wollten. Aber manchmal gibt es auch Streit. Wir haben in der Werkstättenstraße in Itzling einen Stein für ein Euthanasieopfer, ein Kleinkind, verlegt. Bei so einer Verlegung gibt es eine große Staubwolke, es ist nicht sehr angenehm für die Anrainer. Dort befindet sich ein kleines Wirtshaus. Es war vier Uhr nachmittags. Plötzlich kamen ein Mann und eine Frau aus dem Lokal, die offensichtlich angetrunken waren. Es gab ein Geschrei. Ich erklärte ihnen, dass es sich um einen Stein für ein Kind handelt. Daraufhin sagte die Frau: "Und wer kümmert sich um uns?" Das sind keine Nazis. Es gibt Nazis und Antisemiten, das haben wir auch erlebt. Aber viele Menschen fühlen sich einfach benachteiligt, weil jeder Mensch das innerste Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Zuneigung und Liebe hat. Da verlegt man einen Stein für ein totes Kind, hat diese Frau gefragt, aber wer kümmert sich um uns?

Am nächsten Tag bin ich noch einmal hingegangen, um nachzuschauen, ob der Stein noch dort liegt. Er war noch da. Ich habe gesehen, dass die beiden wieder im Wirtshaus waren. Da bin ich reingegangen und habe angefangen zu stänkern: "Da liegt jetzt auch schon ein Stolperstein da draußen! Lasst ihr euch das gefallen?" Da ist die Frau böse geworden und hat gesagt: "Der ist für ein Kleinkind! Es trifft immer uns Schwache!" Sie hat begriffen, dass da ein Kind ermordet worden ist. Sie hat erkannt, das war einer von uns, und sich damit identifiziert. Sie hat den Stein angenommen und ihn verteidigt. Die Rose, die wir auf den Stein gelegt hatten, stand auf der Theke in einem Wasserglas. Ist das nicht eine schöne Geschichte?

TT: Was sagen Sie über den "importierten" Antisemitismus?

GK: Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen: Am 27. Jänner 2020, am Holocaust-Tag, haben wir an der Salzach unweit des Christian-Dopper-Gymnasiums einen Stein für einen Rabbiner verlegt. Der Elternverein des Gymnasiums hat dafür die Patenschaft übernommen. Zur Verlegung ist eine Klasse mit einem Lehrer gekommen. Ich habe den Lehrer gefragt, was er unterrichte. Er antwortete, er sei Religionslehrer. Da mir aufgefallen ist, dass die Klasse sehr gemischt aussah, fragte ich: "Welche Religion unterrichten Sie?" Er antwortete: "Islam." So war bei der Verlegung des Steins für einen jüdischen Geistlichen eine muslimische Schulklasse dabei. Dieser Religionslehrer ist dann während des Lockdowns durch die ganze Stadt gegangen und hat alle Steine angeschaut.

TT: Können Sie uns etwas über Begegnung mit Angehörigen der Opfer erzählen?

GK: Wir haben 2011 Stolpersteine für zwei Jüdinnen, Berta und Paula Eisenberg - Mutter und Tochter - verlegt. Wenige Monate danach bekam ich eine ziemlich erboste E-Mail aus Israel. Nach meiner Rückfrage wurde mir erklärt, dass wir einen Stein zu wenig verlegt hatten: Es waren drei Generationen, auch das zweijährige Enkelkind Leah war ermordet worden. Ich habe gleich einen Stein bestellt, und ein halbes Jahr später wurde er verlegt. Das erste Mal ist jemand von dieser Familie nach Salzburg gekommen und hat angemerkt: "Das können ja nicht alle Nazis sein." Heuer habe ich die Familie in Israel besucht. Es war rührend. Die Leute sind so dankbar, dass man hier ihrer Familienmitglieder gedenkt, dass es mir fast peinlich war. Hätten wir die Steine nicht verlegt, gäbe es die Erinnerung nicht mehr. Einmal habe ich einen Anruf aus Kolumbien bekommen. Der Mann hat mir erzählt, dass er erst aus den Unterlagen seines verstorbenen Vaters herausgefunden hat, dass seine Großmutter ein Holocaust-Opfer war. Vielfach ist das - selbst unter Juden - den nächsten Generationen verschwiegen worden.


erschienen in Talktogether Nr. 74 / 2020